Heute in den Feuilletons

Das Land, in dem der Korkenzieher eine Waffe war

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2012. Im Tagesspiegel findet Günter Wallraff den Ausweg aus dem Kampf der Kulturen: Überschwemmt die Zeitungen mit Karikaturen. Die FAZ feiert einen ZDF-Film über die Entführung Jakob von Metzlers. In der Welt hält Ian Wardropper von der Frick Collection die Stadt Berlin für fähig, die Gemäldegalerie zu verlegen. Neil McGregor vom British Museum glaubt das in der FAZ auch. taz und FR staunen über den chinesischen Begriff der Menschenrechte. Bei den angeblich spontanen Protesten gegen ein dummes Video geht es nur um eins, meint Salman Rushdie im CNN-Interview: Macht.

Aus den Blogs, 24.09.2012

(via 3 quarks daily) Ein Dubstep zum Lockerwerden am Montag morgen:


Stichwörter: Dubstep

Weitere Medien, 24.09.2012

Im Schloss Neuhardenberg fand, mitorganisiert vom Goethe-Institut, eine europäisch-chinesische Tagung statt, von der selbst der an sich doch recht regimefreundliche Tilman Spengler wegen allzu kritischer Position ausgeschlossen worden war. Arno Widmann berichtet in der FR: "Als Zhao Tingyang, geboren 1961, Mitarbeiter des Instituts der Philosophie der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften und der chinesische Kurator der Veranstaltung, ausführte, in China könne niemand verstehen, dass Menschenrechte von Kriminellen in Anspruch genommen werden könnten - 'Wo bleiben da die Opfer' -, da intervenierte der Komponist Helmut Lachenmann: 'Das sind gespenstische Ausführungen.'"

Salman Rushdie im Gespräch mit Fareed Zakaria auf CNN: "'And I think certainly, if we look at what's happening now, this is very much a product of the outrage machine,' Rushdie said. 'Yes, there's this stupid film... and the correct response to a stupid film on YouTube is to say it's a stupid film on YouTube, and you get on with the rest of your life. So to take that and to deliberately use it to inflame your troops, you know, is a political act,' Rushdie added. 'That's not about religion, that's about power.'"

Tagesspiegel, 24.09.2012

Günter Wallraff hat im Gespräch mit Caroline Fetscher eine Idee, wie man dem Kampf der Kulturen Einhalt gebieten könnte: "Man müsste im Grunde die Zeitungen, Illustrierten, Magazine jetzt überschwemmen mit Karikaturen - und zwar zu allen Religionen. Das wäre eine deutliche Botschaft. Das würde denen, die es noch nicht begriffen haben, direkt vor Augen führen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen. Die Gegner ermüden dann nämlich, denn so viel können sie gar nicht demonstrieren. Sie können nicht täglich gegen alles Aufstände anzetteln, was gedruckt und gesagt wird."
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Stichwörter: Günter Wallraff

TAZ, 24.09.2012

Nach der deutsch-chinesischen Diskussion in Neuhardenberg über Menschenrechte und Marktwirtschaft verbeugt sich Tim Caspar Boehme artig vor der chinesischen Philosophie: "Vielleicht, so konnte man nach Zhao Tingyangs Beitrag vermuten, werden die Menschenrechte in China tatsächlich anders verstanden als in Europa."

Außerdem meldet Reinhard Wolff, dass das Svenska Dagbladet auf Drängen seiner Aktionäre sein tägliches Feuilleton und die Sportredaktion abschafft. Laura Wösch stellt das Frauen-Blog "Featurette" vor. Friedrich Küppersbusch kommentiert die Woche.

Besprochen werden Sebastian Hartmanns Bühnenfassung von "Krieg und Frieden" im Centraltheater Leipzig, die Wladimir-Tatlin-Ausstellung "Neue Kunst für eine neue Welt" im Baseler Tinguely-Museum und Amanda Palmers neues Album "Theatre is evil".

Und Tom.
Stichwörter: China, Leipzig, Menschenrechte

Welt, 24.09.2012

Ian Wardropper, Leiter der New Yorker Frick Collection, verspricht sich von der in deutschen Feuilletons heftig bekämpften Zusammenführung der Gemäldegalerie mit der Skulpturensammlung im Bodemuseum, "eine der bedeutendsten Revitalisierungen der Künste in jüngster Zeit": "Entscheidend für Berlin sind Qualität und Umfang der Sammlungen. Die Gemäldegalerie zurück auf die Museumsinsel zu bringen bietet nicht nur die Chance, Malerei und Skulptur erneut zueinander in Beziehung zu setzen, sondern zugleich die Gelegenheit, die westliche Kunst der postklassischen Periode in den Kontext der in Berlin beheimateten antiken und nicht westlichen Kunstbestände zu stellen, die zu den größten der Welt zählen."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Chad Harbach spricht im Interview über seinen Baseballroman "Die Kunst des Feldspiels", der in Amerika ein Bestseller war. Johannes Wetzel berichtet von der Einweihung einer Gedenk- und Dokumentationsstätte im Lager Drancy nördlich von Paris und dem "Mémorial du camp des Milles" bei Aix-en-Provence, die sich mit dem französischen Anteil an der Judenvernichtung auseinandersetzen.

Besprochen werden ein "Richard III." in Bochum und Barus Comic "Die Sputnik-Jahre".

Im Forum beobachtet Henryk M. Broder skeptisch die neue Interessengemeinschaft aus Christen, Moslems und Juden, die sich derzeit in Dortmund und Berlin manifestiert.

Perlentaucher, 24.09.2012

Der kroatische Dichter Marko Poga?ar resümiert seine wichtigsten Integrationserfahrungen: hinter den verschlossenen Türen der Polizeistation in der Zagreber Petrinska-Straße, auf der Titelseite der größten türkischen Tageszeitung, in einer Massenschlägerei beim Lyrikfestival im polnischen Bydgoszcz und auf dem Flughafen in Kopenhagen, wo ihm endlich ein Licht aufgeht: "Das ist Schicksal! Ich wollte alt werden und sterben in dem Land, in dem ein Korkenzieher eine Waffe war, dafür war ich bereit zu kämpfen."

Anatolij Grinvald, in Kasachstan geboren, lebt in Leipzig und macht sich wenig Illusionen über ein europäisches Haus: "Die Geschichte kennt da einige Präzedenzfälle. Der älteste ist wohl der Turmbau zu Babel. Was Gott damals tat, das wissen wir alle. Nun, solange Europa keine einheitliche Staatssprache hat, wird daraus nichts werden. Dasselbe betrifft die Identität. Solange in deinem Ausweis steht, du bist ein Deutscher, ein Franzose, ein Türke oder ein Russe, wirst du kein Europäer sein. Ja, im Pass sollte 'Europäer' stehen."
Stichwörter: Europa, Kopenhagen, Leipzig, Licht

Aus den Blogs, 24.09.2012

(Via Matthias Rascher) Zum Glück gab's einen Shitstorm auf Facebook. Sonst würde eine österreichische Supermarktkette (die Rewe gehört) immer noch geschälte Bananen in Plastikverpackung verkaufen, berichtet die Austrian Times.

(via Open Culture) Um sich bekannter zu machen, empfiehlt das Literaturmagazin Electric Literature jede Woche eine Short Story. Ein Animationskünstler entwickelt dazu mit dem Autor und einem Musiker ein Video, dass mit einem Satz aus der empfohlenen Geschichte spielt. Alle Videos hier. Und hier ein Beispiel von Ben Marcus:


Stichwörter: Glück, Shitstorms

NZZ, 24.09.2012

Peter Egloff beschreibt, wie fremd den Schweizern bis heute die Idee des Nationalparks geblieben ist, vor allem der Bergbevölkerung. Besprochen werden die große Retrospektive zum Werk des spanischen Expressionisten Antonio Saura im Kunstmuseum Bern sowie der Saisonauftakt des Schauspiels Basel mit Strindbergs "Traumspiel" und Schillers "Don Karlos".
Stichwörter: Basel, Kunstmuseum Bern

SZ, 24.09.2012

Andreas Zielcke befragt deutsche Richter, Anwälte und Rechtsgelehrte zur Patentkriegsituation in der Mobilfunkindustrie, der jüngst deutlich eskalierte: Die "Großen der Branche schlagen mit ihren Klagen um Patente und andere Schutzrechte aufeinander ein, als könnten sie sich nur noch durch einen wilden rechtlichen Stellungskrieg ihre Konkurrenten vom Leib halten."

Weitere Artikel: "Wir werden high vom sozialen Netz", weiß Michael Moorstedt nach der Lektüre einer (bereits vor über einem halben Jahr veröffentlichten) Harvard-Studie (pdf), derzufolge bei Social-Media-Aktivitäten Dopamin ausgeschüttet wird. Volker Breidecker gratuliert Rolf Tiedemann zum 80. Geburtstag.

Auf der Medienseite berichtet Charlotte Frank von einer Hamburger Tagung zum Jahrestag der Spiegel-Affäre.

Besprochen werden eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau mit Fotografien von Dennis Hopper, eine Ausstellung mit Arbeiten von Wael Shawky in den Kunstwerken Berlin, Robert Lepages bei der Ruhrtriennale aufgeführtes Stück "Playing Cards", die von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel inszenierte "Schlager-Politrevue" "Demokratie" am Deutschen Theater in Berlin und Bücher, darunter Antonio Ungars Roman "Drei weiße Särge" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 24.09.2012

Neil McGregor vom British Museum verteidigt in einem kurzen Statement den Plan der Berliner Museumshierarchen, die Gemäldegalerie mit unklarer Perspektive zur Skulpturensammlung im Bode-Museum zu verlegen. Damit werde an eine große Tradition angeknüpft: "Vor mehr als hundert Jahren wurde auf der Museumsinsel die Geschichte der Bildenden Kunst erstmals in Europa als Kombination aus Malerei, Bildhauerei und Kunsthandwerk in ihrer Gesamtheit erzählt. Deutsche Forschung und Bodes Geist transformierten das Verständnis von Kunstgeschichte."

Die ganze Seite 1 widmet das Feuilleton einem ZDF-Fernsehfilm über den Mord an Jakob von Metzler und das moralische Dilemma der beiden Polizisten Wolfgang Daschner und Ortwin Ennigkeit, die, ohne zu wissen, dass der entführte Junge schon ermordet war, dem Täter mit Folter drohten. Medienredakteur Michael Hanfeld ist beeindruckt von der filmischen Darstellung dieses Dilemmas: "Auf dem Papier lässt sich dazu leicht eine Position formulieren. In der Realität, in die Wolfgang Daschner und Ortwin Ennigkeit geworfen waren, nicht." Sandra Kegel hat Beteiligte am Geschehen getroffen, die sich mit dem Filmprojekt identifizierten.

Weitere Artikel: Leider nur in einer Kolumne rammt Gerhard Stadelmaier eine Inszenierung von Michael Frayns Stück "Demokratie" am Deutschen Theater in den Boden, die das Geschehen um Willy Brandt und Günter Guillaume als DDR-nostalgische Nummernrevue präsentiert. Oliver Jungen verfolgte die Schwalenberger Autorentage, die Martin Mosebach feierten. Marco Schmidt berichtet vom Filmfestival in Deauville. Irene Bazinger besuchte eine Feier zum fünfzigjährigen Jubiläum der einst so berühmten Berliner Schaubühne.

Besprochen werden eine Inszenierung des Stücks "Salmans Kopf" der Brüder Presnjakow, für die Salman Rushdie laut Martin Halter nur ein gesltungssüchtiger Starschrftsteller war, der es nicht besser verdiente und Bücher, darunter 33 Variationen über das "Haben" in der Literatur des Romanisten Harald Weinrich (mehr in usnerer Bücherschau ab 14 Uhr).