Heute in den Feuilletons

Aber dafür lecker Catering

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.08.2012. Die NZZ macht sich Sorgen um das Kulturerbe in Aleppo. Das Rechercheblog der WAZ hätte vom Bundesinnenminister gern erfahren, welche Medaillenbilanz er in London erwartet hat. Aber der Minister will's auf Teufel komm raus nicht sagen. In der Welt erklärt Katharina Wagner, mit welchen Symbolen Jonathan Meese in Bayreuth wird spielen dürfen und warum. In der FAZ ist Otfried Höffe sauer auf die sanfte deutsche Diplomatie in der Eurokrise. Die SZ meint: Teuer wird es so oder so.

NZZ, 10.08.2012

Aleppo ist eine der ältesten Städte der Welt, sie beherbergt das größte traditionelle Wohnviertel und den größten Suk in der arabischen Welt, referiert Claudia Mende. Die Bewohner haben gerade erst begonnen, sich für ihre historischen Bauwerke zu interessieren und den Verfall der Altstadt aufzuhalten. Jetzt steht die Stadt im Zentrum des syrischen Aufstands und unter täglichem Beschuss: "Die Unesco befürchtet irreversible Schäden am Weltkulturerbe dieser Stadt, die in besonderer Weise die religiöse und ethnische Vielfalt Syriens verkörpert. Welche Schäden bis jetzt zu verzeichnen sind, kann die Organisation nicht beurteilen, da keine zuverlässigen Informationen aus Syrien vorliegen."

Weiteres: Peter Hagmann berichtet begeistert vom Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals mit dem Festivalorchester, Claudio Abbado, Bruno Ganz und Hans Küng. Bjørn Schaeffner beklagt die Disneyfizierung der ehrwürdigen House- und Techno-Tradition durch David Guetta. Thomas Sträter erinnert an den brasilianischen Schriftsteller Jorge Amado, der heute vor 100 Jahren geborenen wurde. Markus Bauer fasst den Plagiatsskandal um die juristische Doktorarbeit des rumänischen Regierungschefs Victor Pontas zusammen.

TAZ, 10.08.2012

Barbara Opitz wundert sich über die Empörung (sie nennt es "Hype") in der Sache Pussy Riot, für die die kanadische Elektroclash-Sängerin Peaches jetzt in Berlin ein Unterstützervideo drehte. Von Kulturwissenschaftler und Protestforscher Klaus Schönberger erfährt sie dabei, dass die neuen Medien eine der Ursachen dafür seien: "Protest sei Mainstream geworden. 'Es bedarf nicht mehr einer besonderen Lebensform, um zu protestieren.' Ein 'Gefällt mir' reiche aus. 'Sich mit Plakaten hinstellen, auf Gleise setzen, die Zeiten seien vorbei. Der Protest läuft heute nebenbei, bleibt unverbindlich.'" (Hä? Und wir dachten, die Band wird mit Gefängnis bedroht!)

Detlef Diederichsen porträtiert die irisch-britischen Rockband My Bloody Valentine, die zwar seit 1991 nichts Neues mehr vorgelegt, dafür aber drei ihrer alten Alben persönlich remastert hat und "zu einem jener Popmythen geworden ist, die ihren Reiz nicht zuletzt aus schönem Scheitern zieht".

Besprochen werden die Ausstellung "Kunststoff Syrien" in der Berliner Forum Factory, für die viele Arbeiten erst in den letzten Wochen und Tagen aus Syrien herausgeschmuggelt wurden, und die Compilation "TV Sound and Image", die zahlreiche TV-Titelthema-Komponisten würdigt.

Und Tom.

Aus den Blogs, 10.08.2012

(Via turi2) Ziemlich lustig, was das WAZ-Rechercheblog berichtet: Es gab Vorgaben des Bundeinnenministeriums für die Zahl der Olympiamedaillen, die gewissermaßen als Gegenleistung der großzügigen Sportförderung erwartet wurden. Diese Vorgaben scheinen verfehlt worden zu sein. Das Ministerium scheint gewillt, bis in die allerhöchsten Instanzen zu gehen, um diese peinlichen Dokumente nicht zu veröffentlichen: "Innenminister Friedrich verhindert so aller Voraussicht nach eine Veröffentlichung während der Olympischen Spiele", schreiben Niklas Schenck und Daniel Drepper. "Und das, obwohl er und seine neuen Anwälte keine wirklich neuen Argumente vorbringen."
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Stichwörter: Olympische Spiele

Perlentaucher, 10.08.2012

Es ist sehr wohl legitim, über Beschneidung zu diskutieren, findet Thierry Chervel im Perlentaucher und hält ein Plädoyer für den Säkularismus und gegen die Feuilletonfrömmler: Sie untergraben "den Säkularismus, der die Voraussetzung ihrer eigenen Meinungs- und Religionsfreiheit ist. Robert Spaemann setzt ihn in der Zeit mit atheistischen Lehren gleich und sieht ihn nur als weitere Doktrin im Supermarkt der Religionen. Aber das ist er nicht, sondern der einzige Rahmen, der eine Koexistenz verschiedener Doktrinen gestattet. Er spricht - so viel an die Adresse der Relativierer im Namen des Absoluten - selbst gar keine absoluten Wahrheiten aus, er ist selbst schon eine Relativität. Man kann ihn auch als Bedingung wahrer Frömmigkeit sehen, da er den Zwang aus Religion vertreibt."

Welt, 10.08.2012

Katharina Wagner erklärt im Interview mit Manuel Brug, warum ein Sänger mit längst radiertem Hakenkreuztattoo in Bayreuth rausgeschmissen wird, während ein Künstler wie Jonathan Meese, der den "Parsifal 2016" inszenieren soll, ungestraft mit solchen Symbole spielen darf: "Meese hat in seinen Werken immer wieder gezeigt, dass Symbole für ihn eine zentrale Bedeutung haben. Er arbeitet damit, verändert sie. Und darum geht es doch in 'Parsifal'. Der Gral, der Speer, die Wunde, das sind ganz starke Symbole, für die man heute ein eine Deutung finden muss. Das erwarten meine Schwester Eva und ich uns von Meese."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings ist stolz auf die deutschen Sportler in London, die in der Disziplin Verlierer von keiner anderen Nation zu schlagen sind. Hannes Stein erklärt, warum sich Muslime in Amerika so wohl fühlen. Lena Kappei unterhält sich mit der iranischen Band Langtunes, die erstmals in Deutschland auftritt, über Rockmusik unter dem strengen Auge der Ayatollahs. Und Marc Reichwein findet, dass Georg Seeßlen in seinem Anti-Feuilleton-Artikel von Mittwoch nur kalten Kaffee aufwämt.

Besprochen wird die Ausstellung "Malerei der ungewissen Gegenden" im Frankfurter Kunstverein.

Von der gestrigen Vermischten Seite reichen wir Martin Klemraths Artikel über die beklagenswerte Lage der Schauspieler in Deutschland nach: "'Richtigen' Schauspielern wird ... immer öfter nur ein sogenannter Rückstellungsvertrag gewährt, der Geld für den Fall verspricht, dass die Produktion am Ende Gewinn macht. Sollte dies nicht passieren, gehen die Akteure schlicht leer aus. Bei Jobanzeigen zu Kurzfilmen und Independent-Produktionen steht meistens 'Leider kein Geld, aber dafür lecker Catering' in den Rollenangeboten - mittlerweile ein geflügeltes Wort unter Betroffenen."

FAZ, 10.08.2012

Ziemlich sauer ist der Philosoph Otfried Höffe über den Gang der Dinge in der Eurokrise. Allzu zahm findet er die Diplomatie Angela Merkels, von der zahnlosen Opposition ganz zu schweigen: "Die Griechen beschimpften Deutschland. Angela Merkel aber warnte vor den katastrophalen Folgen einer griechischen Insolvenz. Wer beide Meldungen am selben Tag in der Zeitung las, musste sich fragen: Warum fehlt in der Eurodebatte nach den finanztechnischen und politischen Kontroversen die dritte Dimension, die Selbstachtung?"

Weitere Artikel: Die Luzerner Festwochen beginnen mit von Claudio Abbado dirigierten Mozart- und Beethovenkonzerten "fulminant", berichtet Eleonore Brüning. Kai Spanke langweilt sich beim Auftakt von Gabriele Seynsches auf Frankfurt beschränkte Lesetour. Martin Otto kennt sich bestens mit Nilpferd-Inzucht im Berliner Zoo aus. Die olympischen Erfolge machen die Briten ganz selbstbesoffen, beobachtet Gina Thomas.

Auf der Medienseite informiert Joana Keil über datenschutzrechtlich bedenkliche Manöver von Facebook.

Besprochen werden die Ausstellung "Meister der Moderne" aus der Sammlung Haubrich im Museum Ludwig in Köln, eine Mike Kelley gewidmete Werkschau im Watermill Center auf Long Island und Bücher, darunter ein neuer Gedichtband von Judith Zander (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 10.08.2012

Die Deutschen tun viel zu wenig, um die Eurokrise zu überwinden, meint Thomas Kirchner und bezieht sich dabei auf die Ökonomen Adalbert Winkler und Hendrik Enderlein. "Die Kanzlerin, so ihre Verteidiger, sei schließlich den Steuerzahlern verantwortlich, deren Geld sie nicht mit einer Haftungsunion aufs Spiel setzen dürfe. Doch die Suggestion, es gebe einen kostengünstigen Weg aus dem Schlamassel, ist Betrug an den Bürgern, weil sie das Nachdenken über Alternativen blockiert. Teuer wird es so oder so."

Weitere Artikel: Laura Weißmüller stellt die in den USA prosperierende Maker-Bewegung vor, die sich (zum Beispiel hier) mit immer erschwinglicher werdenden 3D-Druckern allerlei Tools und Gadgets zum Selberausdrucken ausdenken. Mit großem Interesse verfolgt Jens-Christian Rabe, dass die erfolgreiche Konferenzreihe von TED zunehmend unter Kritik steht (etwa hier in The New Republic). Fritz Göttler schaut in Locarno unter freiem Himmel Filme von Otto Preminger. Außerdem gibt es eine zweiseitige Beilage zur Ruhrtriennale (Website).

Besprochen werden Franceso Provenzales bei den Innsbrucker Festwochen aufgeführte Oper "Stellidaura" ("toll", schwärmt Egbert Tholl), eine Ausstellung über Benita Koch-Otte im Bauhaus-Archiv in Berlin, eine "Shakespeare-Bühnenschlacht" der Royal Shakespeare Company und der Wooster Group im Swan Theatre in Stratford (Alexander Menden beobachtet zwei einander umkreisende Thesen, "die an einer Synthese kein Interesse haben"), und Bücher, darunter Juan Goytisolos Roman "Reise zum Vogel Simurgh" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).