Heute in den Feuilletons

Die Sonne des 21. Jahrhunderts

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.12.2011. Harald Welzer fasst sich an den Kopf. Wo bleiben die Symposien der Soziologen über den gegenwärtigen Verfall der Politik?, fragt er im Tagesspiegel. Peter Sloterdijk entwirft dagegen im Handelsblatt einen historischen Begriff der Schuld und der Schulden. In der FAZ analysiert Gesine Schwan den auf Misstrauen und Kontrolle setzenden - und darum nicht wirklich demokratischen - Führungsstil Angela Merkels. In der SZ freut sich John Berger über Cezanne. Und wussten Sie, dass es zwei europäische Literaturpreise gibt?

Tagesspiegel, 20.12.2011

Neulich schimpfte Klaus Harpprecht auf die deutschen Intellektuellen, weil sie das europäische Projekt nicht verteidigen. Heute fasst sich Harald Welzer an den Kopf, weil Intellektuelle und Sozialwissenschaftler den Abstieg der Politik in die Hände der "Märkte" nicht thematisieren: "Die ETH Zürich hat unlängst eine Netzwerkanalyse publiziert, die akribisch nachweist, dass die wirtschaftliche Macht auf dem Planeten sich auf gerade mal 147 Unternehmen konzentriert; die 50 stärksten davon kommen mit nur einer einzigen Ausnahme sämtlich aus der Finanz- oder Versicherungswirtschaft. Diese Player sind, die Euro-Krise führt es vor, in der Lage, Regierungen nach Belieben unter Druck zu setzen. Und die reagieren mit ihren atemlosen Gipfeln und Rettungsschirmen als bloße Erfüllungsgehilfen." Der Text dürfte auf ein Podium mit linken Intellektuellen am Sonntag im Haus der Kulturen zurückgehen (das leider nicht per Video dokumentiert wurde).

Weitere Medien, 20.12.2011

Aber die Intellekuellen melden sich doch! Peter Sloterdijk bezieht in einem Handelsblatt-Interview mit Gabor Steingart und Torsten Riecke (das schon am Samstag erschien) einen historisch wesentlich tiefer gestaffelten Standpunkt als Harald Welzer: "So seltsam es klingt: Wir kommen heute... von den modernen Schulden zur klassischen Schuld zurück. Die Frage lautet ja: Wer ist schuld an den Schulden? Das bedeutet, dass es offenbar zwei Arten gibt, wie Menschen an eine belastende Vergangenheit gebunden sein können. Durch Schulden gebunden zu sein ist der moderne Weg. Schulden sind gewissermaßen die Sünden, zu deren Vergebung man durch Tilgung beitragen kann - während moralische Schuld uns durch einen anderen vergeben werden muss."

(via ald) "Wer sich heute gegen die technologiefeindliche Orthodoxie wendet, die große Teile der Bildungsbürger auszeichnet, malt sich selbst einen Streifen auf den Rücken und macht sich zum Stinktier jeder Gartenparty", spottet Daniel Akst in The American. Zum Teil liegt das daran, dass Technik heute so kompliziert ist: "Das führt dazu, dass Technologie und Unwissenheit dort Erfolg haben, wo die Religion versagt hat: die Welt mit einem mystischen Schleier zu überziehen, den wir eher bedrohlich als betörend finden. Mit seinem Hang zur Spezialisierung hat der Kapitalismus die Art häuslicher technischer Fähigkeiten untergraben, die Amerikaner typischerweise noch vor einer Generation besaßen. Kaum jemand von uns repariert zum Beispiel noch selbst sein Auto. Selbst wenn wir wollten, könnten wir es wahrscheinlich nicht mal."

Welt, 20.12.2011

Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecky erklärt die Bedeutung Vaclav Havels für die Slowaken. Unumstritten war er nicht - besonders als Politiker - aber Hovorecky hat einige warme Erinnerungen: "Auch dank Vaclav Havel war ich ein stolzer Tschechoslowake. Ich fühle mich bis heute um meine Heimat betrogen. Ich bin mit der tschechoslowakischen Identität aufgewachsen - die Geschichte, die Literatur, der Freundeskreis oder die gemeinsame Mannschaft im Nationalsport Eishockey - und auf einmal, seit dem 1. Januar 1993, existierte dieses Land nicht mehr. Stattdessen wurde ich in Bratislava zum Einwohner des neuen Staates, der von unglaubwürdigen Exkommunisten - jetzt auf einmal radikalen Nationalisten - regiert wurde." (Auf der Forumsseite ist außerdem ein Text von Vaclav Havel aus dem Jahr 1998 über das Verhältnis von Intellektuellen und Politik abgedruckt.)

Weitere Artikel: Der britische Kunstkritiker Ben Lewis hat sich die Gruppenausstellung "Gesamtkunstwerk" mit Werken deutscher Künstler in der Londoner Saatchi Gallery angesehen und mochte vor allem die Arbeiten von Isa Genzken. Ekkehard Kern winkt schon mal studiVZ zum Abschied.

Besprochen werden Orlando Figes' Geschichte des Krimkriegs, Stephan Kimmigs Inszenierung von Tom Lanoyes "Atropa" in München, Christoph Loys Inszenierung von Puccinis Oper "Fanciulla" in Stockholm mit Nina Stemme in der Titelrolle und der Dokumentarfilm "Der Diplomat" über Stephane Hessel auf DVD.
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NZZ, 20.12.2011

Auf der Medienseite berichtet Andreas Ernst, wie der neue Sender Al Dschasira Balkan die Medienlandschaft im ehemaligen Jugoslawien aufmischt. Er sendet in der Sprache, deren Name nicht genannt werden darf, für die Region, die nicht die "Jugosphäre" genannt werden darf - und zwar mit journalistischem Anspruch: "Sowohl in den öffentlichen als auch in den privaten Sendern richtet sich die Berichterstattung stark auf nationale Institutionen aus. Und dies oft auf eintönige Art, indem etwa eine Pressekonferenz nach der andern abgefilmt wird. AJB hingegen setzt viel stärker auf journalistische Eigenleistung."

In der Kultur: Susanne Landwehr erzählt von der evangelischen Kirche in Istanbul, die seit nunmehr 150 Jahre besteht. Besprochen werden Calixto Bieito "Carmen"-Inszenierung in Basel, eine Giacometti-Retrospektive im Museo Picasso in Malaga, Tomas Espedals Roman "Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen" (Leseprobe aus "Vorgeblättert") und Rene Girards Shakespeare-Studie "Theater des Neids" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 20.12.2011

Wussten Sie, dass es zwei europäische Buchpreise gibt? Den Literaturpreis der Europäischen Union und den Europäischen Buchpreis? Die beiden Preise "are the Liechtenstein of literary awards - well funded, obscure and strangely unsexy, involving lavish banquets with swing quintets", lesen wir in Katy Derbyshires Blog love german books. Der Europäische Buchpreis wurde gerade verliehen und zwar an die polnische Journalistin Anna Bikont (für ihren Essay "Verbrechen und Schweigen" über das Pogrom in Jedwabne 1941) und an den deutschen Journalisten Maxim Leo (für den Roman "Haltet euer Herz bereit").

TAZ, 20.12.2011

Ingo Arend resümiert die Berliner Veranstaltung, auf der sich Intellektuelle wie Roger Willemsen, Joseph Vogl und Harald Welzer gegen die Marktwerdung der Politik auflehnten. Julia Große erzählt in ihrer Londoner Kolumne von einer Frau, deren rassistische Pöbeleien bei Youtube landeten. Außerdem gibt die Redaktion Geschenktipps für Spätentschlossene.

Auf den Tagesthemenseiten berichtet Jutta Lietsch von der Massentrauer in Nordkorea um Kim Jong-il: "Die Sonne des 21. Jahrhunderts ist untergegangen."

Hier noch einmal Kim Jong-il mit "I'm so ronery" aus "Team America":



Und Tom.

FAZ, 20.12.2011

Angela Merkel führt ein Regime des Misstrauens und der Kontrolle, schreibt Gesine Schwan in einer lesenswerten Analyse. Merkel verhindere Debatten in ihrer eigenen Partei und im Bundestag und setze allein auf ihre Führung. Und so verfahre sie auch in der Eurokrise: "Gestützt auf das unerwartet gute Wirtschaftsergebnis in Deutschland, weist die Bundeskanzlerin alle Lösungsvorschläge für die europäische Schuldenkrise apodiktisch ab, die nicht vorab die zentrale, sprich: politisch von Deutschland dominierte Kontrolle über die nationalen Haushalte der anderen Mitgliedstaaten erlauben. Denn sie traut ihren europäischen Kollegen nicht zu, ihre Haushalte verantwortlich zu gestalten. Selbst bei bindenden rechtlichen Regelungen nicht."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg berichtet von einer Renaissance des Kurzfilms in Frankreich, die von einem Manifest prominenter Filmleute unterstützt wird (mehr hier bei Liberation und hier). Paul Ingendaay berichtet, dass die Ausstellung des Nachlasses des spanischen Dichters Miguel Hernandez in der kleinen Stadt Elche an gierigen Erben dauerhaft scheitern könnte. Mark Siemons berichtet über die Proteste in der chinesischen Stadt Wukan, deren Name inzwischen aus dem chinesischen Netz gestrichen ist.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Düsseldorfer Malschule des 19. Jahrhunderts ebendort, Marlowes "Edward II." in der Berliner Schaubühne, Boulez-Konzerte von Pierre-Laurent Aimard in München und Bücher, darunter Richard Weihes Erzählungsband "Der Milchozean" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 20.12.2011

Abgedruckt ist ein Artikel (hier das Original im Guardian) von John Berger, der beim Gang durch die Cezanne-Ausstellung im Pariser Musee du Luxembourg auch nach "lebenslanger Freundschaft" mit diesen Bildern eine "Offenbarung" erlebt hat: "Ich vergaß alles über Impressionismus, Kubismus, die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, die Moderne, Postmoderne, und sah allein die Liebesgeschichte seiner Affäre mit dem Sichtbaren. Und ich sah es vor mir wie ein Schema in der Gebrauchsanweisung für ein neues Werkzeug oder Gerät."

Weitere Artikel: Tina Klopp stellt die Designerin Dominique Esser vor, die mit Kalaschnikow-Spielzeug für dreijährige Mädchen Geschlechterrollen unterlaufen will. Alex Rühl telefoniert mit Kalle Lasn von Adbusters, der den Stein der Occupy-Bewegung ins Rollen gebracht hat und sich diebisch darüber freut, selbst nicht zu wissen, "wo das nächste Schlachtfeld sein wird". Ausgerechnet in Brasilien hat Kia Vohland mit Inhotim das "schönste Freilichtmuseum der Welt" entdeckt. Reinhard Brembeck zählt beim Cage-Konzert 44 vorzeitig, aber "still und leise" die Münchner St. Ursula-Kirche verlassende Zuhörer. Ein "bisschen bedröppelt", aber offenbar immerhin nicht vorzeitig, verließ unterdessen Christine Dössel ihrerseits Andrew Bovells am Cuvilliestheater in München aufgeführtes Stück "Das Ende des Regens". Lothar Müller blickt auf die Ära Sartorius bei den Berliner Festspielen zurück.

Besprochen werden die "an Höhenpunkte reiche" Graphic Novel "Polina" von Bastien Vives und die Neuausgabe von Carson McCullers Romanen in allerdings, wie Burkhard Müller findet, veralteter Übersetzung (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).