Heute in den Feuilletons

Dass wir es in der Hand haben

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.12.2011. Abschied von Bürger Havel. Im Guardian erinnert sich Timothy Garton Ash an seinen ersten Besuch bei Vaclav Havel, Anfang der achtziger Jahre. Wir verlinken auf viele Nachrufe und Erinnerungen in in internationalen Medien. Und auf einen Text von Vaclav Havel über Kim Jong-Il in The Globe and Mail. In der Welt erklärt die russische Autorin Natalja Kljutscharjowa, warum sich die Russen nicht mehr ducken.

Weitere Medien, 19.12.2011

Timothy Garton Ash erinnert sich daran, wie er Vaclav Havel Anfang der achtziger Jahre in seiner Prager Wohnung besuchte: "Although the communist secret police then assessed the active core of the Charter 77 movement - probably realistically - at just a few hundred people he insisted that silent popular support was growing. One day, the flickering candles would burn through the ice. It's important to remember that no one knew when that day would come."

In Salon.eu kann man ein Gespräch zwischen Adam Michnik und Vaclav Havel lesen, in dem die beiden über den Prager Frühling und seine Niederschlagung, die Charta 77 und die folgende düstere Zeit der "Normalisierung"sprechen. Havel: "After Charter 77, Western journalists kept telling us: you are just a small group of intellectuals fighting with one another, the workers are not behind you, you are not supported by millions of people and are just banging your heads against a brick wall. And I used to respond that in a totalitarian system we can never tell what is hidden under the surface because it can't be verified."

Im sehr faktenreichen Nachruf der New York Times auf Havel kann man unter anderem lernen, dass der Essay "Versuch in der Wahrheit zu leben" im Englischen ganz anders betitelt ist: "In his now iconic 1978 essay 'The Power of the Powerless', which circulated in underground editions in Czechoslovakia and was smuggled to other Warsaw Pact countries and to the West, Mr. Havel foresaw that the opposition could eventually prevail against the totalitarian state." (Lieber Rowohlt Verlag, wäre das nicht der Moment für eine blitzschnelle Neuauflage des Essays?)

Im New Yorker erinnert sich David Remnick: "Few voices did more to undermine the foundations of the Berlin Wall and the entire edifice of Soviet-imposed totalitarianism than this shy bourgeois, this sly, reticent, playwright and essayist." Remnick hat 2003 auch ein langes Porträt für den New Yorker geschrieben. Der New Yorker bringt auch eine Reading List zu Havel.

Der kanadische Globe and Mail bringt einen Text Vaclav Havels über Kim Jong-Il aus dem Jahr 2004: "Kim Jong-il wants to be respected and feared abroad, and he wants to be recognized as one of the most powerful leaders in today's world. He is willing to let his own people die of hunger, and uses famine to liquidate any sign of wavering loyalty to his rule. Through blackmail, Kim Jong-il receives food and oil, which he distributes among those loyal to him (first in line being the army), while the international community has no way to ascertain who is receiving aid inside North Korea."

In der NYRB kann man den Briefwechsel zwischen Joseph Brodsky und Vaclav Havel über Havels Essay "The Post-Communist Nightmare" lesen.

Und ein Tweet von James Crabtree: "A friend writes: 'So Kim Jong Il, Havel & Hitchens are waiting outside Heaven's door....' Sounds like the start of a great joke."

TAZ, 19.12.2011

"Das Gewissen Europas ist tot", titelt die taz bewegt vom Tod Vaclav Havels. Im Nachruf schreibt Sascha Mostyn über den Mann der Wahrheit und der Menschenrechte: "Dabei schien das kommunistische System eigentlich immer mehr Angst vor Havel zu haben als umgekehrt. Kein Wunder, genoss Havel doch das, was den Machthabern in Prag oder auch in Moskau immer versagt geblieben war: Legitimität."

In der Kultur wertet es Jürgen Gottschlich als einen ersten positiven Schritt, dass sich der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan für ein Massaker an kurdischen Aleviten in Dersim im Jahr 1937 entschuldigt hat. Besprochen werden Kevin Rittbergers Theaterstück "Puppen" in Düsseldorf und Gabriele Weingartners Roman "Villa Klestiel" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 19.12.2011

Adieu, Vaclav Havel, ruft Thomas Schmid. "Er stammte aus einer großbürgerlichen Familie, die das zivile Erbe Mitteleuropas verkörperte. Als Spross dieser Tradition hielt ihn das Regime nieder, behinderte seine Ausbildung, zwang ihn zu Umwegen und erniedrigenden Tätigkeiten [...] das war es - teils nur in Kauf genommen, teils ausdrücklich gewollt -, was der Kommunismus bewirkte: Kappen der Wurzeln, Entwertung von Besitz und Leistung, Entchristlichung und insgesamt die Zerstörung jenes feinen und dennoch festen Netzes aus Rechten, Pflichten und Kommunikation, das wir bürgerliche Gesellschaft nennen."

Im Feuilleton versucht die Dichterin Natalja Kljutscharjowa zu erklären, warum die Russen plötzlich nicht mehr still halten und gegen die Regierung demonstrieren. Das hat viel zu tun mit den Waldbränden im letzten Sommer, meint Kljutscharjowa. Es waren einfache Bürger, die Geld sammelten, Löschmittel für die Feuerwehr kauften und die Brandopfer versorgten. "In jenem schrecklichen Sommer unter dem Rauchschleier, der über dem ganzen Land lag, sind viele von uns schlagartig erwachsen geworden und wurden für immer kuriert von der infantilen Hoffnung auf Hilfe vom Staat, die den Sowjetmenschen kennzeichnete. Wir haben verstanden, dass wir es selbst können, dass dies unser Land ist, dass wir es in der Hand haben."

Clemens Meyer traf den Dichter Andreas Reimann, der schon viel zu lang vergessen sei und dem Meyer ein poetisches Porträt widmet: "Vor Kurzem saß er auf einem Podium einer lokalen Zeitung, 'bewohnbarer Stein', und wirkte seltsam fremd und allein, während er seine Gedichte las: 'Weiß warn die wände, die betten warn weiß, / weiß warn die Laken, patienten und ärzte. / Aber im fernsehen die bilder: schwarz-weiß / am tag als neil armstrong den blässlichen mond / (louis, o wonderful world!) betrat, / während auf eiserner bettstatt / ein anderer häftling, dreifacher mörder, / in mir, dem verfahlten, sich wütend betrieb / und schauerlich zärtlich.'"

Weiteres: Marko Martin berichtet kurz von der Ermordung zweier Senegalesen in Italien durch ein Mitglied der "Casa Pound". Besprochen werden Philipp Stölzls Inszenierung von Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" an der Berliner Staatsoper, Ivo van Howes Inszenierung von Marlowes "Edward II." an der Berliner Schaubühne und eine Ausstellung mit Werken von Heinrich Friedrich Füger in der Kunsthalle Heilbronn.
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FR/Berliner, 19.12.2011

Arno Widmann überlegt im Nachruf auf Vaclav Havel, warum gerade dieser Mensch ein Held sein konnte. Ein Träumer war er nicht, meint Widmann: "Es gibt eine Trauerkarte mit einem Kreuz und darunter einem Satz von Vaclav Havel: 'Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.' Wenn man sich diesen Satz von einem lachenden Mann in Jeans und Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln gesagt vorstellt, dann hat man eine Ahnung davon, wer Vaclav Havel war."
Stichwörter: Vaclav Havel, Arno Widmann

NZZ, 19.12.2011

Die Autorin Alena Wagnerova trauert um Bürger Havel, der "Mut, Maß und Moral" lehrte: "Das Erbe, das er hinterläßt, ist nicht nur das umfangreiche Werk, die acht Bände seiner gesammelten Schriften, sondern sein Leben selbst als Lehrstück. Als ein Lehrstück, dass es möglich ist, auch in schweren Zeiten, in einer Diktatur, das Dasein in Ehre zu meistern, in Wahrheit zu leben und sich selbst treu zu bleiben mit allen menschlichen Höhen und Tiefen, die dazugehören."

Der Architekturtheoretiker Georg Franck versucht, den Moment zu ergründen, wann und wie ein Kunstwerk zum Klassiker wird: "Klassiker wird man nicht, indem man Aufnahme in ein Archiv findet (und womöglich dort verschwindet), sondern dadurch, dass man sich auf dem Markt der Beachtlichkeit hält."

Besprochen werden eine Aufführung von Mozarts "Zauberflöte" im Theater St. Gallen und eine Hommage an Mihail Sebastian in Bukarest.

FAZ, 19.12.2011

Vacla Havels "Versuch in der Wahrheit zu leben" (Auszüge) war jedenfalls nicht als radikale protestantische Selbstprüfung gemeint, lernt man aus dem Nachruf Karl-Peter Schwarz' auf Seite 3 des politischen Teils. Während die deutschen Stasi-Debatten zuweilen an Bergman-Filme erinnerten, fand Havel solche Auseinandersetzungen nach 1990 irrelevant: "Alle seien 'für den Gang der totalitären Maschinerie verantwortlich, niemand ist nur ihr Opfer, sondern alle sind wir zugleich ihre Mitschöpfer', sollte er 1990 in seiner ersten Neujahrsansprache als Präsident sagen. Wer wollte in dieser sanften Revolution dann noch nach Schuldigen fahnden? "

Im Feuilleton erinnert Hans-Peter Riese daran, dass Havel nie Kommunist war - und sich darum auch nicht als Dissident betrachtete. Dirk Schümer sammelt Stimmen zum Tod Havels. Frank Lübberding schreibt sehr spitz über einen Kommentar des DLR-Intendanten Willy Steul, der "unseren" Bundespräsidenten verteidigte. Swantje Karich verfolgte eine Berliner Debatte von zehn deutschen Intellektuellen, denen es um Europa zu tun war.

Besprochen werden Tom Lanoyes Stück "Atropa" in den Münchner Kammerspielen, Offenbachs "Orpheus" in der Berliner Staatsoper, eine Ausstellung der Künstlerin Mona Hatoum in der Münchner Sammlung Goetz und Bücher, darunter Thomas Machos Studie "Vorbilder" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 19.12.2011

Der Nachruf auf Vaclav Havel von Michael Frank ist auf Seite 3 zu finden (online lesen darf man den Nachruf von Verena Wolff): "Havel hat für viele Schwärmer, zumal für deutsche Idealisten, etwas scheinbar Unerreichbares verkörpert: die Fähigkeit, Moral und Macht, Poesie und Politik, Geist und Gesetz in einer Persönlichkeit zu vereinigen."

Im Feuilleton berichtet Joseph Hanimann von einer Tagung im Institut Francais in Paris über die neuen nationalen Töne der französischen Kulturpolitik: "Der Rückzug aufs Nationale, der sich massiv auch in der Visavergabe an ausländische Künstler, Wissenschaftler und Studenten niederschlägt, ist aber Verrat an einer langen Tradition. Enger Kulturpatriotismus steht den Franzosen so schlecht wie der Wirtschaftspatriotismus, der nun gerade wieder herbeigeredet wird."

Weiteres: Till Briegleb ätzt gegen das "schwachsinnige Ergebnis" der Publikums-Spielplanwahl am Hamburger Thalia-Theater. Anne Philippi feiert den Schauspieler Ryan Gosling, der demnächst in "The Ides of March" und im Januar in "Drive" im Kino zu sehen ist, als Reinkarnation von Steve McQueen und Alain Delon. Dirk von Gehlen schildert die PR-Strategien des auch zu illegalem Filesharing nutzbaren One-Click-Hosters MegaUpload. Floran Welle berichtet vom germanistischen Symposion "Was der Fall ist", das sich im Literaturhaus München mit dem Aufstieg der Fallgeschichte seit dem 18. Jahrhundert befasste. Oliver Hochkeppel schreibt den Nachruf auf die Sängerin Cesaria Evora. In den "Nachrichten aus dem Netz" berichtet Niklas Hofmann vom Erfolg des Komikers Louis C.K., der kürzlich durch den Verkauf einer Videoaufnahme seiner letzten Performance über seine Website binnen weniger Tage knapp 500.000 Dollar erwirtschaftet hat. Hier das lesenswerte Statement des Künstlers dazu und im folgenden ein Ausschnitt aus der Performance:



Besprochen werden neue DVDs aus dem Klassik-Bereich, die Ausstellung "Vor dem Gesetz" im Museum Ludwig in Köln, Stephan Kimmigs Inszenierung von Tom Lanoyes "Atropia" an den Münchner Kammerspielen und Bücher, darunter eine Studie über mittelalterliche Segenssprüche von Wolfgang Ernst (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).