Heute in den Feuilletons

Alles im eigenen Haus

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.09.2011. Die Welt berichtet von einem chinesischen Traum in 385 Marmorquadern. Die SZ feiert die einigende Kraft des global vernetzten Kulturkonsums. Die FAZ warnt vor Facebooks totalitärer Alltagsdatensammelwut. Gabriele Goettle besucht für die taz einen Fachmann für Organtransplantationen. Und in Slate stellt Peter Aspden klar: Wer kulturell auf sich hält, muss fernsehen.

Welt, 26.09.2011

Johnny Erling berichtet aus China von einem Kunstereignis, bei dem auch Ai Weiwei zugegen war: Der Künstler Mao Tongquiang präsentierte eine Installation von 385 Marmorquadern, in die er Martin Luther Kings Freiheitsrede eingravieren ließ: "Mehr als ein Jahr brauchte Mao Tongqiang, um die 1963 in Washington gehaltene Rede von Martin Luther King Satz für Satz in die vor fast 1000 Jahren erschaffene Tangut-Schrift aus der untergegangenen Westlichen Xi-Xia Dynastie (1038 bis 1227) übersetzen zu lassen. Das einstige Königreich breitete sich über das Gebiet seiner Heimatprovinz Ningxia aus. Hier fand Mao die Handvoll Sprachforscher, die die alte Schrift lesen und schreiben können."

Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk schickt einen Stoßseufzer aus der Ukraine, wo neben Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung mittlerweile auch krudeste Geschichtsbilder wachsen: "Es gibt einfach Länder, auf denen lastet ein Fluch. Sie sind Spielball des Schicksals, der Geschichte, des Ideologenwahns. Als Hinterlassenschaft bleiben ihnen bröckelnder Beton, Unkraut, Eisenschrott und die Erinnerung daran, dass Menschen vor Hunger andere Menschen aufgegessen haben."

Weiteres: Hannes Stein annonciert nach dreißig Jahren ein neues Kinderbuch des amerikanischen Autors Maurice Sendak. Marco Frei berichtet von der sorgsamen Pflege des Schostakowitsch-Erbes in Gohrisch. Besprochen werden Daniel Kehlmanns Stück über Kurt Gödel "Geister in Princeton" am Grazer Schauspielhaus, die beiden neuen Stücke von Lothar Kittstein ("Die Bürgschaft") in Frankfurt und Dietmar Dath ("Regina oder die Eichhörnchenküsse") in Mannheim und Robert Redfords Historiendrama "Die Lincoln-Verschwörung".

TAZ, 26.09.2011

Es ist Gabriele-Goettle-Tag. Sie besucht diesmal Richard Fuchs, einen Sachverständigen in Fragen der Organtransplantation. Er ist ein entschiedener Gegner der salbungsvollen Worte, die um dies lukrative Thema gemacht werden, aber auch und gerade juristisch sei weniges an den derzeitigen Verfahren haltbar. Zum Beispiel die "Hirntod"-Definition: "Es sind ja noch lebende Patienten, die schwitzen, sich bewegen, ihre Wunden könnten verheilen, Frauen können noch ein Kind austragen, Männer könnten im Prinzip noch ein Kind zeugen. Es sind Lebende bzw. Sterbende, die letztlich durch die Organentnahme - ich sage es mal so schlicht - getötet werden. Die, bis das letzte Organ entnommen ist, beatmet werden. Erst dann sind sie wirklich tot."

Reinhard Wolff berichtet, dass Nina Hagen bei einem Besuch in Schweden am Flughafen wegen Drogenverdachts einer Leibesvisitation unterzogen wurde und um ein Haar gleich wieder kehrt gemacht hätte. Besprochen wird Armin Petras' Inszenierung von Jonathan Littells "Wohlgesinnten" am Berliner Maxim-Gorki-Theater. 

Und Tom.

Aus den Blogs, 26.09.2011

Peter Aspden macht auf Slate noch einmal deutlich, wie sich - dank HBO - unsere gesamten kulturellen Koordinaten verändert haben: "Zum ultimativen Akt des kulturellen Tiefgangs gehörte, sich eine polnische Pantomimengruppe in einem Lagerhaus anzusehen, die ihre Heizungsrechnungen nicht bezahlen kann. Heute bedeutet es mit einer DVD-Box in der Transzendenz eines gemütlichen Abends zuhause zu versinken." Aber die Stärke rührt auch von der Schwäche der anderen: "Einer der traurigsten Anblicke des letzten Jahrzehnts war zu sehen, wie die meisten Formen der Populärkultur im Kampf um höhere Profite immer weiter nach unten schlingerten. Die heutigen Filme und Pop-Songs mit den höchsten Einspielzahlen sind überwiegend absolut schematisch und banal. Vom Reingewinn besessen zu sein, hat die Kulturproduzenten zum Tiefpunkt geführt. Der kleinste gemeinsame Nenner war, nicht mehr nach oben zu blicken. Warum sollten sie, wenn das künstlerische Niveau herunterschrauben eine ausgeglichene finanzielle Bilanz erzielt?"
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FR/Berliner, 26.09.2011

Am Berliner Maxim-Gorki-Theater hat Armin Petras den umstrittenen Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell auf die Bühne gebracht. Ulrich Seidler, der den Roman erklärtermaßen hoch problematisch findet, fand den Abend dann aber doch überraschend "aushaltbar": "An die Stelle von Saftigkeit und Identifikation setzt Armin Petras Ästhetisierung und Reflexion. Ein riesiger, leicht zum Parkett hin geneigter Spiegel verschließt das Bühnenportal. In dem Spiegel, logisch: wir, das Publikum. Im Publikum wiederum: Peter Kurth, als Max von Aue, der fliehen konnte, nachdem er die falsche Identität seines Freundes angenommen hat, wofür er ihn freilich töten und entstellen musste."

Weitere Artikel: Für Dirk Pilz hat der Papst-Besuch den Mann gezeigt, den man kannte: "Er mauert sich und seine Kirche ein." In einer "Times Mager" bewegt sich Christian Thomas im ICE in Richtung Neutrino. Nicht durchweg gelungen waren die Auftritte der Buchpreis-Nominierten im Frankfurter Literaturhaus, bei denen Christoph Schröder zu Gast war.

Besprochen werden Nurkan Erpulats Inszenierung von Kafkas "Schloss" bei der Ruhrtriennale (schon in Ordnung, aber nach dem Wurf "Verrücktes Blut" auch etwas enttäuschend findet sie Stefan Keim), Jan Glogers Uraufführung von Philipp Löhles "Das Ding" und Stephan Kimmigs Visconti-Version "Fall der Götter" am Schauspielhaus Hamburg sowie Ulrich Rasches "30. September. Ein Chorprojekt" am Staatstheater Stuttgart (die Judith von Sternburg als "sinnliche Antwort der Kultur und des Intellekts auf Vereinfachung" feiert).

NZZ, 26.09.2011

Joachim Güntner erzählt von einer Pilgerfahrt zur Papstmesse ins erzkatholische Eichsfeld. Paul Widmer, der scheidende Botschafter der Schweiz beim Europarat, rät der Eidgenossenschaft, die Rückbesinnung auf alte Werte: "Etwas Gemeinsames brauchen wir mit unseren verschiedenen Kulturen dennoch. Das Gemeinsame bei uns ist der Wille zur Freiheit." Die angestrengte Leichtigkeit des Zürcher Balletts beobachtet Lilo Weber bei Mats Eks "Dornröschen". Geri Krebs berichtet von der Preisverleihung beim 59. Filmfestival von San Sebastian. Daniel Kehlmanns Stück "Geister in Princeton" hat sich Martin Lhotzky im Grazer Schauspielhaus angesehen.

SZ, 26.09.2011

Ein Loblied stimmt Jan Füchtjohann auf den global vernetzten Kulturkonsumenten an, der mit Geschick (und einigen Proxy Servern) auch von Europa aus an regional blockierte Inhalte im Netz (z.B. neue Episoden amerikanischer Fernsehserien) kommt - zumindest aber gegen entsprechende Blockaden lautstark protestiert. Eine Raub- oder Dissidentenkultur sieht er darin indessen nicht heraufdämmern, vielmehr sieht er ein globales Gemeinschaftsgefühl aufblühen: "Gerade in Europa, wo man so lange daran gescheitert ist, sich auf einer tieferen Ebene als bloß wirtschaftlich zusammenzuschließen, sollte man sich darüber freuen. Vielleicht ist es nicht das Gemeinschaftsgefühl, von dem Politiker in ihren Sonntagsreden träumen - aber es existiert. Es verbindet die Internetgeneration von Finnland bis Griechenland mehr miteinander als der Euro, und diese wiederum mehr mit dem Rest des Planeten als alle Themen der Weltpolitik."

Weitere Artikel: Alexander Menden spricht mit dem Museumsmanager Martin Roth, frisch von Dresden nach London ans Victoria & Albert Museum berufen. Pikant will er nicht finden, dass die erste Ausstellung unter seiner Ägide ausgerechnet die Ai-Weiwei-Schau "Dropping the Urn" wird, die noch vor seinem Wechsel geplant wurde (hier mehr zu Roths kleinlichem Agieren gegenüber Ai Weiwei). Gallig schildert Willi Winkler die Erkenntnisse aus dem jüngst aufgedeckten Skandal, dass der BND den Exil-Nazi und Kriegsverbrecher Walter Rauff jahrelang als Agenten deckte. Mehr "vom dringlichen Bezug auf die Gegenwart", den er in der Dokumentation über die ETA, "Al final del tunel - Bakerantza", gespürt hat, wünscht sich Rainer Gansera in seinem Abschlussbericht vom Filmfestival San Sebastian. In die "endgültige totale Museumsprovinz" führe der gegenwärtige SPD-Beschluss zur Hamburger Museumspolitik, fürchtet Till Brieglieb. Jens-Christian Rübe berichtet von der Philosophentagung "Die Jagd nach dem Glück". Nur allerwärmste Worte verliert Jürgen Otte über Benedikt von Peters "La Traviata"-Inszenierung an der Staatsoper Hannover. In den "Nachrichten aus dem Netz" berichtet Niklas Hoffman von Gender-Diskussionen in der Piratenpartei. Auf der Buchmesse in Göteborg fand Thomas Steinfeld wenig Antworten auf das asymmetrische Liebesverhältnis zwischen der deutschen und schwedischen Literaturnation.

Besprochen werden neue DVDs, die Ausstellung "Ich liebe Dich!" im Literaturarchiv Marbach und Daniel Kehlmanns Stück "Geister in Princeton" im Schauspielhaus Graz.

FAZ, 26.09.2011

Frank Rieger stellt den "Open Graph" als einen weiteren Versuch von Facebook vor, sich in eine umfassende Alltagsdatenspeicherungsplattform umzuwandeln, um noch gezielter Werbung zuschneiden und verkaufen zu können: "Das Konzept erinnert an die Stasi-Zentrale in der DDR. Es gab alles im eigenen Haus: Friseur, Läden, Bank, Schuster, Schneider und Ärzte."

Weiteres: Jürgen Kaube war bei der elf Stunden dauernden Lesung von Flann O'Briens Roman "Der dritte Polizist" in der Hamburg, in der Harry Rowohlt für das Vortragen der Fußnoten zuständig war. Rundum begeistert ist Gerhard Stadelmaier von der durch und durch vom Film Noir getränkten Interpretation von Schnitzlers "Das weite Land" am Burgtheater Wien. Mit "Los Pasos Dobles" von Isaki Lacuesta (mehr) hat das Filmfestival San Sebastian den "visuell originellsten, intellektuell herausforderndsten Film" des Festivalwettbewerbs ausgezeichnet, befindet Rüdiger Suchsland (weitere Hinweise zum Abschluss des Festivals hier). In der "Klarer Denken"-Kolumne stellt Rolf Dobelli das Not-Invented-Here-Syndrom vor, das sich einen in seine eigene Ideen verlieben lässt.

Besprochen werden eine Ausstellung künstlerisch herausragender Konzertposter auf der Reeperbahn, die Ausstellung "Polen - Deutschland" im Berliner Martin-Gropius-Bau, Daniel Kehlmanns "Geister in Princeton" am Grazer Schauspielhaus, und Bücher, darunter Michael Cunninghams neuen Roman "In die Nacht hinein" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).