Heute in den Feuilletons

Elfentänze und Untergangsorgasmen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.08.2011. Die Welt und andere Zeitungen feiern die Salzburger "Frau ohne Schatten" wegen Christian Thielemanns fabulöser Dirigierkunst. In der Welt betätigt sich Nike Wagner als Norne. Auch die Debatte um den Attentäter von Utoeya geht weiter: Die taz fühlt sich an die Gefühlskälte von Videospielen erinnert, die Berliner Zeitung zieht eine Linie von "Islamkritikern" zu Breivik, die FAZ am Sonntag sieht ihn als einen Dschihadisten der extremen Rechten. Die SZ schildert die handgreifliche Einigkeit von Rechts- und Linkspopulisten in Griechenland.

Welt, 01.08.2011

Für Manuel Brug war die Salzburger "Frau ohne Schatten" dank der Dirigierkunst Christian Thielemanns ein richtiger Leckerbissen: "Christian Thielemann entfacht von einem auf den anderen Takt hier Elfentänze und Untergangsorgasmen, surft durch kristallin kühle, celestaglitzernde Höhenwelten, hat den hardcoredumpfen Brutalosound drauf und trippelt über die fein abgeschmeckten Genießerparcours."

Nike Wagner
betätigt sich als Norne und erzählt auf anderthalb Seiten eine Geschichte, die wir längst kennen, die der eigenen Familie: "In summa: Die Familie ist ein Gebilde, das seine Mitglieder durch Wiederholungsstrukturen festhält wie durch geheime Magie. In diesem Sinne ist die Familie per se ein 'mythisches Gebilde', trotz aller ökonomischen Zwänge und Definitionen. Zugleich webt sie immer auch aktiv an ihrer eigenen Mythe." Von sich redet Nike Wagner in der dritten Person: "So kam es denn auch im Jahr 2008: Eva wurde Nike gegenüber vertragsbrüchig, verriet sie zugunsten ihrer nunmehr größeren Chancen auf Erfolg im Verbund mit der ihr unbekannten Halbschwester."

Weitere Artikel: Ulrich Weinzierl bespricht Roland Schimmelpfennigs "Vier Himmelsrichtungen", ebenfalls in Salzburg, und Elmar Krekeler bittet Lars von Trier und sämtliche Regisseure, die je ein Massaker in ihren Filmen anrichteten, sich nicht weiter von Breivik zu distanzieren. Im politischen Teil berichtet Sven Felix Kellerhoff über die neuen Stasi-Vorwürfe gegen Hors Mahler. Und Daniel-Dylan Böhmer macht auf einen interessanten Aspekt im modernen Terrorismus aufmerksam: "Die Geschichte von verblüffend vielen bestimmenden Islamisten lässt sich ebenso wie die Breiviks in einer knappen Formel zusammenfassen: Sie sind blockierte Elitekinder."

Weitere Medien, 01.08.2011

Noch drei wichtige Debattenbeiträge zu Utoeya, die wir aus Gründen der Zusammengehörigkeit hier resümieren:

Auch Arno Widmann zieht in einem Essay für das Magazin der Berliner Zeitung, den wir am Samstag übersehen haben, eine Linie von den Rechtspopulisten (oder "Islamkritikern", genau legt er sich nicht fest) zum Attentäter von Utoeya: "Es geht nicht darum, irgendjemandem das Maul zu verbieten - sie sollen alle sagen können, was sie denken -, sie sollen aber nicht so tun, als hätten sie nicht zur Aufheizung einer Stimmung, ja zur Identifizierung des Feindes ihr Stück beigetragen." Genau andersherum sah es gleichzeitig Hamed Abdel-Samad in der Welt: "Aus der gleichen Logik heraus muss jeder deutscher Politiker oder Islamfunktionär, der die Mohammed-Karikaturen als Rassismus bezeichnet hatte, für den Anschlag auf Kurt Westergaard verantwortlich gemacht werden."

Breiviks Hauptvorbild sind die Dschihadisten, schreibt Nils Minkmar in einem Essay für die FAZ am Sonntag: "Breivik führt, genau wie die Dschihadisten, einen zeit- und ortlosen 'kosmischen Krieg' - so der Begriff des amerikanischen Islamwissenschaftlers Reza Aslan. Und was sagt uns das? Wie gewinnt man den? Aslan schreibt: Indem man nicht mitkämpft."

TAZ, 01.08.2011

Detlef Kuhlbrodt hat einen zweiten Versuch unternommen, Anders Behring Breiviks Manifest zu lesen: Wie die Inszenierung eines Videospiels kommt es ihm vor, genauso "abgdichtet von der Umwelt" und genauso affektarm: "Breivik legt Wert darauf, dass ihn kein persönlicher Hass gegen Muslime treibe. In den Passagen über seine Graffitisprayer-Jugend schreibt er, er habe einige muslimische Freunde gehabt. Eine Weile gehörte er zu den von muslimischen 'Jihad-racist-gangs' beschützten 'Kartoffeln'. Die Gangs hatten, im Gegensatz zu seinen norwegischen Freunden, ähnliche Ehrbegriffe wie er selbst; eigentlich haben sie ihn erst auf seinen Weg gebracht."

Weitere Artikel: Klaus-Peter Klingelschmitt besteht auch nach dem Massaker in Norwegen auf seiner Meinungsfreiheit und möchte weiterhin "auf Fehlentwicklungen im Islam hinweisen - so wie auch auf den Wahnsinn, der im Namen Christi tagtäglich verkündet wird". Johannes Thumfart feiert den letzten "Meisterdenker" der Linken, Alain Badiou, und vermerkt gleichzeitig mit leisem Bedauern, dass Badiou so links ist, dass selbst seine Bewunderer lachen müssen. Joachim Lange berichtet aus Salzburg. Björn Gottstein resümiert das Elektronikfestival Norberg. Der britische Journalist James Alan Anslow erklärt im Interview, warum die News of the World vor dem Abhörskandal eine großartige Zeitung war. Und Bernd Wurm stellt sein BlaBlaMeter vor, das manches Feuilleton gegenüber der Bild-Zeitung schlecht aussehen lässt.

Schließlich Tom.
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NZZ, 01.08.2011

Die Schweiz feiert heute Rütlischwur und Gründung der Eidgenossenschaft am 1. August 1291. Wir gratulieren zur beneidenswert frühen Einführung der Demokratie.

FR, 01.08.2011

Robert Kaltenbrunner denkt darüber nach, wie Kunst im öffentlichen Raum heute möglich ist: "Public art darf weder Trost- noch Wundpflaster sein. Sie muss sich reiben ..." Besprochen werden die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs "Die vier Himmelsrichtungen" in Salzburg, die Salzburger Strauss-Inszenierung "Frau ohne Schatten" von Christof Loy und Christian Thielemann, die Comics des amerikanischen Zombie-Autors Robert Kirkman und Rabea Edels Roman "Ein dunkler Moment" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite erinnert sich der frühere MTV-Starmoderator Steve Blame an die Anfänge des Senders. Das Ende kam seiner Ansicht nach mit der Anweisung von oben, stärker den Mainstream zu bedienen: "Wer das macht, ist kein Marktführer mehr, sondern er folgt dem Markt nur noch."

FAZ, 01.08.2011

Felicitas von Lovenberg wirft einen Blick auf die literarischen Ereignisse des Herbstes und annonciert neue Romane von Sibylle Lewitscharoff, Michael Kumpfmüller, Judith Schalansky, Edmund de Waal, Edward St. Aubyn und "die wohl mit der größten Spannung erwartete Neuerscheinung", den neuen Roman von Charlotte Roche, "Schoßgebete". Verena Lueken fragt sich, was um Himmels Willen nun wieder in Lars von Trier gefahren ist, der sich von seinem Film "Dogville" distanzierte, weil der norwegische Attentäter ihn als einen seiner Lieblingsfilme bezeichnete. Patrick Bahners liest, nicht sehr gnädig, Dagmar Bussieks Biografie des Frankfurter Zeitungs-Redakteurs Benno Reifenberg. Julia Spinola feiert die Salzburger "Frau ohne Schatten" unter Christian Thielemann, und Gerhard Stadelmaier verreißt Roland Schimmelpfennigs ebenfalls in Salzburg uraufgeführtes Stück "Vier Himmelsrichtungen". Die Politologen Carlo Masala, Ulrich Weiß und Michael Wolffsohn geben nach einer Zensuraffäre um die Studentenzeitschrift Campus Entwarnung - es gibt bei den Offiziersanwärtern der Bundeswehr nicht mehr "Rechte" ("Was immer das sei") als im Rest der Bevölkerung.

Besprochen wird außerdem eine Ausstellung der Sammlung des Kunsthändlers und Galeristen Heiner Friedrich, der den Minimalismus für Deutschland entdeckte, im bayerischen Städtchen Traunreut (hier die Website seiner Kunststiftung).

SZ, 01.08.2011

Auf der Seite 2 kommentiert der Journalist Tasos Telloglou die Aktionen der "Empörten" in Griechenland, die die "körperliche Demütigung, die öffentliche Prügelei" von Touristen und Politikern zum Ziel haben. "Die Leute, die so handeln, haben in der Grundschule der griechischen Politik seit 1981 gelernt, was Populismus ist. Alle, Rechte wie Linke, berufen sich auf das Erbe des Gründers des griechischen Defizit-Staates: Andreas Papandreou. Daher tun sich Rechte wie Linke sehr schwer, solche Praktiken zu verurteilen. Es gibt glaubwürdige Hinweise darauf, dass die oppositionelle konservative Partei Nea Dimokratia (ND) und die kleine linke Syriza diese Art des Protests unterstützen, weil sie sich satte politische Gewinne aus den Fischzügen im wütenden Mob erhoffen."

Auf der Medienseite zeigt Thorsten Schmitz Unverständnis für die Entscheidung des RBB, der Journalistin Güner Balci die Sarrazin-Doku wegzunehmen (mehr hier), an der sie monatelang gearbeitet hat und die "einen Sarrazin gezeigt hätte, wie ihn kaum einer kennt": "In Balcis Filmmaterial finden sich Szenen, die einen Sarrazin zeigen, der Misstrauen gegenüber Döner hegt, weil man nie wissen könne, was darin steckt (der sich aber gerne beim Currywurst-Essen auf seinem Golfplatz filmen lässt). Einen, der auf die Frage, ob er nicht auch mal Migranten loben könne, die etwas geleistet haben, sagt: 'Selbstverständlichkeiten müssen nicht gelobt werden.' Einen, der in Neukölln von Türken freundlich begrüßt wird und von zwei Kopftuchfrauen um ein gemeinsames Foto gebeten wird."

Im Feuilleton sieht Gustav Seibt das Wohlstandsgefälle in Europa sich von West-Ost nach Nord-Süd verschieben. In den Nachrichten aus dem Netz berichtet Michael Moorstedt, dass Informatiker des amerikanischen Thinktanks Mitre mit einem neuen Algorithmus das Geschlecht anonymer Internetnutzer "zuverlässig" glauben feststellen zu können (mehr hier). Jens Bisky blättert 100 Jahre nach Konrad Dudens Tod nochmal durch das Wörterbuch.

Besprochen werden die Ausstellung über den Architekten Ernst May im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main, die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs "Die vier Himmelsrichtungen" bei den Salzburger Festspielen, die Ausstellung "Constantin Brancusi und Richard Serra" in der Fondation Beyeler und Bücher, darunter David Mazzucchellis Graphic Novel "Asterios Polyp" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr)