Heute in den Feuilletons

Pathologie mit kritischem Potenzial

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.07.2011. Im Guardian fordert der Kapitalismuskritiker George Monbiot nach der Murdoch-Affäre einen hippokratischen Eid für Journalisten. Tina Brown fürchtet in The Daily Beast, dass der alte Fuchs zu schlau ist, um sich BSkyB noch abnehmen zu lassen. Aber vielleicht gibt er das Zeitungsbusiness auf, überlegt Jeff Jarvis. Die FR erzählt, wie die Banken amerikanische Zeitungen zerstören. In der Welt erzählt Liao Yiwu, wie er aus China herauskam: zu Fuß. Die taz laboriert an Future Fatigue. Die NZZ lauschte berndeutschen Vokalreihen in Leukerbad.

Aus den Blogs, 12.07.2011

Tina Brown fürchtet in The Daily Beast, dass Rupert Murdoch listig genug ist, um die volle Kontrolle über BSkyB noch zu kriegen. Auch die erste Tranche des Unternehmens erhielt er 1990 nach einigen Rückschlägen, erzählt sie: "He was one of seven bidders for the license from the government in 1990. He lost because the law said no national newspaper could own more than 20 percent of a TV network. Did he give up? Uh, no. He started beaming TV into British homes from his own Luxembourg-based pan-European satellite service. Did the government act? Uh, no."

Auch Jeff Jarvis denkt über den Casus nach: "I wonder whether News Corp. will have to get out of the news business to save the business of News Corp. For it?s not so bad to be rapacious when you?re in the entertainment business."

TAZ, 12.07.2011

In seiner Kolumne überlegt Aram Lintzel sehr dialektisch, ob hinter der allgegenwärtigen Retromanie nicht eine fortschrittliche Verweigerung gegenüber den neoliberalen Dogmen der ständigen Neuerfindung steckt: "Die diagnostizierte 'Future Fatigue' wäre dann sozusagen eine zeitgemäße Pathologie mit kritischem Potenzial." (Auf zu Manufactum und eine Kniebundhose aus groben Cord bestellt!)

Der Demokratieforscher Samuel Salzborn widerspricht auf der Meinungsseite der Annahme, dass Abstimmungen per Mausklick eine Form der politischen Partizipation seien: "Die abertausend Facebook-Gruppen interessieren im Regelfall nicht nur niemanden, sondern können aufgrund ihrer Masse und Unstrukturiertheit, aber vor allem wegen ihrer strukturellen Distanz zum politischen Prozess selbst auch niemanden interessieren, der an realen politischen Entscheidungsprozessen mitwirkt."

Besprochen werden das Buch "Dutschkes Deutschland" von den ehemaligen SDS-Aktivisten Tilman P. Fichter und Siegward Lönnendonker sowie Alex Bags Video-Performances im Züricher Migros Museum für Gegenwartskunst.

Und noch Tom.

Weitere Medien, 12.07.2011

Der Kapitalismuskritiker George Monbiot fordert auf den Comment is Free-Seiten des Guardian einen "hippokratischen Eid" für den "verantwortungslosesten und korruptesten Berufsstand in Großbritannien", den Journalismus. "Journalism's primary purpose is to hold power to account. This purpose has been perfectly inverted. Columnists and bloggers are employed as the enforcers of corporate power, denouncing people who criticise its interests, stamping on new ideas, bullying the powerless."
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Welt, 12.07.2011

Antisemitismus gehört immer schon zur sozialistischen Ideologie, schreibt Richard Herzinger zur Debatte um Antisemitismus bei der Linkspartei (wir tragen den Link zu diesem Artikel, der bereits am Samstag erschien, nach): "Judenfeindlichkeit, die sich heute vor allem in einer obsessiven Dämonisierung Israels Luft macht, ist strukturell in der sozialistischen Ideologiegeschichte angelegt. Die Juden als nicht eindeutig historisch definierbare Gruppe - weder sind sie im Begriff des Volkes oder der Nation, noch einer Religionsgemeinschaft, und schon gar nicht einer Klasse vollständig zu fassen - standen quer zu den Rollenzuweisungen im Szenario der sozialistischen Heilsgeschichte."

Für das Feuilleton trifft Wieland Freund den chinesischen Autor Liao Yiwu, der zur Zeit in Berlin ist und glücklich, den Häschern des Regimes entschlüpft zu sein. Sein "Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen" erscheint in zehn Tagen bei Fischer: "Die Details seiner Ausreise behält er für sich, dass er China zu Fuß verlassen hat, verrät er aber doch. Über eine Brücke habe er Vietnam erreicht, sei bis in ein Dorf gewandert, habe einen Zug genommen und dann in einer großen vietnamesischen Stadt ein paar Tage abgewartet. Europa hat er per Flugzeug erreicht: erst Polen, dann Berlin."

Die Aufmacherseite ist Harry Potter gewidmet. Welt-Redakteur Matthias Kamann und seine 1991 geborene Tochter erzählen, was Harry Potter mit ihnen gemacht hat. Iris Alanyali hat schon die letzte Folge der Potter-Filme gesehen. Recht mokant berichtet Thomas Lindemann über die Eröffnung des "Google-Instituts" an der Humboldt-Uni (und wir finden: Origineller wäre es gewesen, beim hochprofitablen Springer-Konzern ein Institut zur Erforschung der Zukunft des Journalismus anzumahnen).

NZZ, 12.07.2011

Betörendes Sprachrauschen, ukrainische Konsonantengewitter und "berndeutsche Vokalreihen" hat Roman Bucheli beim Literaturfestival in Leukerbad erlebt. Uwe Justus Wenzel widmet sich in einer Randglosse Wissenschaftlern, die ihre Publikationsliste unvornehm aufpeppen. Alfred Zimmerlin berichtet von den Opernaufführungen beim Festival von Aix-en-Provence. Lilo Weber schreibt zum Tod des Choreografen Roland Petit.

Auf der Medienseite interviewt Rainer Stadler seinen Herausgeber, den Privatbankier und NZZ-Präsidenten Konrad Hummler, der sich gegen Quersubventionierungen von Zeitungen ausspricht: "Dort wird es heikel. Das Mediengeschäft sollte aus sich heraus wirtschaftlich sein."

Besprochen werden die beiden Romane der Italienerin Rosa Matteucci "Lourdes" und "Mutterherz" sowie Astrid Rosenfelds Romandebüt "Adams Erbe" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 12.07.2011

Auf der Medienseite erzählt Sebastian Moll, wie die Los Angeles Times von der Wall Street an die Wand gefahren wurde. 2008 hatte der Immobilienmogul Sam Zell die Tribune Company gekauft, zu der die LA Times und die Chicago Tribune gehören. Ziel des verschuldeten Zell: seinen Kredit zu bedienen, so erzählt es James O'Shea, der ehemalige Chefredakeur der LA Times, in seinem Buch "Deal from Hell". "Die Tribune Company hatte zwar nicht genügend Sicherheiten, um zu überleben. Die Konkursmasse habe aber genügend Substanz, damit die Banken mit Profit aus der Geschichte herauskommen, inklusive ihren schwindelerregenden 283 Millionen Dollar Gebühren. Eine Angestellte von JP Morgan sprach damals in einem Memo offen von einer 'Hit and Run'- oder Fahrerflucht-Strategie. Ein anderer Morgan-Mann hörte laut die Kasse klingeln und beglückwünschte einen Kollegen in einer Mail mit den Worten 'Can we say Ka-Ching?'"

Derweil hat in Frankreich ein kleiner Trupp tapferer Journalisten das Internetmagazin Mediapart aufgebaut, das in diesem Jahr erstmals schwarze Zahlen schreibt - ganz ohne Werbung, nur durch Leserabos. Axel Veiel gratuliert.

Hans Christoph Buch kritisiert in seiner Dankesrede zur Verleihung des Schubart-Preises 2011 in Aalen die Kritik: "Nur eins weiß ich mit Bestimmtheit: Dass die deutsche Literaturkritik meine Arbeit nicht gefördert hat, im Gegenteil - sie ließ nichts unversucht, um mir das Weiterschreiben zu verleiden und mich vom Kurs abzubringen. Man könnte von Mobbing sprechen, ein damals noch unbekanntes Wort, das allzu schrill und bösartig klingt, weil es immer auch Gegenstimmen gab."

Besprochen werden Aufführungen beim Festival Aix-en-Provence, ein Konzert von PJ Harvey in Frankfurt und Bücher, darunter ein Band mit den Essays von Jack Black, der ab 1930 in Harpers Bazaar über "Gesetzbuch und Ganovenehre" schrieb (er musste es wissen, er saß 25 Jahre im Gefängnis, wie uns Franz Dobler erzählt).

FAZ, 12.07.2011

Gerade die Wohlhabenden und Erfolgreichen haben angesichts der Willkürakte des Staats- und Justizapparats guten Grund, Russland zu verlassen, und tun es auch. Allerdings weiß Kerstin Holm über ein erstaunliches Urteil zu berichten, bei dem zu jedermanns Überraschung der Oberste Gerichtshof Verfahrensfehler im Prozess gegen den Geschäftsmann Alexander Koslov entdeckt hat. Der Neuzeithistoriker Wolfgang Burgdorf empfiehlt, Finanzexperten nach dem Vorbild der kaiserlichen Debitkommissionen nach Griechenland zu schicken. Frank Lübberding sieht sich bei der "Herbert und Greta Wehner Stiftung" in Dresden um und bringt die Erkenntnis mit, dass an Wehners sagenumwobener Aktentasche nichts dran bzw. nichts Besonderes drin war. In amerikanischen Zeitschriften liest Jordan Mejias manches über US-amerikanische Selbstzweifel. Über fortgesetzten Vandalismus am Kölner Dom schreibt Andreas Rossmann eine Glosse. Wiebke Hüster hat den Nachruf auf den Choreografen Roland Petit verfasst. Weitere Nachrufe gibt es auf den Fotografen und Maler Theodore Lux Feininger und den Geiger Josef Suk.

Besprochen werden die Aufführung von Robert Wilsons "Leben und Tod der Marina Abramovic" mit Marina Abramovic in Manchester, ein Abend in Karlsruhe, bei dem vor Gottfried von Einems "Dantons Tod"-Oper Wolfgang Rihms neue Komposition "Eine Straße, Lucile" zur Uraufführung kam, die Ausstellung "Werner Tübke: Die Skizzenbücher" in der Leipziger Universitätsbibliothek, die Brasilia-Ausstellung "Archiv Utopia" in der Kunsthalle Kiel und Bücher, darunter Karl Lippegaus' Biografie von "John Coltrane" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 12.07.2011

Niklas Hofmann fragt anlässlich der Eröffnung des "Google-Instituts" an der Humboldt-Uni und der ersten dort vorgestellten Forschungsvorhaben, "warum es in der deutschen Forschungslandschaft für eine derart konzertierte Auseinandersetzung mit dem Internet erst des Anstoßes von Google bedurfte". Alexander Menden porträtiert die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, die zusammen mit Robert Wilson in Manchester ein Bühnenspektakel erarbeitet hat. Alexis Waltz stellt neue CDs (etwa der Reihe Recomposed oder des Labels ECM) vor, in denen sich Techno-Musiker mit klassischer oder gar Neuer Musik auseinandersetzen.

Auf der Medienseite berichtet Christiane Kohl, dass in Sachen Kinderkanal trotz Abschlusses des Prozesses gegen Marco K., weiter ermittelt wird - auch andere Mitarbeiter des Kanals sollen sich durch Scheinfirmen und gefälschte Rechnungen Hunderttausende von Euro zugeschanzt haben.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen Rosemarie Trockels in Bonn, Frank Coracis Komödie "Der Zoowärter" (mehr hier), Konzerte der Münchner Riehe Musica Viva, die zum letzten Mal unter der Leitung Udo Zimmermanns stattfanden und Bücher, darunter Richard Cobbs Studie "Tod in Paris - Die Leichen der Seine 1795-1801".