Heute in den Feuilletons

Sogenannte Mörderhirsche

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.05.2011. In der NZZ schreibt György Dalos über das Problem der ungarischen Regierung mit der nicht zu steuernden Außenwahrnehmung.  Die FAZ porträtiert den bekanntesten türkischen Popstar Tarkan. In der SZ staunt Horst Bredekamp über die verschlungenen Wege der sexuellen Auslese. Für die taz besucht Gabriele Goettle einen Fachmann für Wohnungauflösungen. Wir sammeln erste Links zum Tod Osama bin Ladens.

NZZ, 02.05.2011

Der Historiker György Dalos beschreibt, wie Ungarns Regierung immer wütender gegen Künstler und Intellektuelle vorgeht, die in internationalen Medien Kritik an ihr üben: "Offensichtlich sind die ungarischen Staatsmänner darüber beunruhigt, dass ihnen, je größere Teile der inneren Öffentlichkeit sie unter ihre Kontrolle bekommen, die Kontrolle der Außenwahrnehmung desto mehr entgleitet. Hinzu kommt, dass sich Intellektuelle zu Wort melden, die von keiner Zweidrittelmehrheit gewählt wurden und die sich mitunter eines Ansehens und einer Beliebtheit erfreuen, von denen Politiker nur träumen können. Normalerweise sollten Dichter und Denker durch ihr Schaffen und ihre Bekanntheit zum positiven Image eines Landes beitragen. Sie zu Feindbildern und Sündenböcken abzustempeln, ist, milde gesagt, kontraproduktiv."

Weiteres: Barbara Viller Heilig schickt eine Reportage aus dem grönländischen Nuuk, wo Christoph Marthaler sein neues Theaterstück "±0" uraufgeführt hat: "Im Kern erzählt '±0' von existenziellem Isoliertsein. Marthalers Faszination an der grönländischen Abgeschiedenheit ist dafür eine grandiose Metapher." Peter Hagmann hat bei den Schwetzinger Festspielen die Uraufführung der Oper "Bluthaus" von Georg Friedrich Haas und Händl Klaus erlebt. Gustav Siebenmann schreibt den Nachruf auf den argentinischen Dichter Ernesto Sabato.

Weitere Medien, 02.05.2011

Der Aufmacher der New York Times ist doch ein bisschen größer als sonst:


Nicholas D. Kristof schreibt in einer ersten Reaktionen in seinem Blog auf der New Yor Times: "So what does this mean? First, it is good for the United States reputation, power and influence that we finally got bin Laden. Bin Laden?s ability to escape from the U.S., and his apparent impunity, fed an image in some Islamist quarters of America as a paper tiger - and that encouraged extremists... That said, killing bin Laden does not end Al Qaeda."

Bei Twitter lässt sich alles Neue hier verfolgen. Hier der Livestream von Al Jazeera. Hier die Longreads. Die Facebook-Seite "Osama bin Laden is DEAD" wird schon von 260.000 Menschen gemocht, und natürlich werden bereits die üblichen Witze gerissen:


Aus den Blogs, 02.05.2011

Im Interview mit Helmut Hartung für promedia (online auf Carta) sagt die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD): "Ich bin sehr skeptisch, ob das Leistungsschutzrecht das richtige Mittel ist, um Presseerzeugnisse zu schützen und Verlegern auch im digitalen Zeitalter Einkünfte mit ihren Produkten zu sichern - denn darum geht es - bei aller Unklarheit - offenbar."
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Stichwörter: Leistungsschutzrecht

Welt, 02.05.2011

Die Armenier in Deutschland haben ein Mahnmal gefordert, das "im Blickfeld des Reichstags" an den Völkermord erinnert. Während Götz Aly die Idee - recht spöttisch - verwarf, schlägt Henryk Broder vor, das Holocaust-Mahnmal auch den Armeniern zu widmen: "Das 'Variable Integrierte Mahnmal', abgekürzt VIM, wäre mehr als eine Geste der posthumen Gerechtigkeit. Es wäre eine Demonstration der Solidarität der Opfer untereinander, die es bis jetzt den Tätern überlassen haben, darüber zu befinden, welcher Opfer gedacht werden soll und welcher nicht." Sven Kellerhoff besucht das Potsdamer Lepsiushaus, das von heute an dauerhaft an den Völkermord an den Armeniern erinnert.

Max Dax unterhält sich mit der von Lou Reed und Andy Warhol verewigten Drag Queen Holly Woodlawn, deren Film "Trash" heute im Arsenal gezeigt wird, über das Leben auf der Überholspur und seine Nachteile: "Speed macht die Menschen paranoid. Überall wittern sie Feinde und Betrug. Eine egoistische Droge ist das."

TAZ, 02.05.2011

Gabriele Goettle besucht einen Fachmann für Wohnungsauflösungen, Hans Jürgen Heinicke. Der hat bei seiner Arbeit vor allem eins gelernt: Kaum etwas behält seinen Wert. "Die Wohnungseinrichtungen, die wir räumen, das ist ja im Prinzip alles unbrauchbar gewordenes Geld. Allein die Kopien von alten Möbeln, diese sogenannten Stilmöbel aus den sechziger und siebziger Jahren, die für teures Geld gekauft wurden, sind heute nur noch Zeug, was alles nichts mehr wert ist. Nichts mehr bedeutet. Gerümpel! Die Stehlampe aus massivem Messing mit Pergamentschirm. Eine Stehlampe will kein Mensch mehr! Oder ich finde Rechnungen über 40.000 DM für große Perserteppiche, die in den sechziger Jahren angeschafft wurden. Ich fasse mir an den Kopf und frage mich, warum die Leute dafür dieses viele Geld ausgegeben haben? Bei Gebrauchtwaren-Auktionen bekomme ich mit viel Glück allenfalls 300 Euro dafür. Kein Mensch will heute noch so einen Teppich in seine Wohnung legen. Der passt gar nicht mehr zur Einrichtung, zu nichts."

Außerdem: Jürgen Vogt schreibt den Nachruf auf den argentinischen Schriftsteller Ernesto Sabato. Die vorderen Seiten sind ganz dem heute in Stuttgart beginnenden Kriegsverbrecherprozess gegen die Führer der im Kongo kämpfenden ruandischen Miliz FDLR gewidmet.

Und Tom.

FR, 02.05.2011

Kathrin Hartmann blättert in Büchern und Zeitschriften, die das Landleben romantisieren. Karin Ceballos Betancur schreibt zum Tod des argentinischen Schriftstellers Ernesto Sabato.
Stichwörter: Landleben

FAZ, 02.05.2011

In Frankfurt hat Karen Krüger ein Konzert des größten türkischen Popstars besucht: "Tarkan, der Traditionalist, der auf seinen Alben altes türkisches Liedgut neu interpretiert. Tarkan, der Rebell, der über Sex singt, wie das vor ihm noch niemand in der Türkei wagte. Tarkan der Umweltschützer, der gegen den Bau des Ilisu-Staudamms in Südostanatolien kämpft und der vergeblich versuchte, dem Militärdienst durch einen Umzug nach New York zu entfliehen: Tarkan ist der größte und international bekannteste Popsänger der Türkei."

Weitere Artikel: Über die brutalen Reaktionen des Regimes in Bahrein auf die Proteste - soeben wurde mehrfach die Todesstrafe verhängt - informiert Joseph Croitoru. In der Glosse kommentiert Jürg Altwegg den Sachverhalt, dass das Zürcher Tagblatt ab sofort eine Extraseite für die vielen Deutschen in der Schweiz veröffentlicht. Von einer Wiener Tagung zum Stand der "Orientalismus"-Debatte berichtet Martin Lhotzky. Unsere Probleme mit der Abschätzung exponentiellen Wachstums erklärt Rolf Dobelli in seiner "Klarer Denken"-Kolumne. Paul Ingendaay schreibt zum Tod des argentinischen Schriftstellers Ernesto Sabato.

Besprochen werden die Uraufführung von Georg Friedrich Haas' Oper "Bluthaus" (mit Libretto von Händl Klaus) bei den Schwetzinger Festspielen, die deutsche Erstaufführung von Rodion Shchedrins Oper "Lolita" bei den Wiesbadener Maifestspielen, Viktor Bodos Kölner Inszenierung von Andras Vinnais Stück "Der Mann an Tisch 2", Geraldine Bajards Film "La Lisiere - Am Waldrand" (mehr) und Bücher, darunter Hans Platzgumers Tschernobyl-Roman "Der Elefantenfuß" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 02.05.2011

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp staunt über die von Charles Darwin zuerst ins Auge gefassten und von Josef H. Reichholf neu aufgegriffenen Finten der "sexuellen Auslese", die Schönheit über Gewalt siegen lassen: "Sogenannte Mörderhirsche, die den Kontrahenten töten, werden eher verschmäht, wohingegen die Träger von Geweihen, die wie ganze Baumkronen anmuten, und dazu tief röhrende Stimmen besitzen, weitaus höhere Chance haben, von den Hirschkühen angenommen zu werden."

Im Aufmacher kann Johannes Boie angesichts der Aufregung um die Bewegungsdaten im Iphone nur abwinken - solche Profile gibt es in vielen Anwendungen. In den "Nachrichten aus dem Netz" kommentiert Michael Moorstedt noch einmal die Unterdrückung von Courbets "Ursprung der Welt" bei Facebook. Volker Breidecker stellt ein neues Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften an der Uni Frankfurt vor. Camilo Jimenez schreibt zum Tod des argentinischen Autors Ernesto Sabato, zwei Monate vor seinem hundertsten Geburtstag. Der Architekt Meinhard von Gerkan erklärt im Gespräch mit Werner Bloch, warum er die Jury für ein Berliner Einheitsdenkmal verließ (und damit eine einstimmige Entscheidung für den Wippen-Entwurf von Sasha Waltz ermöglichte). Auf der Medienseite berichtet Stefan Ulrich, dass Sendungen, die den Ruf haben, dem französischen Präsidenten Sarkozy zu missfallen, vom Staatsfernsehen auffällig häufig abgesetzt werden.

Besprochen werden eine Ausstellung der mexikanischen Fotografin Yto Barrada in Berlin, eine Dramatisierung von Kafkas "Amerika" durch den polnischen Regisseur Jan Klata in Bochum und das Stück "Der Mann an Tisch 2" von Viktor Bodo in Köln und die Uraufführung von Georg Friedrich Haas' Oper "Bluthaus" in Schwetzingen.