Heute in den Feuilletons

Der großartigste Hut der Kunstgeschichte

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.03.2009. Die Welt fragt: War Vermeer in Wirklichkeit seine Tochter? Die FR seufzt: Hätten wir Bogdan Bogdanovic nur früher gekannt - dann hätten wir bessere Mahnmale. Die taz hat in Leipzig herausgefunden: Es sind die 11- bis 17-jährigen Mädchen, die den Buchmarkt bestimmen. Respekt, Respekt, sagt die vereinte Theaterkritik zu Christian Petzolds Debüt als Theaterregisseur am Deutschen Theater.

Welt, 16.03.2009

Hannes Stein unterhält sich mit dem New Yorker Kunsthistoriker Benjamin Binstock, der behauptet, dass rund ein Fünftel aller Bilder Vermeers tatsächlich von dessen Tochter Maria gemalt wurden: "Sie war genial. Das 'Mädchen mit rotem Hut' ist ein Meisterwerk der europäischen Kunstgeschichte, aber es könnte sich um ein 'zufälliges Meisterwerk' handeln: das typische Werk eines Lehrlings. Es weist tiefgreifende technische Mängel auf, hat aber gleichzeitig eine kühne Brillanz, eine wagemutige Spontaneität, die für Vermeer völlig uncharakteristisch ist. Dem Bild eignet eine feminine Sensibilität - denken Sie nur an den Hut. Wahrscheinlich handelt es sich um den großartigsten Hut der Kunstgeschichte. Auf dem Bild ist aber gar nicht zu erkennen, woraus er eigentlich besteht - Stroh, Federn, Samt? Vermeer hätte nie so gemalt."

Weitere Artikel: Josef Engels schreibt zum siebzigsten Geburtstag des Jazz-Labels Blue Note. Hendrik Werner sieht sich an, was die Literatur zum Thema Amok zu sagen hat, als "eine Art menschlicher Hundswut" versuchte ihn etwa Stefan Zweig zu fassen. Marko Martin tummelt sich auf der Berliner ITB.

Besprochen werden Christian Petzolds Theaterdebüt mit Schnitzlers "Der einsame Weg" (die Matthias Heine sehr tastend, schaumbremsend und vertrauensselig fand), Falk Richters Inszenierung des "Eugen Onegin" an der Wiener Staatsoper (die Ulrich Weinzierl für heillos fehlbesetzt hält), Martin Suters neuer Band mit älteren Kolumnen "Das Bonus-Geheimnis", eine Ausstellung zum "Paradies" in Freisinger Diözesanmuseum sowie die Mystery-Serie "Fringe".

Richard Herzingers Kommentar zu "Durban 2" (mehr hier) haben wir am Samstag übersehen. "Die übelsten Menschenrechtsverletzungen auf dem Globus sind bei dieser 'Weltkonferenz' sakrosankt. Weder der Völkermord an der schwarzafrikanischen Bevölkerung Darfurs noch die Unterjochung Tibets werden im Entwurf eines Abschlussdokuments auch nur erwähnt. Der einzige Staat, der dort ausführlich angeklagt wird, ist - Israel."

FR, 16.03.2009

Julia Kospach ist gleich doppelt angetan: vom (Denkmal-) Architekten und Schriftsteller Bogdan Bogdanovic als Person und von einer Ausstellung im Architekturzentrum Wien, die Entwürfe, Zeichnungen und Skizzen des Künstlers zeigt: "Die Schau dokumentiert auch, wie Bogdanovic im Tito-Jugoslawien das erstaunliche Meisterstück gelungen ist, in dem doch eigentlich unbesetzbaren Raum zwischen Parteilinie und Dissidententum seinen Platz zu finden. Von dort aus entwickelte er als Denkmalarchitekt eine Formensprache von solcher Originalität, dass man mit einiger Gewissheit behaupten kann: Der moralinsaure, westliche Anti-Faschismus-Denkmaldiskurs der letzten 20, 30 Jahre hätte sich nie zu solcher Bleischwere entwickeln können, wäre Bogdanovics Ideenfülle zur Memorialarchitektur nicht weitgehend hinter dem Eisernen Vorhang verborgen geblieben."

Weitere Artikel: Christoph Schröder hat bei der Leipziger Buchmesse die Krise gesucht und nicht gefunden, dafür aber den Schatten des E-Books und Debatten zum ost-westdeutschen Verhältnis. Stefan Stickhaus gratuliert dem Dirigenten Sir Roger Norrington zum fünfundsiebzigsten Geburtstag. Christian Thomas hat sich im Internet ein Buchmessen-Interview mit Günter Grass über deutsche Einheit und deutsche Nicht-Einigung angesehen.

Besprochen werden Christian Petzolds Inszenierung von Schnitzlers "Der einsame Weg" am Deutschen Theater und ein Konzert von David Byrne in der Frankfurter Alten Oper.

TAZ, 16.03.2009

Dirk Knipphals wagt sich auf der Leipziger Buchmesse in die Halle 2, zu den Kinder- und Jugendbüchern, den Comics und Fantasyromanen: "So voll wie hier ist es in den seriösen Hallen nur, wenn Wolf Biermann auftritt. Man muss sich den Weg bahnen durch immer neue Horden von als Mangas verkleideten Jugendlichen; Kostümierte erhalten freien Eintritt, aber die Kostüme strahlen mehr als Schnäppchenmentalität. Da ist eine Lust an Selbsterfindung, die beeindruckend ist. Und man ahnt: Die Initiation in die Welt der Bücher findet derzeit für viele Jugendliche über Rollenspiele statt. Vielleicht bekommt man gerade in dieser Halle 2 einen realistischen Blick auf den derzeitigen Buchmarkt. Derzeitig meint: nach dem 'Harry Potter'-Boom. Wenn man mal ohne Hochkultur-Scheuklappen drauf guckt, sind es nämlich die 11- bis 17-jährigen Mädchen, die gerade den deutschen Buchmarkt bestimmen."

Außerdem: Robert Schröpfer schreibt von der Buchmesse über Diskussionen und Bücher zum Mauerfall. Isolde Charim porträtiert die türkische Migrationsforscherin Nermin Abandan-Unat.

Besprochen wird Christian Petzolds Inszenierung Schnitzlers Künstlerdrama "Der einsame Weg" am Deutschen Theater in Berlin: Katrin Bettina Müller konstatiert eine "ungewöhnlich ernste, ironiefreie und texttreue Haltung" Petzolds zur Textvorlage. "Das bekommt etwas von einem Musterschülergestus."

Und Tom.
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NZZ, 16.03.2009

Mona Sarkis schreibt über die Entwicklungen der traditionellen orientalischen Ehe in den letzten 30 Jahren im Nahen Osten, wo die Scheidungsrate steigt, die Kosten für eine Hochzeit ins Unermessliche steigen und junge Frauen immer länger Single bleiben wollen. Das aber gefällt nicht allen: "Nichts stößt dem Leiter der jordanischen Wohltätigkeitseinrichtung 'Al-Afaf' ('Keuschheit') mehr auf als das weibliche Single-Dasein, das sich parallel zum ansteigenden Heiratsalter seit den 1970er Jahren im Nahen Osten ausgebreitet hat. Allein in Jordanien gäbe es 80 000 'dieser egoistischen, ungesunden Frauen unter 35 Jahren', glaubt er. Da sie sich nicht fortpflanzen, hafte ihnen 'die westliche Kultur des Todes' an - und sollten sie es doch tun, wäre es noch unerträglicher. 'Krankheiten, Prostitution, uneheliche Kinder und alleinerziehende Mütter wären die Folgen.' In jedem Fall käme es zu einer Unterminierung der Vaterrolle und so zur Zersetzung des Sozialgefüges."

Weiteres: Barbara Spengler-Axiopoulos blickt auf die desolate Lage Griechenlands, an der sich auch ein halbes Jahr nach den Jugendunruhen nichts geändert hat. Joachim Güntner berichtet von der Leipziger Buchmesse, bei der seiner Meinung nach das Gedränge eher ab- als zugenommen hat (anders als die Leitung der Buchmesse behauptete), Sony sein neues Lesegerät für elektronische Bücher vorstellte und Günter Grass noch einmal die Deutsche Einheit kritisierte.

Besprochen werden Werner Düggelins "schlackenlose" Inszenierung von Camus' "Die Gerechten" am Schauspielhaus Zürich, mehrere Retrospektiven amerikanischer Museen zu Ehren des in Zürich geborenen Fotografen Robert Frank und ein Konzert des Orchestre National Bordeaux Aquitaine in der Tonhalle Zürich.

SZ, 16.03.2009

Bernd Graff bringt im Aufmacher, von ferne wohl ausgelöst durch das Massaker von Winnenden, eine kulturkritische Abhandlung über das Twittern nach Katastrophen und anderen Ereignissen (das für Graff dann doch nicht ganz an die Qualität von SZ-Leitartikeln heranreicht). Andrian Kreye notiert erste Impressionen von der Litcologne. Niklas Hofmann verweist in den "Nachrichten aus dem Netz" auf die ungeheuren Erfolge der Autorin Ayn Rand in der konservativen Blogosphäre in den USA. Sie wurde schon von Reagan geschätzt. Die Hauptfigur in ihrem Roman "Atlas wirft die Welt ab" führt einen "Streik von Unternehmern, Erfindern und Kreativen gegen die Knechtung durch eine sozialistische US-Regierung". Fritz Göttler gratuliert Nadja Tiller zum Achtzigsten. Franziska Augstein begleitet eine Gruppe von Bibliothekaren aus islamischen Ländern auf Bildungsreise durch die deutsche Bibliothekslandschaft. Und Tobias Lehmkuhl schreibt einen launigen Abschlusstext zur Leipziger Buchmesse.

Besprochen werden Christian Petzolds Inszenierung von Schnitzlers "Einsamem Weg" am Deutschen Theater Berlin (und was passiert wenn ein Antierotiker wie Petzold einen Erotomanen wie Schnitzler inszeniert? "Verlangsamt werden die Sätze gesprochen, gedehnte Pausen erzeugen den Pulsschlag des Abends", so Christopher Schmidt in einer aber insgesamt positiven Kritik), Schumanns "Das Paradies und die Peri" in Mannheim, neue DVDs, die Fotoausstellung "VisualLeader" mit Arbeiten, die für die Lead Awards nominiert sind, in den Hamburger Deichtorhallen.

FAZ, 16.03.2009

Sandra Kegel resümiert die Leipziger Buchmesse, bei der die Digitalisierung das große Thema war. Einen Vorgeschmack auf Verlage, die sich der Herausforderung nicht stellen, gibt ihr der Stand des Brockhaus-Verlags, der von der Existenz des Online-Konkurrenten gezeichnet war: "Die gediegene, holzgetäfelte Koje des Verlags, der jüngst von Bertelsmann erworben wurde, will den Anschein von Stabilität und Seriosität vermitteln. Verloren steht der ältere Herr im Anzug an seinem verwaisten Stand. So wie die Masse an ihm vorbeiströmt, ist auch die Zeit über den Verlag hinweggeschritten."

Weitere Artikel: Oliver Jungen lässt in der Leitglosse erste Ereignisse der Litcologne Revue passieren. Oliver Tolmein verweist auf eine Anhörung im Bundestag zum Stand der Abtreibungsgesetzgebung. Nachgedruckt wird ein Nachruf Mario Vargas Llosas auf die peruanische Dichterin Blanca Varela. Auf der letzten Seite wird bedeutenden Zeitgenossen (darunter hier Christa Wolf) zu verschiedenen runden Geburtstagen gratuliert.

Besprochen werden Werner Düggelins Inszenierung von Camus' "Gerechten" in Zürich, ein Konzert von David Byrne in Frankfurt, Christian Petzolds Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Einsamem Weg" am Deutschen Theater Berlin ("Das gesamte Ensemble kämpft unverdrossen mit der ausgeprägten Nicht-Regie von Christian Petzold", schreibt Irene Bazinger) und eine Ausstellung mit Barockbildern aus Dresdner Beständen im Getty Center.