Heute in den Feuilletons

Nichtkatholiken sind im Nachteil

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.11.2008. Die SZ zeichnet den polnischen Streit um ein Weltkriegsmuseum nach. Der FR gehen beim Altar von Merode die Augen auf. Die taz ächzt angesichts von "Palermo Shooting": "Möge Wim Wenders sein Seelenheil gefunden haben!" Die FAZ macht sich Sorgen über das zunehmend ausländerfeindliche Russland.

TAZ, 19.11.2008

"Attitüden und Posen den Film hindurch" macht Dietrich Kuhlbrodt in Wim Wenders? neuem Film "Palermo Shooting" aus, erkannte aber auch, wo sich einer wie Wenders verortet: "Zwischen der Pathetik des deutschen Stummfilms und dem Doppel Michelangelo Antonioni und Ingmar Bergman". "Im Ergebnis wohnen wir einem Weihespiel bei. (...) Sein Dauerthema, die Befindlichkeit des Fotografierenden, hat er schon vor dreißig Jahren angeschlagen. Mit 'Alice in den Städten', unmanipulativ und unmittelbar. 'Palermo Shooting' will jetzt den Seelenzustand ins Erhabene verrücken und verewigen. - Möge Wenders sein Seelenheil gefunden haben."

Weitere Artikel: Gerhard Dilger berichtet vom Amazonas Film Festival im brasilianischen Manaus, wo einige der indigenen Schauspieler aus dem Film "Birdwatchers" des Italochilenen Marco Bechis' über den blutigen Landkonflikt den Spezialpreis der Jury entgegennahmen. Gisa Funck besuchte die restlos ausverkaufte Veranstaltung "Deutschlands größter Erfolgskongress" in Düsseldorf, auf der eine achtköpfige Riege aus so unterschiedlichen Siegertypen wie Ex-US-Präsident Bill Clinton, dem Boxer Henry Maske, RTL-Comedian Atze Schröder und dem Opern singenden Handyverkäufer Paul Potts über das "Geheimnis" ihres Erfolgs referierten. Tania Martini resümiert eine Podiumsdiskussion in der FU Berlin, auf der sich der Politologe Elmar Altvater mit Soziologen und dem Wirtschaftsexperten Hendrik Enderlein über die "Finanzkrise und die Folgen für den Kapitalismus" unterhielt.

Auf der Meinungsseite meint Kerstin Decker, antisemitisch waren die "alten Kommunisten" in der DDR nicht, jedenfalls nicht "vorsätzlich".

Und hier Tom.

FR, 19.11.2008

Im Frankfurter Städel wird eine große Ausstellung der altniederländischer Künstler Künstler Rogier van der Weyden und Meister von Flemalle vorbereitet, für die das New Yorker Metropolitan Museum den berühmten Merode-Altar ausgeliehen hat. Judith von Sterneburg macht schon mal die Augen auf und sieht folgendes: "Nichtkatholiken sind im Nachteil, wenn es zu bemerken gilt, dass der Engel, der in circa einer Sekunde die Aufmerksamkeit der Leserin Maria erregt haben wird, wie ein Diakon in der Messe gekleidet ist. In der Tat trägt er eine weiße Albe mit Gürtel, ein Schulter- und Halstuch, das Amikt heißt, und auf der linken Schulter die Stola, an der der Diakon - lernen wir- zu erkennen ist. Die Verkündigung wird dadurch zu einem liturgischen Vorgang."

Weitere Artikel: Ina Hartwig singt in Times mager eine kleine Hommage auf den Autor Adam Zagajewski und sein gerade bei Hanser erschienenes Porträt des im Pariser Exil lebenden polnischen Aristokraten Jozef Capski. Der Philopsh Christoph Menke versucht sich einen Reim auf die Wahl Barack Obamas zu machen. Besprochen wird Wim, Wenders' neuer Film "Palermo Shooting" (mehr hier), der bei Michael Kohler einen traurigen Eindruck hinterließ.

NZZ, 19.11.2008

Aufregende junge Komponisten hat Alfred Zimmerlin auf den Tagen für Neue Musik in Zürich erlebt, etwa den Schweizer Patrick N. Frank oder den Katalanen Hector Parra: "Lustvoll war die Begegnung vor allem mit zwei Werken des Italieners Mauro Lanza (geb. 1975), in welchen er unter anderem mit Spielzeuginstrumenten ganz eigentümliche Klänge und Formen erschuf. In 'Barocco' für Sopran (Donatienne Michel-Dansac), Viola und Spielzeug quietscht, fiept und klingelt es so eigenwillig, dass es ein Vergnügen ist."

Weiteres: Hoo Nam Seelmann berichtet von einem gemeinsamen Wörterbuch für Nord- und Südkorea, das die sprachlichen Unterschiede nach sechs Jahrzehnten politischer Teilung auffangen soll. Sieglinde Geisel beschäftigt in einem Bericht über die viel diskutierte Berliner Kunsthalle vor allem die Frage, was darin eigentlich gezeigt werden soll.

Besprochen werden Johannes Frieds Geschichte "Das Mittelalter", Svetislav Basaras Roman "Führer in die innere Mongolei", Matthias Zschokkes Erzählung "Auf Reisen" und Gail Jones' Roman "Sechzig Lichter" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Welt, 19.11.2008

Hanns-Georg Rodek ist beeindruckt von dem Film "Novemberkind" mit Anna Maria Mühe. Ein Schriftsteller aus dem Westen spürt hier der Ostbiografie einer jungen Frau und ihren Eltern nach: "'Novemberkind' ist eine Ost-Geschichte, jawohl, aber substanziell auch eine für den Westen, weil sie zeigt, wie auch der sich in Beziehung zum Osten verändert." Zur Kritik gehört ein Interview mit Ulrich Matthes, der den verkrachten West-Autor im "Novemberkind" gibt.

Weitere Artikel: Wieland Freund plädiert pünktlich zum Tag des Vorlesens fürs Vorlesen. Peter Dittmar fürchtet, dass jetzt auch die Unesco-Welterbestadt Regensburg an der Donau ein Brückenproblem hat. Kai-Hinrich Renner sammelt Eindrücke von einer Tagung der arg verzagten Zeitschriftenverleger. Eine ganze Seite ist dem alten Rom gewidmet. Hendrik Werner besucht eine Google-Earth-Seite, in der die Stadt rekonstruiert erscheint. Außerdem werden eine Staffel einer amerikanischen "Rom"-Serie auf DVD und eine ebenfalls auf DVD erscheinende renovierte Fassung des "Quo Vadis"-Films vorgestellt.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Antikriegskunst von 1914 bis 1945 in Berlin, ein Konzert der Band Franz Ferdinand in Berlin und eine Musiktheaterproduktion von Heiner Goebbels ebendort.

Auf der Magazinseite unterhält sich Ulrich Clauß mit dem Autor Tobias Rüther über David Bowies Berliner Jahre - Rüther hat hierüber gerade ein Buch verfasst. Und Dietrich Alexander erzählt vom Prozess um die Ermordung der libanesische Popsängerin Suzanne Tamin in Dubai.

FAZ, 19.11.2008

Alles andere als erfreulich klingen Kerstin Holms neueste Nachrichten aus einem zunehmend ausländerfeindlichen Russland: "Die russische Gesellschaft wird von Gewalt beziehungsweise der Furcht vor Gewalt zusammengehalten. Parallel mit den nichtrussischen Minderheiten und der Einkommensspreizung wachsen die ethnischen Ressentiments. In den Großstädten, wo die meisten Wanderarbeiter aus dem Kaukasus und aus Zentralasien sich verdingen - Moskau, Petersburg, Jekaterinburg, Nischni Nowogorod -, nehmen Hassverbrechen vor allem russischer Jugendlicher auf Migranten stetig zu. Im laufenden Jahr wurden bei rassistischen Übergriffen schon hundertacht Ausländer getötet, ein Drittel mehr als im vergangenen."

Weitere Artikel: Mark Siemons erklärt, dass sich das Image der nach 1980 in China geborenen Einzelkinder, die nun auch "Generation Vogelnest" heißen, durch ihren patriotischen Einsatz bei den Olympischen Spielen verbessert hat. Jürg Altwegg informiert über eine Gruppe situationistisch-anarchistisch inspirierter linker Schauspieler und Intellektueller um den Philosophen Julien Coupat, die nun terroristischer Anschläge auf TGV-Oberleitungen verdächtigt wird. Von der Jahrestagung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz in Leipzig berichtet der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt. Oliver Jungen porträtiert den Schweizer Buchpreisträger Rolf Lappert. Hans-Jörg Rother hat das Filmfestival in Cottbus besucht. Andreas Rossmann informiert, dass das alte Dortmunder "U" wieder auf Hochglanz poliert werden soll. Nicht recht fassen kann Alexander Gallus, dass die Post eine Gedenkmünze zur Erinnerung an die Fusion von KPD und SPD zur SED herausbringt. In der Glosse erinnert sich Marcus Jauer aus Anlass der neuen innerdeutschen Pisa-Studie an seinen ein paar Jahrzehnte zurückliegenden Unterricht in sächsischen Schulen. Werner Spies schreibt zum Tod des Sammlers und Kunsthändlers Jan Krugier. Auf der Medienseite kann die "Kulturzeit"-Moderatorin Tina Mendelssohn über die Behauptung, der Feminismus habe sich durchgesetzt, nur lachen.

Besprochen werden Robert Lepages Inszenierung von Hector Berlioz' "La damnation de Faust" an der New Yorker Met, Wim Wenders neuer Film "Palermo Shooting" und Bücher, darunter Christian Y. Schmidts "Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 19.11.2008

Der Dirigent und Geiger Jean-Christophe Spinosi, Korse mit Wohnsitz in Brest und Barockspezialist, erklärt im Interview, dass seine "Zauberflöte" es bei den Wiener Kritikern ziemlich schwer hatte: "In Wien wird Harnoncourt von der Kritik seit einigen Jahren toleriert und unterstützt, aber in Wahrheit bevorzugt man immer noch den Stil von Karl Böhm."

Weitere Artikel: Thomas Urban berichtet über den Streit in Polen um ein Weltkriegsmuseum: die Gemäßigten plädieren für das "Konzept einer 'europäischen Einbettung' des Kriegsschicksals Polens", die Nationalpatrioten fordern dagegen, dass das Museum "den Ausnahmecharakter des polnischen Kriegsschicksals" herausstellt. Gustav Seibt erhofft sich von Einwanderern einen kreativen und wirtschaftlichen Input für die deutsche Gesellschaft. Die EU soll mehr Geld in Übersetzungen stecken - annonciert ist dieser Aufruf in der SZ als "gemeinsamer Aufruf europäischer Intellektueller, die Unterschriftenliste liest sich dann aber eher französisch. Die Verlegerin Heidi Oetinger erinnert sich an ihrem 100. Geburtstag im Interview an die Zeit mit Astrid Lindgren und James Krüss.

Auf der Medienseite vergeigt Christoph Koch die Chance, den Facebook Gründer Mark Zuckerberg etwas Interessantes zu fragen - zum Beispiel, was muss die SZ tun, damit ich meinen Job behalte? Oder wann wird Facebook so weit sein, dass es auch unsere Gefühle versenden kann?

Besprochen werden Wim Wenders' Film "Palermo Shooting" mit Dennis Hopper und Campino (daneben gibt es ein Gespräch mit Dennis Hopper über seine Rolle als Tod, seine Drogensucht und seine Anfänge beim Film), einige CDs, die Ausstellung "Von der Fläche zum Raum. Malewitsch und die frühe Moderne" in der Kunsthalle Baden-Baden, die Ausstellung "Kassandra. Visionen des Untergangs" im Deutschen Historischen Museum Berlin, die Uraufführung von David Hares Drama "Gethsemane" am Londoner National Theatre, Amelie Niermeyers Inszenierung des "Fidelio" an der Deutschen Oper am Rhein und zwei bildwissenschaftliche Bücher von W. J. T. Mitchell (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).