Heute in den Feuilletons

Mit zehn schnaubenden Rössern

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2008. In der FAZ schaltet sich Alfred Grosser in die Debatte um Henryk M. Broder und den Antisemitismusvorwurf. Die Welt fragt: Sterben für Poti? FR und SZ lauschten Raoul Schrotts donnernder Neuübersetzung der Ilias. Für die SZ reist Richard Swartz außerdem durch Albanien. Die NZZ untersucht die iranische Philosophie.

NZZ, 01.09.2008

Alessandro Topa berichtet über die Philosophie im Iran, die seit jeher neben dem Austausch mit dem Westen um die Bewahrung der eigenen Denktradition bemüht sei. Am Iranian Institute of Philosophy versuchten schon renommierte Philosophen wie Henry Corbin (1903-1978), mit den Vorurteilen gegenüber der iranischen Philosophie aufzuräumen, sie sei bloß hinsichtlich der "Fortpflanzung der Philosophie" von Interesse, sonst jedoch sei "nicht viel daraus zu holen". Seit mit Präsident Ahmadinejad der philosophische Dialog die Bühne "für dubiose Holocaust-Konferenzen" geräumt habe, sei das Interesse an der jeweils anderen Philosophie-Kultur einseitig geworden: "Während jede größere Buchhandlung Teherans eine philosophische Abteilung hat, in der Übersetzungen der Klassiker von Aristoteles bis Wittgenstein stehen, würden wohl nicht wenige Europäer Ibn Sina eher für einen Mann von al-Qaida denn für einen philosophischen Genius halten."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Norbert Hummelt besucht das Haus von Hermann Lenz' Witwe, in dem der Autor schreibend seine letzten Jahre verbrachte und vor dessen Toren schon Peter Handke Schnee geschippt hat. Außerdem: Der Petersburger Germanist und Literaturhistoriker Konstantin M. Asadowski würdigt noch einmal Alexander Solschenizyns Verdienste um Russland, ohne allerdings auf kritische Untertöne zu verzichten.

Welt, 01.09.2008

"Seltsame Wettbewerbsbeiträge" über schwere Frauenschicksale hat Peter Zander mit Barbet Schroeders "Inju, la bete dans l'ombre" und Guillermo Arrigas' "The Burning Plain" in Venedig gesehen. Manuel Brug fleht den Bayreuther Stiftungsrat an, nach acht "wunderbaren" endlich eine Nachfolge für Wolfgang Wagner zu wählen. In der Randspalte erinnert Uwe Wittstock anlässlich des eröffneten Insolvenzverfahrens des Aufbau Verlags an den "Skandal", dass das Bundesfinanzministerium keinerlei Anstalten macht, für die Fehler der Treuhand einzustehen. Jenni Roth berichtet vom Homer-Lesemarathon auf Schloss Corvey, der Philologe Manfred Lossau wirft einen Blick auf die Deutungsgeschichte der "Ilias". Matthias Kamann liest Bischof Wolfgang Hubers Buch "Der christliche Glaube".

Auf der Forumsseite schickt der Autor und Künstler Lars Brandt einen echten Bericht aus Bonn, der zurückgebliebenen Stadt. Gerhard Gnauck fragt vor dem Georgien-Gipfel der EU heute "Sterben für Poti?": "Wenn heute die EU zu ihrem Sondergipfel zusammenkommt, wird sie sich über das Vorgehen des russischen Militärs in der georgischen Hafenstadt Poti den Kopf zerbrechen. Mit der einen Hand das von Sarkozy ausgehandelte Friedenspapier unterschreiben, mit der anderen in Poti weiter Schiffe versenken - das ist keine vertrauensbildende Maßnahme Russlands. Noch tiefer sitzt bei den Europäern der Schock über die Anerkennung zweier Zwergstaaten, auf die eines Tages die Vergrößerung des russischen Staatsgebiets folgen könnte. Und nicht nur in der Schwarzmeerregion ist die Sorge groß, Südossetien und Abchasien könnten nur erste Salamischeibchen sein." (Wir würden allerdings sagen, dass nicht "Europas Demokratien" 1939 "Sterben für Danzig?" gefragt haben, sondern ein französischer Faschist.)

TAZ, 01.09.2008

Die aktuelle taz war heute morgen leider noch nicht online. Deswegen unser Resümee unverlinkt:

In der zweiten taz erzählt Wladimir Kaminer, wie er für einen Film mit dem Titel "Meine kaukasische Schwiegermutter" in den Kaukasus flog und wie seine Frau den ängstlichen deutschen Filmkollegen die Reise schmackhaft zu machen versuchte: "Ja, schrieb meine Frau nach Köln, die Bevölkerung im Kaukasus ist total unfreundlich, sie hauen jedem, statt ihn freundlich zu begrüßen, gleich aufs Maul. Die Geldautomaten stehen zwar an jeder Ecke, zeigen aber immer nur 'Fuck off' an, wenn man seine Karte reinsteckt." Dann kam der Krieg in Südossetien und die Dreharbeiten fielen aus. Und die "übertriebene Gastfreundschaft" im Kaukasus wurde das eigentliche Problem: "Wir tranken, sangen, tanzten und feierten so, wie wir es in dem Film gemacht hätten, nur ohne Kamera."

In ihrem jüngsten "lidokino"-Bericht schwärmt Cristina Nord sehr für Claire Denis' Film "35 Rhums" sowie für den japanischen Animationsfilmer Hayao Miyazaki und sein neuestes Werk: "Bei Miyazaki bleibt nichts, wie es war. Nichts ist statisch, alles hat das Potenzial zur Metamorphose, zur Bewegung und zum Aufbruch. Das macht 'Ponyo on the Cliff by the Sea' so lebendig, reich und dynamisch; kein Wunder, dass der Film bei der Pressevorführung am Sonntagmorgen begeisterten Applaus auslöste."

Weitere Artikel: Gerhard Dilger schreibt über vierzig Jahre Befreiungstheologie. Maxi Oberer berichtet, wie es zur Entscheidung kam, den Kippenbergerschen Kreuzes-Frosch in Bozen nun doch im Museum hängen zu lassen.

Besprochen werden Hans Sahls "Memoiren eines Moralisten" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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FR, 01.09.2008

Christian Thomas war auf Schloss Corvey bei Höxter, wo unter Aufbietung verdienter Kräfte der Hochkultur (Peter Sloterdijk, Angela Winkler, Markus Boysen etc. pp.) die Neuübersetzung der "Ilias" durch Raoul Schrott vorgetragen, diskutiert und in die Geschichte des Abendlands eingeordnet wurde. Thomas hat auch die bereits erstellte Hörspiel-Version der Neuübersetzung gehört. In einer Times Mager erkennt Arno Widmann am Horizont das Ende der europäisch-abendländischen Weltkultur.

Besprochen werden das große Kunst-Event "Hannover goes Fashion", für das gleich zehn Museen über das Verhältnis von Kunst und Mode nachdenken ließen, ein begeisterndes Konzert des Simon-Bolivar-Jugendorchesters in Salzburg, ein Auftritt Peter Steins als Rezitator unter der Überschrift "Faust Fantasia" in Frankfurt, das Frankfurter Aufführungs-Doppel von Peter Hacks' "Gespräch im Hause Stein" und Samuel Becketts "Letztem Band", das Frankfurter Konzert auf Lorin Maazels Abschiedstournee mit den New Yorker Philharmonikern und Jochen Ulrichs Choreografie der Tanz-Fassung von Alfred de Mussets Drama "Lorenzaccio" in Darmstadt.

SZ, 01.09.2008

Willi Winkler war auf Schloss Corvey bei Höxter, wo gleich vier Festtage zum Erscheinen von Raoul Schrotts (mehr) neuer "Ilias"-Übersetzung stattfanden. Der Übersetzung selbst kann Winkler wenig abgewinnen, ein Erlebnis war's trotzdem: "Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott hat das Epos neu übersetzt oder vielmehr neu gedichtet. Seine Version verschmäht jede Anwandlung von Texttreue, galoppiert über Aussage, Versmaß und stilistische Einfühlung mit zehn schnaubenden Rössern hinweg." Angesichts der mitreißenden Lesungen aber versage "jedes philologische Meckern vor der pubertären, ja achilleischen Wucht, mit der Schrott tief in die Reihe seiner Feinde hineinstürmt und alles bisher Dagewesene mit Speer und Pfeil und Schwert und seiner Wortgewalt niederzufetzen sucht."

Weitere Artikel: Im dritten Teil seiner Notizen von einer "Albanischen Reise" erklärt Richard Swartz, was sich in Albanien geändert hat und was nicht: "Im Unterschied zu Enver Hodschas Zeiten ist ... Eigentum höchst ungleich verteilt, doch genau so wie früher kann man nicht sicher sein, dass derjenige, dem es gehört, auf gesetzliche Weise in dessen Besitz gekommen ist." Aus Susan Vahabzadehs Schnelldurchlauf durch die letzten Tage des Filmfestivals von Venedig ragen Claire Denis' neuer Film "35 Rhums" und Hayao Miyazakis Animations-Märchen "Ponyo on the Cliff" heraus. Helmut Mauro beschreibt die neuesten Erkenntnisse von Neurobiologen und Psychologen zur Wirkung von Musik. In den "Nachrichten aus dem Netz" geht es um digitale Landkarten. Auf der Medienseite macht sich Franziska Augstein Gedanken über die Psyche des britischen Journalisten, Publizisten und standhaften Irakkrieg-Befürworters Christopher Hitchens.

Besprochen werden die Uraufführung von Heiner Goebbels' Klangmeditationen "I Went to the House, But Did Not Enter" in Edinburgh, Goethe, Hacks und Beckett zur Spielzeiteröffnung in Frankfurt, die Ausstellung "Grecian taste and Roman spirit: The Society of Dilettanti" in Los Angeles, das Mode-Kunst-Event "Hannover Goes Fashion", "Leucocyte", das letzte Album des Esbjörn Svensson Trios, neue DVDs unter anderem mit Filmen von Volker Schlöndorff und Eric Rohmer und Bücher, darunter der Abschlussband von Hans-Ulrich Wehlers großer "Deutscher Gesellschaftsgeschichte" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 01.09.2008

Der Politologe Alfred Grosser greift ein in die Auseinandersetzung um Henryk M. Broders Antisemitismusvorwürfe gegen Evelyn Hecht-Galinski. Grosser sieht die Vorwürfe nicht nur in diesem Fall als Methode, die sachliche Kritik an Israels Politik zu verhindern: "Einerseits versucht man einzuschüchtern, andererseits breitet man den Schleier des Antisemitismus über das Gesagte aus, um nicht die dargestellten Fakten widerlegen zu müssen. Wenn man dem noch persönliche Beschimpfungen hinzufügt und das Gesagte so verdreht, dass es skandalös erscheint, kann man sicher sein, Aufsehen zu erregen und einige im Allgemeinen schon voreingenommene Geister auf seine Seite zu ziehen. In diesem Sinne schreibt und spricht Henryk M. Broder."

Weitere Artikel: Eher nur "diverse Mittellagen" hat Verena Lueken in der ersten Hälfte des Filmfestivals von Venedig erlebt. Zur heutigen Stiftungsratssitzung zur Zukunft Bayreuths erklärt Julia Spinola (vielleicht) ein letztes Mal, warum die Übergabe der Leitung an Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier keine gute Idee wäre. Marcus Jauer erzählt von den Schwierigkeiten, die eine heute eröffnende Ausstellung nordkoreanischer Kunst in Berlin im Vorfeld zu überwinden hatte. In der Glosse berichtet Gina Thomas, wie die Traditionsveranstaltung der Londonder "Proms" ihre Schatten vorauswirft. Regina Mönch war bei der Eröffnung von Potsdams erstem katholischem Gymnasium. Andreas Platthaus erinnert an den deutschen Universalgelehrten und Japanreisenden Philipp Franz von Siebold, der in Japan bekannter ist als bei uns. Auf der Medienseite stellt Olaf Sundermeyer die Arbeit der Nachrichtenagenturen dpa und ddp in Zeiten medialen Wandels vor.

Besprochen werden Aufführungen von Peter Hacks' "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" und Samuel Becketts "Letztem Band" im Schauspiel Frankfurt, ein Konzert auf der Abschiedstournee von Lorin Maazel mit den New Yorker Philharmonikern in der Frankfurter Alten Oper, die Dortmunder Ausstellung "Evet - Ja, ich will" über deutsche und türkische Hochzeitskultur, die Ausstellung "Absoult Kirkeby" im Louisiana Museum und Bücher, darunter Günter Kunerts Essayband "Auskunft für den Notfall" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).