Heute in den Feuilletons

Nichts, nirgends, nie

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.07.2008. Plebiszit ist, wenn wenige abstimmen und viele die Folgen tragen müssen, meint Alfred Grosser im Rheinischen Merkur und ist darum gar nicht mit Jürgen Habermas einverstanden. Die taz fürchtet um die unabhängige Kulturszene in Erfurt. Die Blogs befassen sich mal wieder mit der Zeitungskrise. Die SZ besingt die Blüte der dänischen Architektur. Die FAZ wendet sich gegen Sterbehilfe.

Weitere Medien, 11.07.2008

Scharf und witzig wendet sich der große alte Alfred Grosser im Rheinischen Merkur gegen die Forderung des großen alten Jürgen Habermas nach einem EU-Referendum: "Auf welcher Ebene darf ein Projekt abgelehnt werden, das für eine größere Gemeinschaft als die lokal betroffene von Nutzen ist? Eine Brücke in Dresden, eine Startbahn in Frankfurt sind nur kleine Beispiele. Das 'Volk' der Gemeinde, das über die Einrichtung eines neuen Altersheims für Alzheimer-Kranke oder über ein neues psychiatrisches Krankenhaus entscheidet, wird seine Stimme nach dem ironischen Prinzip 'Nimby' (not in my backyard, nicht in meinem Hinterhof) abgeben, was dann zu 'Banana' führt (build absolutely nothing anywhere nor anytime, nichts, nirgends, nie)."

NZZ, 11.07.2008

Alexandra Stäheli schickt ihre Eindrücke vom Shanghai International Film Festival: "In allen Lebenslagen tauchen auch sofort wieder überall die paradoxen Botschaften auf, gerät man ins Schielen über einer Logik, die sich elegant und zierlich gabelt wie die Pinselstriche der omnipräsenten Kalligrafie. So erinnern etwa an internationale A-Festivals wie Cannes zwar das schnittige Corporate-Design des SIFF und die glamouröse Starparade, die am Eröffnungsabend über den roten Teppich gefunkelt ist, doch im Festivalalltag wird ein Unterschied sofort augenfällig: Mit der Internationalität stimmt irgendwas nicht. Sie gibt sich, wie so vieles in dieser Stadt, bald als schöner Schein zu erkennen, der mit Hingabe, Charme und einem beachtlichen Aufmarsch an Personal gepflegt wird. An den hochoffiziellen Presseveranstaltungen jedenfalls ist kein einziger westlicher Journalist - ja, überhaupt ein Journalist? - anzutreffen, die politischen Proteste im Vorfeld der Olympischen Spiele haben ihre Wirkung getan."

Gute Arbeit attestiert Uwe Justus Wenzel dem Grundsatzreferat des Bundespräsidialamts für die Veranstaltung "Vielfalt der Moderne - Ansichten der Moderne", fragt sich aber, warum Deutschlands reiche Stiftungen - Holtzbrinck, Quandt - "dem Oberhaupt eines verschuldeten Gemeinwesens eine philosophisch-soziologische Fortbildung finanzieren". Joachim Güntner berichtet von der Zeit-Sommerakademie zur "Stadt und Urbanität im 21. Jahrhundert".

Besprochen werden eine Ausstellung zu Bernard Buffet im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, das Album "Knowle West Boy" des TripHoppers Tricky sowie namenlose Album des New Yorker Rappers Nas.

Auf der Medienseite berichtet Stephan Russ-Mohl vom Kampf der Los Angeles Times gegen den stetigen Abstieg. Heribert Seifert nimmt das neue Magazin für Geisteswissenschaften Recherche unter die Lupe und sieht, vorsichtig formuliert, noch Entwickluingspotenzial.

TAZ, 11.07.2008

Der Kulturszene in Erfurt wird ihr unabhängiges Herz herausgerissen, klagt DirkTeschner. Das Kunsthaus wird nicht mehr unterstützt, das Projekt ef.29 gibt es nicht mehr. "Seit November 2004 wurden die Räume des thüringenweit bekannten ehemaligen Einrichtungshauses Weinreiter von einer Gruppe junger Architekten zu neuem Leben erweckt. Im 1907 errichteten Möbelhaus wurde versucht, neue Formen des Arbeiten und Lebens miteinander zu verknüpfen. Das Projekt ef.29 verband neben dem Architekturbüro 'infern*' mit angeschlossener Galerie das Cafe togo und den Laden für Wohnkunst, 'neuwerk', miteinander. Mit minimalen Eingriffen und geringen finanziellen Mitteln wurde ein Ort der Kommunikation geschaffen. Es gab etliche Ausstellungen, Filmabende, DJs legten regelmäßig auf. In den anderen Etagen des Hauses mieteten Künstler große preiswerte Ateliers und Wohnungen an. Alle mussten Anfang Juli das Haus verlassen. Es wird totsaniert."

Weitere Artikel: Etwas verquält und allzu wohlwollend geriet die Eröffnung einer Ausstellung mit Bildern von 23 afghanischen Malerinnen in der Sächsischen Landesvertretung in Berlin, moniert Werke Maryam Schumacher. Auf den vorderen Seiten begutachtet Johannes Gernert den Platin-Erfolg der singenden Zisterzienser-Mönche des österreichischen Heiligenkreuz-Klosters: Mittlerweile "haben die Zisterzienser in den britischen Top Ten Madonna und Amy Winehouse überholt." In der zweiten taz hört sich Waltraud Schwab die allerletzte Abschiedsvorlesung von Gesine Schwan an der Viadrina-Universität an, die auch das Programm ihrer Kandidatur als Bundespräsidentin enthielt. Klaus Raab erfährt im Medienteil von Sandra Müller von der Initiative Fair Radio, dass wohl auch in deutschen Radios viel PR passiert.

Besprochen werden drei Beispiele der Musica Mestiza, die alle "viel besser" sind als das neue Werk von Manu Chao.

Und Tom.
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Aus den Blogs, 11.07.2008

Die Zeitungskrise beschäftigt mal wieder die (häufig in viel kritischerer Lage befindlichen) Blogs. Ole Reißmann schreibt in Medienlese anlässlich neuer Entlassungswellen in den USA: "Die Zukunft der Zeitung liegt nach Ansicht vieler Kommentatoren im Internet - und der Umbruch hin zur digitalen Zeitung kostet momentan Tausende Jobs. Die Reichweite der Medien steigt durch das Internet derzeit rapide an, die Leserschaft wird größer. Gleichzeitig wird weniger Geld verdient, dieses Paradox führt gerade zur Zeitungskrise in den USA." Auch Thomas Knüwer trägt in Indiskretion Ehrensache zum Thema bei.

Netzpolitik zitiert aus einer Rede Wolfgang Schäubles zur Informationsgesellschaft: "Es ist nicht Aufgabe des Staates, den Bürgern vorzuschreiben, wie sie mit den Freiheiten etwa des Internets umzugehen haben. Der Staat soll lediglich individuelle Rechte schützen und einen Ordnungsrahmen bereitstellen, in dem Freiheit sich entfalten kann. Je verantwortungsvoller Nutzer mit dem Internet umgehen, desto weniger muss der Staat regulierend eingreifen." Ohje ohje, da will man ja glatt erstmal illegal downloaden gehen!

FR, 11.07.2008

Einen deprimierenden Rückblick auf 1968 und das Kino leistet Daniel Kothenschulte: Kaum jemand in Deutschland hat sich für Godard, Antonioni oder Bergmann interessiert: "Kassenhit des Jahres wurde der biedere Aufklärungsfilm 'Helga', und auf Platz vier bahnt sich mit Franz Antels 'Die Wirtin von der Lahn' die Sexklamotte ihren Weg, die bis in die späten siebziger Jahre das kommerziell erfolgreichste Produkt deutschen Filmschaffens bleiben wird."

Bevor Frankreich vor Aufregung geplatzt wäre, hat Carla Brunis Plattenfirma das neue Album der Premiere Dame "Comme si de rien n'etait" zehn Tage früher als geplant in Europas Läden verschickt. Jana Schulze trägt es mit Fassung: "Madame zupft munter die Gitarre, und ohne ein 'mmmhh, mmmhh, mmmhh' kommt sowieso keines ihrer Lieder aus."

Weiteres: Christian Thomas schildert die Bemühungen, das Karussell in Hanau-Wilhelmsbad wieder zu beleben. In Times Mager erklärt Judith von Sternburg die neueste Erkenntnis, nach der Menschen gegenüber Roboter aggressiver sind als gegenüber Menschen. Knut Krohn berichtet, dass Günter Grass in Danzig nun eine Galerie erhält, "nur einen Steinwurf von Marienkirche und Königskapelle entfernt". Auf der Medienseite beerdigt Daland Segler die Revue.

Besprochen werden das Ausstellungsprojekt "Islands + Ghettos" im Heidelberger Kunstverein und Franz Baermann Steiners Schriften zu "Zivilisation und Gefahr".

SZ, 11.07.2008

Till Briegleb beschreibt die in den 90er Jahren einsetzende Blüte der dänischen Architektur, die Büros wie der Bjarke Ingels Group (hier ihr Entwurf zum Stadtquartiert "The Battery"), Mutopia, 3xNielsen, Henning Larsen zu verdanken ist. "Aufregende Entwürfe und hohe Aufenthaltsqualität wollen dabei ganz in der Tradition des dänischen Designs so vereint sein, dass Oerestad jene fröhliche Urbanität ausstrahlt, auf die der Däne so stolz ist. BIG etwa bauen hier einen bunten Komplex, der Büros, Reihenhäuser und Etagenwohnungen in Form der Zahl acht stapelt und dessen Clou eine durchgängige Serpentine ist, die es erlaubt, mit dem Fahrrad bis in den zehnten Stock zu radeln. Dänische Radprofis können hier Anschauungsunterricht nehmen, wie man auch ohne Doping die Berge rauf kommt."

Weitere Artikel: Heute erscheint Carla Brunis neue CD über ihre Liebhaber - "musikalisch nicht sehr interessant", meint Alex Rühle im Aufmacher. Burkhard Müller freut sich über all die schönen Sommerfestivals in Deutschland. Über eine Etappe im "Esra"-Rechtsstreit um Schadenersatzansprüche gegen Maxim Biller informiert uns Lothar Müller: das erstinstanzliche Urteil, wonach Biller 50.000 Euro an seine frühere Geliebte hätte zahlen müssen, wurde aufgehoben. Nicht der Vietnamkrieg, sondern der Prager Frühling war die Essenz von "68", meint Richard Swartz. Jürgen Berger schreibt zum Auftakt des Theaterfestivals in Avignon. Ingo Petz besucht die Krim und findet einige Künstler, die sich noch daran erinnern, wie multikulturell es dort mal zuging.

Besprochen werden die Ausstellung "Einar Schleef. Der Maler" im Landeskunstmuseum Moritzburg in Halle, Ira Sachs' Film "Married Life", die Aufführung von Howard Shores Oper "The Fly" am Pariser Chatelet und Bücher, darunter J.M. Coetzees "Tagebuch eines schlimmen Jahres" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 11.07.2008

Thomas Vitzthum schildert am Beispiel der "Freunde der Preußischen Schlösser und Gärten" (in deren Kuratorium auch ein gewisser Dr. Mathias Döpfner sitzt) und ihres segensreichen Wirkens für Potsdamer Baudenkmäler die Rückkehr des bürgerschaftlichen Engagements. Hendrik Werner schreibt zum Tod des niederländischen Krimiautors Janwillem de Wetering. Peter Zander meldet in der Leitglosse ein Ende der Streiks in Hollywood - trotz mancher Differenzen zwischen einzelnen Gewerkschaften. Eckhard Fuhr annonciert eine Serie und Aktion von Arte, mit deren Hilfe Europas beliebteste Dramatiker gekürt werden sollen. Eberhard von Elterlein weist auf ein Berliner Independent Filmfestival hin, das sich darauf spezialisiert, Filme zu zeigen, die in Deutschland keinen Verleih gefunden haben. Dankwart Guratzsch erinnert an den Architekten Carl Schäfer, der vor hundert Jahren mit filigranen Türmen die Kathedrale von Meißen vollendete.

Besprochen werden der "Siegfried" unter Simon Rattle in Aix, eine Ausstellung mit Moskauer Konzeptkunst in der Schirn und Lars Beckers Fernsehfilm "Die Weisheit der Wolken".

FAZ, 11.07.2008

Sterbehilfe gehört zu den Kernkompetenzen dieses Feuilletons - da kocht der Chef selbst. Frank Schirrmacher greift in die Debatte um den Sterbehelfer Roger Kusch ein, der mit seiner Idee eines selbstbestimmten Todes nicht den Tod, sondern das Leben ökonomisiere: "Denn Alternde, die sich zunehmend als ökonomische Last begreifen, als Last für ihre Familie und die Gesellschaft, in der sie leben, haben in einer Gesellschaft, die den Selbstmord legitimiert und unterstützt, den absoluten Schutz verloren."

Weitere Artikel: In der Reihe über "Kafkas Sätze" meditiert Hans Magnus Enzensberger über den Satz "Nichts, wenn man es überlegt, kann dazu verlocken, in einem Wettbewerb der erste sein zu wollen." In der Leitglosse nimmt Andreas Kilb zur Frage Stellung, ob Barack Obama vorm Brandenbruger Tor reden dürfe. Gemeldet wird, dass Rushdies "Mitternachtskinder" zum besten aller mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Bücher gewählt wurde. Jürgen Kaube informiert über Streit und Vorstandswahlen im Literaturarchiv Marbach. Joseph Croitoru schreibt zum Tod des Kunsthistorikers Bezalel Narkiss. Katja Gelinsky verfolgt eine vor dem Supreme Court ausgetragene Auseinandersetzung zwischen Walschützern und der US-Marine zur Frage, ob U-Boote Sonargeräte einsetzen dürfen. Camilla Blechen begrüßt die Sammlung Scharf-Gerstenberg an ihrem künftigen Sitz, dem Stüler-Bau am Charlottenburger Schloss.

Auf der Medienseite porträtiert Matthias Rüb den superreichen Radiomoderator Rush Limbaugh (ihm war auch im letzten New York Times Magazine ein epischer Artikel gewidmet), der mit seinen Sendungen für die Republikaner eintreten wird. Gemeldet wird eine Rochade zwischen einigen Springer-Chefredakteuren.

Auf der letzten Seite unterhält sich Ineke Holtwijk mit dem brasilianischen Indianerforscher Sydney Possuelo, der die jüngst veröffentlichten Luftaufnahmen eines wenig bekannten Indianerstamms verteidigt, weil sie den Beweis erbringen, dass die von ihm bewohnten Gebiete geschützt werden müssen. Andreas Rossmann zitiert eine Umfrage zu den Erwartungen des Publikums im Ruhrgebiet in punkto Kulturhauptstadtjahr 2010. Gina Thomas denkt über mögliche Parallelen zwischen Gordon Brown und Heathcliff aus "Wuthering Heights" nach.

Besprochen werden Pepe Planitzers Filmkomödie "Allealle", Puccinis selten gespielte Oper "Edgar" in Turin und neue Sachbücher, darunter Martha C. Nussbaums nur auf englisch vorliegende Studie "Liberty of Conscience - In Defense of America's Tradition of Religious Equality".