Heute in den Feuilletons

Schauen, wo wir mitmachen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.04.2008. Die NZZ sieht die Basler Architekten Herzog & de Meuron mit ihrem Olympiastadion zu Handlangern des chinesischen Regimes werden. In der taz warnt Verfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem vor Gefahren für die Pressefreiheit, die weniger vom Staat als aus der Wirtschaft kommen. In der FR erklärt der ukrainische Germanist Jurko Prochasko, warum die Ukraine in die EU gehört. In der SZ sieht Charles Simic schwarz für Serbien. In der FAZ und der Welt bayreuthet es sehr.

NZZ, 14.04.2008

Roman Hollenstein hält Architekten wie Herzog und de Meuron noch einmal ihre "Blauäugigkeit" vor, mit der sie den chinesischen Machthabern ihre Monumente errichtet haben: "Sie erstaunt aber auch deswegen, weil Jacques Herzog noch 2001 in dieser Zeitung meinte: Aus Gründen des Branding 'müssen wir schauen, wo wir mitmachen'. Statt von den Olympischen Spielen zu profitieren, könnte ihre Marke jetzt, da sich die versprochene Verbesserung der Menschenrechtssituation als reines Lippenbekenntnis der Machthaber erwiesen hat, Schaden nehmen. Gleichzeitig müssen Herzog & de Meuron einsehen, dass sie mit ihrem Engagement zu Handlangern eines unzimperlichen Regimes geworden sind. Mehr noch als Koolhaas' CCTV-Hochhaus, der neue Pekinger Flughafen von Norman Foster oder der blaue Blasenkörper der Schwimmhalle von PTW Architects aus Sydney könnte das zeichenhafte Olympiastadion zudem - ähnlich wie bereits die elegant gestylte olympische Fackel - zum Symbol eines China werden, das Dissidente, Bürgerrechtler sowie Minderheiten unterdrückt und in Tibet ein ganzes Volk in die Knie zwingt."

In einer ganzseitigen Reportage schildert Michael Marek, wie er in Vietnam den letzten Überlebenden des Massakers von My Lai, Pham Thanh Cong, getroffen hat: "Nach der Befreiung hatte ich ein schreckliches Leben - ohne Kindheit, ohne Vater und Mutter."

Weiteres: Als eine der schönsten Ausstellungen der letzten Jahre preist Andrea Köhler die Schau "Poussin and Nature" im New Yorker Metropolitan Museum. Marc Zitzmann freut sich, dass Jerome Deschamps neues Leben in die Pariser Opera Comique gebracht hat. Joachim Güntner stellt Gholam Dastgir Behbud vor, der in Kabul das Institut für Germanistik leitet und für seine Bemühungen, Afghanen Deutsch beizubringen, mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wurde.

Spiegel Online, 14.04.2008

Die russische Künstlerin Anna Michaltschuk ist tot in der Spree aufgefunden worden. Die Polizei vermutet Selbstmord. Sie war Mitorganisatorin einer Moskauer Ausstellung die vor drei Jahren gewaltsam aufgelöst worden war - mit folgendem Schauprozess. Michael Sontheimer erinnert in einem Nachruf vom Freitag, den wir zu spät entdeckten: "Antisemitische und nationalistische Beschimpfungen begleiteten den monatelangen Prozess, der für die zarte, oft schweigsame Jüdin Anna Altschuk, die auch Lyrik verfasste und sich keineswegs als politische Galionsfigur verstand, ein zutiefst traumatisches Erlebnis. Obgleich der Prozess mit einem Freispruch endete, fühlte sie sich verfolgt - und sie wurde de facto verfolgt. Über den Prozess als ein Symptom für die russische Gesellschaft der Gegenwart veröffentlichte ihr Mann Michail Ryklin 2006 im Suhrkamp-Verlag das dokumentarisch-analytische Buch 'Mit dem Recht des Stärkeren'."

TAZ, 14.04.2008

Wolfgang Hoffmann-Riem war bis vor kurzem Richter im Ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts und dort zuständig für Medienrechtsfragen. Christian Rath will im Interview von ihm wissen, ob das Gericht noch so eindeutig wie früher auf der Seite der Pressefreiheit steht. "Die Gefahren durch den Staat werden meist überschätzt. Sollten heute Staatsvertreter die Presse durch Anrufe beim Verleger oder durch Polizeimaßnahmen einzuschüchtern versuchen, dann geht das doch in der Regel nach hinten los, weil sich sofort die gesamte Presselandschaft solidarisiert. Heute wird die Schere im Kopf der Journalisten weit weniger aktiviert, um politisches Anecken zu vermeiden, wohl aber aus ökonomischen Rücksichten."

Weiteres: Im Feuilleton resümiert Rudolf Walther eine Luxemburger Tagung über 1968 und den Prager Frühling. In der Berlin-Kultur berichtet Ekkehard Knörer über die Tagung "Zukunft Kino - The End of the Reel World" in der Akademie der Künste. In einer Rezension abgehandelt werden Hans-Hendrik Grimmlings Autobiografie "Die Umerziehung der Vögel. Ein Malerleben" und Cornelia Schleimes ebenso autobiografisch inspiriertes Prosastück "Weit fort" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Medienteil wehrt sich der designierte ARD-Chef Peter Boudgoust im Gespräch mit Steffen Grimberg gegen die geplante Novelle des Rundfunkstaatsvertrags und die darin enthaltene Beschneidung der ARD-Onlineaktivitäten. "Wir erleben im Moment eine zugespitzte Debatte, bei der versucht wird, eine künstliche Aufteilung der Online-Angebote vorzunehmen: hier Text, dort Video. Dabei ist das Multimediale - also die Verbindung von Text, Bild, Audio und Video - doch gerade das Kennzeichen eines gut gemachten Online-Angebots, bei den Auftritten der Verlage ebenso wie bei unseren. Das Gerede von der 'elektronischen Presse' geht völlig an der Realität vorbei, da jagt man einer Schimäre nach. So etwas sollte nicht zur Grundlage eines Gesetzes gemacht werden."

Und Tom.
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Aus den Blogs, 14.04.2008

Nachdem die Berliner ARD-Sendung "Polylux" einer von Internetpiraten inszenierten Fälschung aufgesessen ist, plädiert Oliver Gehrs im Dummyblog für eine Absetzung der Sendung: "Der RBB darf ja nicht viel zuliefern zum ARD-Programm - umso seltsamer, dass er einen Sendeplatz so verschleudert. Und möglicherweise nur damit erklärbar, was Programmverantwortliche hinter vorgehaltener Hand erzählen. Dass Polylux nämlich quasi unabsetzbar ist - aufgrund familiärer Bindungen. Tita von Hardenbergs Mutter, Gräfin Isa von Hardenberg sitzt nämlich in verschiedenen wichtigen Kaffeekränzchen, und die Angst vor der Rache dieses konservativen Netzwerks lässt den RBB in Paralyse verharren."
Stichwörter: ARD, Isa von Hardenberg, Mutter

FR, 14.04.2008

Der ukrainische Germanist Jurko Prochasko erklärt, warum er möchte, dass die Ukraine EU-Mitglied wird: "Ich möchte auf die EU nicht nur sauer oder eifersüchtig sein können, sondern auch stolz. Das geht nur, wenn man dazugehört. Ich möchte nicht auf das Gefühl Europas verzichten, das für meine Großeltern selbstverständlich war: Geburtsort Ostgalizien, Urlaubsorte Adria und Norwegen, Studienort Karlsruhe, Arbeitsort Wien, Kurort Bad Nauheim, Sterbeort Ostgalizien. Ich möchte mir allerdings zwei Orte aus dem europäischen Lebenslauf meiner Großeltern ersparen: den Kampfort an der italienischen Front im Ersten Weltkrieg und den Verbannungsort Sibirien nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass das etwas weniger wahrscheinlich wird, verbinde ich mit der Zugehörigkeit zur EU."

Weitere Artikel: Dietmar Ostermann hat sich das neue Washingtoner Nachrichten-Museum "Newseum" angesehen. Harry Nutt war dabei, als der von der Bahn wenig geliebte "Zug der Erinnerung" im Berliner Ostbahnhof einfuhr. Von der Münchner Ballettfestwoche berichtet Sylvia Staude. Judith von Sternburg widmet der Tatsache, dass Tunesier und Inder die besten Spaghetti kochen, eine Times Mager.

Besprochen werden die Regensburger Uraufführung von Eva Demskis Dramen-Erstling "Blaue Donau", die Detmolder Uraufführung von Giselher Klebes Oper "Chlestakows Wiederkehr", Stefan Ottenis Bonner "Clavigo"-Inszenierung und Cormac McCarthys Roman "Kein Land für alte Männer" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 14.04.2008

Wenig Hoffnung für Serbien hat der in Belgrad geborene und 1953 in die USA emigrierte Dichter Charles Simic. "'Das Leben muss aufhören, bis der Kosovo an Serbien zurückgegeben wird', umschrieb einer meiner Freunde die Botschaft, die [Ministerpräsident] Kostunica nach der Unabhängigkeitserklärung für sein Volk hatte. Er fordert zum Beispiel, dass Länder, die den Kosovo anerkannt haben, ihre Entscheidung annullieren. Anderenfalls wolle Serbien nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Mit anderen Worten: Es wird also entweder die Vergangenheit wiederhergestellt, oder wir werden, hauptsächlich mit der Unterstützung Russlands, in die Isolation gehen. Eine Nation, die unfähig ist, ihre prekäre Lage zu begreifen - was könnte dem Rest der Welt ermüdender und sinnloser vorkommen?"

Weitere Artikel: In seinen Nachrichten aus dem Netz stellt Niklas Hofmann einen populären Film über die Warenwirtschaft vor: Annie Leonards Animationsfilm "The Story of Stuff". Der CDU-Politiker Norbert Lammert verteidigt die politische Entscheidung, einen "Deutschen Ethikrat" einzuberufen, gegen Vorwürfe, "Bundestag und Bundesregierung seien mehr an Legitimationsbeschaffung für längst getroffene politische Entscheidungen interessiert als an ethischer Beratung". Sonja Zekri hat das Genozid-Museum in Eriwan besucht. Der "Zug der Erinnerung" durfte am Sonntag am Berliner Ostbahnhof halten, meldet Philip Grassmann. Arnd Wesemann meldet die Europäischen Theaterpreise. Klaus Brill berichtet über ein Prager Symposion zu Egon Erwin Kisch. Auf der Medienseite stellt Reymer Klüver das gerade in Washington eröffnete Newseum vor, "das größte, das teuerste Medienmuseum der Welt". Auf der Meinungsseite kommentiert Stephan Speicher die jüngsten Entwicklungen in der Nachfolge für Bayreuth: "Mord unter Verwandten".

Besprochen werden die Reinhard J. Brembeck aus dem Sessel hebende Aufführung von Luigi Cherubinis restaurierter Oper "Medee" mit Krzysztof Warlikowski und Christophe Rousset in Brüssel ("Selten war eine Zigarette danach so gerechtfertigt wie hier, am Ende der Scheidungssache Medee - Jason"), die Ausstellung "Volles Risiko! Glücksspiel von der Antike bis heute" im Badischen Landesmuseum Karlsruhe, eine Ausstellung mit Andre Zuccas Farbfotografien aus dem von Deutschen besetzten Paris, Rob Stewarts dokumentarischer Öko-Filmkrimi "Sharkwater", Uraufführungen von Tanzstücken von Sandroni, Schläpfer und Van Manen mit dem Bayerischen Staatsballett, Filme von Monte Hellman, Robert Aldrich und Asger Leth auf DVD und Bücher, darunter Harald Welzers "Klimakriege" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 14.04.2008

In einem Brief an den Bayreuther Stiftungsrat verspricht Wolfgang Wagner, endlich abzutreten, falls seine Töchter aus unterschiedlichen Ehen Eva und Katharina das Zepter gemeinsam übernehmen würden. Die sind bereit, und Wieland Wagners Tochter Nike ist ausgebootet. Manuel Brug kommentiert: "Man kann sich wunderbar ausmalen, wie seifenopernähnlich es jetzt hinter den Wahnfried-Kulissen zugehen wird. Denn der bis auf das schwarze Schaf Gottfried plötzlich wiedervereinte Wolfgang-Stamm triumphiert wohlmöglich nun doch über die Linie Wielands in Gestalt von dessen zu spitzzüngiger Tochter Nike." Katharina Wagner lässt sich von Brug zum dynastischen Coup auch interviewen.

Weitere Artikel. Wieland Freund annonciert neue, irgendwie umwälzende Folgen der Perry-Rhodan-Serie. Tilman Krause resümiert ein vom Springer-Verlag organisiertes Gespräch über "60 Jahre Israel - was sagt die Literatur dazu?" mit Amos Oz, Katharina Hacker und Michael Krüger. Hanns-Georg Rodek spekuliert über die Filme des Festivals von Cannes, das sein Programm in dieser Woche vorstellt. Johanna Schmeller meldet, dass der Münchner Stadtrat den Architekturwettbewerb für das NS-Dokumentationszentrum ausgeschrieben hat. Hans Christof Wagner denkt über die Folgen des Klimawandels für deutsche Landschaftsgärten nach. Und Alexander Cammann resümiert ein Gespräch über Rundfunk und Literatur nach der Wende in der Berliner Akademie der Künste. In einer Meldung wird über einen vorzeitigen Abgang Kent Naganos von seinem Posten an der Münchner Staatsoper spekuliert.

Besprochen wird die US-Kunst-Biennale im New Yorker Whitney Museum.

FAZ, 14.04.2008

Es bayreuthet sehr auf der Aufmacherseite. Julia Spinola ist gar nicht begeistert von der jetzt ins Spiel gebrachten Halbschwestern-Kombi Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier: "In einer Verkettung wechselseitiger Erpressungen, inoffizieller Absprachen und vorab getroffener Entscheidungen steuern die Mitglieder des Stiftungsrates auf eine Kompromisslösung zu, deren Logik die Logik des kleinsten gemeinsamen Nenners ist." In trockenen Tüchern ist noch gar nichts, wie Katharina versichert, die kein gemeinsames Konzept mit Eva hat: "Wir haben jetzt erst einmal gemailt, und vereinbart, in den nächsten Tagen zu telefonieren." Die natürlich gar nicht lachende Dritte Nike Wagner meint: "Es ist wie in den Scheindemokratien a la Russland und China: Die Entscheidung liegt schon fest, weil sie politisch bequem ist, der Rest ist 'Wahl'-Inszenierung."

Weitere Artikel: Mark Siemons stellt fest, dass die globale China-Kritik den Reformern in China im Moment gar nicht hilft - ganz im Gegenteil: die Nationalisten sehen sich durch vermeintliche westliche Propagandalügen bestärkt. Joachim Müller-Jung stellt neue Theorien von Hirnforschern vor, die weiter bemüht sind, "den freien Willen unter einem Netz von neuronalen Entschluss-Anbahnungs-Autoritäten zu begraben". In der Glosse referiert Kerstin Holm, was die russische Karrieregattin und Nur-Ehefrau Hella aus ihrem Leben berichtet. Nicht so gut klingt, was Dirk Schümer aus dem italienischen Universitätsbetrieb berichtet: da geht es bei Prüfungen und Examen zu wie in der "Pizzabude". Wiebke Hüster porträtiert den Tänzer Vladimir Malakhov, der seinen Vertrag als Intendant des Berliner Staatsballets nun um fünf Jahre verlängert hat.

Ingo Niermann berichtet von einer offenkundig etwas seltsamen Veranstaltung, mit der im nordvorpommerschen Landsdorf die erstmalige Verleihung des "Sinecure"-Stipendiums, und zwar an den Dichter Ralf Thenior, begangen wurde. Zur Eröffnung des neuen, spektakulären Osloer Opernhauses ist Wolfgang Sandner nach Norwegen gereist. Philip Manow gratuliert dem Politologen Gerhard Lehmbruch zum Achtzigsten. Gerhard Stadelmaier würdigt den - dem breiten Publikum vor allem als Tatort-Kommissar bekannten - im Alter von 81 Jahren verstorbenen Schauspieler Dieter Eppler. Auf der Medienseite denkt Sabine Sasse über die Umwälzungen nach, die die Digitalisierung für den Medienmarkt bedeutet.

Besprochen werden die Madrider Austellung "Goya in Zeiten des Krieges", die Regensburger Uraufführung von Eva Demskis Dramen-Debüt "Blaue Donau", und Bücher, darunter die von Ilma Rakusa und Mohammed Bennis herausgegebene Anthologie "Die Minze erblüht in der Minze"(mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).