Heute in den Feuilletons

"Mosebach in Bestform"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.10.2007. Die Frankfurter Zeitungen sind mit dem Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach hochzufrieden. In Bestform sei er bei seiner Büchner-Preisrede gewesen, meint die FR. Die FAZ ist ergriffen von Mosebachs Auseinandersetzung mit Büchner. Auch die NZZ findet: fulminant. Die Welt meint aber, dass selbst Mosebach einige Vorteile der Moderne hätte wahrnehmen dürfen.

FR, 29.10.2007

In Darmstadt hat Ina Hartwig einen "Mosebach in Bestform" erlebt, wie sie angeregt zu Protokoll gibt. Sogar mit dem umstürzlerischen Büchner harmonierte der Preisträger irgendwie. "Die Monarchie, die Revolution, ihre Pervertierung als deutsche 'Anständigkeit'; die Humanität und die Volksdichtung: so unbescheiden verlief der Bogen, den Mosebach unter den Titel 'Ultima ratio regis' (Das letzte Mittel des Königs) stellte. Das geradezu revolutionäre Timbre ließen einen auf den Gedanken verfallen, ob hier nicht ein talentierter Klassenkämpfer rede. Was aber nur auf die inneren Widersprüche hinweist - nichts liegt Mosebach ferner als der Klassenkampf -, mit denen die Kunst, die Büchnersche Kunst, sich über die Politik und die Geschichte erhebt."

Arno Widmann bemerkt in der neuen Ausstellung im Dokumentationszentrum Bergen-Belsen, dass eine "Holocaustreligion" entsteht. Das hat - auch - mit dem neuen Gebäude zu tun: "Wer sich daran erinnert, wie Jean-Louis Trintingnant 1970 in Bernardo Bertoluccis Moravia-Verfilmung 'Il Conformista' in den großen Hallen des faschistischen Italiens gleichzeitig gedemütigt und erhoben wurde, der hat eine Vorstellung, worum es dem Architekturbüro Engel und Zimmermann ging."

Weiteres: Hans-Jürgen Linke meldet sich vom Frankfurter Jazzfestival. Harry Nutt schildert die Lübecker Geburtstagsfeier für Günter Grass. In einer Times mager fragt sich Martin Dahms, wer nun schuld ist am Wassereinbruch in Valencias Opernhaus. Eine Besprechung widmet sich den Beobachtungen über "Otto Normalabweicher" von Jürgen Kaube (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 29.10.2007

Joachim Güntner hat sich Martin Mosebachs Dankesrede zur Verleihung des Büchnerpreises angehört: "Sie war intellektuell fordernd, brillant, gerade weil sie dem gewöhnlichen Büchner-Enthusiasten schwer zu schlucken gab." Und, wie Günter auch einräumt, Republikanern Bauchgrimmen verursachen dürfte. Andreas Oplatka prophezeit das Ende der bis ins Mittelalter zurückreichenden Kultur der Karpatendeutschen in der Slowakei. Maria Becker berichtet von der Konferenz "Where is Art Contemporary? The Global Challenge of Art Museums II" im ZKM Karlsruhe zur Debatte um die neue Position der Museen in der globalisierten Kunstwelt.

Besprochen werden die Aufführung zweier Opern von Berlioz, "La Damnation de Faust" in Freiburg und "Les Troyens" in Stuttgart sowie Tennessee Williams' Stück "Die Glasmenagerie" im Schauspielhaus Zürich.

Welt, 29.10.2007

Martin Mosebach schlug in seiner Büchner-Preisrede einen Bogen von Saint-Just zu Himmler, und schaffte es, sogar Büchner in sein antimodernes Programm einzubauen, berichtet Uwe Wittstock, der damit aber nicht zufrieden ist: "Gewiss, die von Mosebach ungeliebte politische Moderne, die mit der Französischen Revolution begann, hat empfindliche Verluste eingebracht. Es ist beeindruckend, wie es diesem Schriftsteller in seiner eleganten Rede gelingt, sogar im Revolutionär Büchner einen Kronzeugen solcher Verluste zu entdecken. Schade aber, dass Mosebach die nicht geringen Vorzüge der politischen Moderne - wie den Zuwachs an Freiheit und Gleichheit, wie Rechtstaatlichkeit und Gewaltenteilung, um nur diese zu nennen - immer wieder mit Schweigen übergeht."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek ließ sich in Hof auf den Stand der deutschen Filmkunst bringen. Wieland Freund kommentiert das strategische Bündnis zwischen dem Traditionsverlag Klett-Cotta und dem jungen Tropen Verlag. Hendrik Werner berichtet von der Geburtstagsfeier für Günter Grass in Lübeck. Manfred Quiring zitiert aus einem von Filmregisseur Nikita Mikhalkow mit verfassten Brief an Putin, in dem dieser in klebriger Prosa zu einer verfassungsmäßig nicht vorgesehenen dritten Amtszeit als Russlands Präsident aufgefordert wird, und aus einem Protest des Schauspielers Alexej Dewotschenko gegen diesen Brief in der jüngsten Ausgabe der Nowaja Gaseta. Alexander Kluy erinnert an die erste Übermittlung einer Botschaft zwischen zwei weit entfernten Computern und damit die Geburtsstunde des Internets, heute vor 38 Jahren. Uwe Schmitt bedauert, dass der Microsoft-Milliardär Paul Allen sein Jimi-Hendrix-Museum in Seattle vorerst schließt. Tim Ackermann porträtiert den englischen Graffiti-Künstler Banksy, der zum Liebling der Szene aufstieg. Michael Loesl unterhält sich mit Nena über ihre neue Platte. Und Jennifer Wilton begeht den hundertsten Geburtstag des wiederhergestellten Hotels Adlon in Berlin.

Besprochen werden Shakespeares "Maß für Maß" in der Regie Stefan Bachmanns am Thalia Theater Hamburg, Berlioz' "Trojaner" in Stuttgart und eine Ausstellung über das Theaterschaffen Michael Endes in München.

Die Forumsseite bringt Anita Albus' Laudatio auf den Biologen und Ökologen Josef Reichholf, der den Sigmund-Freis-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung erhalten hat, und auch aus der Dankesrede Reichholfs bringt sie einen Auszug.
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TAZ, 29.10.2007

Im Interview mit Uh-Young Kim empfiehlt der Schriftsteller Cory Doctorow, der seinen neuen Roman unter der Creative-Commons-Lizenz zum kostenlosen Download anbietet, allen Kollegen das Gleiche. "Alle Indikatoren deuten darauf, dass man mehr Bücher mit einer Creative-Commons-Lizenz verkauft als ohne. Mein Debütroman wurde über 750.000-mal von meiner Website heruntergeladen. Es gibt etliche Übersetzungen und Visualisierungen von Fans. Derweil ist die englischsprachige Printausgabe in der siebten Auflage angekommen. Ich kann mich vor Aufträgen kaum retten, und die ganze Kampagne hat mich 0 Cent gekostet."

In der auf den vorderen Seiten gekürzt abgedruckten Büchnerpreis-Laudatio umschifft Navid Kermani alles Altkatholische, entdeckt lieber eine "mystische Hingabe" und bewundert Martin Mosebachs "Mut, sich in eine einzelne Situation, eine abseitige Episode von vielleicht zehn, vielleicht fünf, vielleicht zwei Minuten Realzeit hineinzustürzen wie in einen reißenden Fluss, sich darin 10, 15, 30 Seiten treiben zu lassen, ohne einen Gedanken zu verschwenden ans Ufer, an das, was draußen in der Handlung passiert". (Hier Kermanis Rede in voller Länge)

Weiteres: In der zweiten taz stattet Karim El-Gawhary ein Jahr nach dem Libanon-Krieg dem neuen Kriegsmuseum der Hisbollah im südlichen Beirut einen Besuch ab. Ralf Leonhardt treibt sich auf der ersten Scheidungsmesse herum, abgehalten in Wien.

Besprochen werden Karin Henkels Inszenierung von Lessings "Minna von Barnhelm" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und ein Berliner Konzert von Manu Chao.

Und Tom.

FAZ, 29.10.2007

Von der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung berichtet Lorenz Jäger. Einsamer Höhepunkt der Veranstaltung war für ihn dabei die mit Spannung erwartete Rede von Büchner-Preisträger Martin Mosebach: "Mosebach ... hielt seine Rede mit unerhörter Bravour, so, dass man sagen könnte, erst der ihm wesensfremde oder gar feindliche Gegenstand der Französischen Revolution und ihrer Folgerevolutionen von 1830 habe ihm seine ganze geistige Kraft abgefordert, erst hier, angesichts dieses Themas, konnte er zur großen Form der Rede finden... In ihrer höchsten Würde, finster und erhaben, in schrecklicher Großartigkeit stand die Revolution, standen die Revolutionäre in seinem Dank auf. Man übertreibt nicht, wenn man feststellt, dass eine so spannungsvolle Rede nicht nur beim Büchnerpreis, sondern überhaupt unter den Schriftstellerreden der vergangenen Jahre ihresgleichen lange suchen muss."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel war dabei, als Bundespräsident Horst Köhler in einer Rede auf den Jubilar Günter Grass seine "unerbittliche Liebe" demonstrierte und den Dichter so weiter in den "Schraubstock der Sympathie" zwang. In der Glosse beschäftigt sich Andreas Platthaus mit sturen Affen, die sich in Experimenten marktwirtschaftlicher Rationalität verweigern. Karen Krüger hat erlebt, wie in Düsseldorf viertausend Muslime nach Geschlechtern getrennt das Ramadanfest feierten. Wolfgang Sandner berichtet vom Deutschen Jazzfestival in Frankfurt. Joseph Hanimann porträtiert Werner Paravicini, den in Ruhestand gehenden Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Paris.

Andreas Rossmann erzählt, "wie Köln keinen Opernintendanten findet und die besten Kandidaten vergrault". Bei einem Leseabend in der "Bücherei des Jahres 2007" in der JVA Münster war Philip Eppelsheim dabei. Robert Lucius hat das neue Dokumentationszentrum in Bergen-Belsen besucht. Den Nachruf auf den Biochemiker Arthur Kornberg hat Joachim Müller-Jung verfasst, den auf den Kurator Helmut R. Leppien Niklas Maak. Auf der Medienseite findet sich ein Interview mit der Ex-Bloggerin Katharina Borchert, die jetzt die Chefin des heute online gegangenen WAZ-Internet-Portals "Der Westen" ist.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Cosme Tura in Ferrara, Stefan Bachmanns Inszenierung von "Maß für Maß", Karin Henkels Version der "Minna von Barnhelm" in Hamburg (erstere findet Irene Bazinger gelungen, letztere ganz und gar nicht), Joachim Schlömers Inszenierung von Hector Berlioz' "Trojaner"-Oper, Matias Bizes Film "En la cama" und Bücher, darunter Eric Claptons Autobiografie "Mein Leben" und Dieter Wellershoffs autiobiografische Essays "Der lange Weg zum Anfang" rezensiert (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 29.10.2007

Etwas weichgespült kommen "Die Trojaner" von Hector Berlioz in Joachim Schlömers Version für die Stuttgarter Staatsoper daher, moniert Wolfgang Schreiber. Berlioz ist aber auch schwierig. "Literatur, Malerei, Musik, Choreografie - 'Les Troyens' verlangen eigentlich vier geniale Realisateure, um nicht in langer Weile oder leerem Donnern zu verrinnen. Wenn schon die Besessenheit des Komponisten fürs Vergil-Epos hier literarisch kaum adäquat herausgemeißelt wird, so darf wenigstens Berlioz' Tonsprache großflächig brennen. Der größte Romantiker Frankreichs im 19. Jahrhundert erklingt nicht als Operndramatiker a la Verdi und nicht in narkotisierenden Klangparabeln des Mythologen Wagner, herausgearbeitet wird der von Gluck hergeleitete dramatische Klassizismus des Hector Berlioz."

Weiteres: Tobias Lehmkuhl resümiert die Verleihung des Büchnerpreises und die vorhergehende Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, deren Mitglieder sich diesmal unter anderem fragten, ob es "richtiges" Deutsch überhaupt gibt. Der Zürcher Dramatiker Reto Finger hofft, dass das unabhängige Ilkhom Theater in Usbekistans Taschkent auch nach der Ermordung von dessen Gründer Mark Weil auf die Solidarität westlicher Theatermacher zählen kann. Rainer Gansera kürt Alexander Riedels Dokumentarfilm "Draußen bleiben" zum Star der Hofer Filmtage. In England wurde ein potenzieller Rembrandt für knapp drei Millionen Euro versteigert, notiert Stefan Koldehoff. Henning Klüver sorgt sich um Leonardos Abendmahl, das vielleicht peu a peu am Feinstaub zu Grunde geht. Auf der Literaturseite dokumentiert Jörg Magenau die Lübecker Geburtstagsveranstaltung für Günter Grass.

Im Medienteil druckt die SZ in Auszügen Frank Schirrmachers Dankesrede zum Erhalt des Jacob-Grimm-Preises Deutsche Sprache. Schirrmacher warnt vor den pornografischen und kriminellen Inhalten im Internet. Rettung bringen können nur die großen Zeitungen. "Es gibt keine schönere Herausforderung als diese: Nicht nur das Internet zu erobern, sondern auch gegenzuhalten und Optionen anzubieten. Eine Option ist die Tageszeitung selbst, die von manchen allzu voreilig totgesagt wird - und zwar gerade von jenen mit Vorliebe, die von der Ausbeutung fremder redaktioneller Inhalte leben. Fast alles, was im Netz auf Dauer ernst genommen wird, hat seine Urquelle in den Zeitungen." (Hm, der Kulturteil der SZ im Netz bietet heute: einen Rede-Apparat, "mit dem Sie Stoiber dazu bringen, das zu sagen, was Sie immer schon mal sagen wollten", die "Top Ten der Fauxpas des Fortschritts" und einen Artikel über die virtuelle Pop-Prinzessin Mina. Soviel zur Qualität der Qualitätszeitung SZ im Netz.)

Besprochen werden die drei Ausstellungen zum hundertsten Geburstag von Paula Modersohn-Becker, drei Ausstellungen im neu eröffneten Dokumentationszentrum Bergen-Belsen, die Einstandschoreografie des neuen Tanztheater-Leiters Hans Henning Paar am Münchner Gärtnerplatz, DVD-Neuerscheinungen von Pen-ek Ratanaruang und Truffaut und Bücher, darunter alles auf Deutsch Erhältliche von Nicolas Gomez Davila sowie zwei Bücher zu Afghanistan.