Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.08.2007. In der taz beruhigt uns die Bienenforscherin Elke Genersch in der neuesten Reportage von Gabriele Goettle: Wir sterben ohne Bienen nicht aus. Dem Tagesspiegel schwant für die Zukunft des Verhältnisses von Fernsehen und Kino nichts Gutes. Und wir erfahren, dass Simon Rattle uns Trolle nach wie vor gerne hat. In der NZZ schildert der Historiker Stefan Meller die anhaltenden Schwierigkeiten der Polen mit den Deutschen. Der FR ist die digitale Boheme nicht richtig links genug, die SZ ist sich uneins und bringt gleich zwei Artikel über die neuen Kreativen und ihren Arbeitsbegriff.

Tagesspiegel, 27.08.2007

Nach dem Rausschmiss Volker Schlöndorffs bei der Verfilmung der "Päpstin" schwant Hans-Günter Pflaum nichts Gutes für die Zukunft des Verhältnisses von TV und Fernsehen in Deutschland: "Als Edgar Reitz 'Heimat 3' plante, musste er sich von einem TV-Gewaltigen anhören, er könne alles machen, nur keinen 'Reitz-Film'. Welch eine dreiste, destruktive Demütigung - und welch ignorante Absage an das Konzept des Autorenfilms! Der Rausschmiss Schlöndorffs bei der Constantin - er verstand 'Die Päpstin' immer als sein Projekt - liegt auf dieser Entwicklungslinie. Filmpolitisch nähern wir uns wieder früheren Jahrzehnten - auch ästhetisch, wie einige aktuelle Kinohits und TV-Produktionen zeigen, von 'Wer früher stirbt, ist länger tot' bis zu 'Fjorde der Sehnsucht' oder den zahlreichen Pilcher-Verfilmungen. Und die Avantgarde wird, so es sie noch gibt, jenseits der Festivals kaum mehr wahrgenommen."

Bereits gestern hat Christine Lemke-Matwey ein schönes Interview mit Simon Rattle geführt, in dem er über Berlin, die Philharmoniker und sein "erste Mal" mit ihnen spricht: "Mahlers Sechste, eins von Karajans absoluten Paradestücken. Der Klang des Orchesters ist wie eine glühende Walze über mich hinweggerollt, die haben gespielt wie im Konzert und überhaupt nicht wie bei einer ersten Probe. Und dann wollten sie wissen, was ich anders machen würde. Die waren neugierig auf den Unterschied, auf die Differenz, auf Korrekturen! Damit haben sie mir von Anfang an zu verstehen gegeben, dass es den philharmonischen Klang nicht gibt. Das hat mich tief beeindruckt." An das Leben unter Deutschen hat er sich inzwischen auch gewöhnt: "Je länger ich in Deutschland lebe, desto überzeugter bin ich: Hier gibt es in den Wäldern noch Geister und Trolle, und die Menschen wissen das. Deswegen organisieren sie ja so viel, um diese Kräfte, diese Affekte, diese vielen ungebändigten Leidenschaften zu bannen."

TAZ, 27.08.2007

Gabriele Goettle besucht die Bienenforscherin Elke Genersch. Die will von einem angeblichen Bienensterben nichts hören. Und selbst das wäre nicht der Untergang. "Die Bestäubung wäre nicht mehr ausreichend, um die Quantität und Qualität zu bringen, an die wir uns so gewöhnt haben. Wenn wir aber damit leben könnten, dass der Apfel nicht EU-Handelsklasse 1 hat und nicht endlos zur Verfügung steht, dann könnten wir auch mit der Bestäubung leben, die die übrigen Insekten leisten. Der Mensch stirbt nicht aus ohne die Bienen. In Amerika hat es vor den Siedlern keine Honigbienen gegeben. Die Siedler haben sie im 18. Jahrhundert eingeschleppt. Und die Menschen dort haben vorher auch gelebt. Die Biene ist für uns unverzichtbar. Überleben können wir ohne sie."

In der zweiten taz konnte sich Nina Ernst auf der Leipziger Computerspiel-Messe "Games Convention" von der Harmlosigkeit dieses Zeitvertreibs überzeugen. Und Lokalpatriot David Denk empört sich über die Tatsache, dass der Neuköllner Komiker Kurt Krömer in der ARD erst so spät gesendet wird.

Schließlich Tom.

NZZ, 27.08.2007

Gerhard Gnauck unterhält sich dem polnischen Historiker und kurzzeitigen Außenminister der Kaczynskis Stefan Meller über das "wunde Land" Polen in Geschichte und Gegenwart, aber auch über das Verhältnis zu Russland und zu Deutschland. Zu letzterem sagt Meller: "Viele Polen haben im deutsch-polnischen Dialog neben den technokratisch-diplomatischen bestimmte psychopolitische Elemente vermisst. Mir hat nach 1989 eine Geste gefehlt, wie sie Willy Brandt mit seinem Kniefall gegenüber den Juden vollbracht hat. Eine Geste oder ein Diskurs gegenüber den Polen, Polen als Land."

Weitere Artikel: Marc Zitzmann liest Yasmina Rezas bisher nur auf französisch vorliegendes Buch über Nicolas Sarkozys Wahlkampf ("Wiewohl scharf beobachtet und pointiert in Worte gefasst, fügt der Anekdotenstrauß dem gängigen Bild des Präsidenten keine neuen Facetten hinzu", meint er). Roman Bucheli beobachtet die Auswirkungen der aufgehobenen Buchpreisbindung auf dem Schweizer Buchmarkt und fürchtet, dass wenigen rabattierten Bestsellern ein erhöhter Durchschnittspreis für die Bücher insgesamt gegenüberstehen wird. Ulf Meyer resümiert Denkmalschutzdebatten in den USA, nachdem in Cleveland ein Hochhaus des Bauhausarchitekten Marcel Breuer abgerissen werden soll.

Besprochen werden das neueste Heft der Zeitschrift für Ideengeschichte (Inhalt), ein Konzert Mariss Jansons und des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und eine Ausstellung des Malers Henri Fantin-Latour in Lausanne.
Anzeige

Welt, 27.08.2007

Wenig beeindruckt zeigt sich Reinhard Wengierek von der dem Theatermacher Peter Zadek gewidmeten Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste: "Was das immerhin schulklassenstarke Vorbereitungskollektiv unter Führung von Kuratorin Barbara Naujok, einem gestandenen Groupie der Zadek-Gang und jetzt Ausstattungsleiterin des Berliner Ensembles, zustande brachte, war ziemlich karg und von geradezu ästhetizistischer Schönheit. Was den großen Bühnenentstauber und -umstürzer Zadek ausmacht, das genialisch verwegene künstlerische Anrennen gegen eine vermuffte, auf preziose oder bloß platte Textabsonderung sich gründende Theaterwelt - von alledem verspüret man kaum einen Hauch."

Weitere Artikel: Reinhard Haubrich denkt anlässlich des aktuellen Beleidigungsfalls in der Bundesliga über korrektes Beleidigen nach. Hanz Zippert hat eine "Genfrei-Gehen-Veranstaltung" mitgemacht. Dankwart Guratzsch berichtet über die Debatte um den Umbau der Universitätskirche in Leipzig. Gemeldet wird, dass die "Gustloff"-Glocke nun zurück in Danzig ist. Im Forum schreibt Thomas Lindemann über die Entdeckung der Frau als Kundin bei der Games Convention 2007.

Auf der DVD-Seite werden unter anderem die Box mit der ersten Staffel der US-Fernsehserie "Rom" und die 2-DVD-Edition von Dani Levys "Mein Führer" empfohlen, die auch die Originalfassung enthält, in der Hitler im hohen Alter in seinem Berchtesgadener Ruhesitz Bilder von Blondi malt.

Besprochen werden eine "Salsa"-Konzertreihe im Berliner Haus der Kulturen der Welt, die Annette-Messager-Austellung im Centre Pompidou, der Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker mit Mahler und Magnus Lindberg, die neue "Internationale Show" mit Kurt Krömer und ein Buch, nämlich Robert Wilsons neuer Javier-Falcon-Krimi.

FAZ, 27.08.2007

Mark Siemons nimmt Angela Merkels Chinabesuch zum Anlass, über deutsche Unsicherheiten im Selbstverständnis von Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur nachzudenken: "Die deutsche Ratlosigkeit angesichts nationaler Kultur ist deshalb nicht ganz so aufgeklärt und sympathisch, wie sie sich gibt. 'Wir haben der Welt gezeigt', heißt es in der Selbstdarstellung von 'Deutschland - Land der Ideen', 'wie deutsche Dichter und Denker, Forscher und Erfinder, Künstler und Komponisten das Leben seit Jahrhunderten bequemer, sicherer und schöner machen'. Ein solcher Begriff von Kultur kommt in etwa mit dem Begriff überein, den auch die Automobil- oder die Möbelindustrie von sich haben... Real aber bleibt die Frage, wozu sich der Staat Kultur im Ausland überhaupt leisten will: als bloßes Beiwerk seiner sonstigen Interessen oder als etwas, das ihn auch selbst definiert, ihm eine Grenze gibt."

Weitere Artikel: In der Leitglosse plädiert Jürgen Kaube angesichts der grassierenden Veränderungsvorschlagswut für ein Reformmoratorium für die Pädagogik. Andreas Kilb berichtet vom Berliner Geschichtsfestival "Historiale". Christian Schwägerl war dabei, als Bischof Wolfgang Huber überzogene Welterklärungsansprüche der Wissenschaft ebenso zurückwies wie den Kreationismus. Konrad Adam denkt am Beispiel "Hartz" über die Personalisierung von Reformen nach. Otto Kallscheuer berichtet vom Festival "Time in Jazz" im sardischen Berchidda. Gemeldet wird, das Francis Ford Coppola seinen neuen Film "Youth Without Youth" in Rom zeigen wird, denn dort würden "Filme noch für den Zuschauer ausgewählt und gezeigt". Auf der letzten Seite setzt sich Heike Hupert mit den derzeit sehr erfolgreichen Montessori-Schulen auseinander. Jürg Altwegg porträtiert die französische Politikertochter Ariane Fornia, die mit achtzehn gerade ihr drittes Buch veröffentlicht hat. Holger R. Stunz berichtet von einer Bayreuther interdisziplinären Konferenz, bei der Katharina Wagners "Meistersinger"-Inszenierung sehr gut wegkam.

Auf der Sachbuchseite gibt es Rezensionen unter anderem zu Richard Münchs Polemik gegen den universitären Zeitgeist "Die akademische Elite" und Hans Magnus Enzensbergers "Idiotenführer" mit dem Titel "Im Irrgarten der Intelligenz". Weiter vorne werden Romane rezensiert, darunter Nicolas Fargues "Nicht so schlimm" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken der Künstlergruppe "Krug" in St. Petersburg, Gerhard Richters Kölner Domfenster und eine Ausstellung mit dem neuen Werk "4900 Farben" gleich nebenan und die Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle mit Mahlers Neunter.

FR, 27.08.2007

Steuerrecht statt Visionen - Tanja Dückers und Anton Landgraf sind von der Tagung "9to5 - Wir nennen es Arbeit" der digitalen Boheme in Berlin recht enttäuscht. "Sobald man sich aber am großen Überbau versucht, kommt nicht viel Neues oder Kluges heraus wie bei dem Workshop 'Was wäre ein linker Neoliberalismus?'. Die öffentlichen Einrichtungen sollen nach Holm Friebe 'in etwa so sein wie das Web 2.0'. In die erwartungsvolle Stille im Publikum sagt er dann: 'Was ich genau damit meine, weiß ich auch nicht.' Wenn Mercedes Bunz, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin, versucht, zu definieren, was sie unter 'Links Sein' versteht, wird es ebenso vage: 'Jede Menge Ideale, die überall herumpurzeln.' Zur näheren Erklärung werden nur Substantive aneinandergereiht wie 'Freiheit', 'Gerechtigkeit', 'Utopie', 'Rebellion', und - 'warum auch nicht: Wahrheit'. Mit diesen Begriffen schmücken sich Parteien aller Couleur. 'Recht und Gerechtigkeit' heißt die Partei von Polens Kartoffelkönigen. Und wer nimmt nicht für sich in Anspruch, nach 'Wahrheit' zu suchen?"

Weiteres: Alexander Schnackenburg berichtet über den Kampf Wolfgang Wagners gegen die Schwarzmarktszene von Bayreuth, der in nicht verkauften Tickets resultiert. Sandra Danicke informiert über Gerhard Richters Glasfenster im Kölner Dom. In einer Times mager denkt Hans-Jürgen Linke über Speckröllchen, Sarkozy und Mehdorn nach.

SZ, 27.08.2007

"9 to 5 - wir nennen es Arbeit" hieß die Festivaltagung der sogenannten digitalen Boheme in Berlin. Jens Bisky verfolgte das Treiben ab neun Uhr abends und staunt über durchwegs ernsthafte Vorträge. "Genug junge freiheitsdurstige Kreative waren gekommen, um von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens über eine neue Arbeitskultur zu sprechen und diese auch zu erproben. Partystimmung kam kaum auf. Nichts erinnerte an das wilde Treiben der Bohemiens, von dem Festangestellte gerne träumen. Die Mehrheit ließ sich lieber die Feinheiten des Kulturjournalismus, die Tücken des Steuerrechts oder erfolgreiche Geschäftsideen erklären - als enthemmt draufloszufeiern."

Gerhard Matzig hält nicht viel von den gern als Standortfaktor gefeierten Neuen Kreativen, deren Unangepasstheit sich vor allem in der Auswahl ihrer Brillen äußere: "Die Einsamkeit des armen Poeten bei Spitzweg unterm Regenschirm oder das Missverstandensein eines Charles Baudelaire, der die Kritik an seinen 'Blumen des Bösen' mit einer Selbstinszenierung als Sträfling zu beantworten suchte, sind in diesen Städten längst einer großen, allesumarmenden Party gewichen, die nicht nur von Poeten und Literaten oder von Designern und Werbern bevölkert wird, sondern von beinahe jedweder Existenz, die von sich nur überzeugend genug behauptet, zukunftsfähig zu sein. Die Veranstalter dieser Party entstammen dabei nur selten den Orten der Künste oder dem Reich des Denkens. Sie sind lediglich Geschöpfe der reinen Ökonomie. Die Kreativen sind als Klasse eigener Ordnung zu Standortfaktoren aufgestiegen - oder degradiert worden."

Weiteres: Constanze von Bullion erinnert an das vor 20 Jahren von SED- und SPD-Vertretern gemeinsam veröffentlichte Grundsatzpapier "Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit". Stefan Koldehoff meldet die Enthüllung von Gerhard Richters Glasfenster im Südquerhaus des Kölner Doms. Der Autor Svante Weyler stellt Abuja vor, die ziemlich unbekannte Hauptstadt Nigerias. Fritz Göttler notiert, dass Ang Lees neuer Film "Lust Caution" für Jugendliche unter siebzehn Jahren nicht freigegeben wurde.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Sigmar Polke im Museum für Gegenwartskunst in Siegen, Choreografien von Jean-Claude Gallotta, Yvonne Rainer und Xavier LeRoy beim Berliner Tanz im August, Richard Hawleys neues Album "Lady"s Bridge", DVD-Neuerscheinungen wie Robert Aldrichs "4 for Texas" und Christian Freis "War Photographer", und Bücher, darunter John Keays Porträts sieben "Exzentriker auf Reisen um die Welt", Kai Wiedenhöfers Fotografien der israelischen "Wall" sowie politische Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).