Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.05.2007. Seine Bücher ziehen vorüber wie Wolken, meint die SZ in einem Artikel über Thomas Pynchon, dem alle brav zum Siebzigsten gratulieren. Auch der Maler Daniel Richter meditiert in der Welt über das flüchtige Wesen der Kunst. Und die NZZ besucht eine dieser Flüchtigkeit geweihte Disco des holländischen Architektenbüros MVRDV. Die FR tanzt den RAF-Calypso. Und schließlich ein bisschen Information: Die Welt nennt ein paar kulturpolitische Ziele Nicolas Sarkozys.

Welt, 08.05.2007

Jörg von Uthmann entnimmt einer Grundsatzrede Nicolas Sarkozys aus dem letzten Jahr auch einige kulturpolitische Ziele: "Kultur- und Erziehungsministerium sollen zu einem einzigen Superressort zusammengefasst werden. Die Universitäten sollen mehr Geld bekommen. Auch für den Kunstunterricht an der Schule soll mehr getan werden, ebenso für Ausländer, die in Frankreich studieren. Andererseits will Sarkozy aber auch private Mäzene ermuntern, sich stärker auf einem Gebiet zu engagieren, das eine hochmütige Kulturbürokratie allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz immer noch als ihre chasse gardee ansieht."

Im Interview mit Belinda Grace Gardner gibt der gerade groß in Hamburg gezeigte Maler Daniel Richter Auskunft über das paradoxe Wesen seiner Kunst: "Die Bilder halten fest, dass das meiste, was wir Menschen machen, flüchtig ist."

Weitere Artikel: Wieland Freund schreibt zum siebzigsten Geburtstags des Phänomens Thomas Pynchon. Gernot Facius fragt sich, ob das Begnadigungsrecht des Bundespräsidenten überhaupt noch zeitgemäß ist. Rainer Haubrich freut sich in der Leitglosse, dass der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses gerade beim jungen Publikum gut anzukommen scheint. Sven Felix Kellerhoff bespricht zwei Bände aus einer monumentalen Darstellung des Zweiten Weltkriegs durch das militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam. Manfred Quiring hofft, dass die sogenannte Baldin-Sammlung, die in Russland als "Trophäenkunst" zurückgehalten wird, vielleicht demnächst nach Deutschland zurückkommt. Michael Pilz annonciert eine Renaissance des amerikanischen Motorradrocks. Besprochen wird Johann Strauß' "Spitzentuch der Königin" in Dresden.

Auf der Magazinseite erinnert Sophie Mühlmann an den frühen Islamisten Mirza Ali Khan, der in den dreißiger Jahren sein Unwesen in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion trieb.

TAZ, 08.05.2007

Heimo Lattner von der Künstlergruppe e-Xplo erklärt Kirsten Küppers, warum ihr Beitrag zur Biennale im arabischen Emirat Sharjah aus über das Land verteilten Lautsprechern besteht, aus denen Liebeslieder von Gastarbeitern tönen. "Im Vorfeld der Biennale hat uns beschäftigt, dass es eine große Mehrheit von Menschen in den Emiraten gibt, die keine Stimme im Sinne einer politischen Stimme haben. Mehr als 85 Prozent der verrichteten Arbeit wird dort von Fremdarbeitern ausgeführt. Das sind Leute aus Pakistan, Indien, Bangladesch, China, dem Iran, Sri Lanka, Nepal, Philippinen, Syrien, Ägypten, Äthiopien usw. Diese Leute haben keinerlei Rechte. Uns hat interessiert, wie die politische Stimme dieser Menschen klingen könnte. Der Umstand, dass es in Sharjah verboten ist, über deren Arbeitsverhältnisse zu berichten, hat uns natürlich erst recht provoziert."

Clemens Niedenthal kommentiert die französische Wahl couturell. "Sieht man die Beine von Condoleezza Rice, ahnt man, dass diese treten können. Und vielleicht auch deshalb trug Segolene Royal bei ihren letzten Wahlkampfauftritten auffallend schultergepolsterte Kostümjacken. Sollten sie ihrem feinen, meist feinfühligen Auftritt ein paar Kanten verleihen? Oder eine klare Linie?"

Weiteres: Tilman Baumgärtel verbreitet Anekdoten aus dem laufenden Wahlkampf auf den Philippinen. Dass der Papst früher Hermann Hesses "Steppenwolf" gemocht hat, überrascht Robert Misik. Michael Tschernek spricht mit der Gospel-Sängerin Mavis Staples über Religiöses und Verbotenes. In der zweiten taz amüsiert sich Michael Stiller über die zahlreichen Peinlichkeiten im Buch "Alt ist was?" des bayerischen SPD-Politikers Peter Paul Gantzer. Auf der Medienseite erfährt Steffen Grimberg von WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz, warum in Dortmund gespart werden muss.

Und Tom.

SZ, 08.05.2007

In der Reihe über die globale Megastädte erklärt der Filmkritiker des Daily Telegraph, Sukhdev Sandhu (mehr), die Brick Lane zu seinem Lieblingsort in London, weil er ständig von Migranten umgebaut wird: "Wenn man heute die Brick Lane hinabgeht, vorbei an den umgebauten Dampfbädern und Suppenküchen, den Gebäuden mit ausgebleichten Schriftzügen von alten Schneidern und Konservenhändlern, dann stößt man irgendwann auf die Jamme Masjid. Diese Moschee wurde 1742 als hugenottische Kapelle gebaut und im 19. Jahrhundert von Methodisten übernommen, bevor sie 1989 eine Synagoge wurde, vor der jüdische Anarchisten regelmäßig orthodoxe Gemeindeälteste mit Speckstreifen bewarfen. Die Brick Lane wurde lange Zeit gar nicht als Teil Londons betrachtet."

Burkhard Müller verneigt sich sachte vor Thomas Pynchon, der heute siebzig wird. "Pynchons Bücher ziehen vorüber wie Wolken, die den unwiderstehlichen Drang auslösen, in ihrer höchst plastischen Form Gestalten zu erblicken, Muster hineinzusehen; dabei sind es einfach Wolken, deren veränderliche Komplexität auf nichts weiter verweist als auf sich selbst."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld betrachtet die Bestsellerliste, entdeckt viel Ratgeberliteratur wie "Lebe wild und unersättlich" und erklärt sie zum Symptom eines traurig übersteigerten Individualismus. Henning Klüver annonciert weitere Verzögerungen beim Bau der Calatrava-Brücke über den Canale Grande in Venedig. Susan Vahabzadeh kündigt einen Kinosommer der Fortsetzungen an. In einer Zwischenzeit rümpft Claus Heinrich Meyer die Nase über das Weitermachen und Verschweigen der nationalsozialistischen Vergangenheit in der frühen BRD. Joachim Kaiser schreibt zum Tod des SZ-Musikkritikers Karl Schumann. "Der Tanz schließt den Kreis", erklärt der britische Choreograf Royston Maldoom Eva-Elisabeth Fischer im Interview zur pädagogischen Kraft der rhythmischen Bewegungs. Im Online-Spiel "Second Life" haben ARD-Reporter mehrere Fälle von Kinderprornografie aufgedeckt, informiert Simon Feldmer auf der Medienseite.

Besprochen werden Simon McBurneys Stück "A Disappearing Number" auf den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, eine Ausstellung mit Fotos deutscher Besatzungssoldaten in den Niederlanden im Rijksmuseum Amsterdam, und Bücher, darunter Daniel C. Dennetts Studie "Süße Träume" über die Erforschung des Bewusstseins sowie Julian Fellowes' Roman "Snobs" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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FR, 08.05.2007

Leider haben wir den Schlagabtausch übersehen, den sich Peter Michalzik und Arno Widmann gestern über Nicolas Stemanns symptomatische Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Ulrike Maria Stuart" lieferten. Michalzik schreibt Pro: "Die Aufführung ist hochpolitisch und unterhaltsam bis zum Klamauk, massenkompatibel und brisant zugleich: Nirgendwo findet sich ein entschiedener Beitrag über unser aktuelles Verhältnis zur RAF - aber kaum jemand will das wissen."

Widmann kontert: "Das ganze Elend des Theaters ist in dieser Inszenierung zu greifen. Alle Register wurden gezogen. Die Schauspieler flüsterten und kreischten, sie sangen und hauchten, sie tanzten und sprangen. Sie hatten die großen Themen von Opfer oder Täter sein, von Denken und Tat. Jeder Bruchteil einer Sekunde wurde prall ausgefüllt. Aber nichts Neues. Keine Geste - abgesehen von diesen nicht zu vergessenden und stets zu lobenden Sprüngen -, kein Wort, kein Ton, kein Klang, die nicht dazugesagt hätten: 'Da bin ich wieder. Du erkennst mich doch? Du musst Dir keine Sorgen machen, Du erfährst hier nichts Neues.' Dieses Theater ist Staatstheater."

Und heute: Wie in einem Stück von Schlingensief fühlte sich Harry Nutt in den RAF-Wirren der vergangenen Wochen. "Die Ja/Nein-Entscheidung, die so oder so oder gar nicht zu begründen dem Bundespräsidenten oblag, geriet zuletzt immer mehr zu einem schwungvollen RAF-Calypso, der die größte gesellschaftliche und politische Krise der alten Bundesrepublik als eine Art Histo-Hintergrund eines Musicals erscheinen ließ."

Weiteres: Martina Meister beobachtet Nicolas Sarkozy bei seinen ersten Schritten als designierter Präsident. Oliver Herwig weist auf die Krise der geplanten Werkbundsiedlung in München hin. In einer Times mager gratuliert Sylvia Staude Thomas Pynchon zum Siebzigsten. Eine Besprechung widmet sich der Uraufführung von Siegfried Matthus' Oper "Cosima" in Brausnchweig und Gera.

NZZ, 08.05.2007

Hubertus Adam beschreibt, wie das Rotterdamer Architekturbüro MVRDV den angesagten Musikclub "De Effenaar" in Eindhoven umgestaltet hat: "Man habe ein Gebäude gewollt, das nach Bier und Zigarettenrauch rieche, erklären die Architekten von MVRDV. Ein Gebäude, das sich in Zukunft problemlos neu möblieren lasse und das zugleich wie eine hocheffiziente Maschine funktioniere."

Angela Schader schreibt zum Siebzigsten des großen Unbekannten der amerikanischen Literatur, Thomas Pynchon: "Die Versuchung, sich bei diesem Autor im Abstrusen und Amüsanten zu verfangen, ist beträchtlich; doch birgt der scheckige Habitus, ähnlich wie bei Shakespeares Narren, einen unerbittlichen Sinn für Gerechtigkeit und Humanität."

Besprochen werden die Ausstellung "Airs de Paris" - zeitgenössische Kunst zum Thema Stadt - im Pariser Centre Pompidou, ein Kammermusik-Konzert mit dem Cellisten Truls Mork in Zürich und Bücher, darunter Hisham Matars Roman "Im Land der Männer" und Karl Otto Hondrichs Studie "Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 08.05.2007

Im Interview mit Nicola Kuhn spricht der Berliner Maler Daniel Richter über seine Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, Etikettenzwang und den Erfolg als Künstler: "Wenn etwas gut gemacht ist, dann setzt es sich durch. Einem Musiker kann das passieren, einem Literaten, dass er ein hervorragendes Buch schreibt und dann abschmiert. In der Kunst ist das kaum möglich. Das liegt an den ökonomischen Grundlagen der Kunst, an ihrer leichten Zugänglichkeit. Im 20. Jahrhundert hat es viele Hungerleider unter den Künstlern gegeben als Folge von Pogromen und Kriegen; trotzdem wurden sie bekannt. Es gibt kaum Künstler, dessen Werk nach dem Tod eine Neudeutung erfährt. Alle anderen erleben die üblichen Höhen und Tiefen. So wird es mir auch gehen. Jetzt hatte ich eine gute Zeit, dann kommt eine schlechte, dann Reue, Bescheidenheit, Selbstbefragung, Zwölftonmusik."

FAZ, 08.05.2007

Christian Geyer kommentiert den verweigerten Gnadenerlass für Christian Klar. Dietmar Dath gratuliert Thomas Pynchon zum Siebzigsten. Frank Pergande verspottet Michael Naumanns Beschluss, eine signierte Pynchon-Erstausgabe zugunsten Hamburger Bücherhallen versteigern zu lassen, als Wahlkampftrick. Bettina Erche begrüßt die Restaurierung spätgotischer Altäre in Kirchen der Stadt Kamenz, Westlausitz. Kurt Reumann gratuliert der Autorin Gertrud Fussenegger zum 95. Gustav Falke resümiert einen Vortrag des Istanbuler Soziologen Zafer Yenal, der der Frage nachging, ob die türkische Küche nicht vielleicht auch griechischen und armenischen Ursprungs sei. Jürgen Kesting gratuliert der Sopranistin Felicity Lott zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite schildert Jordan Mejias die freundlich-unfreundliche Umstrickung des Dow-Jones-Konzerns und der besitzenden Familie durch Rupert Murdoch. Jürg Altwegg verfolgte die französischen Wahlen im Fernsehen. Für die letzte Seite besucht Dirk Schümer den deutschen Soldatenfriedhof Costermano beim Gardasee, der lange Zeit umstritten war, weil hier auch übelste SS-Schergen geehrt wurden. Lisa Zeitz porträtiert aus unklarem Anlass die hochbetagte Malerin Vita Petersen. Und Patrick Bahners kommentiert den Umstand, dass der Supreme Court der USA den Videobeweis einführt.

Besprochen werden Siegfried Mathus' neue Oper "Cosima" in Braunschweig und Gera, Mark Ravenhills Stück "pool (no water)" in Zürich und ein Auftritt der Band Queens of the Stone Age in Berlin.