Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.03.2007. Die taz sucht nach Freiheitssuchern in der verängstigten deutschen Mittelschicht. Die Berliner Zeitung stellt eine Website vor, die muslimische Stimmen versammelt. Die FAZ blickt in Spaniens dürre Zukunft. Die Welt begrüßt nach vierzig Jahren liberalen Zeitgeists die Befreiung der lateinischen Messe durch Papst Benedikt XVI.. Und die FR liest Wandzeitungsliteratur in Fitness-Studios.

Berliner Zeitung, 28.03.2007

Michaela Schlagenwerth stellt zwei muslimische Frauen vor und die Website, die sie betreiben: "Betül Yilmaz trägt Kopftuch, Clemence Delmas trägt keines. Sie selbst haben damit nicht das geringste Problem. Betül ist 21 und studiert Islamwissenschaft, Clemence, 28 Jahre, ist Politologin und arbeitet an ihrer Doktorarbeit über islamischen Feminismus. Beide wohnen in Berlin. Als nach dem Mord am niederländischen Filmemacher Theo van Gogh die Debatten über den Islam die Medien beherrschten, fanden sie: 'Es wurde sehr viel über Muslime geredet, nur die Muslime selbst kamen wenig zu Wort.' Weil sie dem nicht länger zuschauen wollten, beschlossen sie, ein eigenes Forum zu schaffen. Seit eineinhalb Jahren betreiben sie die Website www.Muslimische-Stimmen.de."

In einem weiteren Artikel berichtet Daniela Zinser von einer Reise nach Budapest und schildert das ambivalente ungarische Lebensgefühl der Gegenwart: "Während die Gesellschaft sich mit sich selbst abquält, bedient sich die Politik rechts wie links historischer Versatzstücke und baut daraus ein Bild der Nation."

TAZ, 28.03.2007

In einem Essay denkt Mark Terkessidis über das Verhältnis zwischen gefühlter Angst und tatsächlicher Bedrohung der Mittelschicht nach. "In den 1970er-Jahren dagegen war das Leben deutlich gefährlicher und die Angst geringer. Damals gab es noch eine als allgemein verbindlich empfundene Normalität, die zudem als einschnürend erlebt wurde. Gerade die kreativsten Köpfe befanden sich auf der Suche nach Gefahr und Unsicherheit. Die Reise sollte ins Unbekannte führen, in ein offenes Gelände jenseits der ausgelatschten Pfade. Auf dem 'Trail' der Hippies lagen damals auch Kabul und Bagdad als Außenposten der Fremdheit. ... Die Freiheitssucher in der Fremde haben sich in die Verteidiger einer Freiheit verwandelt, die nur noch zu Hause gelebt werden kann. In Afghanistan gibt es heute mehr Gefahr denn je, aber es ist eine Gefahr, der man sich nur noch bewaffnet stellen kann."

Alexander Camman wirft einen Blick in die neuen Ausgaben der Zeitschriften Monopol und Texte zur Kunst. Besprochen wird eine Ausstellung der Brüder Max und Wolfgang Müller im Kunstverein Wolfsburg.

Und auf der Meinungsseite analysiert Zafer Senocak den fragwürdigen Gegensatz Aufklärung - Islam als "historischen Gedächtnisschwund" und konstatiert: "Wenn es zu einem Konflikt zwischen diesem Grundgesetz und irgendeinem heiligen Buch kommt, dann gilt immer und immer wieder das Grundgesetz. Darüber sollte es nicht einmal eine Debatte geben. Aber anscheinend besitzt die Gesellschaft, in der wir leben, keine solche Grundsicherheit. Anders ist die Verunsicherung, die garantierte Aufregung nicht zu erklären, die jeder Konfliktsituation auf dem Fuße folgt."

Schließlich Tom.

FAZ, 28.03.2007

Eine dramatische Zukunft prophezeit Korrespondent Paul Ingendaay Spanien. Vor allem, weil im Moment fast alle Rechnungen ohne den Klimawandel gemacht werden: "Im vergangenen Winter etwa machten die spanischen Wintersportorte herbe Verluste, weil bis Anfang Februar kaum Schnee fiel (...) Schon heute kann die Provinz Murcia den jährlichen Wasserbedarf nicht aus eigenen Ressourcen decken. Dennoch werden hier und in Almeria, der heißesten Zone Spaniens, in den nächsten Jahren mehrere hunderttausend Wohneinheiten hingesetzt."

Weitere Artikel: Heinrich Wefing erklärt die Hintergründe des Krachs um die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Eine neue Gesetzesinitiative zur "Reichweitenbegrenzung von Patientenverfügungen" erläutert und kommentiert Oliver Tolmein. Andreas Kilb mokiert sich über einen Werbespot, in dem die Firma Chanel die Anfangsszene mit Brigitte Bardot aus Jean-Luc Godards "Die Verachtung" kopiert. Vom fortwährenden Streit um Kulturförderung in Baden-Württemberg berichtet Rose-Maria Gropp. Den Nachruf auf die Schriftstellerin Geno Hartlaub hat Walter Hinck verfasst. Auf der Medien-Seite berichtet Peer Schader von den Mainzer Tagen der Fernsehkritik, bei denen sich vieles ums Internet drehte.

Auf der letzten Seite schreibt Hannes Hintermeier über die Zusammenarbeit des Münchner Kunstvereins mit einem slowakischen Netzwerk in Bratislawa. Jürg Altwegg porträtiert die französische Krimiautorin Fred Vargas, die gerade als Unterstützerin ihres Kollegen, des wegen Mordes verurteilten, nach Brasilien geflohenen und jetzt verhafteten Cesare Battisti für Schlagzeilen sorgt.

Besprochen werden Bong Joon-hos "grandioser" Monsterfilm "The Host", neue Choreografien aus der Schule William Forsythes in Ulm, ein Berliner Konzert von Terry Callier, ein Liederabend des Tenors Rolando Villazon, Britta Schreibers Inszenierung von Marius von Mayenburgs Stück "Der Hässliche" in München, ein Abend an Venedigs Oper "La Fenice" und Bücher, Siri Hustvedts Essays "Being a Man" und Ingo Niermanns und Adriano Sacks Drogen-Führer "Breites Wissen" (mehr in der Bücherschau des Tages)
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NZZ, 28.03.2007

Die Bologna-Reform (mehr) der Universitäten ist in der Schweiz, wie Urs Hafner berichtet, weitgehend abgeschlossen. Die Probleme sind dieselben, die sich auch in Deutschland abzeichnen: "Mit massiven Problemen sehen sich vor allem geisteswissenschaftliche Fakultäten und Institute konfrontiert, deren Curricula den Studierenden wie den Dozierenden einst grosse Freiheiten geboten hatten. Hier überwiegt offenbar der Eindruck, dass die Reform zurzeit vor allem Schlechtes bringe: Professoren schimpfen über die Standardisierung der Lehre durch immer neue Kommissionen, Assistentinnen verwünschen die Berge zu korrigierender Arbeiten, erwerbstätige Studierende beschweren sich über die Verschulung und den übermässigen Zeitaufwand für Leistungsnachweise."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten von Charles und Ray Eames in Weil am Rhein, eine Retrospektive des Künstlers Daniel Spoerri in Prato und Bücher, darunter Josef H. Reichholfs Studie "Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends", Erzählungen von Patrick McGrath und Dieter Wellershoffs Essayband "Der lange Weg zum Anfang" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 28.03.2007

In Times mager berichtet Arno Widmann über eine Art "Wandzeitungsliteratur" in seinem Fitnessstudio, die täglich einen neuen Vers oder eine aufmunternde Sentenz bringt. Auch von Mahatma Gandhi. "Die Losung gestern lautete: 'Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.' Und das in einem Fitness-Studio. Da sage noch einer die Postmoderne sei vorüber, die Zeit der spielerischen, narzisstischen Selbstironie sei endgültig vorbei. Vielleicht hat sie wirklich die Seminarräume und die Literaturhäuser verlassen. Aber dafür blüht sie jetzt auf und träumt schöneren Zeiten entgegen zwischen Anabolica und Aerobic, von Bizeps bis Trizeps."

Ulf Erdmann Ziegler kommentiert die öffentliche Schelte von Peter Klaus Schuster, Generaldirektor der Berliner Museen. Zu lesen ist ein Interview mit Nikolaj Nikitin, Mitglied der Auswahlkommission des heute in Wiesbaden beginnenden Festival des mittel- und osteuropäischen Films Go East.

Besprochen werden eine Ausstellung von Philip Gustons "Arbeiten auf Papier" im Kunstmuseum Bonn, eine Ausstellung ausgezeichneter Dokumentarfotografien im Frankfurter Historischen Museum und Bücher, darunter Jean Echenoz' Roman über den Komponisten Maurice Ravel und ein Sammelband zum "Pop seit 1964" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 28.03.2007

Auf den Forumsseiten erinnert Uwe Wittstock an die Verdienste, die sich Martin Walser und Günter Grass um die Demokratisierung der Öffentlichkeit erworben haben, um in Hinsicht auf ihre jüngsten Attacken gegen die Medien festzustellen: "Allerdings scheinen die alten Meinungskämpfe bei den Veteranen einen unseligen Hang zum Lagerdenken hinterlassen zu haben - und dazu eine gute Portion Selbstgerechtigkeit. Eine andere Rolle als die der verfolgten Unschuld kommt für sie in den eigenen Augen offenbar nicht infrage. Da sich aber Politiker heute in Debatten mit Schriftstellern gewöhnlich bedeckt halten, bietet sich als Widerpart für die Angriffslust der Autoren vor allem die Presse an, die mit manchen ihrer Äußerungen streng ins Gericht geht. Resultat ist ein grobschlächtiges Schwarz-Weiß-Denken - hier der gute Dichter, da die bösen Medien -, in das auch Peter Handke gern verfällt, wenn man ihm seine Unbelehrbarkeit in Sachen Milosevic vorhält."

Weiteres: Paul Badde begrüßt die Entscheidung Papst Benedikt XVI., die lateinische Messe wieder "freizugeben", die Paul VI: 1969 "mit einem beispiellosen Federstrich" abgeschafft hatte. Damit, meint Badde erleichtert, widersetze sich der Papst dem "bleiernen Beharren" auf dem liberalen Zeitgeist der letzten 40 Jahre". Holger Kreitling gibt zu Protokoll, dass er Harry Potter im nächsten Band gern sterben sehen würde. Ulf Meyer spaziert durch Tokios einstiges Rotlichtviertel Roppongi, das sich durch die jüngsten Museumsneubauten zur aufregenden Kulturmeile mausert. Im Interview mit Felix Müller umreißt der Soziologe Ulrich Beck seine "Weltrisikopolitik": "Wir leben in einer Gesellschaft, die durch die fortwährende Voraussicht auf weltweite Gefahren so sehr in den Bann geschlagen ist, dass sie ihre eigenen Grundlagen in Frage stellt."

Besprochen werden Lucinda Childs' Strawinsky-Choreografien, John Osbornes Proletarierdrama "The Entertainer" und die Berliner MaerzMusik.

SZ, 28.03.2007

Andreas Bernard kommentiert den neuen Gesetzentwurf zum Anspruch von Vätern auf Vaterschaftsfeststellung und fragt sich - mit Rekurs auf Theaterstücke des 19. Jahrhunderts und aktuelle TV-Formate -, was das für das Verhältnis zwischen Männern und Frauen bedeutet. "Wenn jahrtausendelang einzig die Mutter ihre Elternschaft zweifelsfrei bezeugen konnte, kann nun auch der Vater dieses Wissen, und zwar ohne Kenntnis seiner Partnerin, erwerben. Diese neue Situation birgt aber - darauf reagieren das Theater und die Fernsehshows - einen Konflikt in der Beziehung von Biologie und Justiz als den beiden gesellschaftlichen Legitimationsinstanzen von Verwandtschaft."

Gerhard Matzig diskutiert Fluch und Segen eines Bauprojekts in Braunschweig, wo die Residenz mit einer Shopping-Mall verbunden wurde. Alexander Kissler resümiert eine Veranstaltung der Katholischen Akademie in Bayern, auf der sich Ulla Hahn, Wolfgang Frühwald und Hans Maier auf Spurensuche nach einer "neuen Nähe" von Katholizismus und Literatur begaben. Stefan Koldehoff informiert über Manipulationen der Besucherzahlen am Von der Heydt-Museum Wuppertal. Jörg Häntzschel berichtet über den Rücktritt des Direktors des Smithsonian in Washington wegen eines Finanzskandals. Gustav Seibt schreibt einen Nachruf auf die Schriftstellerin Geno Hartlaub. Gemeldet wird außerdem, dass der Kunstsammler Ernst Marx nach Ausscheiden seines Kurators Heiner Bastian seine Sammlung aus dem Hamburger Bahnhof in Berlin abziehen will.

Auf der Schallplattenseite rühmt Karl Bruckmaier das neue Album von Ry Cooder "My Name is Buddy" als spätes Meisterwerk. Jonathan Fischer beschreibt wie, in der New Yorker Diaspora, namentlich Bronx und Brooklyn, der Reggae und "Kingstons Ehre" gerettet werden. Vorgestellt werden neue CDs von Windmill, Ennio Morricone und die Compilation "DIY: The Rise of the Independent Music Industry after Punk".

Besprochen werden Alain Resnais' neuer Film "Herzen", eine Beckett-Ausstellung im Pariser Centre Pompidou, eine Inszenierung von Kafkas Roman "Das Schloss" und die Uraufführung von Bernhard Studlars Stück "Sonne, Wolke, Amerika" am Theater Graz, ein Berliner Liederabend von Rolando Villazon mit Schumanns "Dichterliebe" und die Novellensammlung "Herr Stern" von Laszlo Darvasis (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).