Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.01.2007. Die FAZ fragt, warum westliche Architekten chinesische Propagandazentralen errichten. Die NZZ weiß dagegen aus China von einer strategischen Verschwörung feindlicher Mächte zu berichten. Die Berliner Zeitung erklärt, wie man in der digitalen Welt Second Life zu analogem Geld kommt. Außerdem wirft Dani Levys Hitler-Komödie "Mein Führer" ihre Schatten voraus: Die FR findet es politisch korrekt, über Hitler zu lachen. Die taz findet allerdings schon die Frage, ob man dies dürfe, autoritätsfixiert. Die Welt stört sich allein harmlosen Witzen.

TAZ, 06.01.2007

Gleich zwei Texte zu Dani Levys Hitler-Komödie "Mein Führer". Walter Rothschild, Landesrabbiner von Schleswig-Holstein und britischer Herkunft, ist sehr angetan von dem Film: "Dani Levys Film ist superb. Kulissen, Location, Kamera, Inszenierung, Licht, Ton, die feinen Details - alles wunderbar. Und der Inhalt. Man lacht, und man denkt, und man weint." Cristina Nord zeigt sich auf der Meinungsseite deutlich reserviert, findet aber schon die Frage, ob man denn über Hitler lachen dürfe, "autoritätsfixiert": "Wovor hat man Angst? Vor Bagatellisierung? Vor Entlastung? Gegenfrage: Ist ein bleischweres Führerbunkerdrama wie 'Der Untergang' nicht viel apologetischer? Indem es Hitler so ernst nimmt, dass es ihn verstehen will, zollt es ihm eben jenen Respekt, den man dem Mann doch bitte schön wenigstens postum versagen sollte."

Weitere Artikel: Sehr persönlich erwidert Brigitte Werneburg auf Michael Kleebergs Rezension (taz vom 29.12.) des im Buch "Die Verschwulung der Welt" vorgeführten Scheiterns der west-östlichen Begegnung der Schriftsteller Raschid al-Daif und Joachim Helfer. Werneburg findet nun, im Gegensatz zu Kleeberg, Raschids "altbekannte Vorstellung von Männlichkeit" unerträglich, "die in jeder Gegend der Welt erbärmlich ist." Adrienne Woltersdorf schildert den Streit, der um ein Buch des Ex-Präsidenten Jimmy Carter entbrannt ist, in dem dieser den palästinensisch-israelischen Konflikt mit der Apartheid vergleicht.

In der zweiten taz stellt Erika Harzer das brasilianische Mode-Label "Daspu" vor, übersetzt: "von den Huren" - und für Huren. Wolf Schmidt denkt über mietbare Demonstranten nach.

Im Dossier des taz mag schreibt Keno Verseck über die Straßenkinder Bukarests, Kinder wie Adita: "Eine Ratte kriecht durch den Müll, ihr Scharren weckt Adita. Er kann sie nicht sehen, es ist spät am Nachmittag, es ist schon dunkel. Er zischelt müde, um sie zu verscheuchen, aber sie stöbert weiter zwischen Plasteflaschen, Lackdosen, Zigarettenkippen, Brotrinden und Schutt. Adita erhebt sich langsam aus der dicken Müllschicht. Er greift sich stöhnend an seinen schmerzenden Kopf, zieht die Tüte aus der Hosentasche hervor, hält sie an den Mund und atmet ein paar Mal kräftig ein."

Weitere Artikel: Peter Brandt blickt auf das Ende des Ungarnaufstands zurück. Jan Feddersen bespricht eine 10-CD-Edition mit Calypso-Musik.

Rezensionen gibt es zu Samuel Webers Abrechnung mit dem zentrumsfixierten Denken "Gelegenheitsziele", zu Adam Soboczynskis Polen-Buch "Polski Tango", zu Aayan Hirsli Alis Autobiografie "Mein Leben, meine Freiheit" und Konrad Paul Liessmanns Feier des Unverwertbaren "Theorie der Unbildung". In der Belletristik-Abteilung geht es um Ali Smiths Roman "Die Zufällige", Guillermo J. Fadanellis Roman "Das andere Gesicht Rock Hudsons" und das Buch über Enzyklopädien "Seine Welt wissen" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 06.01.2007

Noch ist der heilige Ernst im Umgang mit Hitler nicht ganz ausgetrieben, bedauert Peter Zander im Feuilleton, nachdem er Dani Levys Film "Mein Führer" gesehen hat. "Eigentlich hätte das Resultat viel böser, abgründiger, schamloser ausfallen müssen. Eine Farce, wie einst bei Tabori. Aber da steht sich Levy als Humanist noch in der Komödie selbst im Wege. Und deshalb ist 'Mein Führer' - vielleicht das Schlimmste, was man über eine Komödie sagen kann - zu harmlos."

In der Literarischen Welt bewundert Michael Miersch den amerikanischen TV-Kollegen John Stossel, der sich virtuos zwischen allen Fronten der öffentlichen Meinung bewegt. "Dass Stossel nun nicht mehr nur die Industrie kritisierte, sondern auch Behörden, Umweltverbände und andere NGO's, machte ihn zum Feindbild vieler Linker. Ganze Websites beschäftigen sich damit, ihn zu beschimpfen (oder kritisieren). Als er in der Special-Folge 'Das darf man nicht sagen' auch noch die Sprachkontrolle der political correctness aufspießte, steigerte sich die Wut. Sie wollten ihn kriegen. Und einmal gelang es auch. Zwar auf einem Nebenkriegsschauplatz, doch die Anwälte seiner Gegner zelebrierten den Triumph ausgiebig (zumal Stossel auch ein Special über die obszönen Honorare amerikanischer Anwälte gemacht hatte)."

Weiteres im Feuilleton: Die in Afghanistan und Deutschland aufgewachsene Regisseurin Julia Afifi spricht mit Thomas Lindemann über das von ihr mitveranstaltete Theaterfestival in Kabul (mehr), das im Herbst 2006 zum dritten Mal stattfand. Hendrik Werner gratuliert dem "Odysseus mit Vibraphon" Paolo Conte zum Siebzigsten. "Publikumsreservoir ausgeschöpft": Stefan Kirschner zitiert die einfallsreichsten Begründungen, mit denen Berliner Opern die vorzeitige Absetzung von Stücken begründen. Eine Meldung besagt, dass durchgesickert ist, dass Cosima von Bonin, Saadane Afif und Gerwald Rockenschaub an der zwölften documenta teilnehmen. Hans Eitzenberger knüpft aus der Geschichte des Orientteppichs einen Artikel. Heidi Bürklin durfte in London den Sevso-Schatz sehen, ein Silbergeschirr, dessen unklare Herkunft bisher die öffentliche Ausstellung verbietet. Besprochen wird Krzysztof Krauzes und Joanna Kos-Krauzes Film "Erlöserplatz".

FR, 06.01.2007

Dani Levys Hitler-Komödie "Mein Führer" wirft ihre Schatten voraus. Dazu gehört auch Ina Hartwigs Artikel, in dem sie feststellt, dass über Hitler eigentlich schon immer gelacht wurde - und dass das auch sehr in Ordnung ist: "Denn was gibt es Schöneres als auf höchstem Niveau über einen entsetzlichen Diktator zu lachen? Im Moment des Lachens ist seine Gefährlichkeit gebannt, ist er seiner Lächerlichkeit preisgegeben. Lubitschs Einfall, den Hitler-Gruß vom Führer mit 'Ich heil mich selbst' erwidern zu lassen, war einfach fulminant: Eine rhetorische Kastration, wirkungsvoller als jede wohlformulierte Kritik."

Weitere Artikel: Im Interview spricht Knarf Rellöm über seine Musik. Harry Nutt begrüßt sehr den Ausgang einer Bürgerbefragung in Potsdam, der nun den "Neubau eines Landesparlaments in den Umrissen des alten Stadtschlosses" möglich macht. In Karin Ceballos Betancurs "Bonanza"-Kolumne geht es heute um das Bond-Jahr 007. Auf der Medienseite nimmt Tanja Kokoska die Model- und Superstar-Shows ins Visier.

Besprochen werden eine Ausstellung des Design-Künstlers Stefan Heiliger im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst - und das Buch "Der Melancholische Garten" über den Frankfurter Hauptfriedhof (dazu mehr in der Bücherschau des Tages).
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FAZ, 06.01.2007

In Bilder und Zeiten erzählt Mark Siemons, wie und warum der deutsche Architekt Ole Scheeren (mehr hier) nach Plänen von Rem Koolhaas dem chinesischen Propagandasender CCTV ein Zentrale baut: Eine Glas- und Stahlkonstruktion, die wie eine Endlosschleife von M.C. Escher ineinander verschachtelt ist und deren Türme nicht senkrecht stehen, sondern um sechs Grad geneigt sind. Siemons glaubt schließlich, dass es die Freiheit ist, das Abschütteln westlicher Identitätsfesseln, die Stararchitekten derzeit nach China treibt: "Ein unübersehbares architektonisches Sinnbild für eine solche Art Antimetaphysik lässt sich zur Zeit wohl nur in der Volksrepublik China erschaffen: Weil dort der politische Wille und das Geld dafür vorhanden sind und weil die kulturelle Situation wie ein genaues Abbild der intellektuellen Ambition wirkt. Dies - und nicht etwa die Gier nach Geld und Ruhm, wie sie westlichen Architekten, die in China bauen, bisweilen unterstellt wird - scheint der Inhalt dieses faustischen Pakts avancierter Konzeptkünstler mit einem autoritären Staat zu sein."

Außerdem erklärt Werner Spies in der Beilage, wie uns die Dänen Vilhelm Hammershöi und Carl Theodor Dreyer das Sehen beibrachten, indem sie Zeit und Raum aushebelten. Und die Ballerina Sylvie Guillem bestreitet im Interview mit Wiebke Hüster, ein "heiliges Monster" zu sein: "Das wirkliche Monster des Theaters ist doch die Bühne selbst! Du weißt nie, was geschieht, wenn du hinaus auf die Bühne gehst, wo dich das Monster packt und was es mit dir machen wird, in wen es dich verwandeln wird."

Und das Feuilleton: Vor dem Start von Dani Levys Komödie "Mein Führer" erinnert Andreas Platthaus an die großen Vorläufer der Hitler-Parodien, besonders die Comic-Produktionen Captain America, Daredevil und die Ducktators. Auf der Plattenseite ärgert sich Richard Kämmerlings, dass es das Album "Lie Lover Lie" von The Blood Arm bereits in ganz Europa, nur nicht in Deutschland gibt: "Man kann also das Album, das seit einer halben Pop-Ewigkeit als heißester Scheiß angekündigt wird, überall bekommen, nur nicht in deutschen Plattenläden. Wie provinziell ist das denn? Auf welchem Planeten leben die Schlaumeier bei Warner Music eigentlich?"

Joachim Müller-Jung empört sich über den Fall des schwerbehinderten Mädchens Ashley aus Seattle, das die Eltern mit medizinischer Hilfe im kindlichen Zustand halten. In der Randglosse widmet sich "dsch" der Aufregung um ein schwules Pärchen in der Weihnachtskrippe des italienischen Parlaments. Jürgen Dollase stellt den Koch des Berliner Restaurants "Quadriga", Bobby Bräuer, vor. Klaus Ungerer hat im Berliner Amtsgericht einen Fall um räuberische Erpressung und verschmähte Liebe verfolgt. Dieter Bartetzko schreibt zum Siebzigsten des Sängers Paolo Conte. Andreas Rossmann verarbeitet die Meldung, dass jetzt auch Irisch Amtssprache der EU ist.

Auf der Medienseite kündigt Beate Tröger freudig an, dass Ute Diehls Doku-Soap "Die Özdags" ab Sonntag im WDR zu sehen ist.

Besprochen werden zwei Fotografie-Ausstellungen in Berlin, eine Ausstellung zu Young-Jae Lee in der Münchner Pinakothek der Moderne, eine Schau der Ikonen aus dem Katharinenkloster im Getty Center von Los Angeles, eine Aufnahme von Osvaldo Golijovs Lorca-Oper "Ainadamar", ein wieder aufgelegtes Album von Esther Ofarim und Bücher, darunter Peter Yorks Band "Zu Besuch bei Diktatoren", Alexander Kluges "Tür an Tür mit einem anderen Leben" und Wilhelm Lehmanns "Essays" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Reinhold Grimm Hans Magnus Enzensbergers Gedicht "Sterne. Für Adam Zagajewski" vor:

"Jedes Jahr, astronomisch pünktlich, gehen sie wieder auf.
Was da kriecht, heißt, glaube ich, Pfennigkraut..."

NZZ, 06.01.2007

In der Beilage Kunst und Literatur folgt Matthias Messmer den Spuren der Westens in China, der als Kommerzkultur recht populär ist, aber nicht unbedingt als Freiheitskultur: "Strömungen tragen die latente Gefahr in sich, plötzlich in eine andere Richtung zu drehen. Dessen ist sich auch die kommunistische Führung bewusst, zumal der Westen für die Herrschenden nach wie vor ein zweischneidiges Schwert darstellt, an dem man sich die eigenen Messer zwar schärfen, sich aber auch kräftig schneiden kann. Auf einer Sitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas vor zwei Jahren wurde unter anderem die 'Verwestlichung und Spaltung' des Landes durch eine 'strategische Verschwörung feindlicher Mächte' als Gefahr für Chinas Zukunft genannt."

Christiane Hammer porträtiert den chinesisch-amerikanischen Schriftsteller Ha Jin. Thomas Leuchtenmüller empfiehlt noch einmal nachdrücklich die Lektüre von Walt Whitmans Gedichtzyklus "Leaves of Grass"

Im Feuilleton unterhält sich Alexandra Stäheli mit Regisseur Dani Levy über seine von Alice Miller psychoanalytisch vertiefte Hitler-Komödie "Mein Führer": "Die Komik ist per se subversiv und antiautoritär, weil sie sich über autoritäres Gehabe lustig macht. Deshalb kann die Komödie auch viel frecher, zugespitzter und intelligenter agieren und nachdenken als die Tragödie."

Weiteres: Markus Jakob berichtet, dass Barcelona seine letzte Stierfkampf-Arena schließt. Besprochen werden eine Retrospektive zu Cindy Sherman im Kunsthaus Bregenz, und Bücher, darunter Nico Bleutges Gedichtband "klare konturen", Ilse Aichingers Korrespondenzen "Subtexte", Gedichte und Briefe von Emily Dickinson in neuer Übersetzung und Su Tongs Roman "Die Tränenfrau" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 06.01.2007

Peter Glaser beschreibt, wie stark sich inzwischen Virtualität und analoge Realität mit der Online-Welt Second Life der Firma Linden Lab verzahnt haben: "Wer in Second Life Grundbesitz erwirbt, muss dafür lediglich eine monatliche Grundsteuer an Linden Labs entrichten. Diese realen Rechte in der virtuellen Welt haben einen regelrechten Gründerboom ausgelöst. Die Vorstellung, dass jemand bereit ist, für ein digitales Objekt reales Geld zu bezahlen, ist vielen noch ungewohnt, aber einige haben schon ihr Glück damit gemacht. Anshe Chung, eine chinesischstämmige hessische Pädagogin, hat sich zum ersten digitalen Tycoon hochgearbeitet. Überall in Second Life ist ihr Avatar auf Werbetafeln zu sehen. Frau Chung, für die in China sechs Angestellte arbeiten, ist mit virtueller Immobilienentwicklung wohlhabend geworden, hübsche Grundstücke, schöne Häuser - und zwar mit echtem Geld. Die lokale Währung Linden-Dollar lässt sich in echte Dollar konvertieren."

SZ, 06.01.2007

Das in Feiertagsangelegenheiten doch sehr privilegierte Bayern feiert heute die Heiligen Drei Könige.