Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.12.2006. Die FAZ sah Nina Hoss in Barbara Freys Berliner "Medea"-Inszenierung schöner, also bewusster morden. Auch für die NZZ lässt Hoss das Allgemeinmenschliche weit hinter sich. In der Welt setzt Viktor Jerofejew seine Hoffnungen auf die russische Mittelschicht. In der taz schwärmt Tariq Ali von den neuen Lichtgestalten der internationalen Linken, Hugo Chavez und Evo Morales, und hofft dass sich die Iraker daran ein Beispiel nehmen. In der SZ staunt Jana Hensel über die Erfolge der neuen deutschen Buchpreise.

FAZ, 01.12.2006

Barbara Frey inszeniert Euripides' "Medea" am Deutschen Theater Berlin, und Gerhard Stadelmaier versucht die Einbauküche auf der Bühne zu ignorieren und sich ganz auf seine neue Göttin Nina Hoss zu konzentrieren. "Sie durchlebt, durchpulst die Figur. Zwar sind der Drachenwagen und alle Metaphysik natur- und kategoriengemäß gestrichen. Nina Hoss ist hier selber Drache: die Drachenfrau, die ihr Gefühl virtuos und sexy schnaubend, aber auch in vollem Leidensbewusstsein zur Maxime allgemeinen Frauenhandelns macht - schöner, also bewusster morden; sich nichts gefallen lassen; sich selbst verwirklichen. Und alle Konsequenzen tragen. Und so geht sie am Ende ganz kühl und beherrscht und selbstsicher, aber auch wie vom Schmerz gemeißelt ab. Jason windet sich am Boden. Die Frau: eine Statue. Der Mann: ein Wurm."

Weiteres: Christian Schwägerl vermutet nach diversen Telefonaten mit Klimaforschern, dass der unerhört laue Herbst wohl etwas mit der Erderwärmung zu tun hat. Die Besitzverhältnisse an Kulturgütern zwischen Baden-Württemberg und dem markgräflichen Haus Baden werden jetzt von einer Fachkommission geklärt, informiert Rose-Maria Gropp. Wolfgang Sandner kann die Weigerung Leipzigs, eine einst beschlagnahmte Sammlung von Musikhandschriften an die Familie Peters zurückzugeben, nicht gutheißen. Kerstin Holm präsentiert einige der in Russland kursierenden Theorien zum Mord an Alexander Litwinenko. Richard Kämmerlings applaudiert Stephen Greenblatt zu dessen Shakespeare-Vorlesungen in Frankfurt.

Eduard Beaucamp ist nach einem Besuch der "großartigen" Wolfsburger Ausstellung überzeugt, dass Neo Rauch die barocke Sinnlichkeit in die Malerei zurückbringt. Bodo von Dewitz telegrafiert, dass morgen die Statue "Das Licht" des NS-Bildhauers Josef Thorak in Köln versteigert wird. Die Familie, die Marcel und Teofila Reich-Ranicki vor der nationalsozialistischen Verfolgung in Warschau versteckte, wurde nun mit dem Titel "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet, meldet Konrad Schuller.

Auf der letzten Seite bereitet der britische Historiker Tony Judt im Interview Michael Jeismann und alle restlichen Europäer darauf vor, dass der Kontinent gerade die "historische Sicherheitszone" verlässt, die nach 1945 entstand. Dieter Bartetzko referiert Kritik an den Petersburger Hochhausplänen von Gasprom, die auf einer Tagung in der Petersburger Akademie der Künste laut wurde. Oliver Jungen recherchiert zu Gregor VII., der vom Papst auf seinem Türkeibesuch zitiert wurde. Und auf einer Doppelseite empfehlen Redakteure neben ihren Konterfeis Bücher zu Weihnachten.

Besprochen werden die Ausstellung zum Aktionskünstler Hermann Nitsch im Berliner Gropius-Bau, ein Auftritt der Popband "Olli Schulz und der Hund Marie" in Wiesbaden, und Bücher, darunter Daniel Danz' Roman "Türmer" und ein Band über die nationalsozialistsche Politik im Nahen Osten (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 01.12.2006

Verärgert kehrt Heribert Seifert von der Medienkonferenz "Migration und Integration" in Essen zurück, die den Medien eine Schlüsselfunktion bei der Integration zuschreiben wollte: "Hinnehmen mag man die gut gemeinten Maßnahmen, die in Essen verkündet wurden. So soll 2007 ein interkulturelles Ausbildungsprojekt in Gang gesetzt werden. Der WDR, die EBU und die Anna Lindh Foundation wollen damit junge Journalisten für eine interkulturell sensible Berichterstattung qualifizieren. Auch ist gegen Sprachkurse im Kinderkanal nichts einzuwenden. Wenn Frank Jennekens, Vorsitzender der Eurovision Intercultural and Diversity Group der EBU, aber davon spricht, man müsse künftig nicht so sehr auf dem Negativen herumreiten und stattdessen die 'Helden der Vielfalt' zeigen, dann müssten bei Journalisten die Warnsignale aufleuchten. EU-Bürokraten und einige Hierarchen des öffentlichen Rundfunks in Deutschland empfehlen im Umgang mit Migration und Integration unverhohlen Propaganda im Dienste der guten Sache."

Barbara Villiger Heilig hat sich zwei "Medea"-Inszenierungen angesehen. Tina Laniks Produktion hält sie für ein "triefend feministisches Trauerspiel", Barbara Freys Berliner "Medea" findet sie aber großartig: "Nina Hoss spielt sie, eine Schauspielerin von überragendem Format. Sie sprengt die Verhältnisse. Sie durchbricht das Allgemeinmenschliche und überhöht es ins Mythische. Sie ist ein Ereignis."

Weiteres: Ulrich M. Schmid erklärt uns das verstaubte Denken des polnischen Erziehunsgministers Roman Giertych von der Liga der polnischen Familien, der jüngst gefordert hat, Witold Gombrowicz aus den Schulbüchern zu verbannen. Der Alttestamentarier Konrad Schmid steuert einige Überlegungen zu einer vernünftigen Förderung der Geisteswissenschaften bei. Besprochen werden - Kaija Saariahos szenisches Oratorium "La Passion de Simone" in Wien und ein Konzert von Viktoria Mullova und Katia Labeque in der Tonhalle Zürich.

Auf der Filmseite dichtet Christoph Egger betroffen über die beiden Polarfilme "Happy Feet" und "Der weiße Planet": "Es darbt in der Antarktis der Pinguin, es schmilzt in der Arktis das Packeis dahin". Besprochen wird auch Kohei Oguri Film "Umoregi - Der verborgene Wald".

Welt, 01.12.2006

Viktor Jerofejew setzt im zweiten Teil seines Artikels über "Russland in der Krise" seine ganze Hoffnung auf die entstehende Mittelschicht. Dass es sie gibt, "davon zeugen Bauboom und Auslandsreisen en masse. Wer wird letzten Endes den Sieg davontragen: Die Mittelschicht, Symbol für die Modernisierung der Gesellschaft, oder die Trägheit des archaischen Bewusstseins der ärmeren Gesellschaftsschichten, das durch eine Lähmung des Willens gekennzeichnet ist? Oder gewinnt die wahre Partei der Macht - der korrumpierte Beamtenapparat? Davon hängt nicht nur die Zukunft Russlands ab, sondern seine zukünftige Existenz an sich."

Weitere Artikel: Zafer Senocak denkt anlässlich des Papstbesuchs in der Türkei über die Zukunft von Christen und Muslimen in Europa nach: Irgendwie fände er eine Koalition der "aufgeklärten Frommen" interessant - im Gegensatz zu "unverdautem Laizismus" - aber bevor das jemand ernst nehmen kann, flüchtet Senocak schnell in die Ironie. Manuel Brug kritisiert die Absage des Wotan-Sängers Falk Struckmann in Bayreuth, sie komme zu spät. Rainer Haubrich freut sich mit Bild-Kolumnist Franz-Josef Wagner, dass es in der Architektur wieder um Schönheit geht. Uwe Wittstock berichtet über den Kauf der Kunstsammlung Ricke durch drei Museen. Matthias Heine schreibt zum 100. Geburtstag von Iwan Bloch. Katharina Dockhorn ärgert sich über die ARD, die mit ihrer vorgezogenen Ausstrahlung von Sönke Wortmanns WM-Film diesen um eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis bringt. Matthias Heine missfällt die Frisur von Nina Hoss' Medea im Deutschen Theater. Marko Martin hat sich mit dem an Aids erkrankten Lyriker Mario Wirz in Berlin-Steglitz getroffen.
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TAZ, 01.12.2006

Im Interview mit Robert Misik darf der Publizist Tariq Ali von den neuen Lichtgestalten der internationalen Linken, Hugo Chavez und Evo Morales, schwärmen. Leider sei der Widerstand im Nahen Osten nicht ganz so "hübsch" wie der in Lateinamerika: "Ein ganzer Kontinent gerät in Bewegung. Das vielleicht Wichtigste daran: Es ist ein Kontrast zu dem Chaos im Nahen Osten. Dort - in Afghanistan, im Irak, im Libanon, in Palästina - kämpft der Widerstand, damit die Besatzer das Land verlassen. Das ist fein, aber eine soziale Vision hat dieser Widerstand nicht. In Lateinamerika dagegen ersteht die soziale Vision wieder."

Im Feuilleton berichtet Andi Schoon von der 2. Internationale Biennale für Zeitgenössische Kunst in Sevilla angesehen, die Okwui Enwezor ganz ins "Zeichen der Kritik an der neoliberalen Ausbeutung" gestellt hat. Besprochen werden neue Weltmusik-Compilations, das Debütalbum "Songs For The Gentle" des Berliner Trios MyMy und Brad McGanns Thriller "Als das Meer verschwand".

Und hier noch Tom.

Tagesspiegel, 01.12.2006

Daniel Barenboim spricht im Interview über Busoni, die Opernstiftung und seine Zukunft. Die Frage, ob er Lorin Maazel als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker ablösen will, verneint er mit Hinweis auf eine transzendentale Bindung an seine Staatskapelle: "Es freut mich, dass ein Kollege so gut über mich denkt. Aber die Staatskapelle hat mich auf Lebenszeit gewählt - und ich verhandle mit dem Orchestervorstand gerade über eine Verlängerung."

FR, 01.12.2006

"Schwarzkogler ist tot, Brus und Export längst über den direkten Körpereinsatz hinaus. Bleibt Hermann Nitsch." Elke Buhr besucht in Berlin zwei Ausstellungen, dies sich dem Körper verschreiben. Der "rundliche Greis mit dem Mönchsbart" Nitsch bespielt den Gropius-Bau, die jüngere Generation die Kunst-Werke. "Heute, so zeigt die Berliner Retrospektive, funktioniert Hermann Nitsch mit seinen dekorativ blutverschmierten Jungfrauen eigentlich nur noch als historische Referenz - und so wird er von Künstlern wie Jonathan Meese und Christoph Schlingensief auch benutzt... 'Into Me / Out Of Me' bietet einen fulminanten Überblick über die Varianten von Körperkunst der letzten Jahrzehnte. Und nicht nur Schlingensiefs verwesender Hase auf Video kitzelt hier die Ekelgrenze."

Mirja Rosenau freut sich mit allen Beteiligten über den Ankauf der Sammlung Rolf Rickes durch das Frankfurter Museum für Moderne Kunst und Museen in Liechtenstein und St. Gallen. Daniel Kothenschulte schreibt den Nachruf auf den Comiczeichner Dave Cockrum, Schöpfer der "X-Men". Die Freundlichkeitsoffensive des Papstes gegenüber der Türkei entlarvt Christian Schlüter im Times mager ein Bravourstück päpstlicher Diplomatie.

Besprochen werden die beiden "Medea"-Inszenierungen von Tina Lanik am Münchner Residenztheater und von Barbara Frey am Deutschen Theater Berlin sowie Calixto Bieitos "surrealistische" Version von Verdis "Don Carlos" in Basel.

SZ, 01.12.2006

Die Museen haben ihre kulturelle Hegemonie längst an schwerreiche Sammler abgetreten, die die Nobilitierung durch die angeschlagenen Häuser allenfalls noch zur Preissteigerung für die ihnen gehörenden Werke gebrauchen können, berichtet Holger Liebs. Einer von ihnen ist David Geffen: "Der ehemalige Medienzar, der mit Hollywoodfilmen und Broadway-Musicals ein Vermögen machte, hat seit Oktober Kunst für insgesamt rund 420 Millionen Dollar veräußert - und dürfte nun zum größten lebenden Profiteur des boomenden Kunstmarktes aufgestiegen sein. Als nächstes wolle Geffen für etwa zwei Milliarden Dollar die L.A. Times kaufen - mutmaßt zumindest die L.A. Times."

Ulrich Beck wartet mit einer Europa-Definition auf. Europa ist nicht ein Zustand, sondern ein Prozess, zum Nutzen der Beitrittskandidaten, aber auch der Altmitglieder: "Um die EU-Mitgliedschaft der Türkei geht es heute gar nicht, sondern darum, ob die Antizipation der Mitgliedschaft die Macht der Selbsteuropäisierung entfaltet, die dann die Türkei in zehn oder zwanzig Jahren 'EU-reif' gemacht haben wird. Aber dieses Versprechen auf Mitgliedschaft ist nicht selbstlos. Denn zugleich ist die lockende EU-Mitgliedschaft eine Art Versicherungspolice gegen Bedrohungen, die von instabilen Nachbargesellschaften für die EU-Staaten ausgehen."

Weitere Artikel: Auf der Literaturseite staunt Jana Hensel ("Zonenkinder") über den "Preis der Leipziger Buchmesse" und den in Frankfurt vergebenen "Deutschen Buchpreis", die ihre Preisträger zu Bestsellerautoren machten ("Es dürfte im Literaturbetrieb schon lange keine Innovation mehr gegeben haben, die so erfolgreich war wie die Erfindung dieser saisonalen Buchpreise. Es kann gut sein, dass sie das literarische Leben hierzulande dauerhaft verändern werden.") Petra Steinberger zitiert amerikanische Medien, die sich darüber streiten, wer die Konflikte Im Irak zuerst formell als Bürgerkrieg bezeichnete. Christian Kortmann und C. Schmieder haben einer Vorführung des Komponierprogramm "Ludwig" beigewohnt, das Schlagerkomponisten arbeitslos machen soll. Volker Breidecker verfolgte eine Luzerner Tagung über "Kultur und Konflikt".

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Euripides' Tragödie "Medea" am Deutschen Theater Berlin, der Christopher Schmidt "geistige Schlichtheit" attestiert, eine Ausstelung über den U-Bahnhof-Architekten Alfred Grenander in Berlin, Gwen Stefanis neues Album "The Sweet Escape" ("Oh Gott: Sie jodelt", konstatiert Dirk Peitz), die türkische Filmkomödie "Ice Cream, I Scream" und Robert Schumanns Oper "Genoveva" in Palermo.

Die Medienseite bringt ein Interview mit ARD-Chef Thomas Gruber, der erklärt, warum er Günther Jauch als Sabine Christiansen einsetzt. Nur online präsentiert Christian Kortmann das Internetvideo der Woche, in dem es um abweichende Oralsexpraktiken geht. Außerdem gibt es eine Beilage mit Kinderbüchern. Wir werten sie in den nächsten Tagen aus.