Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.10.2006. In der taz widerspricht der Historiker Saul Friedländer seinem Kollegen Götz Aly: Hauptziel des Holocaust sei nicht die Auspressung, sondern die Vernichtung der Juden gewesen. Die Welt berichtet über das erste Filmfestival, das Antrittsgelder für anreisende Hollywoodstars bezahlt - es eröffnet am Freitag in Rom. Der Tagesspiegel erklärt, was Blixa Bargeld unter einem Divinationssystem versteht. Die FAZ liest Wladimir Sorokins gerade in Russland erschienenen Roman "Der Tag des Opritschniks", eine finstere Satire über die Moskauer Staatselite. Die NZZ beobachtet einen mangelnden Zusammenhalt unter den Muslimen.

TAZ, 11.10.2006

Auf den Tagesthemenseiten spricht der Historiker Saul Friedländer in einem Interview über sein neues Buch "Die Jahre der Vernichtung". Auf der Suche nach einem Motiv des Holocausts widerspricht er Götz Aly (mehr). "Die Nazis wollten Lebensraum im Osten erobern und das demografische Gleichgewicht in Europa verändern. Die Nazis nutzen auch geraubtes jüdisches Eigentum, um die Wehrmacht und auch die deutsche Zivilbevölkerung zu ernähren. Das ist richtig, aber nicht zentral. Auch die Sklavenarbeit der Juden nicht. Das Hauptziel ist nicht ihre Auspressung, sondern ihre Vernichtung."

Auf den Kulturseiten wirft Alexander Cammann einen Blick in die jüngsten Ausgaben der Zeitschriften Sinn und Form und Neue Rundschau. In ersterer entpuppt sich demnach Norbert Bolz in einem "im Wortsinne wahnwitzigen" Interview als "wackerer antifeministischer Mitstreiter" von Eva Herman ("Es ist heutzutage einfacher, schwul zu sein als Mitglied einer klassischen Familie").

Besprechungen: Brigitte Werneburg stellt die Ausstellung "Der Kardinal. Albrecht von Brandenburg. Renaissancefürst und Mäzen" in Halle vor. Bert Rebhandl bespricht den Dokumentarfilm "An Inconvenient Truth - Eine unbequeme Wahrheit" von Davis Guggenheim. Das Problem des darin zu sehenden Vortrags von Al Gore bestehe allerdings darin, dass "alles den Konsumenten aufgehalst" wird.

Und hier Tom.

Welt, 11.10.2006

Am Freitag wird das neue Filmfestival von Rom eröffnet. Hanns-Georg Rodek fürchtet, dass es die Sitten verderben wird: "Am misstrauischsten wird der 'Preis für den besten Film' beäugt, der mit 200.000 Euro und einer nach Kaiser Marc Aurel modellierten Statue aus dem Hause Bulgari dotiert ist. Keines der großen Festivals verteilt neben seinen Palmen, Bären oder Löwen Bargeld, und insgeheim befürchten alle einen Dammbruch. Ihr Misstrauen wird von weiteren Summen angefacht, die um Rom wabern. Für das Gesamtpaket des Eröffnungsfilms 'Fur' sollen die Römer 500.000 Euro ausgeben, worin sämtliche Flüge und Hotel- und Aufenthaltskosten von Nicole Kidman & Entourage enthalten wären sowie ein 'Antrittsgeld' wie für Tennisprofis. Martin Scorsese soll aus - vorsichtig gesagt - dem Festival verbundenen Quellen 750.000 Dollar für seine Stiftung zur Filmrestaurierung erhalten. Bei solchen Summen - die niemand offiziell bestätigt - schrillen die Alarmglocken der anderen. Cannes, Berlin oder Venedig funktionieren seit einem halben Jahrhundert nach demselben Prinzip: Ihr bringt die Filme - und wir die Medien. Gelder fließen nicht."

Weiteres: In einem weiteren Text konstatiert Hanns-Georg Rodek, dass weder Nordkorea noch sein Diktator Kim Jong-Il für uns ein filmisches Gesicht haben (die einschlägigen Sequenzen aus "Team America" reichen ihm nicht). Manuel Brug ächzt unter dem derzeitigen Bollywood-Hype, der uns nicht nur entsprechende Filme auf RTL II beschert, sondern auch Bollywood-Shows, Bolly-Dance und Bolly-Food. Hendrik Werner glossiert Bemühungen der Politik, der "Unterschicht" auf die Spur zu kommen. Nächste Woche wird das Berliner Bodemuseum wiedereröffnet, Uta Baier erinnert aus diesem Anlass an den Museumsdirektor Wilhelm von Bode. Rainer Haubrich schreibt zur Eröffnung des Berliner Hotel de Rome in einem 1889 für die Dresdner Bank erbauten Gebäude (hier Bilder des historischen Gebäudes). Im Interview mit Wieland Freund spricht der britische Bestseller-Autor Robert Harris über sein neues Buch, dessen Held der Sklave Tiro sein wird: "Tiro war dreißig Jahre lang Ciceros Sekretär. Er erfand die Stenografie, schrieb eine verlorene Biografie über Cicero und wurde 100 Jahre alt."

Und hier noch der Hinweis auf eine Meldung, die Ihnen vielleicht in den nächsten Tagen häufiger begegnen wird: FAZ und SZ haben den Perlentaucher verklagt. Morgen findet die erste mündliche Verhandlung statt.

Perlentaucher, 11.10.2006

Der Perlentaucher bringt eine der letzten Reportagen der ermordeten russischen Journalisten Anna Politkowskaja - über den OMON-Kommandanten Buwadi Dachijew: "Ohne überhaupt auf die Hintergründe dieses Schusswechsels einzugehen - sie sind geklärt, wurden überall verbreitet und kommentiert -, möchte ich etwas über Buwadi berichten, was zu seinen Lebzeiten nicht geschrieben werden durfte. Ich möchte damit nicht allein das Andenken eines Menschen ehren, der mir während des Krieges oft half, meine Arbeit zu tun, noch dazu in Augenblicken, wo ein Verzicht auf Hilfe ein durchaus letales Ende hätte bedeuten können. Buwadi war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, er bestand aus lauter Widersprüchen, aus zwei Hälften. Wenn es dazu irgend welche Assoziationen gab, so war es das Grabmal Chrustschows auf dem Friedhof des Neujungfrauen-Klosters in Moskau. Eine Hälfte ganz schwarz, die andere - ganz weiß."
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Stichwörter: Anna Politkowskaja

FAZ, 11.10.2006

Kerstin Holm liest Wladimir Sorokins gerade in Russland erschienenen Roman "Der Tag des Opritschniks", der das gewaltverliebte Leben der Moskauer Staatselite im Jahre 2027 schildert: "Das von Westeuropa enttäuschte Russland hat sich hinter einer 'Westlichen Mauer' verschanzt und dreht den Europäern periodisch das Gas ab. Der strategische Partner ist China, das gegen Gaslieferungen Industrieprodukte schickt, von wasserstoffgetriebenen Mercedes-Limousinen bis zu hochtechnologischen 'Nachrichtenblasen', aber auch Siedler, denen das untervölkerte Reich erhöhte Steuern abnimmt. Die politische Maschine hat das Land nicht nur von Oppositionellen, sondern auch von westlichen Kleidern, Lebensmitteln, Intellektuellen und dem Humus aller Freigeisterei, der säkularen Kultur, gesäubert."

Weitere Artikel: Im Leitartikel auf Seite 1 des politischen Teils berichtet Rose-Maria Gropp, dass das Land Baden-Württemberg nun keine mittelalterlichen Handschriften mehr versilbern will, um das Haus Baden zu sanieren. Gerhard Stadelmaier schildert in der Leitglosse das Exempel eines Musikliebhabers, der sich aus Protest gegen die "Häppchenkakophilharmonie" der Kulturradios bei der GEZ abmeldet und nur noch neueste Musik hört. Eberhard Straub resümiert ein Berliner Symposion zum Ungarnaufstand im Jahre 1956. Timo John stellt das von den Architekturbüros project gmbh + archimedialab entworfene Neckar-Forum in Esslingen vor.

Auf der Medienseite resümiert Ralf Witzler deutsch-russische Diskussionen über den Mord an Anna Politkowskaja während des "Petersburger Dialogs". Und Jürgen Altwegg berichtet über den im Netz zirkulierenden Mitschnitt eines alten Pierre-Bourdieu-Interviews, in dem sich dieser abfällig über die jetzige Präsidentschaftskandidatin Segolene Royal äußert.

Auf der letzten Seite schreibt Andreas Platthaus über neue Kulturbauten im boomenden Toronto. Reiner Burger beschreibt neue Initiativen zur Integration von Kindergarten- und Schulunterricht in Sachsen. Und Tilmann Lahme porträtiert den Aufzugsmonteur Stefan Lang, der sich bei Günter Jauch zum Millionär hochriet.

Besprochen werden der Film "Der Teufel trägt Prada" (der bei Verena Lueken eher lauwarme Begeisterung auslöst), ein Konzert der Hidden Cameras in Frankfurt, eine Ausstellung über Leonardos "Madonna mit der Nelke" in der Alten Pinakothek München, eine Ausstellung über Bob Dylans Frühwerk in New York, eine Choreografie Nasser Martin-Goussets in Lyon, eine Ausstellung des Bildhauers Heinz Mack im Pergamon-Museum und Roland Schimmelpfennigs Stück "Ende und Anfang" im Wiener Akademietheater.

Tagesspiegel, 11.10.2006

Kai Müller beobachtet die "Einstürzenden Neubauten" (mehr), die sich in einem Weddinger Gewerbehof eingeschlossen haben, um mit ungewöhnlichen Methoden ein neues Album zu produzieren. Blixa "Bargeld hat sich dieses Spiel ausgedacht. Er nennt die Schatulle ein 'Divinationssystem'. Einem Orakel ähnlich spuckt der Zettelkasten rätselhafte Botschaften aus, die jeder der fünf Musiker in Klang umsetzen muss. Alexander Hacke wuchtet eine riesige Leichtmetallwanne vor seinen Bassverstärker, Andrew Chudy probt auf einem Blech einen Trommelwirbel, Rudi Moser trägt eine Art Didgeridoo, das mit Basssaiten bespannt ist, in den Aufnahmeraum. Und Blixa Bargeld sagt: 'Ich warte erst mal, was die anderen machen.' Er hat eine Luftdruckpistole in der Hand, im Flur dröhnt der Kompressor."

FR, 11.10.2006

Für Sascha Westphal geht Davis Guggenheims Wahlwerbefilm "Eine unbequeme Wahrheit" über den Klimawandel und für Al Gore nach hinten los. "Weder Gore noch Guggenheim gehen auf die entscheidenden Fragen ein: Warum haben sich die Demokraten und ihr Kandidat seinerzeit so schnell geschlagen gegeben? Warum haben sie nicht medienwirksamer um das Amt gekämpft? Genau diese Fragen will uns der Film vergessen machen. Schließlich wecken sie Zweifel an dem Politiker und Präsidentschaftskandidaten Al Gore, die am Ende nicht einmal ein so geschickt verpackter Werbefilm wie 'Eine unbequeme Wahrheit? ausräumen kann."

Christian Thomas echauffiert sich über die geschichtsvergessene Projektplanung der neuen Europäischen Zentralbank. Nicht nur dass die "Dom-Dominante" Frankfurts durch die geplanten Twin Towers der EZB gekappt wird, durch die Großmarkthalle wird zudem "ein Riegel getrieben". In Times mager räsoniert Peter Michalzik über die sich auf frappierende Weise ähnelnden Lebensstile von Diktatoren.

Besprochen werden, die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs "verrätseltem" Stück "Ende und Anfang" am Burgtheater Wien, eine Inszenierung von Verdis "Simone Boccanegra" am Staatstheater Kassel und Bücher, darunter der Roman "Das böse Mädchen" von Mario Vargas Llosa sowie der Roman "Erbin des verlorenen Landes" von Kiran Desai, die für dieses Buch den diesjährigen Booker Prize bekommt, wie heute bekannt wurde (mehr zu den Rezensionen in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 11.10.2006

Urs Schoettli spricht sich in der Debatte um den Islamismus gegen die kulturkämpferische Haltung und für mehr Differenzierung und "kalte Vernunft" aus. Keineswegs sei die Frontlinie so klar durch Religionen definiert, wie es scheine: "Es gilt die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass die islamische Welt aus einer Vielzahl von Nationalstaaten und sprachlich wie ethnisch verschiedenen Völkern besteht. Man braucht nur zu sehen, wie herablassend in den reichen Golfstaaten die pakistanischen Glaubensbrüder als Gastarbeiter behandelt werden, um gleich den Anspruch einer muslimischen Einheit als Illusion bloßzustellen. Auch würde es etwa ein stolzer Araber seiner Tochter nie erlauben, einen Pakistaner zu heiraten."

Der Journalist und Dokumentarfilmer Eric Bergkraut erinnert sich an seine Begegnungen und seine Zusammenarbeit mit der ermordeten Anna Politkowskaja und lobt ihre analytische Sachlichkeit: "Niemals hat sie den Konflikt um Tschetschenien aus einer ethnischen Perspektive betrachtet. Es ging ihr nicht um gute Tschetschenen und böse Russen, sondern um Kritik an einer desaströsen Regierungspolitik, die nicht aufhört, auf beiden Seiten Opfer zu fordern."

Weiteres: Wie man "aus der Pomeranze ein It-Girl" macht, hat Jürg Zbinden in David Frankels Bestsellerverfilmung "Der Teufel trägt Prada" gesehen. Claudia Schwartz hat im Deutschen Architekturzentrum in Berlin eine Ausstellung zur Architektur in der eritreischen Hauptstadt Asmara besucht und dort "die ganze Schönheit der italienischen Moderne des 20. Jahrhunderts" vorgefunden. Besprochen werden auch Yuri Slezkines Studie "Das jüdische Jahrhundert" und Sergio Pitols Roman "Die göttliche Schnepfe" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 11.10.2006

In einem fast ganzseitigen Plädoyer appelliert der Konservator der Burgerbibliothek in Bern, Martin Germann, an die unbedingte Bewahrung alter Handschriften. Am Beispiel der verstreuten Handschriften aus der Abtei Fleury betont er die Wichtigkeit des Zusammenhalts für die Forschung. Würden Verkaufspläne wie in Stuttgart "Schule machen, dann zerstreuten sich die Handschriften nochmals über die ganze Welt und wären auf Jahrzehnte hinaus wieder unauffindbar, wie im Mittelalter, und vielleicht auf immer. Das Schicksal der alten Bücher Europas ruht in Zukunft fast völlig auf den staatlichen und staatlich unterstützten Bibliotheken: Nur sie sind in der Lage, auf Dauer die alten Buchbestände zu bewahren, zu pflegen und damit der Öffentlichkeit und den nächsten Generationen zu erhalten."

Bernd Dörries kann derweil berichten, dass die Stuttgarter Landesregierung einen Verkauf nun doch umgehen wolle. Und Gottfried Knapp rechnet vor, dass die 40 Millionen Euro aus dem Verkaufserlös, die für Sanierungs- und Restaurierungsmaßnahmen des Schloss- und Klosterkomplexes Salem bestimmt wurden, gar nicht gebraucht werden.

Tim B. Müller erklärt in einem Essay, inwiefern Washingtons Traum von einer "Revolution" nach dem 11. September 2001 sowohl außen- wie innenpolitisch gescheitert ist. "Gerade die gesteigerte Betonung von Werten hat zur völligen Suspension von Verantwortung geführt. Die Bush-Regierung hat die Gesinnungsethik zur Herrschaftsmaxime erhoben."

Die Schallplattenseite ist heute unter dem schönen Motto "Von wegen Kleinmeister!" wenig bekannten Komponisten gewidmet, die auf dem Musikmarkt der "Diktatur einer Handvoll Genies" zum Opfer gefallen sind. Wolfgang Schreiber erklärt mit Schönberg, warum man sich solchen Kleinmeistern durchaus widmen sollte und ihnen heute durch Tonträger "Gerechtigkeit widerfahren" kann. Vorgestellt werden Einspielungen von Joseph Joachim Raff, im 19. Jahrhundert einer der meistgespielten Komponisten, Francois-Joseph Gossec, Johann Kaspar Kerll und Silvius Leopold Weiss. Zu lesen ist außerdem ein Interview mit Burkhard Schmilgun, dem "Schatzgräber unter Deutschlands CD-Produzenten": "Wenn Sie beim Wort 'Kleinmeister' bleiben, brauchen wir gar nicht weiterzureden."

Besprochen werden eine "brillante" Holbein-Ausstellung in der Londoner Tate Britain, David Frankels Film "Der Teufel trägt Prada", eine Inszenierung von Kleists "Käthchen von Heilbronn" am Schauspiel Essen und Bücher, darunter John Wyndhams Science-Fiction-Roman "Die Triffids", außerdem Hörbücher mit Texten von Hannah Arendt und den Interviews von Günter Gaus. (siehe dazu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)