Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.03.2006. In der FR verzichtet Elke Buhr auf die Ehre, als Frau, Gebärmutter und sozialer Kitt dienen zu dürfen. Die NZZ nennt den "Dresden"-Film ein Machwerk ohne sittlichen Ernst. Die taz ortet das Herz der Finsternis der Berliner Republik in der Brust von Friedrich Christian Flick. In der Welt erinnert Hans Christoph Buch daran, wie Mobutu 30 Jahre lang den Kongo ausbeutete. In der Berliner Zeitung schwärmt Detlev Buck von Neukölln. Die SZ entdeckt Popautoren mit gesellschaftskritischem Potenzial - leider alle schon tot. Die FAZ war bei einer Diskussion über alte Medien und das Internet.

FR, 08.03.2006

"Gestatten Frau und Gebärmutter, ich bin hier der soziale Kitt. Wo kann ich mich hinkleben?" Elke Buhr hält nicht viel von Frank Schirrmachers Buch "Minimum" über die Kinderlosigkeit der Deutschen. Ihr Fazit: "Nun ist eine kinderfeindliche, kinderentwöhnte Gesellschaft wahrlich kein schöner Ort zum Leben - allerdings wird sie nicht besser, wenn sie sich deshalb ängstlich hinter ihren Ressentiments und Klassenschranken verbarrikadiert. Und warum muss man den Umweg über Biologie und Stammhirn machen, wenn man soziale Probleme beschreiben will? Wahrscheinlich, damit man eleganter wieder bei den Frauen landen kann, denen Schirrmacher schlicht aus biologischen Gründen die Verantwortung für den Ausweg aus der Malaise zuschiebt. Die Frauen, so fasst der Spiegel Schirrmachers Minimum-Ode zusammen, seien schließlich das widerstandsfähigere Geschlecht, sie glänzten durch Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit, sie würden gebraucht als sozialer Kitt."

Sebastian Moll berichtet von der Whitney-Biennale in New York, wo die amerikanische Kunstszene gegen die Depression kämpft. Und in Times mager räsoniert Harry Nutt im Zusammenhang mit Jürgen Klinsmann über die "öffentliche Erregungskultur", die seit einiger Zeit "zur Staatskrise" tendiere.

Besprochen werden Johan Simons' Inszenierung von "Robinson Crusoe, die Frau und der Neger" nach J.M. Coetzee an den Münchner Kammerspielen, eine Doppelausstellung des Deutschen Filmmuseums, die an die Schauspielerin Helga Anders und das Werk ihres Gatten Roger Fritz erinnert, und Bücher, darunter der Bericht der im Irak entführten italienischen Journalistin Giuliana Sgrena "Friendly Fire. Als Geisel zwischen den Fronten", eine Studie des Historikers Riccardo Bavaj über den Widerstand linksextremer Intellektueller gegen die Weimarer Republik, und eine Biografie des Bankers Alfred Herrhausen von Andreas Platthaus (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 08.03.2006

Joachim Güntner kanzelt den ZDF-Film "Dresden" recht gnadenlos ab: "Die Bösen sterben, die Guten kommen durch. Elternlose Kinder in der Trümmerwüste teilen solidarisch Nahrung. Vor dem Kitsch gibt es kein Entkommen. Der Film ist ein Machwerk ohne sittlichen Ernst." Thomas Fechner-Smarsly erinnert daran, dass vor hundert Jahren Selma Lagerlöfs "Nils Holgerssons wunderbare Reise mit den Wildgänsen" erschien.

"Kannibalisch wohl" war Georg-Friedrich Kühn bei Sebastian Baumgartens Händel-Inszenierung "Orest". Besprochen werden außerdem Bücher, darunter Caspar Hirschis Mittelalter-Studie "Wettkampf der Nationen", Anne Enrights Muttererlebnisse "Ein Geschenk des Himmels" und Matthias Manders Roman "Der Brückenfall" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 08.03.2006

Marius Babias rollt noch einmal die Debatte um die Friedrich Christian Flick Collection auf, die für ihn einen bedeutenden, verheerenden Beitrag zum "Normalisierungsdiskurs" darstellt: Mit seiner Leihgabe habe Flick sich Gunst, Ansehen und Bedeutsamkeit erkauft. "Das Geld kommt in diskursiver Form zu ihm zurück. Seine Komplizen: die liebesdienerischen Zwischenhändler, die hastig zusammengekauften postavantgardistischen KünstlerInnen sowie die im kulturpolitischen Selbstauftrag handelnde Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die den Hamburger Bahnhof zu einem Schaufenster des neuen deutschen Selbstbildes umgestaltet hat. Flick verschenkt nicht, Flick nimmt und genießt: die Aufmerksamkeit, die Anerkennung, die Lebendigkeit des Konflikts. Mit Oldtimern, die er früher sammelte, wäre ihm der jetzige Logenplatz in die Berliner Republik verwehrt geblieben. Das Herz der Finsternis der Berliner Republik schlägt in seiner Brust."

Weiteres: Peter Laudenbach mokiert sich über Matthias Matussek, den neuen Kulturchef beim Spiegel, und dessen bei Joachim Lottmann "bestellte" Theaterbeschimpfung: "Es steht schlimm ums deutsche Theater! Ganz schlimm! So viele Nackte! So viel Blut! So wenig Dichterworte!" Dirk Knipphals kommentiert recht ätzend die Rückkehrwünsche der Berliner Akademie der Künste in ihr altes Domizil. Besprochen wird Armin Petras Inszenierung von Georg Büchners "Lenz" in Oslo.

Ansonsten wird der heutige Weltfrauentag in und von der taz noch immer zuverlässig begangen. Titel und Tagesthemenseiten widmen sich in diversen Ansätzen dem "Auslaufmodell" Mutter. Heide Oestreich gibt zu bedenken: "Die politisch dominierende Strömung des Feminismus hat vor lauter Begeisterung, den Frauen endlich den Kopf zu retten, den Körper einfach nicht mitgenommen. Man könnte sogar sagen, unbewusst haben sie ihn verleugnet. Der Verweis auf ihren gebärfähigen Körper war für diese Frauen ein ideologisches Instrument des Patriarchats." Zu lesen ist unter anderem auch ein Interview mit der Anstifterin der "Hausfrauenrevolution" Marie-Theres Kroetz-Relin.

Ansonsten geht es wie immer am Weltfrauentag stark um Männer. Dirk Knipphals versucht herauszufinden, warum Männer ins Stammeln geraten, wenn sie über die Beziehung zu ihrer Mutter sprechen sollen: "Wenn man bei Müttern nicht gleich im Urschlamm wühlt, so ist doch wenigstens emotionaler Ausnahmezustand angesagt." Auf der Meinungsseite räsoniert Rene Zucker über die Asynchronizität älter werdender Männer und Frauen ("Der All-Inclusive-Mann ist nicht mehr unser Begehr").

Hier hingegen Tom.
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Welt, 08.03.2006

Vor den Wahlen im Kongo schildert der Schriftsteller Hans Christoph Buch seine Erfahrungen mit dem riesigen Land, das noch bis 1997 von Armeechef Mobutu ausgebeutet wurde. "Das Wort Korruption beschreibt sein Regime nicht genau - Kleptokratie ist angemessener. Als ich 1986 in Kinshasa landete, wurde ich ohne Pass- und Zollkontrolle in die Küche des Flughafenrestaurants geführt, wo der Protokollchef mir geschmuggelte Diamanten zum Verkauf anbot. Unter einem Transparent mit der Aufschrift 'Der neue Beaujolais ist da!' erwartete mich eine Delegation des zairischen Schriftstellerverbands. Mobutu hatte den Kongo in Zaire umbenannt und allen Bürgern eine von Mao inspirierte Einheitskleidung verordnet, genannt Abacost (von 'a bas le costume!' - nieder mit dem Anzug!) und mit hochgeschlossenen Kragen denkbar ungeeignet für die Tropenhitze. Dass die Abacost-Fabrik, die ganz Zaire neu einkleidete, Mobutus Familienclan gehörte, versteht sich von selbst."

Weiteres: Rainer Haubrich würdigt den Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der nach fünfzehn Jahren demnächst aus dem Amt scheidet, als den Mann, der "die Stadt davor bewahrt hat, zum Spielplatz der Stararchitekten zu werden" und "Glücksfall für Berlin". Hanns-Georg Rodek porträtiert den oscargekrönten Schauspieler Philip Seymour Hoffman. Das Broadway-Musical wird jazziger, will Kai Luehrs-Kaiser nach dem Besuch von "The Pajama Game" mit Harry Connick jr. erkannt haben. Matthias Heine schildert kurze Eindrücke von den Dreharbeiten zu Dani Levys neuem Film "Mein Führer - die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" im Berliner Lustgarten. Und Uwe Wittstock führt die "Büchersäufer"-Kolumne fort. Im Medienteil unterhält sich Ulli Kulke mit dem Tierfilmer Sir David Attenborough über die für die BBC gedrehte Insekten-Reihe, die morgen auf Vox startet.

Besprochen wird die "intime" Schau "Kontaktbögen" mit Fotografien von Einar Schleef in der Berliner Akademie der Künste.

Berliner Zeitung, 08.03.2006

Detlev Buck erzählt im Interview, warum er seinen Film "Knallhart" in Berlin-Neukölln gedreht hat: "Für mich war das kein 'Slumming', und ich sehe in Neukölln auch nicht nur die soziale Kälte. Ich mag es, wenn es bunt zugeht, wenn Leute verschiedener Nationen zusammenleben, weil das inzwischen doch ganz normal ist - was viele gar nicht mitbekommen haben. Wenn all diese Nationen in einer Stadt aufeinander treffen, kommt man in Berührung. Mir gefällt Neukölln viel besser als gewisse überalterte Viertel. Neukölln ist jung, schnell und direkt. Der Bezirk ist mir also nicht fremd, sonst hätte ich da auch keinen Film machen können. Man darf da nur nicht hingehen wie eine Prominenten-Eule."
Stichwörter: Neukölln

SZ, 08.03.2006

Christian Maria Beer schreibt zum Revival der "ersten deutschen Popautoren" Hubert Fichte, Rolf Dieter Brinkmann und Jörg Fauser. Die Wiederentdeckung dieser "Rebellen und Flaneure" ist für Beer "unbedingt ein Zeichen von Coolness". "Aber in etwas unterscheiden sich die Gründerväter der deutschen Popliteratur erheblich von ihren erfolgreichen Enkeln. Zwar geht es auch bei Fauser und Brinkmann um klassische Popthemen wie Drogen, Sex, Partys, Musik und vor allem um den Alltag. Ihr Verhältnis zur Umwelt allerdings ist ein völlig anderes. Ihr Schreiben nämlich war auch eine Gegenreaktion auf die Nachkriegsgesellschaft, ihre Texte waren - wer würde heute so ein Wort noch in den Mund nehmen - gesellschaftskritisch angelegt."

Im Aufmacher untersucht Gerhard Matzig die Krise des Architektenberufs, die sich seiner Meinung auch darin manifestiert, dass sich Architekten inzwischen als Dienstleister am Bau betrachten: Matzig warnt: "Je weniger Respekt der Bauherr vor der künstlerischen Kompetenz seines Dienstleisters hat, desto weniger fragt er diese Fähigkeit nach."

Weiteres: In einem Interview räumt der amerikanische Lichtkünstler James Turrell ein, dass "man nicht mit dem Sonnenuntergang konkurrieren" könne. Patrick Krause porträtiert die vor 40 Jahren gegründete "Association for the Advancement of Creative Musicians". Henning Klüver informiert über die Berlusconi-Satire, die nicht ins italienische Kino darf, und stellt den dokumentarischen DVD-Zusammenschnitt "Quando c'era Silvio" vor, der nicht im italienischen Fernsehen laufen darf und dessen Macher sich ausdrücklich nicht mit Michael Moore verglichen sehen wollen. Jens-Christian Rabe schwärmt von Max Kruse, der in München seinen stark autobiografisch geprägten Roman "Vorfrühling" vorstellte. Gemeldet wird der Tod des malischen Musikers Ali Farka Toure.

Eine wunderbare Musikseite beschäftigt sich heute mit Musik für seltene Instrumente, darunter Pantaleon (mehr), Arpeggione (mehr) und Bajan (mehr). Und Christian Kortmann stellt den Jazzer Terje Isungset vor, der auf Instrumenten aus Eis spielt.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs "Volpone" am Deutschen Theater Berlin, Terrence Malicks Pocahontas-Mär "The New World", das erfolgreiche erste Gastspiel der Stuttgarter Staatsoper in Japan und Bücher, darunter Richard Swinburnes Verteidigung des Theismus "Gibt es einen Gott?" und "Die Lust, Mutter zu sein", eine Demontage etablierter Tabus der feministischen US-Psychologin Daphne de Marneffe (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 08.03.2006

Am Freitag beginnt die lit.cologne, das Literaturfestival in Köln, die mit Veranstaltungen wie Bastian Sicks Lesung in der Kölnarena das Publikum in Massen anzieht, wie Hannes Hintermeier berichtet. Christian Schwägerl hat einen Vortrag des Bildungsforschers Paul Baltes gehört, der die "Stilllegung der Arbeitskraft im Alter" für den falschen Weg hält, mit den demografischen Entwicklungen fertig zu werden. Stephan Sahm wirft einen Blick in bioethische Zeitschriften. Matthias Grünzig freut sich über das rege kulturelle Leben im Schloss von Seifersdorf, dessen Verkauf an einen Investor engagierte Bürger verhinderten. L.J. schreibt zum Tod der Psychoanalytikerin Janine Chasseguet-Smirgel.

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld über eine Diskussion von Online- und Printjournalisten, die in London über den Umgang der alten Medien mit dem Internet stritten. Offenbar ist man in Großbritannien in dieser Frage weiter als hier: "Dass, wer mit seinen Angeboten sich dem Netz verweigert oder nur in Spurenelementen öffnet, ganz draußen ist, das war in London gar keine Frage mehr." Jürg Altwegg porträtiert den Schriftsteller Daniel de Roulet, der jetzt in einem Buch bekannt hat, 1975 Axel Springers Chalet in Rougemont angezündet zu haben, als selbstgefälligen linken Macho. Auf der letzten Seite erzählt Melanie Mühl die Geschichte einer Adoption. Und Alexandra Kemmerer porträtiert Eleanor Roosevelt, die in der ersten Menschenrechtskommission der UNO mitgearbeitet hat.

Besprochen werden eine Ingres-Ausstellung im Louvre, Detlev Bucks Film "Knallhart" ("die Wiedergeburt eines Regisseurs", freut sich Michael Althen), die Uraufführung von Ekkehard Josts Jazzprojekt "Cantos de Libertad" in Gießen, eine Installation von Brigitte Maria Mayer in Frankfurt, die Uraufführung von Gesine Danckwarts Stück "Und morgen steh' ich auf" im Berliner Gorki Theater und ein Konzert des Leipziger Gewandhausorchesters mit Riccardo Chailly und dem brasilianischen Pianisten Nelson Freire in Frankfurt.