Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.12.2004. In der SZ ruft Juri Andruchowytsch: "Svobodu ne spynyty!" In der taz verrät der Politologe Franz Walter, wer die nächsten Wahlen entscheidet: nämlich die über 60-jährigen Frauen. Der Turner Prize sorgt für allgemeine Verwunderung: kein Elefantendung diesmal. Auf der Internetseite des Nobelpreises ist Elfriede Jelineks Nobelpreisrede zu lesen: "Man möchte sich ja gern anschmiegen, aber was geschieht da mit mir?"

SZ, 08.12.2004

"Ich bin ins Land meiner Träume gelangt, ohne die Heimat zu verlassen. Zum ersten Mal in meinem Leben", schreibt der großartige ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch in einem Bericht aus Kiew. "Ohne den Majdan kann ich nicht mehr leben. Ohne die heiseren Sprechchöre: 'Ju-schtschen-ko!' und 'Svobodu ne spynyty' ('Freiheit setzt sich durch!'), ohne das Zusammengehörigkeitsgefühl, ohne das vielstündige Stehen in der Kälte, inmitten der menschlichen Pinguin-Wärme. Die Frage ist: Was mache ich bloß, wenn wir gesiegt haben?"

Alexander Menden gratuliert dem britischen Konzeptkünstler Jeremy Deller zum diesjährigen Turner-Preis und lobt besonders dessen "agilen sozialen Verstand": "Von ähnlich zurückhaltender Komik sind seine 'Pensees' von 1994, die Dokumentation eines anonymen, semi-intellektuellen Dichter-Wettkampfes, ausgetragen in schweinischen Paarreim-Graffiti in der Herrentoilette der British Library: 'Would you rather: Have a grope with Wendy Cope?/ Or Fellate the rear of Germaine Greer?'"

Ijoma Mangold besucht den niederländischen Schriftsteller Maarten t' Hart in seinem Dorf Warmond, das so gar nichts gemein hat mit dem liberalen, Mulitkulti-Amsterdam: "Von nichts ist das Leben in Warmond denn heftiger geprägt als von den Konfessionen und ihren sehr ernst genommenen Abgrenzungen. Mit jenem relativistischen Kulturprotestantismus, der alle Hitze aus den letzten Dingen genommen hat, hat der Glaube hier nichts gemein. Allein zwölf verschiedene kalvinistische Richtungen gibt es in Holland - und sie bekämpfen sich erbittert. Bis ins Heiratsverhalten hinein wirken die Konfessionen. Eine Romeo-und-Julia-Tragödie ist hier noch vorstellbar."

Weiteres: Willi Winkler hat sich prima an der Bundeswehruniversität Hamburg amüsiert, wo sich Offiziere dem Sperrfeuer von Wiglaf Droste ausgesetzt haben. Alexander Kissler spürt dem neuen missionarischen Eifer deutscher Christen nach. Alex Rühle liest die Pisa-Studie als poststrukturalistischen Roman.

Außerdem haben die Kollegen aus der Politik Asyl gefunden: Hans Leyendecker kommentiert den Fall Hermann-Joseph Arentz, der sich quasi über Nacht in Medien und Partei vom selbstlosen CDU-Sozialpolitiker zum Raffke wandelte. Und Heiko Flottau erklärt die Vorgeschichte des Anschlag der al-Qaida in Dschidda. Auf der Medienseite berichtet Kai-Hinrich Renner vom neuen Konkurrenzkampf unter den Fernsehblättern, den Springers "TV Digital" entfacht hat.

Besprochen werden das Theaterprojekt "Schwarzenbergplatz" des Rimini-Protokolls in Wien, ein Gastkonzert von Cecilia Bartoli in München und Bücher, darunter Bob Dylans "Lyrics" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Das alles ist leider nicht online. Die SZ-Online pflegt dagegen einen ganz anderen Kulturbegriff. Nur Botho Strauß verzichtet auf Dekolletee!

NZZ, 08.12.2004

Gordon's Gin hat in diesem Jahr erstmals den Turner-Prize gesponsort, weiß Georges Waser. 25 000 Pfund ist er Wert und Jeremy Deller, der wohl eine Art anspruchsvoller Michael Moore ist, hat ihn vorgestern für seine Texas-Dokumentation "Memory Bucket" (hier ein Ausschnitt) abgestaubt. Waser weiß auch eine Anekdote zum Thema "Was ist Kunst?" zu berichten: Die der "Turner Prize 2004 Exhibition" vorangegangene Ausstellung "Art & the 60s" hatte einen Verlust zu beklagen, ein Müllsack aus einer Installation von Gustav Metzger war plötzlich verschwunden. "War es ein Kunstdiebstahl? Nein, eine Putzfrau hatte den Sack weggeworfen. Für die Frau, sogar Tate-Kuratoren schlossen sich der Ansicht an, war Abfall eben Abfall. Der nunmehr 78-jährige Künstler Metzger sorgte für einen neuen Sack, Journalisten hatten eine Sternstunde."

Weitere Artikel: Peter Kropmann verleiht dem Fauvisten Albert Marquet das etwas dröge Prädikat "herausragender Maler der Seine" und stellt eine Ausstellung im Pariser Musee Carnavalet vor, die urbane und stadtnahe Bilder des herausragenden Seine-Malers zeigt. Roman Hollenstein meldet den Abschluss des großen architektonischen Inventarwerks "INSA", das in zehn Bänden die gründerzeitliche Baukunst der Schweiz erfasst. Joachim Güntner berichtet, dass die Frankfurter Rundschau höchstwahrscheinlich ihre preisgekrönte Sonderseite "Forum Humanwissenschaften" aus Geldnot einstellen wird.

Schließlich Besprechungen: Martin Kusejs "Carmen" an der Staatsoper Berlin, Konzerte mit Mikhail Pletnev in Zürich, die Erzählung "Der schöne Ort" von Tankred Dorst, zwei Publikationen zur Zukunft des Klassischen von Salvatore Settis und ein Geschichtsbuch mit dem schönen Titel "Kardinäle, Künstler, Kurtisanen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 08.12.2004

Auf der Meinungsseite erklärt uns der Politikwissenschaftler Franz Walter, welche Wählergruppe die nächsten Bundestagswahlen entscheiden wird: "Es mag langweilig und gar nicht neumittig klingen - aber die Wahlen der letzten zwei Jahre hat gewonnen, wer die Mehrheit der über 60-jährigen Frauen auf seiner Seite hatte. Das war beim rot-grünen Sieg 2002 so, bei Ole von Beusts Sieg in Hamburg, bei Henning Scherf in Bremen, der als einziger Sozialdemokrat den Abwärtstrend der SPD stoppen konnte. Bei dieser Gruppe, die übrigens in Zukunft noch wachsen wird, kommen kühle Modernisierer oder gar scharfe Polarisierer nicht gut an, verständnisvolle, moderate Figuren, die Empathie ausstrahlen, hingegen schon. Nur wer diese Rolle spielen und ausfüllen kann, wird 2006 gewinnen."

Im Kulturteil fordert Andrea Szukala eine bessere Integration der Einwanderer hierzulande. Besprochen werden Brad Birds missglückter Animationsfilm "Die Unglaublichen" und ein "knapp" gelungener "Homo Faber" in Zürich.

Schließlich Tom.
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FR, 08.12.2004

Silke Hohmann stellt den Gewinner des diesjährigen Turner-Preises vor: Jeremy Deller. "Der größte Schock, den die Turner-Prize-Vergabe am Montagabend ausgelöst hat, muss der makellose Ruf des Preisträgers gewesen sein. Kein crossdressender Töpfer, kein aggressiver Elefantendung diesmal. Sondern einer, der seine erste Ausstellung mit 28 bei seinen Eltern abhielt, als die im Urlaub waren. Und danach so gut aufräumte, dass sie erst viel später davon erfuhren. Der Brite Jeremy Deller, 38, ist ein Mann, der Verantwortung übernimmt." (Wie sich das auf seine Kunst auswirkt, können Sie hier sehen.)

Weiteres: Der kanadische Regisseur Robert Lepage erklärt im Interview, warum seine Inszenierung der "Beggar's Opera" von Brecht-Erben und Weill-Stiftung verboten wurde und wie er sich mit einer "Busker's Opera" revanchiert hat. Christian Thomas findet die Revitalisierung eines deutschen Patriotismus überflüssig.

Besprochen werden heute nur Bücher - in einer Literaturbeilage der FR. Den Aufmacher widmet Ina Hartwig Brigitte Kronauers Roman "Verlangen nach Musik und Gebirge". Wir werten die Beilage in den nächsten Tagen aus.

Berliner Zeitung, 08.12.2004

Schaubühnenchef Thomas Ostermeier und Autor Marius von Mayenburg sprechen im Interview über Mayenburgs neues Stück "Eldorado" und über Sinnsuche im Theater. Dazu Ostermeier: "Ich glaube, dass es viele Dinge gibt, die man nicht benennt, obwohl sie benannt werden könnten. Es ist doch nicht so, dass wir das nicht in der Hand hätten. Es gibt zum Beispiel nach der Euphorie über junge Unternehmer in den Neunzigern wieder eine Sehnsucht nach dem patriachalen Unternehmensleiter alten Formats. Im Stück heißt er Aschenbrenner, in der Schaubühne gibt es das auch, wie er bei Ihnen heißt, weiß ich nicht. Wir sind in einem Alter, in dem andere Generationen längst aus sich selbst geschöpft haben. Wir machen zwar unsere Experimente, aber immer abgesichert und überschattet von den Patriarchen. Das ist ein Problem, das sich formulieren lässt."

Elfriede Jelinek las gestern Nachmittag in der Schwedischen Akademie ihre Nobelpreis-Lecture als Videobotschaft. Berliner Zeitung und Tagesspiegel bringen einen Auszug. Die ganze Rede finden Sie auf der Internetseite der Schwedischen Akademie. Hier der Anfang: "Ist Schreiben die Gabe der Schmiegsamkeit, der Anschmiegsamkeit an die Wirklichkeit? Man möchte sich ja gern anschmiegen, aber was geschieht da mit mir? Was geschieht mit denen, die die Wirklichkeit gar nicht wirklich kennen? Die ist ja sowas von zerzaust. Kein Kamm, der sie glätten könnte. Die Dichter fahren hindurch und versammeln ihre Haare verzweifelt zu einer Frisur, von der sie dann in den Nächten prompt heimgesucht werden. Etwas stimmt nicht mehr mit dem Aussehen. Aus seinem Heim der Träume kann das schön aufgetürmte Haar wieder verjagt werden, das sich aber ohnedies nicht mehr zähmen läßt."

Welt, 08.12.2004

Elfriede Jelinek erzählt im Interview, welcher Künstler sie am meisten beeindruckt hat. "Schubert ist der Künstler, den ich auf der Welt am meisten bewundere, das größte Genie, das je gelebt hat. Seine Lieder sind unbegreiflich für mich, sie fußen auf keiner Tradition, sie sind ein einmaliges Zusammenspiel zwischen der Sprache Wilhelm Müllers und der Musik, eine Durchdringung beider, die es so in der Musik nie wieder (und auch vorher nie) gegeben hat. Seltsamerweise sind Schuberts Opern dagegen vollkommen flach und banal, was an den Libretti liegt. Irene Dische und ich haben einmal versucht, zwei seiner Einakter mit einem neuen Text zu einer neuen Oper zu machen, aber keiner wollte das je aufführen."
Stichwörter: Elfriede Jelinek, Musik, Oper

FAZ, 08.12.2004

Pünktlich zu Gerhard Schröders China-Besuch ein kleiner Nadelstich. Klemens Ludwig (der als Vorsitzender der Tibet-Initiative Deutschland vorgestellt wird, in seinem Artikel allerdings jemand anders, nämlich Wolfgang Grader als solchen bezeichnet) entlarvt die angebliche neue Konzilianz der chinesischen Regierung gegen über dem Dalai Lama als Strategie, um westliche Politiker ruhig zu stellen: "Bisweilen scheint es sogar, als hätten sie endlich ein überzeugendes Argument zur Hand, bei Staatsbesuchen die chinesischen Gesprächspartner nicht länger mit dem Thema Tibet zu verärgern."

Weitere Artikel: Im Aufmacher warnt Jürgen Kaube angesichts der neuesten Pisa-Studien davor, im Basteln an Schulsystemen ein Allheilmittel gegen soziale Ungleichheit zu erblicken, die ganz anders bekämpft werden müsste. Christian Schwägerl fürchtet, dass der Forschungsetat der amerikanischen Regierung mit seinen faraminösen 132 Milliarden Dollar seinen Zenit erreicht hat - ohnehin geht das meiste an die Militärs. Gina Thomas zeigt sich in der Leitglosse nicht gerade begeistert vom Turner Prize, der an den Videofilmer und Nicht-Künstler Jeremy Deller vergeben wurde. Dieter Bartetzko berichtet aus Freiburg über die Pläne des Architekten Christoph Mäckler für die Erweiterung des Augustinermuseums, die in der Stadt höchst umstritten sind. Ulf Meyer besucht die von Rem Kohlhaas entworfene neue Bibliothek in Seattle.

Auf zwei Seiten empfehlen mit Passbild präsentierte FAZ-Redakteure "Bücher des Jahres".

Auf der Medienseite stellt Gina Thomas drastische Einschnitte bei der BBC vor, die auf ihren schmaleren Etat allerdings nicht mit Streichungen bei Orchestern, sondern in der Werbeabteilung und in der Verwaltung reagiert. Jürg Altwegg meldet, dass Jacques Chirac seinen neuen internationalen Nachrichtensender CII nun doch gründet und um der Einflussnahme willen sogar auf englisch senden lassen will. Und Michael Hanfeld stellt sehr ausführlich die "Super-Nanny" Katharina Saalfrank vor.

Auf der letzen Seite schreibt der Philosoph Reinhard Brandt mit Begeisterung über den Kinderbuchautor Helme Heine, dessen Werke die Ideen Platons oder John Lockes bebildern. Andreas Rossmann beklagt die Stadt Mülheim an der Ruhr, die die filmarchäologische Sammlung Werner Nekes' verschmähte - welche jetzt mit großem Erfolg in London ausgestellt wird. Und Niklas Maak schreibt ein Porträt des Museumsmanns Hubertus Gaßner, der im Jahr 2006 Uwe Schneede als Leiter der Hamburger Kunsthalle ablösen wird.

Besprochen werden eine Ausstellung mit japanischer Malerei in Paris, der Animationsfilm "Die Unglaublichen" (der von Andreas Platthaus als Meisterwerk gepriesen wird), eine Ausstellung des Malers Max Ackermann im Zeppelin-Museum Friedrichshafen, Tschaikowskys Oper "Eugen Onegin" nach Puschkin in Düsseldorf und ein "Tristan", inszeniert von Joachim Schlömer, in Hannover.