Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.07.2004. Dunkel war's bei Schlingensiefs "Parsifal" in Bayreuth, aber schön! Die taz liebte die fast nackte Venus, die FAZ Klingsors Raketenhöllenfahrt, die FR das Beschwipste, die NZZ die pochenden Maden, und die Welt freute sich, dass sie mal wieder nachdenken konnte in Bayreuth. Der SZ ist es zu postmodern, der Tagesspiegel ruft: Scharlatanerie! Außerdem: In der FAZ denken Hermann Glaser und Heinz Dieter Kittsteiner über den Niedergang der SPD nach. 

FAZ, 27.07.2004

"Dies ist der erste 'Parsifal' in Bayreuth, der völlig frei ist von szenischer Redundanz und das Nickerchen zwischendurch unmöglich macht", schreibt Eleonore Büning über Schlingensiefs "Parsifal". "... eine drastischere, zugleich 'werktreuere' Enthüllung des heiligen Grals kann sich kein ehrlicher Wagnerianer wünschen, dekorativere Auftritte der Höllenrose Kundry und eine wirksamere Raketenhöllenfahrt des Klingsor sind kaum vorstellbar. Schön anzuschauende, aber auch eindrückliche 'Parsifal'-Bilder hat Schlingensief erfunden, die dem Hohelied einer Verwandlung durch das Sterben und das Wiederauferstehen näher kommen denn je: Die letzten Akkorde versinken in Nebelschwaden."

Ist die SPD noch zu retten? Diese Frage beantworten zwei Intellektuelle in der FAZ nur in Nuancen unterschiedlich. Der Historiker Heinz Dieter Kittsteiner erklärt kurz und bündig: "Ein Umdenken muss es, eine SPD muss es nicht geben." Der Kapitalismus habe sich längst durchgesetzt und alle Versuche, ihm ein soziales Mäntelchen umzuhängen seien gescheitert. "Den Arbeitslosen wird heute manche Krokodilsträne nachgeweint - wenn sie allerdings ernsthaft wieder in den Arbeitsprozess integriert werden sollen, jaulen alle Verbände wegen unlauterer Konkurrenz auf. Es bleibt dabei: Die Gewerkschaften sind ein Kampfverband der Beschäftigten gegen die Unbeschäftigten, bei denen eine mittlere Funktionärsschicht den noch verbliebenen Mitgliedern Trillerpfeifen in den Mund steckt, damit sie für ihre eigene künftige Arbeitslosigkeit auf die Straße gehen. Die Trillerpfeife, diese Missgeburt aus Protestschrei und Saugnuckel, symbolisiert das Ende des deutschen Sozialismus."

Der SPDler und frühere Kulturpolitiker Hermann Glaser hält Rettung wohl für möglich - mit anderem Personal. "Für mich leidet die 'Berliner Republik' insgesamt an dem Verfall politischer Ethik." Fatal findet Glaser vor allem "die Fetischisierung okkasioneller Vernunft, die nur noch aus dem Augenblick heraus handelt - ohne antizipatorische und historische, die Vielfalt der Phänomene vernetzende Dimension. Das zeigt bereits die semantische Erbärmlichkeit bei der Formulierung überwölbender erkenntnisleitender Grundsätze. Was etwa, von großer heuristischer Kraft, bei Ludwig Erhard 'Soziale Marktwirtschaft', bei Willy Brandt 'Mehr Demokratie wagen' hieß, ist heruntergekommen auf 'Tagesordnung für 2010', wobei der im Imponiergehabe aufgepumpte Begriff 'Agenda' das geistige Vakuum zu kaschieren sucht.

Weitere Artikel: Ulla Hahn gratuliert der Dichterin Hilde Domin (mehr hier, Gedichte hier) zum fünfundneunzigsten Geburtstag. Paul Ingendaay berichtet über die ersten hundert Tage der neuen spanischen Kulturpolitik als deren beherrschendes Thema sich in Anlehnung an Jacques Lang die "kulturelle Ausnahme" herausgeschält habe. Edo Reents war mit dem Hip-Hopper Smudo und einem Diesel auf dem Nürburgring. Felicitas Hoppe nennt "Grimms Märchen" ihr Lieblingsbuch. Henning Ritter schreibt zum Tod des Restaurators Hubertus Falkner von Sonnenburg. Jürgen Kaube schreibt zum Siebzigsten des Politologen Jürgen Gebhardt. Brita Sachs stellt Salzburgs Neues Museum der Moderne vor, das mit einem Pre-Opening sein Haus geöffnet hat.

Auf der Medienseite schreibt Karl-Peter Schwarz über den Berlusconi Rumäniens, Dumitru Sechelariu, ehemaliger Bürgermeister von Bacau: "Sechelariu gehört zur alten Garde der rumänischen Exkommunisten. Leute wie er haben das Label gewechselt, aber nicht die Musik." Auf der letzten Seite porträtiert Andreas Platthaus Michael Moores "Vorgänger" Volker Schlöndorff, der gestern in der Welt dem amerikanischen Dokumentarfilmer zu "Fahrenheit 9/11" gratulierte. Andreas Rossmann beklagt die Verwahrlosung von Duisburgs Mercatorhalle. Und Hans Christoph Buch schickt eine deprimierende Reportage aus Haiti nach Regierungswechsel und Flutkatastrophe.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten auf Papier von Pierre Alechinsky im Centre Pompidou und Mozarts "Entführung aus dem Serail" bei den Salzburger Festspielen.

TAZ, 27.07.2004

Bei der taz ist Schlingensiefs reiner Tor gleich Tagesthema: Begeistert schildert Sabine Zurmühl das vielfach religiöse Personal in Schlingensiefs munter mystischer Mise en scene: "Juden, Muslime, christliche Mönche, Schwarze. Und zusätzlich tauchen einige Freaks immer wieder neu auf: eine fast nackte Venus von Willendorf, die Erdmutter gewissermaßen, Behinderte, Asylanten. Klingsors Zaubermädchen haben sich zu schwarzen Priesterinnen emanzipiert. Kundry, die nicht sterben kann, weil sie Jesus verlachte, Kundry erscheint als seidenbemantelte Stummfilmdiva und schwarze Priesterin. Das Angebot an Assoziationen, Hinweisen, Multikultibezügen und zusätzlichen Bildelementen ist gigantisch groß, ein MTV-Clip der spirituellen Sorte."

In einem zweiten Artikel erklärt Ralf Bollmann "warum Bayreuth fürs Handbuch des Machiavellismus taugt".

Im Kulturteil bespricht Jochen Förster ganz groß Georg Kleins neuen Roman "Die Sonne scheint uns" (Auszug), recht skeptisch in Passagen, aber dennoch: "Endlich einer, aus dem man nicht schlau wird, nicht nach 2, nicht nach 200 Seiten. Einer, der nichts abkupfert, nie anprangert, es nie besser weiß, dafür ganz groß ist im Fährtenlegen, Andeuten, Im-Dunkeln-tappen-Lassen."

Weitere Artikel: Barbara Bollwahn unterhält sich mit Thomas Sindermann, dem ehemaligen Leiter der Berliner Mordkommission, der Tom Hanks Auskunft über Dean Reed (Fanseite) gab, einen amerikanischen Filmemacher und Barden, der 1972 freiwillig in die DDR ging und sich dort 1986 umbrachte - Hanks scheint zu prüfen, ob sich der Stoff für einen Film eignet. Susanne Messmer liest einige Bücher quer. Besprochen wird außerdem eine CD des Jazzmusikers Anthony Braxton.

Und hier Tom.

FR, 27.07.2004

Durchaus Respekt zollt der große alte Adornit Hans-Klaus Jungheinrich dem gar nicht adornitischen Schlingensief: "Schlingensiefs Arbeit manifestierte sich .. sicher und geradezu perfektionistisch, wenn auch im Ergebnis schwer durchschaubar und labyrinthisch. Fast nichts offenbarte sie von aufklärerisch-entmythologisierendem Impetus. Absichtsvoll haftete und driftete sie im Diffusen, Strudelhaften, Beschwipsten von Halb-, Kunst- und Alternativ-Religiosität und bildete damit einen extremen Gegenpol etwa zu Ruth Berghaus' hell ausgeleuchteter, streng rationalistischer Parsifal-Sicht. Richard Wagner riskierte nicht, den Parsifal-Stoff aus der christlichen Ikonografie herauszulösen und ins Synkretistisch-Weltreligiöse zu transformieren. Wenn Schlingensief nun auf christliche Embleme und Symbole verzichtet, scheint er Wagner (der im Alter ja auch ein bisschen Buddhist war) zu Ende zu denken."

Weitere Artikel: Christian Schlüter gratuliert Jean Baudrillard zum 75. Geburtstag (der höchstwahrscheinlich keine Simulation ist) und bespricht eine Karlsruher Ausstellung zum großen Oeuvre des Meisters. In Times mager meditiert Burkhard Müller-Ulrich über die gerade für eine sozialdemokratische Zeitung so heikle Erkenntnis, dass "die Menschen nicht alle gleich viel wert sind" Besprochen werden die Show "Tango Pasion" des Sexteto Mayor und eine Ausstellung mit Video-Arbeiten des Niederländers Aernout Mik im Münchner Haus der Kunst.
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NZZ, 27.07.2004

Auch Peter Hagmann hat sich Schlingensiefs "Parsifal" angeschaut. "Sehr gewöhnungsbedürftig", wie er meint, aber doch nicht ohne "bedenkenswerte" Momente. Besonders den Hasen kann Hagmann einiges abgewinnen: "Schon früh am Abend werden auf einer der Leinwände im Hintergrund tote (Oster-)Hasen sichtbar, deren Felle vom Wind bewegt und deren Augen von Fliegen besetzt sind; man bezieht das natürlich auf die gebrochene Gesellschaft in der Gralsburg. Am Ende freilich, wenn Parsifal an der Stelle von Amfortas den Gral enthüllt, haben sich die Maden in den toten Körpern eingenistet und bringen sie zu quasi lebendigem Pochen - grausig ist das anzusehen. Aber doch als Zeichen des Lebens zu verstehen, wie der (Bayreuther) Lichttunnel anzeigt, in dem der leise As-Dur-Akkord des letzten Taktes verklingt. Das muss einmal einer nachmachen."

Katja Blomberg folgte dem britischen Künstler Hamish Fulton, dessen Kunst das Wandern ist, durch die Walliser Alpen. Roman Hollenstein empfiehlt eine Jugendstil-Schau in Gigins bei Nyon (mehr hier). Joachim Güntner sammelt deutsche Pressestimmen zum Rütli-"Tell", die von Geniestreich bis Konzeptkitsch reichen. Buchrezensionen befassen sich unter anderem mit Gedichtbänden von Yves Bonnefoy und mit Monographien über die antike Olympiade (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 27.07.2004

Christine Lemke-Matwey kann Schlingensiefs "Parsifal" kaum etwas abgewinnen: "Dieser 'Parsifal' ist einerseits so unerhört weit weg und andererseits in seiner Multi-Kulti-Banalität so dreist, dass man sich fast schon wieder nach dem Stück zu sehnen beginnt. In ihrer eigentümlichen Mischung aus Scharlatanerie, handwerklichem Dilettantismus, heiligem Ernst und tiefzarter Weltschmerzgebärde beschwört die Inszenierung ein Vakuum, das sich (vorerst) niemand zu füllen getraut. Der legendäre Bayreuther Werkstattgedanke, hier muss er in den nächsten fünf Jahren neue Legitimation und Brisanz gewinnen."
Stichwörter: Parsifal

Berliner Zeitung, 27.07.2004

Klaus Georg Koch vermisste den Skandal in Bayreuth: "... schön, ordentlich oder auch 'angenehm', wie der Darsteller der Hauptrolle, Endrik Wottrich im Vorfeld andeutete, ist die Vorstellung wohl nicht. Aber doch ganz brav, also applausfähig, aufschlussreich und mit ihren verfließenden Konturen suggestiv."

Welt, 27.07.2004

Manuel Brug findet Schlingensiefs Bayreuth-Einstand recht gelungen: "Wie bei einem Dampfkochtopf scheint im Kampf zwischen dem nicht unbedingt reinen Regie-Toren und dem alten Hügelmann durch einen heilsamen Sprung im Deckel ordentlich Druck entwichen. Das Experiment ist also geglückt. Jetzt wird sich der Werkstattgedanke vor Ort hoffentlich der in vielen Stellen noch pointierter vorstellbaren Inszenierung bemächtigen. Und Boulez muss unbedingt bleiben. Man fährt jedenfalls wieder nach Bayreuth, um nachzudenken. Das hat man dort in den letzten Jahren viel zu selten getan."

SZ, 27.07.2004

Manchmal kitschig, manchmal unfreiwillig komisch, vor allem aber postmodern findet Reinhard J. Brembeck Christoph Schlingensiefs "Parsifal". "In erster Linie ist die Aufführung ein Wunderwerk der szenischen Logistik und weniger das einer überzeugenden Personenführung. Was kaum ins Gewicht fällt, weil mit einer vor Details nur so überquellenden Bilderflut gearbeitet wird, die beim einmaligen Sehen nicht einmal andeutungsweise erschlossen werden kann und den Zuschauer, nicht zuletzt wegen des andauernden Halbdunkels, zur Kapitulation zwingt... Hier findet sich so ziemlich alles, was in einem Theaterfundus und auf den Sperrmüllsammelstellen der Welt zu haben ist. Eine unbändige Materialsammellust und die kindliche Freude am Herzeigen dieser Funde bestimmt den Abend." Positiv rechnet er ihm aber an, dass er "Wagners wohl genialste Partitur sowohl von pseudochristlicher Übertünchung wie auch von allen aufklärerischen Versuchen erlöst." Ganz anders Pierre Boulez' Musik, die Brembeck "Zukunftsmusik" nennt, "geahnte Esoterik".

Weiteres: Der Historiker Gerd Krumreich schreibt zum vielbeschworenen Augusterlebnis von 1914, an das sich umso lieber erinnert wurde, je schlechter der Krieg verlief. Der Politologe Claus Leggewie will die Hoffnung nicht aufgeben, dass die vergreisende Politikwissenschaft ein "quicklebendiges, widerspenstiges und gerade deswegen attraktives Orchideenfach" bleibt, wenn sie sich nur nicht als Beratungsdisziplin den Machern und Managern der Berliner Provinz andient. Alexander Kissler beobachtet, wie das Klonen und PID an Zustimmung gewinnen. In der Zwischenzeit bewundert Wolfgang Schreiber schwierige, widersprüchliche, rätselhafte Menschen vom Schlage eines Schlingensief oder Carlos Kleiber. Der einstige Barrikadenkämpfer Tom Hayden empfiehlt den heutigen Straßenarmeen die Vorzüge des Establishments.

Besprochen werden die Ausstellung "Afrika Remix" im Düsseldorfer Kunstpalast, Stefan Hernheims überarbeitete "Entführung" in Salzburg, Kurt Russells Eishockey-Film "Das Wunder von Lake Placid", Percy Adlons Inszenierung seines Films "Out of Rosenheim" als Musical, eine Ausstellung zum Designer Ladislav Sutnar im Neuen Museum Nürnberg.

Und Bücher, darunter Georg Kleins Roman "Die Sonne scheint uns", den Christoph Bartmann zwar nicht ganz verstanden hat, aber in jedem Satz ein Weltmirakel entdeckt hat (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).