Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.07.2004. Die SZ weiß, warum das neue Buch Nicholson Bakers in den USA geheim gehalten wird: Darin wird ein Attentat auf George W. Bush geplant. Die NZZ erzählt, wie der Flamenco in Spanien seines Mythos beraubt wird. In der Berliner Zeitung erzählt Samira Makhmalbaf von Dreharbeiten zu ihrem letzten Film in Afghanistan. Die FAZ lässt Gras über das Berliner Schlossareal wachsen. Und alle hörten Frank Castorf ohne Konjunktiv von der Zukunft reden.

NZZ, 02.07.2004

Ludger Lütkehaus grübelt über den Spruch "Zeit ist Geld": Pausenlos sparen wir Zeit und was tun wir damit? Warten. "Das charakteristischste Beispiel für die Zeitverschwendungsgesellschaft liefert indes die Reklame. Gerade indem sie wie nichts sonst die Direttissima zu den Verheißungen dieser Welt annonciert, sorgt sie für ein ewiges Ritardando, am sinnfälligsten dort, wo sie pausenlos und auf das Verschwenderischste Gerätschaften der Zeitersparnis bewirbt. Sie treibt, sie ist eine gigantische Zeitverschwendung. Dank der Reklame wird die fabelhaft glatte Zwei-Stunden-Dauer von Filmen erreicht, die aus lauter Unterbrechungen bestehen."

Kersten Knipp erzählt, wie in Spanien der Flamenco seines Mythos beraubt wird: "'Flamenco und Globalisierung' war etwa das diesjährige Festival von Jerez de la Frontera überschrieben, zu dem erstmals auch ausländische Künstler eingeladen wurden: eine mehr als nur programmatische Kampfansage an all jene, die die Behauptung vom zigeunerischen Ursprung des Flamencos vor allem dazu nutzen, sich lästige Konkurrenz vom Leib zu halten - und dadurch auf ein Element verweisen, das in der Geschichte des Flamencos, anders als die immer wieder beschworene pena, das 'Leid', nun wirklich eine zentrale Rolle gespielt hat: das Geld."

Weitere Artikel: Hansgeorg Hermann wirft im Schauplatz Albanien einen bewundernden Blick auf Künstler und Intellektuelle, die sich von der armseligen wirtschaftlichen Situation des Landes nicht unterkriegen lassen. Besprochen werden eine Ausstellung deutscher und italienischer Barockmalerei in der neuen Barockgalerie im Schloss Ludwigsburg und ein Konzert mit Marek Janowski und Thomas Zehetmair in der Zürcher Tonhalle. Gespielt wurden die Violinkonzerte von Dvoracek und Janacek

Auf der Filmseite stellt Birgit Heidsiek die European DocuZone vor, mit der die unabhängige Kino- und Verleihszene auf das digitale Kino vorbereitet werden soll: "Mit dem Projekt European DocuZone wird in acht europäischen Ländern ein Netzwerk aus 175 digitalen Kinos aufgebaut, die ab Januar 2005 regelmäßig simultan europäische Dokumentarfilme zeigen und Live-Events übertragen sollen. Finanziert wird dieses paneuropäische Digital- Cinema-Projekt mit Unterstützung des Media-Programms der EU, das dafür über einen Zeitraum von drei Jahren 2,5 Millionen Euro bereitstellt."

Weiteres: Marc Zitzmann gratuliert der Cinematheque de Toulouse zum Vierzigsten. Besprochen wird "Rad der Zeit" - ein Dokumentarfilm über den tibetischen Buddhismus von Werner Herzog.

SZ, 02.07.2004

Ein großes Geheimnis hat der amerikanische Verlag Alfred A. Knopf aus Nicholson Bakers neuem Buch gemacht. Thomas Steinfeld hat aus der Washington Post erfahren, warum: Darin wird ein Attentat auf George W. Bush geplant. "Der Dialog ist gelegentlich satirisch und manchmal pathetisch, zuweilen schweift er ab ins Skurrile und Phantastische, und dann treibt ihn wieder eine hoch konzentrierte, kalte Wut. 'Niemals', sagt Jay, der prospektive Attentäter, habe er einem Präsidenten gegenüber 'so viel Feindschaft' empfunden, nicht bei Nixon und nicht bei Reagan: George W. Bush - dieser Mann sei 'jenseits des Jenseits'" (Hier der Text aus der Washington Post, für den man sich allerdings kostenlos registrieren lassen muss).

Der niederländische Historiker Jan Herman Brinks lässt das deutsch-niederländische Verhältnis Revue passieren -Besatzung, Kollaboration, Annäherungspolitik. Auch wenn Brinks gar nicht behagt, wie die Niederlande ihre Kollaboration unter den Teppich gekehrt haben und sich im Anne-Frank-Mythos "sonnte", missfällt ihm die "politisch verordnete Freundschaft Deutschland gegenüber".

Weiteres: Jens Bisky beklagt, dass die Berliner Universitäten nun "endgültig zum Spielball einer rasend konzeptionslosen Wissenschaftspolitik geworden sind". Sie müssen bis nächstes Jahr 54 Millionen Euro eingespart haben und deshalb 228 Professuren streichen. Rüdiger vom Bruch steuert Überlegungen zur Frage bei, warum die Deutschen ständig Wunder der Einheit brauchen, während sich die Engländer mit ihrer Insel und die Italiener mit Nabuccos Gefangenchor zufrieden geben.

Stefan Koldehoff erzählt eine der typischen Sommergeschichten vom Kunstmarkt, nach der sich angeblich ein zum Spottpreis gekauftes Gemälde als echter Tizian herausstellen könnte, sozusagen als "Flora II". Gottfried Knapp steuert einen kurzen Text zur echten "Flora" bei. Zur Retrospektive beim Münchner Filmfest unterhält sich H.G. Pflaum mit den Meistern Kaurismäki. Wolfgang Schreiber beschließt die Berliner Saison mit Rattle, Nagano und Killmayer.

Besprochen werden eine Ausstellung von Aernout Mik im Münchner Haus der Kunst, in der der Arbeitsalltag zur Borderline-Erfahrung wird, Luc Percevals Operndebüt mit "Tristan und Isolde" in Stuttgart, Danny de Vitos Film "Appartement-Schrecks" und jede Menge Bücher, darunter Neuerscheinungen zu Aby Warburg (über dessen Verhältnis zu Walter Benjamin auch Sigrid Weigel schreibt), außerdem Politische Bücher und Kinderliteratur (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 02.07.2004

Marcia Pally liefert uns eine mitreißende politische Reportage aus der Welt des Baseballs: Bisher lagen die Dubya Rambos vorn, aber "na ja, Leute, heute Abend sind die Rambos echt unter Druck. In der letzten Runde konnten die Recession Wobblies ihre Position halten und die Iraqi Infidels dazugewinnen. Ein paar Rambo-Spieler wurden vom Platz gestellt oder verletzt. Es gab sogar Fans, die in die Old-Europe-Liga wechselten. Ganz recht, Leute, zum ersten Mal in der Geschichte der Meisterschaften haben Fans für ein Team gejubelt, das gar nicht antrat! Nicht einmal der wahnsinnige Punktsieg im Spiel gegen die Hussein Foxholes konnte den Rambos in den Meinungsumfragen helfen. Und dann kam es für die Rambos noch schlimmer, als die 9/11 Bookkeepers doppelt gegen sie punkteten: keine Massenvernichtungswaffen im Irak und keine Verbindung zwischen Saddam und Al Qaida."

Weitere Artikel: Daniel Bartetzko erzählt die Geschichte von Frankfurts 1954 von Heinrich Ebert erbauten Fernmeldehochhaus, das jetzt abgerissen werden soll, um Platz zu schaffen für die Rekonstruktion des Palais Thurn und Taxis, zwei Hochhäuser und eine Shopping-Mall. In Times Mager muss Hilal Sezgin feststellen, dass sie nicht für malerische Wind-und-Wetter-Spaziergänge an Englands Küsten gebaut ist. Gemeldet wird, dass der Kleist-Preis 2004 an die Berliner Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar verliehen wird.

Besprochen wird das Konzert der Pixies in Berlin.

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Berliner Zeitung, 02.07.2004

Die iranische Filmregisseurin Samira Makhmalbaf erzählt in einem Interview von ihren Dreharbeiten in Afghanistan zu ihrem Film "Fünf Uhr am Nachmittag": "Es ist falsch davon auszugehen, dass die Taliban nur eine Gruppe böser Männer waren. Taliban - das ist die Kultur; der Alltag ist vollkommen davon durchdrungen. Im Hotel in Kabul passierte mir beispielsweise Folgendes: Als dort ein Greis mit langem Bart, so einer wie in meinem Film, mein unverschleiertes Gesicht sah, schloss er sofort die Augen und drehte sich zur Wand. Er wollte mich nicht sehen! Und zwar nicht, weil er ein böser Mann war, sondern weil er glaubte, Gott zu beleidigen, wenn er einer Frau ins Antlitz sieht. Fast musste ich befürchten, dass er Selbstmord begeht vor Scham. Unter den Taliban hätte er mich natürlich in eine Burka gesteckt. Jetzt wird er vielleicht eines der Opfer der Öffnung und Demokratisierung werden. Und eigentlich spielt es kaum eine Rolle, dass er ein Mann ist, denn auch viele Frauen richten ihr Verhalten an den fundamentalistischen Verhaltensregeln aus. Ich mache mir nichts vor über Afghanistan."

Und was die Stadtkultur betrifft, hegt die Opposition in Person der kulturpolitischen Sprecherin der Union, Monika Grütters, den Verdacht, Kultursenator Thomas Flier betreibe "eine Art sozialistische Personalpolitik". Anlass ist, dass jetzt Armin Petras als neuer Intendant für das Gorki-Theater gehandelt wird. Diese Ost-Note wäre mir zu aufdringlich für die Stadt. Schon die Entscheidung, Susanne Binas ohne Ausschreibung an die Spitze der Kulturveranstaltungs-GmbH zu stellen, finde ich problematisch. Auch Kirsten Harms an der Deutschen Oper kommt vielen wie die ganz kleine Münze vor. Langsam werden uns die strittigen Entscheidungen zu viel."

TAZ, 02.07.2004

Katrin Bettina Müller berichtet über Frank Castorfs Plan, sich mit arbeitsrechtlichen Schritten als Intendant des Recklinghauser Festivals zu halten. "Es blieb gespenstisch, dass er ganz ohne Konjunktiv von der Zukunft redete: 'Nächstes Jahr werden mehr kommen, schon aus sportlichem Interesse.'"

Weiotere Artikel: Katrin Wilke unterhält sich mit der kubanischen Sängerin Omara Portuondo, der einzigen Frau im "Buena Vista Social Club"-Männerverein. Besprochen werden neue Platten von Palais Schaumburg und Der Plan und ein Album der stets noch aktiven Band The Cure.

Und hier Tom.


FAZ, 02.07.2004

Wolfgang Schneider begab sich, eingeladen von dem Essayisten Juri Andruchowytsch auf eine Journalistenreise in die Ukraine, um das dort schüchtern wiedererwachende literarische Leben zu erkunden: "Zwar leben in der Ukraine 48 Millionen Menschen, von denen aber nur etwa fünf Millionen zur ukrainischen Sprachgemeinschaft gehören - und von diesen wiederum greifen die wenigsten zum Buch. So schnurren die großen Erwartungen eines Leselandes bald auf das reale Bild einer kleinen Literatur zusammen, wo eine Auflage von dreitausend schon sehr viel ist, und der Begriff Bestseller etwa beim Doppelten beginnt. Da eine nennenswerte Autorenförderung durch Stipendien und Preise fehlt, ist die Existenz des Berufsschriftstellers unter diesen Umständen fast unmöglich. Der einzige ukrainische Autor, der allein von seinen Texten leben kann, ist der - russisch schreibende - Andrej Kurkow, der sich auch in deutscher Übersetzung (bei Diogenes) gut verkauft. Erfolg im Ausland ist entscheidend für eine professionelle Autorenkarriere."

Im Aufmacher konstatiert Mark Siemons, dass sich nach der Entscheidung für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses nunmehr drei Schulen etabliert haben, die eine unterschiedliche symbolische Politik mit dem Ort treiben: die Zwischenpalastnutzer, die ihre Kulturveranstaltungen in einem möglichst permanenten Provisorium fortsetzen wollen, bis der einstige Palast der Republik abgerissen wird, die konservativen Wiederaufbauer um Wilhelm von Boddien, die das Schloss im emphatischen Sinne neu bauen wollen und die kulturpolitischen Visionäre wie Klaus-Dieter Lehmann von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, für die das Schloss allenfalls Hülle für das eigentlich zentrale "Humboldt-Forum" wäre - am Ende aber, so Siemons, wird wegen notorischen Geldmangels Gras über die städtebauliche Wunde wachsen.

Weitere Artikel: Walter Laqueur (mehr hier und hier) meditiert mit einem gewissen Erstaunen über die Thesen des in Harvard lehrenden britischen Historikers Niall Ferguson, der den Amerikanern in seinem neuen Buch "Colossus" (auf deutsch: "Das verleugnete Imperium") nicht Imperialismus vorwirft, sondern im Gegenteil, dass sie sich einer ihnen zufallenden imperialen Verantwortung nicht stellten. (Hier ein langes Interview mit Ferguson aus Atlantic Monthly, hier ein Auszug aus "Colossus".) Hubert Spiegel führt in den neuen Roman "Junges Licht" von Ralf Rothmann ein, der ab heute als Feuilletonroman in der FAZ abgedruckt wird. Heinrich Wefing glossiert das Brimborium, mit der verschiedene Bewerber um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 2010 heute ihre Unterlagen beim Auswärtigen Amt einreichen. Catrin Lorch stellt die neue Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst in Münster vor. Joseph Croitoru berichtet über Misshandlungen von Palästinensern durch israelische Soldaten, die in einer israelischen Ausstellung dokumentiert werden.

Auf der Medienseite meldet Nina Rehfeld, dass die amerikanischen Aufsichtsbehörden Strafzahlungen für Gewalt oder Obszönität im Fernsehen erhöhen wollen. Und Hannes Hintermeier freut sich auf Pepe-Carvalho-Krimis bei Arte.

Auf der letzten Seite meldet Irene Bazinger, dass Frank Castorf mithilfe des Promi-Anwalts Peter Raue gegen seine subjektiv als skandalös empfundene Kündigung als Festivalleiter in Recklinghausen, bloß weil er das Publikum halbiert hat, vorgehen will. ("Stalinismus sei das, erklärte ausgerechnet Castorf - der deutsche Intendant, der sich in seinem Büro gern vor einem Stalin-Gemälde fotografieren lässt, um allen zu zeigen, was für ein harter Hund er ist.") Und Marietta Piekenbrock porträtiert die erfolgreiche Fürstin von Thurn und Taxis.

Besprechungen gelten der Ausstellung "Bunte Götter" (mehr hier in einer pdf-Datei), die die Farbigkeit antiker Skulpturen rekonstruiert und die kurz nach München zurückgekehrt ist, bevor sie nach Rom weiterwandert, einer Edward-Hopper-Retrospektive in der Tate Modern, dem Kunstfestival in Reykjavik, William Kwoks Film "Darkness Bride" und Sachbüchern - darunter einem Band über Aktzeichnungen Karl Schmidt-Rotluffs.