Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.06.2004. Die NZZ stellt das israelische Comic-Kollektiv Actus tragicus vor. In der Welt fordet Martin Mosebach ein Loch im Luftballon der europäischen Verfassung. Und in der taz bekennt Klaus Theweleit seine Fähigkeit, ein Frühstücksbrötchen zu verdauen.

NZZ, 10.06.2004

Den norddeutschen Protestanten, Juden und Moslems unter uns sei gesagt, dass die begünstigteren Regionen Deuschlands heute unter dem Titel Fronleichnam das "Hochfest des Leibes und Blutes Christi" begehen. Wir gratulieren! Die entsprechenden Zeitungen fallen demgemäß aus.

Ganz begeistert stellt Christian Gasser in der NZZ das israelische Comic-Kollektiv Actus Tragicus vor, das gerade in einem neuen Sammelband die nicht unkomplizierte Lage des Landes aufs Korn nimmt: Da ist zum Beispiel die von Itzik Rennert ersonnene Geschichte eines israelischen Propagandaschreibers antipalästinensischer Traktate: "Um seiner wachsenden Einsamkeit zu entrinnen und sich nicht länger nur mit seinem Hund zu unterhalten, bestellt er sich via Internet eine hübsche Maria aus Bosnien. Für eine Bosnierin, mutmaßt er, sei die Lage in Israel ja nicht wirklich ungewöhnlich... Als der Propaganda-Schreiber seine Maria endlich in Empfang nehmen kann, explodiert im Flughafen eine Bombe - Maria dient ihm, dem nun erblindeten Krüppel, nicht als Geliebte, sondern als Krankenschwester."

Joachim Güntner meldet, dass der Wallstein-Verlag ab Frühjahr 2005 mit einem echten literarischen Programm aufwarten wird - dem Verleger Thedel von Wallmoden ist es gelungen, den Lektor Thorsten Ahrend von Suhrkamp abzuwerben. Unter anderem wird der neue Roman von Andreas Maier ("Wäldchestag" und "Klausen") bei Wallstein erscheinen: "Ahrend hatte Maier für Suhrkamp entdeckt, davon aber, dass er ihn jetzt abgeworben habe und zu Wallstein 'mitnehme', will er nichts wissen, schliesslich seien Autoren klug genug, ihre Entscheidungen selber zu treffen."

Weitere Artikel: Paul Jandl betrachtet bei den Wiener Festwochen Theatergastspiele "aus nah und fern". Besprochen werden ferner ein Konzert des Pianisten Peter Serkin mit dem selten gespielten Klavierkonzert von Max Reger, die Ausstellung "Staatsaffäre" im O.K Centrum für Gegenwartskunst in Linz, die laut Samuel Herzog "untersucht, wie Künstler heute mit Begriffen wie 'Nation', 'Heimat', 'Staatsbürgerschaft' oder 'Identität' operieren", das Album "Aloha" der Gruppe Züri West, die CD "Intifada Offspring" des Elektronikers Sebastian Meissner, der sich mit der Lage in Israel aueinandersetzt und einige Bücher, darunter Dragan Velikic' Roman "Dossier Domaszewski" und Michael Hamburgers Lyrikband "Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse".

Welt, 10.06.2004

In der Welt plädiert der Schriftsteller Martin Mosebach für einen Gottesbezug in der europäischen Verfassung: "Gott in der Verfassung, das heißt, dass das Recht nicht mit der Demokratie und der europäischen Vereinigung beginnt, sondern solange in der Welt ist, wie es von Gott offenbart wurde. Gott in der Verfassung ist ein Element der Bescheidenheit, das gerade einer erdrückenden Institution, wie eine europäische Regierung es notwendig sein muss, gut ansteht. Gott in der Verfassung will sagen, dass das Ziel der Geschichte nicht die europäische Vereinigung ist, sondern dass sie eine bloße Station auf dem Weg der Menschen durch die Zeit ist. Mit Gott in der Verfassung bekennt der entstehende Riesenstaat, dass er nicht perfekt ist und nicht perfekt sein kann. Der Gottesbezug ist gleichsam das Loch im Luftballon der Verfassung, aus dem die Gase der Eitelkeit und Selbstüberschätzung entweichen können."
Stichwörter: Gas, Martin Mosebach

TAZ, 10.06.2004

Die Folter ist nach Ansicht von Klaus Theweleit (mehr hier) eine der unaufhörlichen Selbstdarstellungsformen orientalisch-okzidentaler staatlicher Machtgebilde: "Diese Gebilde haben es geschafft, einen Menschentyp zu erzeugen, der daran gehindert wurde und wird, seine körperlichen Lustvorgänge von Formen zerstörerischer Machtausübung zu trennen. Seine 'Lüste' bestehen in einer Verkehrung sexueller Genüsse in Gewaltvorgänge; in der Unmöglichkeit, Sexualität anders zu erleben denn als Gewalt, durchmischt mit der gleichzeitigenVersicherung, zur 'höheren Rasse, höheren Religion' usw. zu gehören... Leute (und zwar ganz gleich welcher Herkunft, Klasse, Schicht oder welchen Bildungsgrads) sind absolut zufrieden damit, in regelmäßigen Abständen von der Existenz so genannter sadistischer Schweine, perverser Folterknechte oder einfach menschlichen Abschaums unterrichtet zu werden, die Bilder 'entsetzt' aufzusaugen, um dann ebenso regelmäßig festzustellen, wie unbegreiflich das alles sei. Um ausrufen zu können: 'Wie können zivilisierte Menschen so etwas tun!' Das ist wohl der Sinn der ritualisierten Veranstaltung. Und: 'Wenn das nicht bald aufhört, schmeckt mir das Frühstücksbrötchen nicht mehr.' Es hört dann auch bald auf (in der Zeitung zu stehen), und das Frühstücksbrötchen schmeckt wieder.'"

Weiteres: Brigitte Werneburg unterstützt den Vorschlag des Vorsitzenden des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst, angesichts der Diskussionen über die Flick-Collection in Berlin ein Moratorium zum Thema zu veranstalten. Die Art und Weise, mit welcher der Flick-Enkel und die involvierten staatlichen Institutionen mit dem schweren Erbe umgingen, sei fragwürdig, schreibt sie. Besonders die Argumente der Stiftung Preußischer Kulturbesitz findet Werneburg "wundersam": "Zunächst muss Kunst von allem Kontext gereinigt und als reine Kunst freigesetzt werden, dann freilich geschieht die kunstreligiöseVerwandlung von Wasser in Wein: Plötzlich ist die Kunst eminent politisch, ein Mahnmal und eine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Ein Moratorium, ein neues Nachdenken tun wirklich Not."

Besprochen werden David Cronenbergs Film "Spider", Michael Thalheimers Inszenierung des Kleist-Dramas "Familie Schroffenstein" am Schauspielhaus Köln, Tom McCarthys Debütfilm "The Station Agent", Michel Gondrys und Charlie Kaufmans Film "Human Nature - Die Krone der Schöpfung" und Jonathan Hensleighs Film "The Punisher".

Und noch TOM.