Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2004. In der Welt erzählt Andrzej Stasiuk, wie er Bürger der EU wurde. In der NZZ meldet Boris Schumatsky die Rückkehr der Angst in Russland. Die FR sieht einen finsteren Regie-Berserker am Werk. In der SZ erklärt Daniel Barenboim: "Deutsch zu leiden bedeutet immer: Das Tempo wird breiter!" Die FAZ vermutet ein Schriftstellernest im Norden Großbritanniens.

Welt, 03.05.2004

Heute hat auch die Welt ein Interview mit Polens grandiosem Andrzej Stasiuk. Darin erzählt er Gerhard Gnauck, wie er Bürger der EU wurde:
"In der Nacht zum 1. Mai haben meine Frau und ich bei uns in der Nähe die Öffnung des Grenzübergangs Konieczna/Becherov gefeiert. Am nächsten Morgen sind wir durch die Ostslowakei gefahren und haben bei Slovenske Nove Mesto die nächste Grenze überschritten. Der ungarische Grenzort trägt den unaussprechlichen, aber schönen Namen Satoraljaujhely. Das bedeutet 'Ein an neuem Ort aufgeschlagenes Zelt'. Bei Tornyosnemeti sind wir zurück in die Slowakei und über Kosice (Kaschau) sind wir dann nach Polen gefahren." - "Und die Feier um Mitternacht? Alle Menschen wurden Brüder?" - "Da standen also an die hundert Behördenvertreter aus Polen und der Slowakei und schwangen Reden. Aber die Bürger waren nicht da! Das nächste Dorf ist 300 Meter entfernt - und keiner geht hin, nur wir. Die Lokalpolitiker haben mehr zu sich selbst geredet. Postkommunistisches Neusprech, der echte Horror. Völlige Entfremdung zwischen Macht und Bevölkerung. Das war wirklich ein trauriges Fest."

NZZ, 03.05.2004

Der in Berlin lebende russische Publizist Boris Schumatsky konstatiert eine Rückkehr der Angst als Herrschaftstechnik in Putins Russlands. Als eines der Beispiele nennt er die zunehmende Verfolgung von Autoren und Journalisten und fährt fort: "Diese Verfolgungen kritischer und unabhängiger Intellektueller schüren eine Atmosphäre, die die zivilgesellschaftlichen Ansätze der Jelzin-Zeit zu ersticken droht. Kritische Stimmen sind fast nur von einigen ehemals sowjetischen Dissidenten zu hören. Die Jüngeren suchen nach einem Arrangement mit dem Regime. Die Frage, ob er Konfrontation oder Kompromiss mit den Machthabern suchen werde, beantwortete der frisch ernannte Menschenrechtsbeauftragte Wladimir Lukin mit einem Witz: 'Einer sagt, warum streitest du dich immer mit deiner Frau? Sei einfach zärtlich mit dem Miststück!' Obwohl er seinen Posten erst kürzlich antrat, scheint der Ombudsmann bereits unter Putins Pantoffel zu stehen."

Im Gespräch mit Uwe Stolzmann denkt der slowenische Schriftsteller Drago Jancar auch über das neue Verhältnis seines Landes zu den ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens nach: "Mir gefällt die Vorstellung einer Schengen-Barriere an der kroatischen Grenze überhaupt nicht... Wir müssen den Kontakt mit Zagreb, Belgrad, Sarajewo aufrechterhalten. Slowenien wird die führende Kraft in dieser Region - jedoch nur, wenn es offen bleibt."

Besprochen werden eine Ausstellung über das "Austrian Phenomenon", eine futuristische Phase der österreichischen Architektur von den fünziger bis in die siebziger Jahre im Wiener Architekturzentrum, Frank Castorfs Inszenierung "Gier nach Gold" nach Frank Norris bei den Ruhrfestspielen und Mozarts "Cosi fan tutte" in Basel.

TAZ, 03.05.2004

Den Tag der Pressefreiheit nutzt Alexandra Foederl-Schmid, Vorsitzende des Vereins der Ausländischen Presse in Deutschland, auf der Medienseite die teils recht ungewöhnlichen Arbeitsbedingungen ihrer Kollegen anzuprangern: "Gerade in Deutschland nämlich gibt es ein engmaschiges Gewebe, das vor allem deutschen Politikern Kontrolle über die Medien erlaubt, die kaum auffällt. Die deutschen Medien selbst machen diese Übereinkünfte nur selten öffentlich, ja, stellen sie selbst oft genug nicht einmal in Frage, was nicht zuletzt den Politikern ermöglicht, ihren journalistischen Hofstaat mit Infohäppchen bei Laune zu halten." Auch die "in dieser Form eigen- und einzigartige Praxis der Interview-Autorisation", die in Deutschland üblich ist, dient letztlich der Zensur, meint Foederl-Schmid.

Im Feuilleton nimmt Gerrit Bartels die Geburtstagsfeier für Walter Kempowski in Rostock zum Anlass, den Schriftsteller zeitgeschichtlich zu verorten. Im heimeligen Rostocker Archiv war er auch. "Neben der von Kempowski rekonstruierten elterlichen Bibliothek (wo Thomas Manns 'Buddenbrooks' zwischen Ina Seidels Büchern und Oswald Spenglers 'Untergang des Abendlandes' steht) gibt es Exponate aus der achtjährigen Bautzener Haftzeit Kempowskis, inklusive eines Brotkanten, den er angeblich am Tag seiner Entlassung bekommen hat."

Weitere Artikel: Veronika Rall dokumentiert die Höhepunkte des internationalen Dokumentarfilmfestivals im schweizerischen Nyon. Thomas Winkler kündigt die nächsten Konzerte der Sportfreunde Stiller an, die er hauptstädtisch als "Tocotronic für Arme" etikettiert. Die zweite taz wartet mit einer kleinen Typologie der Protagonisten der diesmal allerdings recht friedlich verlaufenen Maikundgebungen in Berlin auf. Hübsch zu lesen ist das Interview mit Friedrich Küppersbusch im Meinungsteil, der von "SR" zur Politik befragt wird. Und auf dreizeilige Fragen auch gern mal mit einem erfrischend knappen "Klar" antwortet (taz und Küppersbusch reden oft und ähnlich miteinander).

Und Tom.
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FR, 03.05.2004

"Es muss Martin Kusej sein, der finstere Regie-Berserker", glaubt Peter Michalzik und reibt sich die Augen beim Besuch von Andrea Breths "Don Carlos" am Wiener Burgtheater. So "beeindruckend düster und modern", das war er von ihr bisher nicht gewohnt. "Angekündigt war Don Carlos, inszeniert von Andrea Breth. Auf dem Programmzettel steht: Regie Andrea Breth. Und wer sich da am Ende verbeugt, das ist Andrea Breth. Diese Aufführung aber kann nicht von Andrea Breth sein. Dass die Welt so finster ist, wie sie ist, würde noch passen. Und so große, mächtige Bilder hat Andrea Breth auch schon inszeniert. Aber dass ein Überbau sich derart mächtig über die Inszenierung wölbt und die Figuren fast erdrückt, dass die klassische Vorlage hinter der enormen Deutung beinahe verschwindet, dass die Regieobsession übergroß im Raume steht, das ist doch nicht die Handschrift von Andrea Breth, dieser textbesessenen Klassikergläubigen."

Im Dokumentationsteil veröffentlicht die FR den Bericht von drei Bielefelder Sozialwissenschaftlern, die die Wirksamkeit eines staatlichen Programms gegen Rechtsextremismus messen sollten. Interessant, wie unverbindlich, aber dennoch positiv auch Wissenschaftler sein können, ohne dabei konkrete Hoffnungen zu schüren. "Die Entstehung einer Zivilgesellschaft kann nicht erzwungen werden, auch ist realistisch nicht zu erwarten, dass ein derartiges Programm im Laufe weniger Jahre strukturelle Defizite beheben oder politische Einstellungen flächendeckend verändern kann. Ralf Dahrendorf hat mit Blick auf die Transformation der realsozialistischen Gesellschaften Osteuropas in Demokratien festgestellt, der Aufbau einer Zivilgesellschaft dauere 60 Jahre." Bleiben nur noch 59.

Im mageren Feuilleton gratuliert Harry Nutt dem Liedermacher Pete Seeger zum 85. Geburtstag und erzählt aus diesem Anlass, wie es zum Klassiker "Where have all the flowers gone" kam. Hilal Sezgin unterhält eine ganze Times mager lang mit der Beschreibung ihrer ungewollt prominenten Rolle beim Gebet in der Blauen Moschee von Istanbul. Hans Dieter Fronz registriert zufrieden, dass die Bildersammlung Im Obersteg nun dauerhaft in Basel zu sehen ist. In einer Kurzmeldung wird nach Briefen des Historikers Ernst Kantorowicz gefahndet. Auf der Medienseite verkündet Axel Veiel mit Genugtuung, dass ein unerschrockener Journalist gegen Tunesiens autoritären Staatschef kandidiert.

Besprechungen widmen sich Frank Castorfs Eröffnung der Ruhrfestspiele mit dem "gnadenlosen" Geizdrama "Gier nach Gold" ("eine über weite Strecken packende Mischform aus Theater und Kino", applaudiert Stefan Keim), den neuen Alben der Hip-Hop-Größen Everlast und D12 alias Eminem, und natürlich Büchern, namentlich Robert Baers Enthüllungswerk "Die Saudi-Connection" sowie Christian Geulens Analyse des Rassendiskurses "Wahlverwandte".

SZ, 03.05.2004

Auf einer drittel Seite spricht Daniel Barenboim (mehr), unter anderem Dirigent der Staatskapelle Berlin, mit Jürgen Otten leidenschaftlich über Brahms. "Ich finde etwa dieses Dionysische, von dem wir sprachen, bei Brahms weit stärker ausgeprägt, als man heutzutage denkt. Aber es ist eine sehr deutsche Idee von Leidenschaft: Es schafft Leiden, ist also eine Leidenschaft, die immer etwas mit Leiden zu tun hat. Und nicht eine Leidenschaft, wie wir sie bei Verdi finden." Und dann die schöne Einsicht: "Deutsch zu leiden bedeutet immer: Das Tempo wird breiter!"

Weiteres: Im Aufmacher geht Jürgen Manemann mit all denen streng zu Gericht, die an "kultureller Amnesie" zu leiden scheinen und das neue Europa ohne Christentum errichten wollen. "Es wäre ein Europa, geleitet von der hybriden Einstellung, sich selbst zu besitzen." Alexander Kissler resümiert eine recht düstere Diskussionsrunde zum mündigen Patienten in Tutzing. Arno Orzessek fasst eine Berliner Tagung zum Protest der Frauen in der Rosenstraße im Jahr 1943 zusammen. Fritz Göttler notiert, dass amerikanische Drehbuchautoren nun einen größeren Anteil an den DVD-Erlösen fordern. Johannes Willms überbringt dem "großen Fremden" Georges Moustaki Glückwünsche zum Siebzigsten. Tobias Kniebe beneidet den schwäbischen DJ Superpitcher, die Zukunft des Techno, um Vieles, unter anderem um ein Groupie, das aussieht wie Natalie Portman. Helmut Mauro schreibt zum Tod des Cellisten Boris Pergamenschikow.

Auf der Medienseite besichtigt Andrian Kreye die New York Times nach den Skandalen des vergangenen Jahres. Als Beilage präsentiert die gedruckte SZ ab heute auch eine sechszehnseitige "Internationale Ausgabe" der "besten Zeitung der Welt", mit Artikeln über den Dschihad in Europa, die neue europäische Gegenkultur, aus dem Kongo, aus Mali und Algerien und über die Memoiren des Juwelendiebs Bill Mason.

Klaus Ott meldet weitere Änderungen am Pressekartellrecht, die aber nichts daran ändern, dass die Großen noch größer werden dürfen. Auf der Literaturseite schildert Ijoma Mangold den "großen Bahnhof" der 75. Geburtstagsfeier des Schriftstellers Walter Kempowski in Rostock.

Besprochen werden Frank Castorfs Bühnenadaption von Frank Norris' Roman "Gier nach Gold" bei den Ruhrfestspielen ("Castorf hat am Roman tiefschürfend vorbeigebuddelt", konstatiert Christopher Schmidt), die Uraufführung von Andrea Molinos "politisch korrektem" Musiktheaterstück "Credo - Die Unschuld Gottes" in Karlsruhe, die Ausstellung "Dichter Hand Schrift" über den Verlust der Aura des Handgeschriebenen in der Münchner Monacensia, die Schau "doku/fiction" mit visualisierter zeitgenössischer elektronischer Popmusik in der Kunsthalle Düsseldorf, Elisabeth Martons bewegender Filmessay über Sabina Spielrein und die Affäre mit C. G. Jung, und Bücher, nämlich Neuerscheinungen zu Geschichte und Theorie der Sammelleidenschaft sowie eine neue Landeskunde zu Spanien (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 03.05.2004

Christian Schwägerl schildert in der Leitglosse, wie der Stammzellforscher Oliver Brüstle in der Berliner Bertelsmann-Vertretung (einem Klon der Kommandantur Unter den Linden) den "Hennessy X.O Award for eXtraOrdinary people" bekam. Im Aufmacher fragt Michael Jeismann, was im Moment der EU-Erweiterung von der europäischen Idee bleibt. Gemeldet wird, dass die Berliner FDP den Flughafen Tempelhof als Beispiel der NS-Architektur in die Unesco-Welterbeliste aufnehmen lassen will. Kerstin Holm berichtet über eine Initiative russischer Architekten, Denkmalpfleger und Kunsthistoriker, die in einem Brief (mehr hier) an Präsident Putin aufrufen, den rücksichtslosen Abriss von Baudenkmälern in Moskau zu stoppen. Hubert Spiegel berichtet von den Rostocker Feiern zum 75. Geburtstag ihres großen Sohns Walter Kempowski. Andreas Rossmann schickt eine launige Reportage von der Eröffnung der Oberhausener Kurzfilmtage durch einen standesgemäß zu spät erscheinenden Kanzler. Gemeldet wird, dass sich für das Lübecker Günter-Grass-Haus nicht genug Sponsoren finden, so dass die Stadt eventuell mit Subventionen eventuell Fördergelder zurückzahlen muss. Dieter Bartetzko gratuliert Georges Moustaki zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite stellt Joachim Müller-Jung den polnischen Internet-TV-Sender ATVN (nicht AVTN, wie es im Artikel heißt) vor, dessen im Artikel nicht genannte Internetadresse wir nach langen Recherchen stolz präsentieren - es handelt sich um ein Bildungsfernsehen mit Übertragungen von Vorlesungen und Diskussionen, das es mit ähnlichen Versuchen des MIT durchaus aufnehmen könne. Michael Hanfeld meldet, dass Springer, Bertelsmann und Gruner + Jahr zusammen ein Druckunternehmen gründen.

Für die letzte Seite besucht Jordan Mejias das runderneuerte Brooklyn Museum. Andreas Platthaus stellt den von der schottische Kinderbuchautorin Julia Donaldson ("da muss irgendwo ein Nest im Norden Großbritanniens sein ") und dem Zeichner Axel Scheffler ersonnenen Helden Grüffelo vor. Und Jürg Altwegg trägt interessante Aspekte zur EU-Erweiterung aus der Sicht der nun vollends umzingelten Schweiz bei: "Manchmal hat man in der Schweiz fast den Eindruck, dass es vor allem die rund 200.000 hier lebenden Deutschen als EU-Exilanten sind, welche vor einem Beitritt warnen." (Dann müsste Michael Schumacher womöglich Steuern zahlen!)

Besprochen werden ein gewaltiges musikalisches "Goodwill-Spektakel" (so Gerhard R. Koch) namens "Credo", mit dem der Karlsruher Intendant Achim Thorwald und der Komponist Andrea Molino, unterstützt von der Benetton-Stiftung Fabrica aktuelle Glaubenskonflikte aufgreifen, Schillers "Don Carlos" in Andrea Breths Inszenierung im Wiener Burgtheater, eine Ausstellung zum hundertsten Geburtstag des realistischen Malers Curt Querner in Dresden, ein Konzert der Sängerin Norah Jones in Frankfurt, "Gier nach Gold" nach Frank Norris, inszeniert von Frank Castorf, bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen und eine Ausstellung über Schillers Berlin-Besuch im Jahre 1804 in der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin.