Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.02.2004. Die ersten Reaktionen auf das very very big Moma-event in Berlin sind zwiespältig: Die SZ ist überwältigt, die FAZ hätte gern mehr Europa gesehen, für die taz zwingt die Ökonomie die Ästhetik nieder. Für die FR hat der Kanzler aus systemtheoretischer Sicht auch seine schönen Seiten. Die NZZ hätte gern eine globale Bioethik, bitte. Außerdem konstatiert sie eine "Verluderung der Sitten in zuvor ungeahntem Ausmaß", und zwar im deutschen Feuilleton.

FAZ, 20.02.2004

Gab's im 20. Jahrhundert keine Kunst in Europa? fragt sich Wilfried Wiegand angesichts der MoMA-Ausstellung in Berlin. Vor allem der zweite Flügel der Ausstellung werde "so eindeutig von Amerika dominiert, dass man ärgerlich werden könnte, hätte John Elderfield, der Kurator des Ganzen, uns nicht in der Pressekonferenz ausdrücklich darauf vorbereitet: Absichtlich habe er die Gewichte zugunsten Amerikas verschoben, weil uns die eigene Kunst doch sicherlich vertrauter sei als amerikanische. Das mag gut gemeint sein, ist aber eine Fehlentscheidung. Denn Schlemmers legendäre Bauhaustreppe, das utopische Jahrhundertbild der Deutschen schlechthin, hätte man schon gerne in Berlin gesehen. Und wen hätte es nicht interessiert, wie sich unsere Expressionisten neben der internationalen Konkurrenz behaupten." Auf der Medienseite meldet nma., dass die Journalistin, die die Ausstellung so euphorisch in der Tagesschau feierte, in Wirklichkeit die Pressefrau des Verlags Hatje und Cantz war, der den Ausstellungskatalog druckt.

Immer mehr amerikanische und britische Firmen lagern ihre Call Center nach Indien aus und vernichten so Arbeitsplätze im eigenen Land, berichtet Martin Kämpchen. "In den Vereinigten Staaten gibt es Gesetzentwürfe, die das internationale Outsourcing verbieten: Der Champion der wirtschaftlichen Globalisierung wehrt sich gegen ihre Auswirkungen, wenn diese ausnahmsweise andere Länder begünstigen. Im Guardian schrieb der britische Kolumnist George Monbiot unlängst, es sei 'eine tiefe historische Ironie', dass indische Arbeiter heute britische Arbeiter ausstächen. Denn in der Vergangenheit habe England die indischen Produktionsstätten, etwa die Webereien, ruiniert, um die eigenen Industrien zu retten. Jetzt werde der Spieß umgedreht."

Weitere Artikel: Mark Siemons hat zugehört, als PDS-Politiker in Berlin ihrer Basis Rede und Antwort standen. Der amerikanische Biophysiker Christof Koch (homepage) erklärt in einem Beitrag zur Hirndebatte: "Das Instrumentarium der Philosophen - eine durch Introspektion angereicherte logische Argumentation - ist der enormen Komplexität und Unzugänglichkeit des menschlichen Geistes einfach nicht gewachsen." Aro. meldet die Teilnahme des Kölner OBs am Rosenmontagszug. Martin Halter gratuliert dem Schriftsteller Ingomar von Kieseritzky zum Sechzigsten. Andreas Kilb meldet den Tod des Filmregisseurs Jean Rouch.

Auf der Medienseite porträtiert Jürg Altwegg den neuen Chefredakteur der Welt, Roger Köppel, der als Chefredakteur der Weltwoche Wahlempfehlungen für den Populisten Blocher aussprach. Dietmar Dath trauert um die Fantasy-Serie "Angel", die eingestellt werden soll ("das Internet kocht"). In der Reihe "Stimmen" widmet sich Frank Kaspar dem "stimmlichen Extremsportler" Blixa Bargeld.

Auf der letzten Seite porträtiert Richard Kämmerlings den litauischen Dichter Eugenius Alisanka. Frank Pergande erzählt, wie sich der Maler Otto Niemeyer-Holstein seine Heimat Lüttenort auf Usedom schuf. Und Heinrich Wefing berichtet fasziniert von einer "kitchen tour" im reichen, nordkalifornischen Belvedere, die jährlich von einem Kindergarten organisiert wird.

Besprochen werden Phil Glass' Reality-Oper "In the Penal Colony" in Dresden (Wolfgang Sander konnte dabei nur knapp seine öffentliche Hinrichtung verhindern), der "charmante" Debütfilm "Ein Tag mit April Burns" von Peter Hedges, Gerry Schums Fernsehausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf und die deutsche Erstaufführung von Friedrich Cerhas Oper "Der Riese vom Steinfeld" in Krefeld.

TAZ, 20.02.2004

MoMA in Berlin ist Tagesthema. Aber auch Brigitte Wernneburg verlässt die große, vom Verein der Freunde der Nationalgalerie initiierte Show mit skeptischen Gefühlen: "Der Druck, die Schau zu finanzieren, trägt zu einem souveränen Umgang mit der Kunst nicht gerade bei. 3.000 Besucher am Tag, 700.000 im Lauf der sieben Monate, sollten schon in die Potsdamer Straße kommen, damit die Unkosten eingespielt werden. Zumal der Verein am Ende des Jahres keine Schulden haben darf, sonst ist seine Förderungswürdigkeit gefährdet. Was anderes also sollte man zeigen als den Kanon des Kanons? Was als einen geradlinigen, synoptischen Überblick ohne Ab- und Seitenwege, eine Wallfahrt von einer Ikone der Moderne zur nächsten, in einer Situation, wo sich die Besucher um die Bilder drängen?"

Weitere Artikel: Alexander Haas fragt sich, wie die Stadt Köln angesichts ihrer "völlig derangierten" Kultur und Kulturpolitik auf die Idee kommen konnte, sich als Kulturhauptstadt für das Jahr 2010 zu bewerben. Auf der Medienseite berichten Steffen Grimeberg und Thilo Knott, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund mit seiner Holding BGAG möglicherweise bei der notleidenden Frankfurter Rundschau einsteigen will.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Filmarchitekturen Jacques Tatis in München und neue Platten von Courtney LoveMelissa auf der Maur und The Distillers.

Und Tom nicht vergessen.


NZZ, 20.02.2004

Der interessanteste Text findet sich - wie Freitags so oft - auf der Medienseite. Hier beklagt Heribert Seifert die schwere Sinnkrise der deutschen Feuilletons: "Der Versuch, die Distanz zur gesellschaftlichen Wirklichkeit durch die Organisation publizistischer Debatten zu überwinden und das Feuilleton zum Forum des großen Selbstgesprächs der Republik zu machen, ist längst rituell erstarrt. Die verschärfte Medienkonkurrenz um die immer knappere Ressource Aufmerksamkeit hat das Motiv des Marketings über den Willen zur Klärung bedeutsamer öffentlicher Streitfragen triumphieren lassen. Die Folge ist eine Verluderung der Sitten in zuvor ungeahntem Ausmaß. Skandalisieren und Enthüllen im Stil von Boulevardblättern sind Strategien auch des seriösen deutschen Feuilletons geworden."

Snu. stellt den neuen vom amerikanischen Außenministerium gesponserten Fernsehkanal für den Nahen Osten vor, der mit einer glaubwürdigen Berichterstattung das Ansehen der USA im arabischen Raum verbessern soll. Seine Name: al-Hurra, was aber offenbar "Der Freie" heißt.

Im Feuilleton plädiert der Bochumer Bioethiker Heiner Roetz angesichts der in Südkorea geklonten Embryonen für die Notwendigkeit einer globalen Bioethik und fragt: "Ist Kultur überhaupt ein ausschlaggebender Faktor, oder folgen bioethische Optionen einer pragmatischen Logik? Ist die Berufung auf kulturelle Differenz am Ende nur eine paradoxe Apologie für das ganz und gar nicht 'Diverse' - den weltweiten Trend hin zum technologischen Imperativ, zu dem nicht in Asien, sondern im Westen erfundenen 'can implies ought' - 'können impliziert müssen'?"

Weitere Artikel: Marc-Christoph Wagner erzählt wie ein Abteilungsleiter der königlichen Bibliothek in Kopenhagen innerhalb von zehn Jahren unbemerkt circa 3000 erlesene Bücher entwendete und damit den größten Kunstraub aller dänischer Zeiten vollbrachte. Hubertus Adam berichtet von den neuen Querelen um das geplante Leipziger Universitätsgebäude.

Auf der Filmseite unterhält sich Thomas Binotto mit dem Direktor des Kinderfilmfests der Berlinale, Thomas Hailer zum Beispiel über die Frage, was ein kindgerechter Film ist: "Je mutiger wir programmieren, desto häufiger kriegen wir von besorgten Pädagogen zu hören, dass dieser oder jener Film kein Kinderfilm sei. Unter Kinderfilm stellen sich viele Leute halt immer noch das Hasi und das Mausi mit der Sonnenblume vor."

Besprochen werden die Ausstellung "Francis Bacon und die Bildtradition", die derzeit in Riehen Station macht, und Filme, darunter die BBC-Dokumentation "Deep Blue", Ron Howards Western "The Missing" und Anthony Minghellas Bürgerkriegsromanze "Cold Mountain".
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FR, 20.02.2004

Gerhard Schröder mag politisch versagen, für einen Jungtheoretiker aus der systemtheoretischen Fraktion, hat das dennoch seine Schönheit, wie der Berliner Historiker Stephan Schlak offenbart: "Vielleicht verstecken sich ja auch hinter Schröders 'ruhiger Hand' nicht so sehr Attentismus oder Amtsmüdigkeit, sondern letzte autopoietische Systemeinsichten. Jedenfalls stand hinter keinem Kanzler bisher ein so modernes Theoriedesign."

Weitere Artikel: In Times mager macht sich Martina Meister Sorgen um die Pariser Intellektuellen, die eine Petition gegen die bürgerliche Regierung in der Zeitschrift Les inrockuptibles veröffentlichten.

Besprochen werden die CD "Feels Like Home" von Norah Jones, eine Ausstellung über Juden in der frühen Filmwelt im Centrum Judaicum in Berlin, eine Ausstellung über Parallelen zwischen der Kunst des Barock und dem Informel in Kiel und Haflidi Hallgrimssons Oper "Die Wält der Zwischenfälle" nach Daniil Charms in Lübeck.

SZ, 20.02.2004

Holger Liebs feiert auf der gesamten ersten Seite die Eröffnung des MoMA in Berlin: "Die Schau im Untergeschoss der Nationalgalerie ist überwältigend, alles an ihr ist superlativisch und auf Genuss oder auratisches Erlebnis einzelner Inkunabeln der Moderne ausgerichtet." Wo aber, fragt er sich, bleibt der "transatlantische Dialog", der in den Grußworten angesprochen wird? "Er ist komplett von drüben gesteuert. Wie hätte sich etwa Barnett Newmans Hauptwerk 'Who's Afraid of Red, Yellow and Blue' aus der Nationalgalerie hier gemacht, als bildraumentgrenzendes Pendant zu Monets 'Seerosen'? Und dann wollte man im MoMA Picassos 'Demoiselles d?Avignon' oder Newmans 'Vir Heroicus Sublimis' nicht herausgeben - sie hätten alle anderen 'Stars' überstrahlt.

Heute beginnen die Parlamentswahlen im Iran, Werner Bloch beschreibt, wie Irans Jugend die Mullahs außerhalb der Politik auf Trab hält. "Irans Jugend ist desorientiert und verunsichert. Solidarische Werte und Ideale hat sie nie kennen gelernt, sich von der überall propagierten Staatsreligion längst angeekelt abgewandt. Aber auf Hilfe von außen, aus Amerika etwa, hoffen die wenigsten. Die junge Generation weiß, dass sie es selbst packen muss. Ihr Zorn richtet sich auf die Mächtigen im eigenen Land, die Günstlinge des Regimes und ihre Verwandten, die den Staat im Griff halten und ausplündern. Die Wut der jungen Iraner wird davon angestachelt. Ihre Kreativität aber setzen sie nicht in der Politik um, sondern in der Kultur. Sie ist die Speerspitze im Kampf für einen neuen Iran." Nachprüfen kann man dies auf der tehranavenue.com.

Weiteres: Filmproduzent Harvey Weinstein erzählt, warum er bei Anthony Minghellas Bürgerkriegsfilm "Unterwegs nach Cold Mountain" weinen musste. Alex Rühle bemerkt kopfschüttelnd, dass sich Frankreichs Intellektuelle im Krieg wähnen, den die kulturverachtende Regierung Raffarin gegen sie angezettelt haben soll. Oliver Fuchs erklärt die drei "signifikanten Phasen", die beim Hören des Debütalbums der schottischen Band Franz Ferdinand durchlaufen werden. Tobias Moorstedt berichtet von den neuesten Fernsehtechniken, die im amerikanischen Sport benutzt werden: neben Ultracameras wie der "Mega Super Slow Mo Cam" oder der "Hawkeye Cam" gibt es jetzt auch eine "Floor Camera", die im Parkett unter dem Basketballkorb installiert ist und so aus der "Kellerasselperspektive" filmt. Christian Jostmann berichtet von einem Vorschlag des Wissenschaftsrat, den Kündigungsschutz an den Universitäten zu lockern. Und die Medienseite meldet, dass der Schweizer Roger Köppel, bisher Weltwoche, neuer Chefredakteur der Welt wird.

Besprochen werden Alfred Schnittkes Oper "Leben mit einem Idioten" als Gastspiel des Staatlichen Theaters für Oper und Ballett Nowosibirsk, eine Aufführung von Marius von Mayenburgs "Das kalte Kind" im Münchner Marstall und Bücher, darunter Andreas B. Kilchers literarische Enzyklopädie "mathesis und poiesis", Laszlo Darvasis Kriegsgeschichten "Eine Frau besorgen" und Hazel Rosenstrauchs Essay zu "Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).