Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.12.2003. Die Harald-Schmidt-Show wird abgesetzt. Ob diese Katastrophe vom deutschen Feuilleton verkraftet werden kann, ist noch sehr fraglich. Die FAZ bringt außerdem die Nobelpreisrede J. M. Coetzees, der eine sehr traurige Geschichte über Lockenten erzählt. Die NZZ informiert über die Planung der Festivitäten  zum 200. Geburtstag Hans-Christian Andersens.

FAZ, 09.12.2003

Robert von Lucius hat die Nobelpreisrede von J. M. Coetzee gehört, die auf der Bücher-und-Themen-Seite heute auch abgedruckt ist, und er resümiert das erste Fernsehinterview, das der Autor seit zwanzig Jahren gegeben hat - fürs Schwedische Fernsehen: "Dabei sagte er in einer halben Stunde Sendezeit nur einige Sätze zu seinem Urgroßvater und seiner Großtante und zu seinem Drang als Student, 'alles' lesen zu müssen. Würde er jetzt noch einmal studieren - aber dafür sei es 'viel zu spät' -, würde er sich um theoretische Linguistik und künstliche Intelligenz bemühen."

Seine Rede beginnt Coetzee mit der Geschichte der Lockenten, die von den Bewohnern der englischen Küste mit Nahrung und sanften Worten verwöhnt werden, damit sie Artgenossen anlocken, die dann in Netzen gefangen werden: "Die Lockenten werden gestreichelt und gelobt, was aber ihre Gäste angeht, so werden sie auf der Stelle mit Knüppeln erschlagen und gerupft und zu Hunderten und Tausenden verkauft." Nach längeren Auseinandersetzungen hat Coetzee einer Veröffentlichung seiner Rede im Netz zugestimmt, dort ist sie auch auf deutsch zu lesen. Auch eine informative Seite über Lockenten (decoy ducks) haben wir gefunden.

Die Harald-Schmidt-Show wird zum Ende des Jahres abgesetzt, eine Kulturkatastrophe für die Schmidt verehrende FAZ. Andreas Platthaus erläutert: "Aus dem amerikanischen Format des 'Late Night Talk' hat Harald Schmidt den 'Hate Night Talk' hervorgehen lassen, der mit allem aufgeräumt hat, was sich hierzulande durch Comment, Bigotterie und Vetternwirtschaft kulturgeschützt wähnte." Laut Michael Hanfeld auf der Medienseite hat Harald Schmidt die Brocken hingeschmissen, um gegen den neuen Sat 1-Chef Roger Schawinski zu protestieren. "Und das mit Recht."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel gratuliert dem Hanser-Verleger Michael Krüger zum Sechzigsten. Und auf der Medienseite erfahren wir von Ludwig Harig, dass Krüger "Derrick"-Fan war ("Über viele Jahre kamen wir in unseren Briefen immer wieder auf Derricks Menschenkenntnis und die daraus resultierende subtile Behandlung seelischer Konflikte zu sprechen.") "bat." spekuliert in der Leitglosse über die Farben historischer Gebäude in Frankfurt. Gina Thomas meldet, dass der Turner-Preis in diesem Jahr an den Künstler Grayson Perry geht. Verena Lueken schildert in einer Reportage das schwere Leben der Kinder von Kabul. "mli" erzählt, wie der Student Michael Shafer mit Hilfe eines Computernetzwerks und des "Great Internet Mersenne Prime Search" die größte bekannte Primzahl, 2 [hoch] 20996011 -1, eine Zahl mit über sechs Millionen Stellen gefunden hat. Christoph Albrecht resümiert eine Berliner Tagung über das "Benchmarking" in der Bildung. Timo John berichtet, dass das Schokoladen-Fabrikantenpaar Marli Ritter-Hoppe und Hilmar Hoppe in Stuttgart ein Ausstellungsgebäude für die eigene Kunstsammlung baut. ("Seit den achtziger Jahren sammelte das Ehepaar, getreu dem Leitspruch und Format seiner Schokolade, vornehmlich Bilder in quadratischem Format.")

Auf der Bücher-und-Themen-Reihe erzählt Patrick Bahners, wie er bei der Marbacher Tagungsreihe "das literarische Portrait" einem Auftritt Brigitte Kronauers beiwohnte.

Auf der letzten Seite berichtet Dietmar Polaczek in einem farbenreichen Artikel über die Saisoneröffnung an der Scala, die zur Zeit in einem Ausweichquartier logiert und überhaupt in der Krise ist, unter anderem wegen des Operntyranns Riccardo Muti, der missliebige Journalisten gnadenlos verfolgt ("Viele können ein stilles Lied davon schweigen"). Rose-Maria Gropp schreibt ein Profil Christoph Graf Douglas', der den Verkauf der Bildersammlung der Fürsten zu Fürstenberg an den Unternehmer Reinhold Würth deichselte. Und Karol Sauerland schildert, wie in Polen unter dem Schutz der Kirche und der Staatsanwälte antisemitische Schriften vertrieben werden.

Besprochen werden eine Günter-Brus-Ausstellung in der Wiener Albertina, Charles Gounods "Romeo et Juliette" in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg in Frankfurt, ein Konzert von Peaches und Marilyn Manson in Frankfurt und Lessings "Philotas" in Aachen.

TAZ, 09.12.2003

Große Beunruhigung über das fürs Jahresende angekündigte Ende der Harald-Schmidt-Show. Auf tazzwei analysiert Bettina Gaus Wahrheitsgehalt und Verlustmaß: Vielleicht, überlegt sie, wolle Schmidt "einfach mal sehen, was passiert, wenn er seinen Abschied ankündigt. Zuzutrauen wäre es ihm ... Denn zum Interessanten gehört immer auch das Unerwartete. Das hat Harald Schmidt allemal verlässlich geliefert - und wenn es gelegentlich in nichts anderem bestand als in der fassungslosen Überraschung: Das kann er doch jetzt nicht ernst meinen, das macht er doch nicht wirklich, das ist doch keine Sendung. Er meint es ernst. Er macht es wirklich. Es ist eine Sendung. Und sie ist revolutionär."

Auch die zweite Meinungsseite reagiert erschrocken: Hier fordert Peter Unfried die ARD auf, sie solle die Schmidt-Show durch Übernahme retten: "Man wäre auch noch Beckmann los. Mehr Gutes tun geht nicht." Den Vorschlag unterstützt im Interview auch Kai Sokolowsky, Autor eines Buchs über die "Methode Schmidt", und selbst Ottfried Fischer ("Der Bulle von Tölz"), ein weiteres SAT.1-Zugpferd, findet würdigende Worte: "Der hatte immer gute Quoten nach mir. Es wird keine so guten Nachfolgesendungen mehr geben, wie das unter Harald war."

Anlässlich der Diskussion um eine mögliche Mitgliedschaft von Walter Jens in der NSDAP (siehe auch das Interview in der SZ von gestern), rät Jürgen Busche, wer die "die Hilflosigkeit junger Gelehrter während des 'Dritten Reiches' verstehen" wolle, müsse sich "die Geschichte der Germanistik ansehen". In dieser "anspruchsvollen Wissenschaft" sei nämlich "stets ein intensives nationales Selbstbewusstsein gepflegt" worden. Wer nach dem Krieg "beizeiten den Weg in linke Diskussionsrunden gefunden hatte und dort nützlich war, konnte Glück haben - wie der Historiker Fritz Fischer. Mit dem Ende der Nützlichkeit schlug dann freilich die Nachsicht oft in Beschuldigungsbereitschaft um, auch dort, wo es substantielle Vorwürfe nicht gab - so jetzt bei Jens und Wapnewski."

Weitere Artikel: Marion Löhndorf porträtiert Grayson Perry (mehr hier), den Gewinner des diesjährigen Turner-Preises, und Tobias Rapp resümiert das 25. Transmusicales-Festival in Rennes. Besprochen werden die Uraufführung von Armin Petras? "We are camera" am Hamburger Thalia Theater und eine Studie über "Subjektivierte Arbeit. Mensch, Organisation und Technik in einer entgrenzten Arbeitswelt" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und hier TOM.

FR, 09.12.2003

"Schluss mit lustig" heißt es auch in der FR zu Harald Schmidt. Im Kommentar schreibt Markus Brauck: "Der Sozialabbau ist kaum verwunden, kommt der Humorabbau. Auf was sollen wir noch alles verzichten?" Und auf der Medienseite beleuchtet Brauck zusammen mit Oliver Gehrs die Probleme, die der neue Sat.1-Chef Schawinski ohne Schmidt nun vermutlich haben wird. "Natürlich liegt die Vermutung nahe, dass Harald Schmidt aus Protest gegen die abrupte Absetzung seines Freundes Martin Hoffmann geht, bis vor wenigen Tagen noch Sat.1-Chef. (...) So hatte denn Schmidt in seiner Show auch keinen Hehl aus seiner Solidarität zu Hoffmann gemacht und sich auf Kosten des Hoffmann-Nachfolgers Roger Schawinski amüsiert (...), der sich die Frotzeleien schön redete."

"Voller memento moris" waren für Judith Jammers die Beiträge, die um die Vergabe des diesjährigen Turner-Preises konkurrierten. Immerhin habe die britische Sensationspresse in Preisträger Grayson Perry "ein gefundenes Fressen" gefunden: "'Töpfer-Transvestit gewinnt den Turner' ist eine gute Schlagzeile - und noch dazu ein Zitat des Preis-Siegers selbst. Grayson Perry, der am Sonntagabend den Scheck über 20.000 Pfund entgegennahm, strahlte wie Dorothy aus 'The Wizard of Oz' - gewandet in ein Puffärmelkleidchen, mit Schleife um den Bauch und roten Schuhen. "

Mit dem jetzt fertiggestellten Marie-Elisabeth-Lüders-Haus von Stephan Braunfels, das unter anderem Parlamentsbibliothek, -archiv und Pressedokumentation beherbergen soll, sieht Alexander Kluy Berlin "dank eines Münchners" leuchten. "Mit diesem Bau ist das Band des Bundes in Berlin vollendet. Und zwar sehr intelligent, mit großer Delikatesse und Souveränität und in höchster Qualität."

Weiteres: In der Kolumne Times mager stellt Martina Meister im Rahmen der Debatte um die ebenso leidige wie unhaltbare Interviewautorisierungs-, respektive -umschreibungspraxis mühelos einen Zusammenhang zwischen "authentischen, ja wahren Interviewantworten und der männlichen Kulturtechnik der Rasur" her. Besprochen werden eine Inszenierung von Gounods "Romeo et Juliette" an der Oper Frankfurt, der letzte Teil von Armins Petras Trilogie "We are camera" am Hamburger Thalia Theater, Wedekinds "Lulu" als "solides Handlungsballett" in einer Bearbeitung von Christian Spuck am Opernhaus Stuttgart sowie eine Uraufführung der Komposition "Fremdling, rede" von Rolf Riehm.
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NZZ, 09.12.2003

Aldo Keel informiert über den letzten Stand der voluminösen Planungen zum 200. Geburtstags des Märchenerzählers Hans Christian Andersen. Eberhard Fischer hat einen Nachruf auf den Kunstethnologen Hans Himmelheber verfasst. Über das Stichwort "Parlament" räsoniert Klaus Bartels, ebenfalls nur in der Printausgabe.

Besprochen werden die Saisoneröffnung mit Rossinis "Moise et Pharaon" an der Mailänder Scala, die Uraufführung von Fritz Katers "We are Camera / jasonmaterial" am Hamburger Thalia Theater und selbstredend Bücher, darunter eine Wiederentdeckung aus der "rumänischen Provinz": M. Blechers Prosaerstling "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit", Gedichte und anderes von Michael Krüger sowie Michael Moores neue Polemik "Volle Deckung, Mr. Bush", die nach Susanne Ostwald "die gleiche Melange aus Halbwahrheiten und Populismus bietet, die schon seinen Erstling kennzeichnete" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 09.12.2003

Viel Platz räumt auch die SZ dem Ende der Harald-Schmidt-Show ein. Auf der Medienseite fassen Hans-Jürgen Jakobs und Klaus Ott die senderpolitischen Hintergründe für Schmidts Entscheidung für eine "kreative Pause" zusammen, Martin Zips würdigt etwas nachrufartig Schmidts Verdienste ("er wird fehlen") und dokumentiert einen leider erfolglosen Interviewversuch. Im Feuilleton beklagt Roger Willemsen Schmidts "Auflösung". Damit verliere "der deutsche Journalismus sein Idol, die Intelligenzia ihren Konsens-Helden, den richtbildlichen Spötter. Nicht auszudenken, wie jetzt mit Niveauverdacht gelacht werden soll. Doch keine Sorge, aus diesem Bauch werden die Epigonen kommen wie aus einer Russenpuppe. Ach, undenkbar: Beginnt jetzt die Zeit, in der man Harald Schmidt mit 'Werbeikone' untertitelt?"

Weitere Artikel: Holger Liebs kommentiert die Verleihung des Turner-Preises an Grayson Perry als "Adrenalinspritze". Thomas Steinfeld berichtet von John M. Coetzees Nobelpreisrede in Stockholm, die in Wirklichkeit eine Vorlesung war. Andrian Kreye resümiert ein Symposium des New Yorker Pen-Clubs zum Thema Antiamerikanismus, auf dem sich unter anderem Tariq Ali, Bernard-Henri Levy, Peter Schneider und Ian Buruma zu Wort meldeten. Annette Zellner informiert über das Projekt des Kölner Bildhauers Lutz Frisch, der 1000 Bücher in die Antarktis schickt. Jürgen Berger berichtet über die zweifelhafte Zusammenlegung der Theater Meiningen und Eisenach und kommentiert den Wechsel von Elmar Goerden ans Schauspielhaus Bochum. Und in der Zwischenzeit sorgt sich Joachim Kaiser um "Strukturreformen" beim Bayrischen Rundfunk und "musische Minderheiten".

Besprochen werden die Eröffnung der Mailänder Scala-Saison mit Rossinis "Moise et Pharaon", John Neumeiers Ballett "Tod in Venedig" in Hamburg, eine Inszenierung von Wagners "Holländer" an der Wiener Staatsoper, Henning Mankells Bühnenstück "Dunkles Brot und tote Blumen" am Stuttgarter Theater Tri-Bühne, eine Ausstellung des fotografischen Werks von Diane Arbus im Museum of Modern Art in San Francisco. Außerdem Bücher, darunter eine Studie über "Unternehmer ohne Geld", ein Band mit Texten des Schriftstellers und Verlegers Michael Krüger, eine (montierte) Autobiografie von John Cassavetes und ein Buch des besten Tierfilmers der Welt, David Attenborough, über "Das geheime Leben der Säugetiere" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).