Heute in den Feuilletons vom 10.12.2003

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.12.2003. Furchtbar! findet in der Berliner Zeitung die türkische Krimiautorin Esmahan Aykol das Kopftuch in Schulen. In der NZZ bezweifelt Faraj Sarkohi, dass die reformierten Islamisten den Iran demokratisieren können. Die SZ fordert den gnadenlosen Rechtsstaat. Die FAZ trauert auch heute noch um Harald Schmidt. In der taz beklagt Joseph von Westphalen die verstaubten Feuilletons.

Berliner Zeitung, 10.12.2003

Wiebke Hollersen unterhält sich mit der türkischen Krimiautorin Esmahan Aykol, die sich überraschender Weise gegen Kopftücher in den Schulen ausspricht. "Ich bin absolut gegen Kopftücher in Schulen, gegen alle religiösen Symbole dort. In Kreuzberg sehe ich so viele Mädchen mit Kopftuch, sogar schon Fünfjährige. Ich habe in der Türkei noch nie so kleine Mädchen mit Kopftüchern gesehen, nicht mal auf dem Dorf. Dass sie nicht am Sportunterricht teilnehmen können, berührt mich. Furchtbar, wenn ein kleines Mädchen in der Ecke stehen muss und nicht mitmachen darf. Wie die Türkei sollte auch Deutschland das Kopftuch an Schulen und Universitäten verbieten, für Lehrerinnen und Schülerinnen. Schulen sind kein Platz für Demonstrationen. In dieser Frage kann ich nicht liberal sein."
Stichwörter: Deutschland, Kopftuch, Türkei

NZZ, 10.12.2003

Sicher, die Leistungen der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadis sind "für eine Frau in der Islamischen Republik herausragend", doch "stehen sie hinter den Verdiensten" anderer Preisträger zurück, findet der Schriftsteller Faraj Sarkohi. Daher fragt er sich, was das Nobelkomitee zu seinem Entschluss bewegt haben könnte. Da auch Ebadi wiederholt auf ihre Religionszugehörigkeit verwiesen und betont habe, "dass es keinen Widerspruch zwischen Islam und Menschenrechten" gibt, vermutet Sarkohi, dass es ein Versuch war, den reformierten Islam unterstützen zu wollen. An die Chancen, damit die Demokratisierung des Iran voranzutreiben, glaubt Sarkohi allerdings nicht. Denn "die meisten Iraner, denen Revolution und Gewalt nichts eingebracht haben und die das Versagen der religiösen Reformer miterlebten, hoffen auf eine Instanz außerhalb der gescheiterten Flügel der Regierung, um einen Weg aus der Sackgasse zu finden".

Andrea Köhler schreibt über die "nationale Identität des Lärms", die sich nirgendwo besser studieren lasse als in New York, "der Stadt, in der alle Nationen durcheinander krakeelen". Ein Beispiel gefällig? "Auf der Skala der weiblichen Dezibelstärke nehmen die jugendlichen Latinas der Suburbs einen der obersten Ränge ein; auch die schwarzen Girls aus der Bronx oder Harlem, deren durchdringende Koloraturen das Schrillen der amerikanischen Polizeisirenen mühelos überbieten, bringen es auf eine bemerkenswerte Umdrehungszahl. Derweil die männlichen Teenager, egal welcher Hautfarbe oder Herkunft, die Umwelt mit dröhnenden Ghettoblastern, wummernden Bässen oder frisierten Auspuffen malträtieren. In seiner Art konkurrenzlos aber ist das Stimmvolumen der jungen weißen Mittelstands-Amerikanerin, dessen Echo in den mit Stahl und Kacheln klangfördernd gestylten Scene-Restaurants von Midtown und Lower Manhattan keinen Zweifel daran aufkommen lässt, aus welcher Inspirationsquelle die Mickymaus ihre Stimmfärbung hat."

Weitere Artikel: Knut Henkel schreibt zum Tod von Ruben Gonzalez', dem "alten Maestro am Klavier des "Buena Vista Social Club". Besprochen werden zwei Inszenierungen mit live produzierter Bühnenmusik in Paris, eine den "Pionieren des technologieorientierten Bauens" - Schlaich und Bergermann - gewidmete Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main und natürlich Bücher, darunter Artur Beckers opulenter Roman "Kino Muza", Ralf Konersmanns "auf mannigfaltigen Umwegen ihr Ziel erreichende" Einführung in die Kulturphilosophie sowie ein Band mit Fotoarbeiten des Dichters Arno Schmidt (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 10.12.2003

Hans Leyendecker kommentiert die Freilassung des Ex-Terroristen und mutmaßlichen Schleyer-Mörders Rolf Clemens Wagner nach 24 Jahren Haft: "Die Witwe eines Ermordeten darf alles - sie darf auch die einst gnadenlosen Terroristen hassen und sie darf in ihrem Schmerz sogar ungerecht sein. Eine Gesellschaft darf das nicht. Sie muss gnadenlos Rechtsstaat sein, und dazu gehört, dass Täter nicht in den Gefängnissen vermodern."

Franziska Augstein schreibt zum achtzigsten Geburtstag des großen spanisch-französischen Schriftstellers Jorge Semprun (mehr hier): "Es ist, als hätte der Autor - wie der Herrgott - einen großen Weltenplan gehabt, der nur noch zu entfalten sei. Die Wahrheit ist anders."

Weitere Artikel: Im hilflosen Versuch kollektiver Trauerarbeit erinnert die Redaktion an all die Dinge aus der Harald-Schmidt-Show, die sie ganz bestimmt nicht vermissen wird, wie das Wasserglas, den Liebling des Monats, Playmobil und die Fototapete. Die Meinungsseite meldet heftigste Annäherungsversuche an Herrn Schmidt von Seiten der ARD. Willi Winkler feiert den hundertsten Quelle-Katalog, dessen Literarizität er uns wie folgt nahe legt: "Die Sprache des Katalogs ist neusachlich und versteigt sich nur selten zu Lyrismen. Sie informiert verlässlich über Maße, Gewichte und Preise, aber auch über Stretch-Bund, Kontrastnähte oder den geschraubten Ahornhals. In ihrer schönen Fremdheit eignet sie sich vorzüglich zu einem katalogisierenden, einem späten Benn- oder einem frühen Enzensberger-Gedicht."

Adrienne Braun berichtet von Götz Adrianis Feldzug gegen das ZKM in Karlsruhe, das dieser zu teuer, zu groß und zu sehr in den 80er Jahren verhaftet findet. Intendant Elmar Goerden spricht in einem kurzen Interview über seinen Wechsel von München nach Bochum. Jonathan Fischer schreibt den Nachruf auf den kubanischen Musiker Ruben Gonzalez (mehr hier). Heute wird Schirin Ebadi der Friedensnobelpreis überreicht; Katajun Amirpur weiß, von wem Ebadi sich alles nicht vereinnahmen lässt.

Besprochen werden Warner Animations-Offensive mit den "Looney Tunes: Back in Action" (homepage), der Abschluss von Fritz Katers Heimat-Trilogie, "We are camera / Jasonmaterial" im Hamburger Thalia Theater, mit dem sich der REegisseur endgültig als Romantiker erweise, die große Manet-Schau im Prado und Bücher, darunter Dirk Wittenborns Roman "Unter Wilden", ein Sammelband zur Dämonologie und 1001 Nacht als Hörspiel (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).
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FR, 10.12.2003

Claus Leggewie begrüßt das "verdienstvolle" Internationale Germanistenlexikon, das jetzt endlich erschienen ist. Dirk Fuhrig berichtet über den Denkmal-Weltreport, der gestern in Berlin vorgestellt wurde. Thomas Medicus war auf einer Tagung über "Erinnerung und Fiktion" im Berliner Literaturhaus. Ruth Klüger gratuliert Jorge Semprun (mehr) zum Achtzigsten. Karin Ceballos Betancur schreibt zum Tod des kubanischen Pianisten Ruben Gonzalez.

Besprochen werden die Ausstellung "Lautloses Irren" im Postbahnhof am Berliner Ostbahnhof, eine Ausstellung über den No!art-Künstler Boris Lurie in der Gedenkstätte Buchenwald und Bücher, darunter W. G. Sebalds "Campo Santo" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 10.12.2003

Joseph von Westphalen (mehrexponiert sich mit der Offenbarung, dass er den Intellektuellen-Helden Harald Schmidts eh nur noch zum Wegschauen fand: "Was ist das nächste Buch von Enzensberger oder Habermas gegen die nächste Sendung von Harald Schmidt. Hierüber sollte man nicht klagen. Die Intellektuellen haben Schmidt selbst aufgebaut. Und tatsächlich war es damals höchste Zeit für Selbstironie und kulturelle Respektlosigkeit und das raffinierte Prahlen mit der Unbildung. Schmidt machte das charmant und offen, und wenn das selbst von den Kultur-Zynikern beim Spiegel als 'böse' und 'zynisch' begrüßt und bewundert wurde, dann zeigt das nur, wie verstaubt die deutsche Feuilleton-Kultur war und noch immer ist - und wie zickig."

Weitere Artikel: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hat ein neuer Woody-Allen-Film keinen deutschen Verleih gefunden, von Francois Truffaut ist schon seit Ewigkeiten kein Film mehr zu sehen. Zeigt sich hier das Ende des Arthouse? Ach was, meint Ekkehard Knörer, der gründlich die Veränderungen auf dem Kinomarkt untersucht: Die Nouvelle Vague war im deutschen Kino noch nie besonders präsent, die mittleren Verleihfirmen haben zwar bluten müssen, aber die ganz kleinen tummeln sich ganz fidel auf dem Markt.

Weitere Artikel: Detlef Kuhlbrodt war eigentlich schon genervt von den immergleichen symbolischen Studenten-Aktionen -Bildung im Sarg, letztes Hemd, Baden gehen - findet sie jetzt aber doch irgendwie klasse. Besprochen wird Henning Mankells Stück über Fremdenhass "Dunkles Brot und tote Blumen", das in Stuttgart uraufgeführt wurde.

Und noch TOM.

FAZ, 10.12.2003

Noch unter dem Schock der Absetzung der Harald-Schmidt-Show hat die FAZ eine Seite mit Reaktionen bedeutender Zeitgenossen zusammengestellt. Im Vorspann heißt es: "Das Pausenzeichen wird lauter und sprechender sein als alles, was wir zwischen 20.15 Uhr und Mitternacht zu hören bekommen. Während er fürs Denken pausiert, pausiert für uns das Denken." (Dann aber auch bitte keine bioethischen Aufsätze mehr!) Unter den Äußerungen gefällt uns ein Satz von Stephan Wackwitz: "Wie Hölderlin, Hegel und der Personenkraftwagen ist Harald Schmidt eines der großen schwäbischen Geschenke an die zivilisierte Menschheit, von denen ich persönlich aber nur möglichst sparsamen Gebrauch mache."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube glossiert den klugen Vorschlag, ein Drittel aller Universitätsprofessuren in den Geisteswissenschaften einfach unter den Bewerbern zu verlosen - es würde vielleicht mal ein bisschen Leben in die reichlich homogene Bude bringen. Jürg Altwegg fragt, was passiert, wenn der Schweizer Populist Christoph Blocher "heute in die Regierung kommt? Und was, wenn er es nicht schafft?" Walter Haubrich gratuliert Jorge Semprun zum Achtzigsten. Ilona Lehnart meldet, dass der Hauptstadtkulturvertrag in Berlin nun doch unterzeichnet wurde. Ernst Horst verfolgte die Jahrestagung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des kubanischen Pianisten Ruben Gonzalez.

Auf der letzten Seite wird Hubert Spiegels Laudatio auf den Germanisten Walter Hinck abgedruckt, der den Preis der Frankfurter Anthologie erhält. Lucas Burkart schreibt über die Politik der "tolleranza zero" in bezug auf öffentliche Plakate, die jetzt in Rom ausgerufen werden soll. Und Robert von Lucius erzählt, dass Benny Andersson, ehemals Abba, in Stockholm ein Hotel eröffnete.

Auf der Medienseite bezweifelt Michael Hanfeld, dass Harald Schmidt ersetzbar ist, auch wenn Sat.1 eine neue Show ankündigt: "Und wer sich David Letterman oder Jay Leno zum Vorbild nimmt, wie sie es bei Sat.1 jetzt tun, sollte wissen, dass er keinen Schritt nach vorn macht, sondern einen zurück geht."

Besprechungen gelten Jim Sheridans Film "In America", dem Festival de la danse in Cannes, Hindemiths "Sancta Susanna" und Bartoks "Herzog Blaubarts Burg" in Darmstadt sowie einer Ausstellung von Aquarellen von Dürer bis Macke im Germanischen Nationalmuseum.