Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2003. Die SZ bedauert: In den Niederlanden ist die multikulturelle Gesellschaft gescheitert. Die FR berichtet über den neuen Antisemitismus in Russland. Die FAZ liest J. M. Coetzees Roman "Elizabeth Costello". Die taz ist erleichtert: zumindest die Filme werden in diesem Land wieder etwas besser - vor allem wegen der Sexszenen.

SZ, 28.10.2003

In den Niederlanden ist die die multikulturelle Gesellschaft "gescheitert", berichtet Siggi Weidemann. Ein Untersuchungsausschuss wurde eingerichtet, um die Gründe dafür zu untersuchen. "Ausländische Prominente, denen der soziale Aufstieg glückte, beklagten sich vor dem Ausschuss darüber, dass sie viel zu lange von sozialen Einrichtungen in Watte gelegt worden waren und dass sie dadurch 'Gefangene ihrer ethnischen Gruppe' geblieben seien." Auch der niederländische EU-Kommissar Frits Bolkestein erklärte kürzlich, niederländische Politiker und Beamte hätten "viel zu lange ein romantisches Bild von der Immigration gehabt. Sie glaubten, 'andere Kulturen' könnten ohne Probleme neben der niederländischen existieren. Das sei eine Illusion gewesen, weil diese Kulturen 'in Kontrast stehen zu den universalen Werten wie Trennung von Kirche und Staat, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Schulpflicht sowie Toleranz'".

Weitere Artikel: Der Japanologe Florian Coulmas gewährt mit einem Blick auf das "alte" Japan eine Art Vorgeschmack auf den auch uns bevorstehenden generationsbedingten Strukturwandel. Jede Menge Schwarzrotgold ist Tobias Timm in der Pop- und Subkultur aufgefallen, was ihn zur These einer "Wiederentdeckung" nationaler Chiffren veranlasst. ("So vehement die Berliner Jugend in den letzten beiden Jahren noch die Mode der 80er Jahre nachahmte, so emphatisch huldigt sie heute der deutschen Nation oder zumindest deren Formen und Farben.") Alexander Kissler meldet, dass der Direktor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts, Gerhard Besier, seine angekündigte Scientology-Studie nun doch nicht schreiben will, die Kritik an seinem Unterfangen allerdings für "unangebracht" hält.

"Peinlich ist hier nahezu alles" lautet das Urteil von Reinhard J. Brembeck anlässlich des Echo Klassik Preises 2003. Als "natürlich immer noch quellfrisch" charakterisiert Martina Knoben die 37. Hofer Filmtage. Harald Eggebrecht resümiert das 6. Cello-Festival in Kronberg, und Ralf Hertel bilanziert eine Tutzinger Tagung zur "Klugheit der Gefühle". In der "Zwischenzeit" philosophiert Wolfgang Schreiber über den N-, respektive Neuigkeitswert von Nachrichten, und C.D. klärt versuchsweise den aufhellenden Zusammenhang von Miesepetrigkeit und glücklich machenden Bananen.

Besprochen werden zwei Inszenierungen am Theater Basel: Ibsens "Hedda Gabler" und am Puppentheater die Produktion "Helden des 20. Jahrhunderts", eine Urfassung des "Fidelio", Beethovens "Leonore", am Münchens Gärtnerplatztheater, die Ausstellung "Outlook" in Athen und Bücher, darunter Essays von Jacques Derrida über die Vernunft, drei Neuausgaben zum 100. Geburtstag von Evelyn Waugh, Jürgen Beckers Prosaband "Schnee in den Ardennen" und eine bisher nur auf Englisch erschienene Studie über die Kommerzialisierung universitärer Bildung (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 28.10.2003

"'Wir' und 'jene': Die Gegenüberstellung schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit durch Abgrenzung, eine Art wohliger Nestwärme." Mit diesen Sätzen beginnt Karl Grobe seinen Bericht über (neuen) Antisemitismus in Russland und seine Reflexion über den "langen Schatten Solschenizyns", den er zu diesem Thema "russisch gescheitert" sieht. "Große russische Parteien finden nichts dabei, erklärten Antisemiten - nicht nur großrussischen Chauvinisten - vordere Listenplätze zuzugestehen. Es ist nicht überliefert, ob Solschenizyn das begrüßt. Wahrscheinlich nicht; obwohl er den Mathematiker und Dissidenten Igor Schafarewitsch, von dem scharfe antisemitische Pamphlete stammen, wohl noch seinen Freund nennt. Solschenizyn steht darüber und daneben - und steht großrussisch-tragisch neben sich."

Weitere Artikel: Kritisch nimmt Andreas Hartmann das "Sampling", besser gesagt: die allfällige Praxis musikalischen Zusammenspiels unter die Lupe, das irgendwie an Rituale deutscher Talk- und Spielshows erinnert: Lädst du mich ein, lad ich dich ein ("Der Trend bei der Partnersuche zwischen Popstars geht also eindeutig zum Bizarren"). Als "Gefühlsinterventionen der sogenannten Erlebnisgeneration", vor deren "Lebendigkeit" auch "ein Abwehrzaubermittel namens Protectosil" nicht schützt, interpretiert Thomas Medicus in Times mager die Ablehnung einer Beteiligung der Firma Degussa an der Fertigstellung des Holocaust-Denkmals in Berlin. Michael Kohler berichtet über eine Tagung zur Ausstellung "Gilles Deleuze und die Künste" im Karlsruher ZKM, die zum "Festival" ausgeufert sei. Und außerdem erscheint heute die letzte Folge von Michael Tetzlaffs Kindheitserinnerungen aus der Zone, diesmal an seine Oma, die angeblich "so ziemlich alles erfunden [hat], was in der DDR von hohem Gebrauchswert war".

Besprochen werden die offenbar definitive E-Gitarren-Ausstellung "Go Johnny Go" in der Wiener Kunsthalle ("Rausch des erigierten Fetischs"), die Geburtstagsveranstaltung "Das Neunzehnte neu entdecken" mit der die Neue Pinakothek in München ihr 150-jähriges Bestehen begeht, das Projekt "Designmuseen der Welt zu Gast" im Nürnberger Neuen Museum, zu dem 29 Häuser je ein Objekt beisteuerten, eine Schau mit Werken des Bildhauers Anish Kapoor im Kunsthaus Bregenz, eine Inszenierung von Bernard-Maire Koltes' Stück "Kampf des Negers und der Hunde" am Theater im Depot des Schauspiels Stuttgart sowie das "vermutlich letzte" Album des verstorbenen Musikers Joe Strummer (The Clash).

TAZ, 28.10.2003

Alle Mühe gibt sich Manfred Hermes, den 37. Hofer Filmtagen Hinweise darauf abzugewinnen, dass trotz "Krise" und allgemein "schlechter Stimmung im Land" zumindest die Filme wieder etwas besser werden. Zwei Indizien hat er dafür gefunden: So habe es Sexszenen zu sehen gegeben, "die nicht zu unfreiwilliger Erbärmlichkeit neigen"; und die "besseren der pessimistischen Filme" hätten doch versucht, "Lücken zu definieren und Aufweichungsmotive zu entwickeln". Ob das reicht?

Unterm Strich wird über eine Kommission berichtet die sich - sehr zum Leidwesen von Galeristen und Sammlern - der "Authentizitätsprüfung" von Arbeiten aus Andy Wahrhols Factory verschrieben hat. Ausgerechnet. Und so lautet die Mindestanforderung der Kommission: "Wenn Warhol sich etwas ausgedacht hat und dann jemand anderen angewiesen hat, das Sieb herzustellen, wenn er den Produktionsprozess überwacht hat und wenn er gesagt hat: 'Das ist gut, das ist, was ich wollte', dann hat Warhol dieses Werk 'geschaffen'."

Besprochen werden ein neues Albums von Cassandra Wilson, die Inszenierung des "schaurig-schönen Nicht-Beziehungs-Stücks" "Lantana" von Andrew Bovell am Hamburger Thalia Theater und Bücher, darunter die Erinnerungen des ehemaligen Zeit-Feuilletonchefs Fritz J. Raddatz und der neue Roman "Das helle Licht des Tages" von Graham Swift (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und hier TOM.
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NZZ, 28.10.2003

Mit drei Konzertabenden und viel Pomp ist in Los Angeles die von dem Architekten Frank Gehry entworfene Walt Disney Concert Hall eröffnet worden. Peter Hagmann hat ein wahres "Idyll" vorgefunden " - gut abgeschirmt von der Armut, die wenige Schritte weiter, in dem ganz und gar mexikanisch geprägten Teil der Innenstadt herrscht."

Weitere Artikel: Roman Bucheli schreibt einen Nachruf auf den Schweizer Schriftstellers Guido Bachmann, dessen Tod offenbar erst nach mehreren Tagen von Freunden bemerkt worden ist: "Einsam hat dieses Leben begonnen, einsam ging es zu Ende." Wie der griechische Komponist Mikis Theodorakis (mehr hier) zu einem Konzert auf die Insel Makronissos zurückkehrte, erfahren wir von Barbara Spengler-Axiopoulos. Der Name der Insel ist heue "zu einem Synonym für jene gewalttätigen Jahre" des Bürgerkriegs geworden, die der Besatzungszeit folgten, "und er teilt das Land in solche, die vergessen möchten, und die Mahner".

Besprochen werden der Kammermusik-Zyklus in der Zürcher Tonhalle und Bücher, darunter Ralph Dutlis mustergültige Biografie des russischen Dichters Ossip Mandelstams (mehr hier) sowie zwei Publikationen, die sich der Erforschung des Toleranzdenkens Lessings verschrieben haben (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 28.10.2003

Bisher ist der neueste Roman von J. M. Coetzee, "Elizabeth Costello" (Leseprobe), nur auf englisch erschienen. Felicitas von Lovenberg hat ihn schon gelesen und meditiert über die Titelfigur, eine alternde Schriftstellerin, und die vertrackte Beziehung des Autors zu diesem alter ego, das keines ist: "In 'Elizabeth Costello' reflektiert er diesen Prozess, der seine Arbeit beseelt: Figuren zu erfinden, die Gedanken verkörpern können - eine geradezu göttliche Aufgabe. Darum muss nicht nur er, sondern auch sein Geschöpf immer wieder an Grenzen stoßen. Elizabeth Costello begegnet uns als scharfe, zupackende Denkerin, aber eben auch als alternde, gelegentlich gar peinlich anmutende Frau, die sich ihrer fettigen Haare und ihrer 'Daisy-Duck'-Schuhe nicht bewusst ist."

Weitere Artikel: Paul Ingendaay schreibt über die Eröffnung eines neuen Picasso-Museums in Malaga, der Geburtsstadt des Künstlers, das mit der Sammlung der Schwiegertochter Christine Ruiz-Picasso glänzend bestückt sei und zu einer der "weltweit ersten Adressen für Picassos Kunst" werden wird. Mark Siemons verweist auf einen schrecklichen Ausstellungsgegenstand im Berliner Zuckermuseum - ein Zyklon B-Behältnis, wie es nach Auschwitz geliefert wurde, ein "Nebenprodukt" der Zuckerherstellung, und er findet es richtig, wenn man den Namen des herstellenden Unternehmens "von allem ferngehalten wünscht, was mit dem Holocaust-Denkmal zu tun hat". Richard Kämmerlings resümiert ein Danziger Literatursymposion über europäische Identität. Der emeritierte Rechtsprofessor Heinhard Steiger plädiert für "aktive Neutralität" des Staates in der Kopftuchfrage (was in der Regel auf Zulassung des Kopftuchs hinauslaufen würde). Gerhard Stadelmaier gratuliert Cornelia Froboess zum Sechzigsten. Kerstin Holm liest russische Zeitschriften, die sich mit der Wirtschaftslage des Landes auseinandersetzen. Michael Althen berichtet von den Hofer Filmtagen. Karin Leydecker stellt die von Dieter G. Baumewerd entworfene Sankt-Christopherus-Kirche (Bilder) "hat am Dünensaum von Westerland" vor. Ernst Horst resümiert eine Münchner Tagung über das "Epochenjahr 1933".

Auf der Medienseite gratuliert Jürg Altwegg der Pariser Liberation zum dreißigsten Geburtstag. Stephan Kuss stellt ein "Hanf"-Magazin für Gärtner und Kunden vor. Altwegg bringt auch Hiobsbotschaften aus der Schweiz: Die Basler Zeitung entlässt 20 Prozent ihrer Redakteure und stellt ihre renommierte Wochenendbeilage ein, während wir von M. I. erfahren, dass polnische Zeitungen ihre Feuilletons ausweiten.

Für die letzte Seite hat sich Andreas Obst ein Festival für alternde Rockstars auf der Karibikinsel Aruba zu Gemüte geführt. Petra Kolonko berichtet, dass China die Personalausweise seiner Bevölkerung mit biometrischen Daten anreichern will. Und Felicitas von Lovenberg wirft der Titelgeschichte von Literaturen über den Romancier Raoul Schrott ("Raoul Schrott - Genie oder Scharlatan?", so die Überschrift des Artikels von Richard David Precht) "üble Nachrede" vor.

Besprochen werden Andrew Bovells Stück "Lantana" in Hamburg und Bonn und Tanzstücke auf dem Festival de Nouvelle Danse in Montreal.