Raoul Schrott

Tristan da Cunha

oder die Hälfte der Erde
Cover: Tristan da Cunha
Carl Hanser Verlag, München 2003
ISBN 9783446203556
Gebunden, 720 Seiten, 25,90 EUR

Klappentext

Eine winzige Insel im Ozean als Brennpunkt der Sehnsucht von vier Menschen: drei Männer und eine Frau, deren Leben und Liebesgeschichten bestimmt werden von dem entlegensten Ort der Welt. Noomi Morholt, südafrikanische Wissenschaftlerin, Edwin Heron Dodgson, Priester und Bruder des berühmten Lewis Carroll; Christian Reval, Kartograph, und Mark Thompson, Briefmarkensammler: ein großer, vieldimensionaler Roman, eine zeitlose Geschichte unstillbarer Passionen und Obsessionen. Der Roman der Sehnsucht.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.12.2003

In Sebastian Handkes Rezension erfährt man mehr über die Geschichte der Insel Tristan da Cunha als über den Roman von Raoul Schrott. Wer sie - per Kanonenkugel - erstmals in Besitz nahm (ein Portugiese) und wo sie liegt (in the middle of nowhere) und manches mehr. Aus den Sätzen über den Roman selbst wird man dagegen nicht so ganz schlau. Dass es jede Menge Anspielungen auf die Tristan-Geschichte gibt, wird klar. Und dass alle Frauen Marah heißen, mehr oder weniger jedenfalls. Eher summarisch auch die Auskunft, es handle sich um ein "literarisches Puzzlespiel mit Schiffbrüchen, Totschlag und unehelichen Kindern". Wenigstens lässt Handke keinen Zweifel daran, dass ihm das Werk gefallen hat: Er nennt es nämlich "ebenso größenwahnsinnig wie großartig".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.10.2003

Ob Martin Lüdke von diesem "neuen, großen und auch umfangreichen" wie er schreibt, Roman des Österreichers Raoul Schrott bewegt, begeistert oder enttäuscht worden ist, erfahren wir eigentlich nicht. Dagegen lesen wir, bevor noch vom Autor und seinen Romangestalten die Rede ist, einiges über das Referenzsystem, in das er dieses Buch gestellt lesen hat: um die Topografie der Sehnsucht geht es, um Transzendenz und Sinn, um Utopie und wie selbige von Thukydides, Adorno/Habermas und Wittgenstein verstanden wurden. Und dass "schon Kolumbus" an der Orinoco-Mündung, also in der Ferne, "einen Hauch des Paradieses gespürt" habe. Immerhin scheint zwischen Autor und Rezensent nicht alles im Reinen, denn Schrott hat, erklärt Lüdke, "fälschlicherweise" weder einen Reiseroman noch einen historischen Roman schreiben wollen; dabei findet Lüdke das Buch dort am besten, wo es eben genau das ist. Die Konstruktion von vier nur über den Ort, nämlich die Insel Tristan da Cunha miteinander verbundene Biografien, schreibt Lüdke, "schwächt naturgemäß den episch-dramatischen Spannungsbogen". Heißt das vielleicht, dass es ihm beim Lesen manchmal etwas langweilig geworden ist? Aber wenn es so wäre, nimmt der Rezensent das auch nicht krumm, denn "dort, wo der Ursprung das Ziel ist, gibt es eben keinen Umweg".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.09.2003

Jochen Jung will sich diesem Roman, der die 500-jährige Geschichte der Insel Tristan da Cunha und ihrer Bewohner erzählt, in seiner begeisterten Rezension schrittweise nähern. Zunächst bewundert er den Mut des Autors, seinen Lesern mehr als 700 Seiten aufzunötigen, aber er überzeugt sich im Laufe der Lektüre davon, dass es "kürzer nicht geht". Der Rezensent wird bei seiner schwärmerischen Besprechung des Buches nicht sonderlich konkret, sondern scheint sich dem Rhythmus des Romans zu überlassen. Immerhin ist zu erfahren, dass diese Inselgeschichte, die, wie der Rezensent begeistert mitteilt, immer auch eine "Seegeschichte" und damit eine "Männergeschichte" ist, sich in ihrem "Zentrum" um die Liebe dreht. Dass der Autor hier mitunter ein ganz klein wenig "pathetisch" wird, kann Jung verstehen und er sieht es ihm nach. Insgesamt aber lobt er die "große Sicherheit", mit der Raoul Schrott erzählt, und er attestiert ihm ein ausgesprochenes "Gefühl für Proportionen". Dieser an "schönen Stellen so reiche" Roman ist ein "kühnes Vorhaben", so der Rezensent hingerissen, auch wenn er nicht mitteilt, worin diese Kühnheit besteht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.09.2003

Franz Haas feiert ein Meisterwerk, ein Stück "Weltliteratur" in deutscher Sprache, eine alte Geschichte in gleich vier neuen erzählerischen Gewändern: das Tristan-Motiv der unerwiderten Liebe, des unerfüllten Begehrens, das zu verschiedenen Zeiten auf der kleinen, titelgebenden Insel Halt macht, die so zum "Ankerplatz für Utopien und Leidenschaften" wird. Die südafrikanische Wissenschaftlerin Noomi Morholt findet die Aufzeichnungen dreier Männer, eines englischen Funkers, der im zweiten Weltkrieg zum ersten Mal auf die Insel kam, eines anglikanischen Priesters des späten 19. Jahrhunderts und eines verwirrten Philatelisten hundert Jahre später. Jede der Erzählungen zeichne sich, so Haas, durch dieselbe "Spannkraft der Prosa" aus, durch eine "Sprache, die für die unterschiedlichsten Handlungen den richtigen Atem findet". Schrott habe sich selbst übertroffen und einen schier großartigen Roman geschrieben, schließt Haas begeistert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.08.2003

Andreas Dorschel zeigt sich sehr beeindruckt und zudem begeistert von Raoul Schrotts Roman, der den Rückzug von mehreren Figuren auf eine exotische Insel beschreibt. Der Rezensent preist die sprachliche "Kraft" und die geradezu geniale "Konstruktion" des aus mehreren Perspektiven erzählten Romans, und er bekennt, dass er so manche Passage mit "angehaltenem Atem" gelesen hat. Eine "literarische Phänomenologie der Halbbildung" sieht Dorschel dann auch anhand der Protagonisten sehr gelungen vom durchaus nicht halbgebildeten Autor geboten, und er schwärmt, so etwas habe es seit Flauberts "Bouvard und Pecuchet" nicht gegeben. Für ihn demonstriert das Buch auch eine erschreckende "Pathologie des Fernwehs", die er vom Autor mit "bestürzender Konsequenz" an seinen Figuren durchexerziert sieht. Gern hätte es der Rezensent bei diesem überschwänglichen Lob belassen, aber am Ende muss er doch einräumen, dass ihn etwas an diesem ansonsten geglückten Roman gestört hat: Dorschel findet es sehr schade, dass der Autor es nicht lassen kann, dem Leser metaphysisches Rüstzeug für den Roman mitzugeben und sich schließlich auch nicht verkneifen kann, Walter Benjamins Text "Über den Begriff der Geschichte" auf der letzten Seite abdrucken zu lassen. Hier, so der Rezensent indigniert, wird "das Renommierzitat zur Moral", und des Autors Ergeiz, seiner Geschichte eine "tiefere Bedeutung" mitzugeben, bricht sich Bahn. Dennoch kann das die Begeisterung des Rezensenten nicht wirklich trüben und er betont, dass Schott in vielen Passagen ein "selbstvergessenes Erzählen" gelingt.
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