Mathias Sichelmann, 25 und unter dem Verdacht stehend, seine Mutter ermordet zu haben, ist seit knapp einem Jahr Insasse der psychatrischen Klinik Sommerweide. Diagnose: schizophrene Psychose, bedingt durch Alkoholmissbrauch. Im Gespräch mit der Therapeutin entfaltet sich nach und nach die Geschichte des Sohnes aus wohlhabendem Elternhaus ...
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.05.2003
Guido Bachmann führt seine Leser in eine düstere Welt, die nicht immer gut auszuhalten ist, gesteht Sabine Doering. Der Autor habe es sich zur Aufgabe gemacht, die psychotischen Zustände eines jungen 25-jährigen Mannes aus der Innenperspektive zu schildern. Die Leser erwarte dementsprechend kein nüchternes, eher dokumentarisches Potokoll einer Erkrankung, meint Doering, sondern ein assoziatives Gefüge - komplex wie eine Fuge -, in dem die Sprache des Erzählers und die Wahnvorstellungen des jungen Mannes im Laufe der Zeit verschmelzen. Auf den zweiten Blick verbirgt sich allerdings hinter der sprunghaften alogischen Erzähltechnik mehr Methode als vermutet, betont die Rezensentin. Aus den quälenden Phantasiebildern und Wahnvorstellungen erwachse das Psychogramm einer ganz und gar unglücklichen Jugend, in der sämtliche Erziehungsinstanzen - Eltern, Schule, Kirche - versagt hätten. Dem nunmehr 62-jährigen Autor ist eine "heikle Gratwanderung zwischen Sensationslust und Pathologisierung gelungen", freut sich Doering, was für sie vor allem Bachmanns erzählerischem Geschick und dem Vermeiden sämtlicher Klischees über psychisch Kranke zu verdanken ist.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.03.2003
Für Sibylle Birrer hat der Schweizer Autor mit diesem Roman "zuviel gewagt" und trotzdem "gewonnen". Die Geschichte des Patienten Sichelmann, der in Gesprächen mit einer Psychiaterin seine innere Wahnwelt offenbart, "überrascht" sie zunächst durch den auktorialen Erzähler, der souverän über die Figuren herrscht. Sie bemerkt beeindruckt, dass der Autor keine Mühe gescheut hat, um den psychotischen Irrsinn seines Protagonisten darzulegen, wobei sie betont, dass trotz der "überbordenden" Wahnfantasien, die innere Welt Sichelmanns "aufs Genaueste durchorganisiert" ist. Was die Rezensentin aber erheblich stört ist, dass Bachmann der Wahnwelt konsequent die Geschichte von Sichelmanns Erwachsenwerdens als Interpretationsschlüssel zur Seite stellt und damit durch die vollständige "Entschlüsselbarkeit" die ganze aufwendig konstruierte psychotische Welt "banalisiert". Birrer moniert, dass die "meisterhafte formale Beherrschung" des Stoffs mitunter in "eigendynamisches Überborden" umschlägt. Dennoch ist sie schon beeindruckt von der schieren "Motivmenge", von deren souveränen Beherrschung und von den "selbstbewussten" Anleihen an eine "weltumspannende Geistesgeschichte", und so attestiert sie dem Autor trotz so mancher Schwächen des Romans, wieder einmal die "Neugier" der Leser "gewonnen" zu haben.
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