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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.07.2003. "Die Frauen, die Frauen!" murmelt die FAZ im tiefsten Herzen der Medien-Finsternis. In der FR fordert Richard Rorty ein starkes Europa. Die SZ polemisiert gegen Hans-Ulrich Wehlers Kerneuropa-Begriff. Die taz beklagt den Spielraumverlust der Kulturpolitik. Die NZZ bedauert die gescheiterte Fusion der deutschen Kulturstiftungen.

SZ, 01.07.2003

Johannes Willms stellt in einem Beitrag zur laufenden Debatte und als Antwort auf den Text des Historikers Hans Ulrich Wehler in der FAZ vom vergangenen Freitag (mehr hier) eine Identitätsdebatte über Europa scharf ab: "Als Historiker sollte Wehler wissen, dass es mit der Beschwörung oder gar Mobilisierung der so genannten 'verbindenden Traditionen und Erfahrungen' der europäischen Nationen so eine eigene Sache ist, die entweder schief geht oder die politisch nur wirksam wird über den Umweg einer fatalen Ideologiebildung." Wehlers Kriterien für ein "historisches Europa" - Reformation, Aufklärung als gemeinsame historische Erfahrung - findet Willms beliebig und von "fragwürdiger Beispielhaftigkeit". "Wollte man für dieses Europa, das Wehler vorschwebt, einen ihm gemeinsamen historischen Nenner finden, dann wäre dies jenes Europa, in dem der Wahn der Kreuzzugsidee die politische Wirklichkeit beherrschte."

Weitere Artikel: In einem Interview gesteht Geraldine Chaplin, Gaststar des Münchner
Filmfests zur Schande sämtlicher Regisseure dieser Welt: "An diesem Punkt meiner Karriere habe ich Probleme, überhaupt Arbeit zu finden." Außerdem gibt es kurze Hinweise auf drei Filme, die heute beim Filmfest laufen (hier, hier und hier). Neapel ist irgendwie Thema derzeit (Nur warum? Stadtjubiläum? Treffen der EU-Transportminister am kommenden Samstag? Man weiß es nicht). Nach der FR in der vergangenen Woche (hier) porträtiert in der SZ heute Henning Klüver die Stadt, in der die Kultur neuerdings mit "Siebenmeilenstiefeln" voranschreite. Alexander Kissler berichtet über Wolfgang Thierse, der sich der Gesetzesvorlage von EU-Kommissar Philippe Busquin zur Embryonenforschung entgegenstellt, und Susan Vahabzadeh würdigt in ihrem Nachruf Katherine Hepburn als Legende.

Helmut Mauro informiert über das Boston Early Music Festival (mehr hier), Arno Orzessek resümiert eine Tagung am Deutschen Olympischen Institut in Berlin zur "Erinnerungskultur im deutschen Sport". Tobias Schneider informiert anlässlich eine Münchner Veranstaltung "Natur, Mythus und Kunst im Denken von Ludwig Klages" über eine "Renaissance" des Lebensphilosophen. Er selbst findet keinen Geschmack daran: "Auch wenn auf der Klages-Tagung gar nichts explizit Rechtslastiges zu hören war, das Problem liegt im Denken von Klages selbst, das nur einmal öffentlich fruchtbar geworden ist, nämlich im Dritten Reich." In der Kolumne Zwischenzeit räsoniert Harald Eggebrecht über die ambulante Gästebeherbergung und "alex" stellt die neue, angeblich kindertaugliche US-Cartoonserie "Stripperella" vor, deren Protagonistin von Pamela Anderson gesprochen wird.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Designer Arne Jacobsen in den Hamburger Deichtorhallen, eine Inszenierung von Thomas Braschs "Mercedes" am Schauspiel Frankfurt und Bücher, darunter Anne Webers Experimentalroman "Erste Person", eine neue Einführung in die Religionswissenschaft, der Briefwechsel des römischen Beamten und Poeten Ausonius (ca. 310-395) mit Paulinus Nolanus und eine Studie über "Kunst als Sendung. Von der Telegrafie zum Internet" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 01.07.2003

Am Beispiel Hamburgs und den Debatten um die Intendanz des Schauspielhauses zeigt Simone Kaempf den zunehmenden "Spielraumverlust" der Kulturpolitik. "In der wachsenden Finanzmisere offenbart sich überall eine neue Hilflosigkeit im Umgang mit den kulturellen Institutionen, die zwar mit den Steuergeldern aller finanziert sind, aber dem Geschmack der Masse nicht das richtige Futter liefern wollen. Randständige, abweichlerische Theaterkunst ist zum Risiko geworden, das man sich nicht mehr zu leisten traut."

Als Ergbnisse der vermutlich "letzten liberalen Woche des Supreme Court" bilanziert Tobias Rapp die zwei jüngsten Urteile des höchsten Gerichts der USA. Denn George W. Bush wolle im nächsten halben Jahr ein oder zwei Richterstellen neu besetzen - "mit konservativen Kandidaten". Für einige der seit Jahren tobenden "Schlachten" - "Abtreibungsgegner versus Lebensschützer, Unternehmen versus Verbraucherverbände und Gewerkschaften, Unternehmen versus Umweltverbände, Gegner der Todesstrafe versus Befürworter, Bürgerrechtler versus Fanatiker der inneren Sicherheit - werden die Neubesetzungen am Supreme Court einen konservativen Rollback bedeuten."

Weitere Artikel: Ein Teil ihres Erfolgs sei ihre Burschikosität gewesen, meint Reinhard Krause in seinem Nachruf auf Katherine Hepburn. Gerrit Bartels kommentiert den Hype um die Musterknaben der amerikanischen Literatur Jonathan Franzen (mehr hier und hier) und Jeffrey Eugenides (mehr hier): " ... dieselbe Funktion wie Designermöbel oder Lavalampen: Sie sehen vor allem gut und zeitgemäß aus"). Jenny Zylka absolvierte das alljährliche Roskilde-Festival, und auf der Medienseite wundert sich Silvia Helbig über zwei neue Zeitschriften - Voss und Peace etc. - in Zeiten der Flaute.

Besprochen werden Helmut Kraussers Roman "UC", die einbändige Gesamtausgabe der Gedichte von H. C. Artmann, eine Studie von Marius Babias über die "Ware Subjektivität", zwei Publikationen über die Verhandlungen zwischen Industrie und Opferverbänden der NS-Zwangsarbeiter und ein Band über die Umweltbelastungen durch den Mobilfunk. (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier TOM.

FR, 01.07.2003

In einem Interview spricht der amerikanische Philosoph Richard Rorty, einer der schärfsten Kritiker der Bush-Regierung (mehr hier), unter anderem über die Wurzeln des amerikanischen Patriotismus und über die Notwendigkeit eines starken Europas als Gegengewicht zu den USA. Rorty ist davon überzeugt, dass es einen "Weltpolizisten" geben müsse, dafür müsse Europa aber auch etwas tun: "Wenn die UN den Platz der USA einnehmen könnten, wäre das wunderbar. Aber dafür bräuchte die EU erst einmal eine einheitliche Außenpolitik. Die europäischen Demokratien sind das einzige Gegengewicht zu den USA, doch wenn sie keine eigene Militärmacht aufbauen wollen, dann wollen sie die USA als Polizisten. Und wenn sie das nicht wollen, müssen sie etwas dagegen tun."

Daniel Kothenschulte feiert Katherine Hepburn als "ersten wirklichen Anti-Star" und "letzte Regentin". Franz Anton Cramer resümiert das eigene Tanz-Programm bei der Biennale in Venedig, und in der Kolumne Times mager deutet Martin Dell eine Kerner-Talkshow der vergangenen Woche mit Gast Reinhold Beckmann als "Inszenierung von Adornos Kulturindustrie-Aufsatz aus dem Jahre 1944". Auf der Medienseite informiert ein Artikel über die Ippen-Gruppe, die sich in Nordhessen ein "Zeitungs-Imperium zusammengeklaubt" habe.

Besprochen werden eine Ausstellung der israelischen Künstlerin Penny Yassour im Oldenburger Kunstverein und Simon Rattles und Peter Sellars Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" bei den Opernfestspielen im südenglischen Glyndebourne.
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NZZ, 01.07.2003

Joachim Güntner kommentiert die gescheiterte Fusion der Kulturstiftung der Länder und der Bundeskulturstiftung in Deutschland auf Betreiben Bayerns: "Mit einem Drittel ihrer Stimmen sollten (die Länder) Fördermaßnahmen verhindern können. Fünfzehn Länderchefs waren mit diesem Quorum einverstanden, nur der Ministerpräsident Bayerns tanzte aus der Reihe und bestand darauf, die Gegenstimme bereits eines einzigen Landes müsse als Sperrminorität genügen. Ein das künftige institutionelle Handeln lähmender Vorschlag, die blanke Provokation."

Weitere Artikel: Jürgen Ritte resümiert ein groß besetztes Pariser Kolloquium über Sartre und die Juden (mehr hier). Marli Feldvoss gedenkt Katherine Hepburns. Angelika Overath schreibt zum Tod der Schweizer Germanistin Renate Böschenstein. Vorabgedruckt wird ein Kapitel aus Hansjörg Schertenleibs demnächst erscheinenden Roman "Der Papierkönig".

Besprechungen gelten der Ausstellung "Nylon und Caprisonne" im historischen Museum Saarbrücken (mehr hier), dem Kolloquium "Sartre und das Judentum" in Paris, der Eröffnung der Münchner Opernfestspiele sowie einigen Büchern , so Liesbeth Waechter-Böhms Architektenportrait "Baumschlager & Eberle", Adolfo Bioy Casares' Roman "Morels Erfindung" (mehr hier) und von Margaret Atwoods Roman "Oryx und Crake" (mehr hier).
(Beachten Sie auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 01.07.2003

Da wird dem Chef des bedeutendsten deutschen Feuilletons doch etwas mulmig zumute: Frank Schirrmacher ist umstellt von Frauen an der Macht! Sabine Christiansen, Liz Mohn, Friede Springer, Ulla Berkewicz, Elke Heidenreich: "Insgesamt sind .. fast achtzig Prozent der Bewusstseinsindustrie in weiblicher Hand. Eine Telefonistin, ein Kindermädchen, eine Schauspielerin und Schriftstellerin und eine Stewardess definieren das Land. Was einer heute denkt, läuft vorher über die Fließbänder dieser Frauen. Und es war mehr als eine Pointe, als Sandra Maischberger Liz Mohn mit dem Satz 'Guten Tag, Chefin!' begrüßte." Grund dafür ist, dass es mit diesem Land bergab geht: "Die Patriarchen verdämmern, und die Nachfrage nach ihnen sinkt. Frauen übernehmen die Vermittlung und sogar die Macht in einer zerfallenden Gesellschaft." Aber schon Arnold Gehlen warnte: Zuerst geht's noch friedlich zu, aber "dann betreten Klytemnästra und Judith die Szene..." Und dagegen ist Schirrmacher ein Waisenknabe.

Der ehemalige italienische Staatsanwalt Antonio Di Pietro, der sich in der Zeit der "mani pulite" Verdienste erwarb, denkt über die Probleme der Justiz unter Berlusconi nach und macht vor allem das Parlament verantwortlich: "In zwei Jahren wurde das Problem der Justiz nur mit der Approbierung weniger Gesetze angegangen: alle, um Berlusconi aus seinen Schwierigkeiten mit der Justiz herauszuhelfen."

Weitere Artikel: Joseph Hanimann schildert die Lage der "Intermittents du spectacle" in Frankreich, das sind Theaterleute, die halb von ihren Engagements und halb von Arbeitslosengeld leben, das ihnen jetzt reduziert werden soll - die "intermittents" drohen darum, die Sommerfestivals zu bestreiken. Andreas Rossmann kommentiert den Gütersloher Volksentscheid gegen einen Theaterneubau. Gina Thomas berichtet über Antisemitismus an britischen Universitätsinstituten, die sich wegen der israelischen Politik weigern, israelische Studenten aufzunehmen. Wilfried Wiegand schreibt zum Tod von Katherine Hepburn. Dieter Bartetzko besucht die renovierte italienische Botschaft in Berlin, einen Bau aus der Nazizeit. Jürgen Kaube bezweifelt in einem Hintergrundartikel, dass Edelgard Bulmahns "Juniorprofessor" ein Erfolgsmodell ist. Jörg Magenau resümiert das Poesiefestival in Berlin. Oliver Tolmein berichtet von einem Seminar des Chefanklägers des Internationalen Ständigen Strafgerichtshofs in Den Haag, Luis Moreno Ocampo, über seine künftige Rolle.

Auf der letzten Seite fühlt sich Dietmar Dath nach Vorgängen in einem Freiburger Supermarkt, wo es nach einem Brand zu Plünderungen kam, an Bagdad erinnert. Andreas Platthaus porträtiert die Fußballkommentatorin Sabine Töpperwien. Und Christian Schwägerl macht ethische Vorschläge für die europäische Stammzellforschung. Auf der Medienseite erzählt Gina Thomas, mit welch bewundernswertem Mut die BBC sowohl die Regierung als auch die Opposition Großbritanniens gegen sich aufbringt. Aus China berichtet Zhou Derong, dass die Regierung einige Zeitschriften und Zeitungen wegen "Verstoßes gegen die Nachrichtendisziplin" schließt.

Besprochen werden der Film "Bollywood Hollywood" (mehr hier) von Deepa Mehta und Jules Massenets selten aufgeführte Oper "Cendrillon" in Darmstadt.