Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.06.2003. Martin Mosebach betrachtet in der SZ das Grenztheater zwischen Nord- und Südkorea. Die FAZ freut sich über die Breite der Auseinandersetzung mit dem 17. Juni. Die NZZ schildert die Bemühungen Polens um sein jüdisches Erbe. In der taz analysiert Bahman Nirumand die jüngsten Proteste im Iran. Und die FR staunt über Berlusconis Toleranz - mit der Mafia.

SZ, 13.06.2003

Viel Stoff heute in der SZ. Der Schriftsteller Martin Mosebach (mehr hier) hat auf einer Reise an die Grenze zwischen Nord- und Südkorea gelernt, dass Theater nicht Operette heißen muss und Zeremoniell nicht Unwirklichkeit: "Man muss bis in die Zeiten der Ritterturniere zurückgehen, um eine reale und höchst bedrohliche Kriegssituation so bühnenhaft und theatralisch wirkungsvoll sichtbar gemacht zu finden wie in der entmilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea bei dem Dorf Panmunjon. Hier fällt das 'Kriegstheater' mit dem 'Theaterkrieg' zusammen, ohne dass die Gefahr wirklichen Blutvergießens dadurch auch nur um ein Gran gemildert würde."

Sonja Zekri fragt sich, warum eigentlich die weltweite Erleichterung darüber ausbleibt, dass die Plünderungen des irakischen Nationalmuseums doch nicht so verheerend war wie anfangs angenommen: "Alle paar Tage tauchen neue Stücke auf, werden verschwundene Schätze wiedergefunden, zurückgegeben, abgejagt. 40.000 Manuskripte und 700 Kunstgegenstände des Museums sind aus in einem Bunker im Westen Bagdads, wo Mitarbeiter des Museums sie versteckt hatten, ans Tageslicht geholt worden; gestern brachten drei Iraker die 5.000 Jahre alte Kult-Vase aus Warka wieder zurück, einen der wichtigsten Schätze des Museums. Eigentlich ein Grund, erleichtert zu sein. Erstaunlicherweise aber scheint mit jeder geretteten Statuette die Enttäuschung, ja, die Empörung zu wachsen." Und zwar - genau - über die Amerikaner.

Holger Liebs kehrt von einem ersten Besuch im deutschen Pavillon der Biennale zurück, wo er endlich Martin Kippenbergers (mehr hier) "Metro-NET World Connection" sehen durfte: "Von Zeit zu Zeit bläst plötzlich kühler Wind aus dem Aushub, und es hört sich so an, als rausche weiter unten eine U-Bahn vorbei - was zu Szenen führt, wie man sie aus Billy Wilders Film 'Das verflixte 7. Jahr' kennt: Blusen, Röcke und alles Textile, was sich aufbauschen lässt, wird wie weiland bei Marilyn Monroe in momentane Levitation versetzt. Dann ist der Spuk wieder vorbei, es herrscht Ruhe. So sieht sie also aus, die Materialisation von Martin Kippenbergers 'Metro-NET World Connection', die Pavillon-Kommissar Julian Heynen vorgenommen hat: ein Lüftungsschacht, sonst nichts."

Weitere Artikel: Der Hamburger Historiker Peter Reichel schildert die Karriere des 17.Juni als Feiertag. Petra Steinberger sucht die Gerechten unter den Muslimen oder wenigstens mal einen Leserbriefschreiber, der sich von den Selbstmordattentätern distanziert, die sich schließlich meist im Namen der nationalen Sache oder der Religion "das Recht zum willkürlichen Töten von Zivilisten nehmen". Von Dorothee Müller erfahren wir, dass Philippe Starck jetzt komplett eingerichtete Wohnungen anbietet, wobei man - wie bei Ikea - unter vier Designvarianten wählen kann: "Classic" (dunkle Holzböden, Ledermöbel, Marmorflächen), "Minimal" (Zen-Stil, Stahl). "Nature" (Holz, Leinen) und "Culture" (Warhol-Stil, Neonlicht).

Lila Bujaldon de Esteves freut sich über einen überraschenden Fund: ein Gedicht des jungen Jorge Luis Borges, das er selbst ins Deutsche übersetzt hat. Jürgen Berger berichtet, dass die Bühnen aus dem Tarifsystem des Öffentlichen Dienstes aussteigen wollen. Steffen Kraft spricht mit dem Kunsthistoriker Werner Busch über sage und schreibe 500 bisher verschollen geglaubte Turner-Bilder, die nach der weltweiten Suche der Tate Gallery wieder aufgetaucht sind. Und Fritz Göttler schließlich schreibt zum Tod des Filmemachers Jean-Claude Biette.

Besprochen werden Volker Koepps neuer Film "Uckermark", die Aufführung des "Idomeneo" von Simon Rattle und Peter Sellars in Glyndebourne und Bücher, darunter Marguerite Yourcenars Erzählung "Anna soror ...", ein Bildband zur "Römischen Malerei", eine Geschichte des Hellenismus sowie eine Studie zur "Moderne in der Provinz" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 13.06.2003

In der NZZ schildert Gerhard Gnauck die Bemühungen Polens, das Verhältnis zum jüdischen Erbe und damit auch zu den heute lebenden Juden neu zu bestimmen. So ist ein "Museum der Geschichte der polnischen Juden" auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos in Warschau geplant. Hauptziel des Museums sei es, "Dokumenten jüdischen Sterbens" Zeugnisse des Lebens gegenüberzustellen. "Der Besucher soll multimedial entführt werden in eine Krakauer Jeschiwa des 16. Jahrhunderts, in die jüdische Kavallerieeinheit, die Berek Jozelewicz gegen die russische Teilungsmacht ins Feld führte, in eine berühmte Inszenierung des 'Dibbuk'. Warschau und andere Städte und Dörfer der alten Republik Polen, der Rzeczpospolita, sollen hier wieder aufleben, und zugleich soll die Entfaltung jüdischen Lebens in Polen heute gewürdigt werden." Entworfen wurde das Museum von Frank Gehry. Auch in Lodz ist eine Anlage aus mehreren Erinnerungsstätten geplant, schreibt Gnauck, denn "der Gram darüber, gelegentlich als 'Volk von Antisemiten' dargestellt zu werden, wirkt nach.".

Weitere Artikel: Birgit Sonna stellt das Programm Chris Dercons für das Münchner Haus der Kunst vor. Derek Weber berichtet über die Pläne von Claudio Arazi für die Arena di Verona. Eine Agenturmeldung gibt den Tod von Gregory Peck bekannt.

Besprochen werden die Gottfried-Semper-Retrospektive in der Münchner Pinakothek der Moderne, die Aufführung von Mozarts "Idomeneo" beim Glyndebourne Festival, die Ausstellung "Klostersturm und Fürstenrevolution. Staat und Kirche zwischen Rhein und Weser 1794/1803" im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund und eine Ausstellung zum bayerischen Kirchenbauer Michael Kurz im Architekturmuseum Schwaben in Augsburg.

Auf der Medien und Informatik Seite schreibt H. Sf. über die Nachbetrachtung der Berichterstattung zum Irak-Krieg in deutschen Medien. Hatten diese sich noch während des Krieges, im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen, als Hort der unabhängigen Berichterstattung gefeiert (nur die Welt führte ein Abweichlerdasein), würden nun auch kritische Stimmen laut, so etwa von Peter Voss, dem Intendanten des Südwestrundfunks, der "differenzierende Argumente" in der Berichterstattung vermisste und kritisiert, dass im "Hinblick auf das amerikanische Vorgehen stets die negativste Interpretationsvariante gewählt worden sei." Die deutsche Presse reagiere auf diese Kritiken jedoch nicht, so H. Sf.: "Statt unpopuläre Distanz zu der von Peter Voss beschriebenen Grundströmung der Meinungen zu wahren, lassen sich deutsche Medienmacher und Medienkritiker lieber wohlig von ihr tragen. Vielleicht hat ihnen so viel Einklang mit Volk und Regierung in all den Jahren zuvor gefehlt." Schließlich berichtet Volker S. Stahr über Veränderungen der Werbewirtschaft: immer mehr Anzeigen wandern ins Internet.

Auf der Filmseite stellt Maja Turowskaja ein "skandalträchtiges Buch" der Lebensgefährtin des russischen Regisseurs Andrej Tarkowski vor: "'Tarkowski und ich' ('Tarkovskij i Ja', Moskau 2002) von Olga Surkowa, ein Blick zurück auf die Schattenseite des Mondes, auf das Privatleben der Tarkowskis. Das Buch ist mit Verve verfasst, mit Liebe und Hass, mit proselytischem Überschwang und mit Späherblick, es enthält kühle, rationale Beobachtungen und die bitteren Gefühlsregungen einer Weggefährtin, die zwanzig Jahre an der Seite des Helden zurückgelegt hat und aus schlichter Berechnung verstossen wurde. Was die abgöttische Verehrung ihres Idols angeht, springt die Autorin mit sich selbst keineswegs sanft um." In einem zweiten Artikel stellt ld. noch einen umfangreichen Materialband zu Tarkowski vor, der ebenfalls in Russland erschienen ist.

Weitere Artikel: Christoph Egger macht Entdeckungen in der "Filmlandschaft" Graubünden. Robert Richter liefert eine Momentaufnahme aus der Prager Filmproduktion. Besprochen werden Jacques Sarasins Porträt des malischen Bluessängers Boubacar Traore "Je chanterai pour toi", Jacob Bergers Vater-Sohn-Film "Aime ton pere", der Film "Ganz und gar" von Marco Kreuzpaintner und Mika Kaurismäkis Film "Moro no Brasil".

TAZ, 13.06.2003

Auf einer Tagesthemenseite bilanziert Bahman Nirumand die Reformbemühungen im Iran und kommt dabei zu einem recht eindeutigen Schluss: "Der Versuch von Staatspräsident Mohammed Chatami, das System im Rahmen bestehender Machtverhältnisse zu reformieren und eine zivile Gesellschaft zu schaffen, ist so gut wie gescheitert. Die Gründe dafür liegen nicht allein in dem unnachgiebigen Widerstand der Konservativen, sondern auch darin, dass weder der Präsident noch die Reformer, die im Parlament die Mehrheit bilden, es gewagt haben, die Heiligtümer des Systems anzutasten... Chatami ist kein Revolutionär, nicht einmal ein konsequenter Liberaler. Sein Ziel ist zwar eine zivile pluralistische Gesellschaft, er will aber gleichzeitig den Gottesstaat bewahren. Genau an diesem Widerspruch ist er gescheitert."

Im Feuilleton berichtet Harald Fricke aus Venedig, wie die Biennale mit kräftiger Unterstützung des Kaffeeefabrikanten Riccardo Illy Flagge gegen Berlusconi zeigt. Ansonsten geht es wie jeden Freitag um Musik: Thomas Winkler erzählt von den verschlungenen Wegen des deutschen Gitarrenpop, also von Bands wie Miles, Readymade und den Guano Apes. Besprochen werden "zivilisationskritische" CDs von Grandaddy und Radiohead, das neue Glamour-House-Album "Present Lover" des Finnen Vladislav Delay alias Luomo und schließlich noch Michael Cuestas Film aus der Vorstadthölle "L.I.E. - Long Island Expressway".

Und noch Tom.
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FR, 13.06.2003

In einem ausgesprochen lesenswerten Text analysiert Klaus Bachmann den Ausgang des polnischen EU-Referendums. "Polens Bürger haben das EU-Referendum nicht zur Vertrauensabstimmung über die Regierung von Premierminister Leszek Miller gemacht: Nach einer gerade einmal 18-prozentigen Wahlbeteiligung am Samstag haben sie am Sonntag doch noch den Beitritt zur EU abgesegnet. Damit führt eine Regierung Polen in die EU, der in den letzten Wochen gerade noch 8 Prozent der Bevölkerung vertrauten, eine Regierung, deren Vertreter am Runden Tisch 1989 auf der Seite des 'ancien regime' saßen. Polens Bürger haben sich mit dem Beitritt nicht für die europäische Integration entschieden, sondern für die einzige Rettung aus einer Lage, die sie als Zerfall des Staates, allgegenwärtige Korruption und Weg in den Abgrund wahrnehmen."

Aus Italien berichtet Gabriella Vitiello, dass die Regierung Berlusconi eine ungewohnte Toleranz an den Tag legt, gegenüber der Cosa Nostra: "'Mit der Mafia muss man zusammenleben', war in der Vergangenheit vom Minister für Infrastrukturen, Pietro Lunardi, in Anbetracht der Gefahr zu hören, dass sich Mafiabosse am Bau der geplanten Brücke über die Meerenge von Messina bereichern könnten. Dermaßen ungeniert hatte noch nie ein Politiker in Italien laut über das Verhältnis von Mafia und Politik nachgedacht. Auch für den Premier ist die Mafia nur ein kleines Übel, wenn es um die Realisierung der 'großen Bauwerke' geht. Als Hauptgegner der Bauvorhaben führt Berlusconi Umweltschützer und Grüne an. Die Mafia störe in geringerem Maß. Äußerst ambivalent klingt der Satz, mit dem Berlusconi den Bau der Verbindung zwischen Festland und Sizilien preist: 'Der Kampf gegen die Mafia kann nicht abgeschlossen werden, solange sich Sizilien im Abseits fühlt.'"

Weitere Artikel: Rudolf Walther erklärt das Schweigen, mit dem Frankreichs Intellektuelle die gegenwärtigen Streiks begleiten, mit einer umfassenden Ratlosigkeit auf linker Seite. In einer ihrer Gerichtsreportagen schildert Verena Mayer, warum die Berlinerin Nicmi G. ihre Tochter töten wollte. In der Kolumne Times mager findet Michael Tetzlaff die Liste als journalistisches Genre zwar zweifelhaft, aber nicht die Charts des Senders VH1, nach denen Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" das beste Lied der vergangenen 25 Jahre ist.

Besprochen werden Ron Sheltons Film "Dark Blue", die Ausstellung "Idee Europa" im Deutschen Historischen Museum in Berlin, die Wiener Reihe "forumfestwochen ff" und politische Bücher, darunter mehrere neue Veröffentlichungen zum 17. Juni, eine Bilanz des "Thälmann-Skandals" und Alexander von Platos Darstellung der "Vereinigung Deutschlands" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 13.06.2003

Regina Mönch ist erstaunt über die Breite der Auseinandersetzung mit dem 17. Juni, vor allem in Ostdeutschland: "Zum ersten Mal wird ein Konflikt über das, was die DDR wirklich war, unter Ostdeutschen ausgetragen und nicht konsensuell vernebelt. Erstaunlich - oder auch nicht, jedenfalls nicht vorhergesehen - ist dabei das Interesse vieler junger Ostdeutscher. Im Gegensatz zu den üblichen Erfahrungen, die Institutionen der politischen Bildung sonst machen, füllen die 'Zonenkinder' die Vortragssäle und Ausstellungen, klicken die Websites der Geschichtsinstitute, der Birthler-Behörde und der Stiftung Aufarbeitung an. Sie finden diese andere DDR-Gesellschaft, die sich in den Geschichten vom 17. Juni 1953 zeigt, aufregend, mutig, interessant - jedenfalls viel interessanter als die bekannte und verklärte Kleinbürgeridylle, die sich in der Jagd nach Trabi-Ersatzteilen und Spreewaldgurken aufrieb..."

Weitere Artikel: Lorenz Jäger hat Talkshow-Äußerungen Michel Friedmans im Gedächtnis, wo der Moderator größere Polizeipräsenz forderte. Der Paläoanthropologe Friedemann Schrenk zitiert jüngste Forschungen, wonach der Mensch - auch der moderne homo sapiens - aus Afrika kommt. Ilona Lehnart hat einer Rede der Bundeskulturministerin Christina Weiss zur Kulturpolitik in Berlin zugehört und war enttäuscht über wenig konkrete Aussagen. Christian Schwägerl resümiert eine Berliner Veranstaltung des Ethikrats zum Thema Sterbehilfe. Kerstin Holm blickt in russische Zeitschriften und entdeckt "die Staatskirche als letzten Monopolisten sowjetischer Bauart". In der Reihe "Wir vom Bundesarchiv" stellt Josef Henke ein Schreiben des Hitorikers Theodor Schieder an das Bundesministerium für Vertriebene aus dem Jahr 1952 vor - Schieder leitete eine Forschungskommission zum Thema.

Auf der letzten Seite greift Milos Vec einen Mordfall in der westpreußischen Kleinstadt Konitz aus dem Jahr 1900 auf - der ungeklärte Mord an einem jungen Mann war damals von Antisemiten "jüdischen Ritualmördern" in die Schuhe geschoben worden, mit dem Fall befassen sich mehrere neue Bücher (mehr hier und hier). Andreas Kilb porträtiert die Schauspielerin Maggie Cheung Man-Yuk, die in Zhang Yimous Film "Hero" spielt. Michael Gassmann bedauert, dass morgen in Baden-Baden das Inventar des Sepulchrinerinnen-Klosters versteigert wird. Auf der Medienseite schildert Souad Mekhennet den Fall des Journalisten und Herausgebers von Zeitschriften Ali Lmrabet, der von der marokkanischen Obrigkeit ins Gefängnis gesteckt wurde, weil er den jungen König kritisiert hatte. Ihm drohen mehrere Jahre Gefängnis, und er ist in den Hungerstreik getreten. Und Elmar Krause besucht die Frauenredaktion der saudischen Zeitung Al Watan: "Männer und Frauen, die nicht miteinander verwandt sind, dürfen keinen Kontakt haben. Das gilt auch dann, wenn sie bei derselben Zeitung arbeiten und in der gleichen Redaktion. Undenkbar sind Redaktionskonferenzen, an denen Männer und Frauen teilnehmen."

Besprochen werden eine Ausstellung mit "Fotos des 20. Jahrhunderts" im Alten Rathaus Ingelheim, Stücke von Euripides und Aischylos bei den Ruhrfestspielen, Tsai Ming-liangs Film "What Time is it There?" und eine Horst-Antes-Ausstellung in Schloss Gottorf.