Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.02.2003. In der FR plädiert Franzobel für die Heiligsprechung Hermann Maiers. Die NZZ analysiert das innige Verhältnis einiger arabischer Literaten zu Saddam. In der SZ will Navid Kermani das "Surenpingpong" beenden. Die taz begeistert sich für das erste private Wohnbauprojekt in China. Die FAZ hatte mal wieder recht.

FR, 04.02.2003

Mitten in unseren entzauberten Zeiten hat der österreichische Schriftsteller Franzobel (mehr hier) ein Wunder gesichtet: "Ein Mann mit Nägeln in den Beinen, ein Medizinstigmatisierter, der von den Abgeschriebenen auferstanden, in den Weltcupzirkus zurückgekehrt ist, wieder zu gewinnen, Weltmeister zu werden. Ein Wunder namens Hermann Maier." Dessen Heiligsprechung, rechnet er vor, stehe eigentlich unmittelbar bevor: "Zwei Wunder fordert der Vatikan von einem Heiligen, zwei Wunder hat auch Hermann Maier schon getan, das erste, als er nach dem kapitalen Stern von Nagano, dem wohl berühmtesten Sturz der Skigeschichte, noch Doppelolympiasieger geworden ist, das zweite jetzt, sein Comeback." Fehlte also nur noch die Weltmeisterschaft sowie, laut Franzobel, irgendeine Botschaft. Denn: "Schade halt, dass er außer dem Skifahren noch kein Credo hat, neben Ehrgeiz und Atomic nichts verkünden kann, außer vielleicht: Ski heil."

Viel gebe es über die Wahlen in Israel eigentlich nicht zu sagen, findet Natan Sznaider - "same procedure as every year", einschließlich "großem Gejammer" danach. Stattdessen widmet er sich in seinem Text den Gründen für den "unaufhaltsamen Niedergang der israelischen Linken". "Jenseits von links und rechts" gehe es in Israel schon lange "nicht mehr um traditionelle Politik. Die so genannte israelische Linke zeichnete sich vor allen Dingen durch ihre arrogante und abwertende Haltung gegenüber allen aus, die ihr nicht ähnlich sind. Ihr Liberalismus hört bei Fragen der Identität auf. Diese Arroganz beginnt bei den orientalischen Juden, die ihr nicht fortschrittlich genug sind, fährt fort bei den orthodoxen Juden, die ihr zu fromm sind, und geht dann weiter zu den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, die ihr zu russisch sind."

Weitere Artikel: Martina Meister vermeldet ein "kleines kulturpolitisches Wunder": das Lösungskonzept für die Berliner Opernmisere, das Berlins Kultursenator Flierl gestern präsentierte. Unterhaltsam geriet Katja Lüthges Bericht von einer dreitägigen Tagung zum Thema "Anthropologie des Tieres, Zoologie des Menschen" am Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. Harry Nutt stellt fest, dass bei den Landtagswahlen zwar abgestimmt wurde, fragt sich allerdings, ob "auch gewählt" wurde. In der Kolumne Times mager philosophiert Sacha Verna über kranke Stars als "Glücksfall" für die Pharmaindustrie. Und schließlich gratuliert Klaus Völker dem österreichischen Theaterregisseur Hans Hollmann zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden die Ausstellung "Mascha + Nina + Katjuscha. Frauen in der Roten Armee 1941 - 1945" im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst, die Uraufführung von Bernhard Studlars Stück "Transdanubia - Dreaming" am Wiener Akademietheater und eine Inszenierung der Händel-Oper "Julius Caesar" an der Staatsoper Stuttgart.

NZZ, 04.02.2003

Mona Naggar hat einige arabische Bücher gelesen, die sich mit Saddam Husseins Verhältnis zu Kultur und Schriftstellern auseinandersetzen. Unter anderem erfahren wir hier: "Es ist ein offenes Geheimnis, dass irakische Botschaften Gehälter an arabische Journalisten und Schriftsteller zahlten, um ihre Loyalität zu erkaufen. Erst der Überfall auf Kuwait bereitete dem ein Ende, weil die irakische Staatskasse leer war. Diese Kulturpolitik hat sicherlich dazu beigetragen, dass die kritische Auseinandersetzung mit Saddam Husseins Gewaltherrschaft in der arabischen Welt so dürftig ausfällt."

Der Geiz ist real im reichen Deutschland, dessen Bewohner halb so viel fürs Essen ausgeben wie die Franzosen, stellt Sieglinde Geisel fest: "Fast jeder zweite Euro, der in Deutschland für Lebensmittel ausgegeben wird, landet in der Kasse der Discounter, die ihrer Kundschaft jeglichen Schnickschnack versagen. In wackligen Metallgestellen stehen hastig aufgerissene Kartonpackungen, aus denen die Dosen kullern; man hat keine Wahl, sondern kauft die eine Sorte Butter, Salatöl oder Schokolade, die eben da ist - und das alles im fahlen Licht altersschwacher Neonröhren. Darum sehen die Menschen bei Aldi oft aus, als wären sie arm und blass, dabei sind sie es gar nicht..."

Weitere Artikel: Hubertus Adam nimmt das vom Architekturbüro Arquitectonica gebaute Westin Hotel am Times Square in Augenschein. Christina Turner hat sich dem Ballett-Wettbewerb zum 31. Prix de Lausanne angesehen.

Besprochen werden ein Auftritt des Guarneri-Quartetts in der Tonhalle Zürich und einige Bücher, darunter eine Anthologie afrikanischer Lyrik und Jacob Katz' Studie "Tradition und Krise - Der Weg der jüdischen Gesellschaft in die Moderne". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

FAZ, 04.02.2003

Stefanie Peter liest den polnischen Abschlussbericht zu den Massakern von Jedwabne im Jahr 1941, der zu folgendem Ergebnis kommt: " Die Pogrome von Jedwabne und dem in der Nähe gelegenen Radzilow waren nach der Zahl der Mordopfer die größten, aber bei weitem nicht die einzigen Gewalttaten gegen Juden im Sommer 1941, nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion. Unter deutscher Besatzung waren antijüdische Übergriffe in den Regionen Lomza und Bialystok ein verbreitetes Phänomen, sie liefen nach keinem einheitlichen Muster ab, in über zwanzig Fällen beteiligte sich die ortsansässige polnische Bevölkerung daran." Hier ein ins Englische übersetzter Artikel aus Rzeczpospolita über das Buch. Einige interessante Artikel über die Jedwabne-Debatte in Polen finden sich außerdem auf den Seiten der Zeitschrift Transodra.

Der CDU-Wahlsieg in Hessen und Niedersachsen veranlasst Jürgen Kaube zur Feststellung, dass das FAZ-Feuilleton mal wieder richtig lag: "Der Appell Arnulf Barings 'Bürger, auf die Barrikaden!' (F.A.Z. vom 19. November)... wurde auf Barrikade betont, nicht auf Bürger. Selbstgerecht konnte sich die Regierung einbilden, mit all ihren Reformaktiönchen die Bürger diesseits veröffentlichter Meinung nach wie vor auf ihrer Seite zu haben und nur die Stimme von Minderheiten gegen sich." Nun haben die Wähler der FAZ recht gegeben.

Weitere Artikel: Die Auschwitz-Überlebende Cordelia Edvardson schildert ihre Gefühle bei der Nachricht vom Tod des israelischen Astronauten Ilan Ramon, der die Zeichnung eines 14-jährigen Theresienstadthäftlings mit ins All genommen hatte - eine Mondlandschaft mit aufgehender Erde. Paul Ingendaay hat den Roman "O homem duplicado" (Der verdoppelte Mensch) des Nobelpreisträgers Jose Saramago (und hier) gelesen, der sich mit dem Thema des Klonens auseinandersetzt. "hd." kommentiert die Berufung von Kent Nagano und Christoph Albrecht an die Spitze der Bayerischen Staatsoper. Ilona Lehnart stellt in aller Kürze das neue Konzept einer Opernstiftung vor, mit der die Berliner Opern in ihrer Dreifaltigkeit erhalten bleiben sollen. Wolfgang Günter Lerch kommentiert das türkische Kesseltreiben gegen das Orient-Institut der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, das ähnlich wie die Institute der deutschen Parteistiftungen von national gesinnten Kreisen unter Spionageverdacht gestellt wurde. Hannes Hintermeier resümiert eine Dresdner Tagung über Mensch und Tier, die begleitend zur Ausstellung "Mensch und Tier" im Deutschen Hygienemuseum stattfand. Andreas Rossmann gratuliert dem Theaterregisseur Hans Hollmann zum Siebzigsten. Verena Lueken liest amerikanische Zeitschriften und zitiert besonders einen Artikel von David Remnick im New Yorker, der den Krieg befürwortet, und einen Artikel von Michael Ignatieff aus dem New York Times Magazine, der vor einem amerikanischen Imperium warnt.

Auf der letzten Seite erinnert Gina Thomas an den britischen Prinzen John Charles Francis Windsor, der 1918 an Epilepsie starb und über den Stephen Poliakoff für die BBC einen Fernsehfilm gemacht hat. Und Patrick Bahners resümiert ein Bonner Symposium über "Wissenschaft als Beruf". Auf der Bücher-und-Themen-Seite liest der Afrika-Historiker Andreas Eckert Bücher zur Geschichte Zimbabwes. Auf der Medienseite begutachtet Stefan Niggemeier die Wahlberichterstattung von NTV.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs "Macbeth"-Inszenierung am Thalia Theater in Hamburg, Christoph Nels Frankfurter Inszenierung der "Frau ohne Schatten" und Peter Kosminskys Film "Weißer Oleander" mit Michelle Pfeiffer.
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TAZ, 04.02.2003

Sichtlich begeistert berichtet Christopher Phillips, Kurator am International Center for Photography in New York, von einem neuartigen Wohnbauprojekt in China, das schon internationale Beachtung gefunden habe und im vergangenen Jahr auf der Architektur-Biennale in Venedig vorgestellt wurde. Etwa ein Stunde von Peking entfernt entstand "das erste Experiment im privaten Wohnungsbau in China - die Kommune an der Großen Mauer (mehr hier, die chinesische Seite braucht leider ewig). Einem Dutzend der innovativsten Architekten Asiens wurde Carte blanche gegeben, sich vorzustellen, wie das private Wohnen im 21. Jahrhundert in China aussehen könnte." Das Ergebnis, so Phillips, "erscheint wie ein fernes Echo anderer Architekturexperimente der Vergangenheit. Ganz bewusst knüpft es an die 1927 entstandene Weißenhof-Siedlung in Stuttgart an, die Architekten wie Le Corbusier und Mies van der Rohe die Möglichkeit bot, ihre Idee vom Neuen Bauen zu realisieren." Kritik am Kommune-Projekt, das sich bewusst an eine "exklusivere Klientel" wende, gibt es allerdings auch. So bemängelte die Zeitung 'Peking Star': "In einem Land, in dem die Ernährungs- und Wohnungsfrage gerade eben erst gelöst wurde, ist es doch sehr fraglich, ob diese Art von Luxusvillen angemessen sind."

Weiteres: Detlef Kuhlbrodt informiert über Berlins bisher "größte Outdoorkampagne" (sprich: Plakatwerbung), in der ein ehemaliger Pornostar für das "Dosengetränk K-Fee" (sprich: kalter Kaffee) wirbt. Robert Hodoniy besuchte eine Lesung von Jana Hensel aus ihrem Buch "Zonenkinder" in Dresden, bei der es zu einem Zusammenprall der "Wahrnehmungen der Wendezeit" kam. "Unterm Strich" wird das Lösungskonzept für die Berliner Opern erläutert (Stiftung!). Und auf der Medienseite berichtet Bahman Nirumand (mehr hier) über die Beschlagnahme legal installierter Satellitenanlagen in Teheran, weil den islamistischen Machthabern "ausländische Programme - besonders die US-amerikanischen - ein Dorn im Auge" seien.

Obwohl die Rubrik Politisches Buch in dieser Woche "aus technischen Gründen" ausfallen muss, gibt es viele Buchbesprechungen. So werden rezensiert: die Fortsetzung der fiktionalisierten Autobiografie von J. M. Coetzee (mehr hier), Gale Zoe Garnetts Adoleszenzroman "Blue Girl", das im amerikanischen Exil geschriebene Tagebuch des Literaturwissenschaftlers Werner Vordtriede, ein Band mit als "konkrete Poplyrik" apostrophierten Texten von Andreas Neumeister und zwei Studien über Terror und Krieg (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier TOM.

SZ, 04.02.2003

Für ein "Ende des Surenpingpong" plädiert Navid Kermani (mehr hier). "Dass der Islam die Gewalt verherrliche, wird stets mit dem Koran belegt. Gerade im Internet kursieren Hunderte von beängstigenden Äußerungen. Viele davon sind erfunden oder tendenziös übersetzt. (...)Wahrscheinlich der im Westen bekannteste Vers des Korans ist Sure 8:12: 'Haut ihnen (den Heiden, Ungläubigen) auf den Nacken und schlagt zu auf jeden Finger von ihnen.' Solche Zitate werden von Muslimen am liebsten mit anderen Zitaten beantwortet. Es wird auf die Barmherzigkeit Gottes verwiesen, auf die der Anfang jeder Sure verweist, oder auf das Wort 'Islam', das sich von der Wurzel 'salama' ableitet, vom Wort Frieden." Über den Koran selbst erfahre man bei diesem Verfahren nichts. Natürlich gebe es "eine Reihe von koranischen Aussagen, die heutigen Menschenrechtsvorstellungen widersprechen. Dieser Widerspruch löst sich nicht immer mit Blick auf die Offenbarungsgeschichte auf. Allein schon der absolute Wahrheitsanspruch der Religionen ist für sich betrachtet ein Skandal für jedes aufgeklärte Denken."

Kleiner Opernschwerpunkt, heute: In gleich drei Texten wird das neue Führungsduo Kent Nagano/Christoph Albrecht an der Bayerischen Staatsoper gefeiert. Reinhard J. Brembeck lobt besonders den "Clou" der Berufung von Dirigent Nagano als "Krönung" von Kulturminister Zehetmairs Tätigkeit und "Garantie für Innovation". Harald Eggebrecht porträtiert Nagano denn auch als "Samurai", und Michael Struck-Schloen stellt Christoph Albrecht als "Pragmatiker" vor. Vorsicht lässt Wolfgang Schreiber dagegen bei der Bewertung der gestern vorgestellten Strukturreform der Berliner Opernhäuser walten: Das Konzept von Kultursenator Thomas Flierl sei allenfalls ein "Anfang".

Weitere Artikel: In seiner "Nachwahllese" differenziert der Politikwissenschaftler Joachim Raschke "drei Mehrheiten" der deutschen Wählerschaft: ökologisch-kulturell, sozial-gerecht und ökonomisch. "Das Problem besteht nun darin, dass keines der beiden politischen Lager in seiner heutigen Verfassung fähig ist, sich zum akzeptierten Anwalt aller drei Mehrheiten zu machen." Burkhard Müller resümiert die interdisziplinäre Tagung zum Thema Mensch und Tier am Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. C. Bernd Sucher würdigt den Theaterregisseur Hans Hollmann zu dessen 70. Geburtstag, und in der Kolumne Zwischenzeit erklärt Herbert Riehl-Heyse, warum der Sozialismus in der Karibik, namentlich Kuba, "ein erhebliches Stück bunter als in Neubrandenburg" ist.

Besprechungen: Vorgestellt wird die Ausstellung "Abandoned Houses" des Künstlers Sam Durant im Düsseldorfer Kunstverein, die Uraufführung von Peter Stamms "Apres Soleil" am Schauspiel Zürich, eine Inszenierung von Ibsens "Klein Eyolf" am Münchner Volkstheater und ein "meisterlicher" Rezitationsabend: Dieter Mann spricht Thomas Mann am Deutschen Theater in Berlin. Und natürlich Bücher, darunter eine Studie zur amerikanischen Aufklärung, ein historisches Lexikon der Schweiz und ein Lexikon der französischen Schriftsteller während der deutschen Okkupation, der neue Roman "Der Strom" von Gerhard Roth und Andrzej Stasiuks Alltagsskizzen aus Galizien (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).