Jacob Katz

Tradition und Krise

Der Weg der jüdischen Gesellschaft in die Moderne
Cover: Tradition und Krise
C. H. Beck Verlag, München 2002
ISBN 9783406495182
Gebunden, 382 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Christian Wiese. Mit einem Vorwort von Michael Brenner. Jacob Katz beschreibt in seinem Hauptwerk die traditionelle, in sich abgeschlossene jüdische Gesellschaft Mittel- und Osteuropas, die durch die jüdische Aufklärung einerseits und die Frömmigkeitsbewegung des Chassidismus andererseits allmählich aufgelöst wurde und so den Weg in die Moderne angetreten hat. Das zuerst 1961 in hebräischer Sprache publizierte und bereits zweimal ins Englische übersetzte Buch hat wie kein zweites das Bild vom vormodernen Judentum geprägt und zählt zu den historiographischen Meisterwerken des 20. Jahrhunderts.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.06.2003

Christoph Schulte hat "Pflichtlektüre" hinter sich und empfiehlt sie uneingeschränkt weiter: Jakob Katz? Geschichte der vormodernen jüdischen Gesellschaft, die bereits 1958 auf Hebräisch erschien und nun übersetzt vorliegt - und zwar ausgezeichnet übersetzt, wie sich der Rezensent beeilt anzufügen. Die "Tradition" des Titels steht, erklärt Schulte, für die Institution der jüdischen Gemeinde, die dafür sorgte, dass sich trotz der Zerstreuung über Europa die Kontinuität einer "sozial normierenden und dabei alltäglichen Struktur" jüdischer Existenz herstellte. Die Juden Mittel- und Osteuropas lebten in ihren Ghettos oder Shtetls nach eigenen, aber überall gleichartigen Regeln - bis diese Mitte des 18. Jahrhunderts in jene Krise gerieten, die den Gegenstand von Katz? Studie begrenzt. Das Richtungsweisende an diesem Buch, so Schulte, sei seine Verlagerung des geschichtswissenschaftlichen Fokus: weg von den singulären Höhepunkten jüdischen Geisteslebens, hin zu der reglementierten Normalität, die sich in jeder Gemeinde wiederholte. Erst dieser Blick, der im Querschnitt durchdringt, was die Ereignisgeschichte überspringt, mache die jüdische Gesellschaft der Vormoderne beschreibbar.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.03.2003

Ein Klassiker, seit vier Jahrzehnten überfällig und hervorragend übersetzt - so lautet Andreas Gotzmanns Bewertung der ersten deutschen Ausgabe von Katz? Geschichte der europäischen jüdischen Gemeinschaften zu Beginn der Moderne. Zwar habe die Forschung seit der Erstveröffentlichung 1958 neue Wege eingeschlagen, doch stecke Katz? Werk auch heute noch voller Einsichten und erfreue durch klare Analysen und Lesbarkeit. Vor allem aber schließe das Buch eine klaffende Lücke in der Referenzlandschaft deutscher Historiker des Judentums. Der Forschungswille, so Gotzmann, ist zwar da, beim Wissen über die Entwicklung der eigenen Disziplin hapere es aber noch. "Tradition und Krise" komme da genau richtig - als schon damals kontrovers diskutierter und neue Orientierungen der jüdischen Geschichtswissenschaft markierender Meilenstein. Ergo Gotzmanns Aufforderung an Historiker und Interessierte: Lesen Sie es kritisch, aber lesen Sie es!

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.02.2003

Rezensent Andreas Kilcher würdigt die nun endlich auf deutsch vorliegende sozialgeschichtliche Untersuchung "Tradition und Krise" des israelischen Historikers Jacob Katz (1904-1998) als "historiographisches Meisterwerk". Wie Kilcher darlegt, beschreibt Katz - für Kilcher der "wohl bedeutendste jüdische Historikers des 20. Jahrhunderts"- in seinem Hauptwerk die langsame Auflösung der traditionellen jüdischen Gesellschaft im aschkenasischen Europa vom Elsass bis Polen im Vorfeld der Aufklärung. Kilcher hebt insbesondere den sozialgeschichtlichen Ansatz von Katz' Untersuchung hervor. Er ersetze den "chronologischen Zugang zur Geschichte" durch den Blick auf das komplexe strukturelle "Gefüge verschiedener sozialer Institutionen". So stehen bei Katz etwa die Verfassung der jüdischen Gemeinden, Familienformen, wirtschaftliche Strukturen, religiöse Institutionen und Gruppierungen im Zentrum, hält Kilcher fest. Eine große Leistung von Katz' Buch besteht für Kilcher auch darin, dass Katz sich mit diesen methodischen Vorgaben an die Beschreibung jenes mittel- und osteuropäischen Zeitraumes jüdischer Geschichte macht, der bisher gerne außer acht gelassen wurde: die jüdische frühe Neuzeit. Dabei könne Katz zeigen, dass nicht nur die wirtschaftlichen und technischen Erneuerungen und die ideellen Programme der Haskala die Modernisierung des europäischen Judentums vom Elsass bis Polen vorantrieben, sondern auch die große osteuropäische Bewegung des Chassidismus ihren Beitrag zur modernisierende "Desintegration" bestehender sozialer und religiöser Ordnungen leistete.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.11.2002

Großes Lob erntet in dieser Besprechung von Willi Jasper zunächst der C. H. Beck Verlag, nämlich dafür, dass er das bereits 1961 im Hebräischen erschienene und später mehrfach ins Englische übersetzte Hauptwerk "Tradition und Krise" des Sozialhistorikers Jacob Katz (1904 bis 1998) endlich in deutscher Sprache verlege. Denn Katz sei, so der Rezensent, als erstem jüdischen Historiker der "Durchbruch zu einer wirklichen Strukturgeschichte" gelungen. Anders als seine Kollegen habe Katz auf eine chronologische Darstellung verzichtet und stattdessen einen soziologischen "Querschnitt" durch die Gesellschaftsgeschichte der Juden vom 16. Jahrhundert bis Mitte des 18. Jahrhunderts präsentiert und so die Entwicklung der Juden vom Mittelalter in die Moderne aufgezeigt, meint der beeindruckte Rezensent. Ein besonderes Verdienst dieser Studie sieht Jasper vor allem darin, dass Katz bereits vor vier Jahrzehnten die Brisanz der Spannung zwischen traditionellen und modernen Vorstellungen und Positionen im Judentum erkannt habe - eine Brisanz, die noch heute überaus gegenwärtig sei, schließt der Rezensent.