Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.10.2002. Die FAZ trauert dem Fiat Uno nach und wünscht sich einen Shylock ohne deutsche Neurosen. Die NZZ schildert die Lage an den palästinensischen Universitäten. Die SZ wünscht sich eine anständige Linke in Amerika. Die FR will die Flamen in Belgien nicht als Minderheit betrachten.

FAZ, 21.10.2002

Gerhard Stadelmaier hat zwei "Kaufmänner von Venedig" gesehen, Georg Schmiedleitners Inszenierung in Bochum und Hasko Webers Inszenierung in Karlsruhe. Den Bochumer Shylock findet er offen antisemitisch, den Karlsruher, charmant, aber ängstlich. "So entkommt Shylock der deutschen Neurose nicht. In Karlsruhe entschuldigt man den Juden zärtlich lächelnd - mit der Rolle, die er, leider, spielen muss. In Bochum haut man den Juden grinsend in die Pfanne - auch ohne die Rolle, die er dort gar nicht spielen darf. Hier wie dort nimmt man ihn als Juden, nicht als Menschen. Und das macht ihn beide Male langweilig - in Bochum dumpfer, in Karlsruhe intelligenter langweilig."

Niklas Maak schreibt auf der letzten Seite einen bewegenden Nachruf auf die italienische Automarke Fiat, die demnächst an General Motors übergehen dürfte, und erinnert an ästhetische Implikationen des Fiat Uno, die uns bislang gar nicht bewusst waren: "Unos waren mit dem Chic einer linksintellektuellen Szene ebenso kompatibel wie mit dem Prosecco-Sehnsüchten konservativer Rechtsanwälte. Der schwarze Fiat Uno war im subtilen Zeichensystem des urbanen Milieus der achtziger Jahre das, was der Renault 4 für die siebziger Jahre war - wie überhaupt der Übergang von den Siebzigern in die Achtziger einer von Frankreich nach Italien war: Prosecco statt Pastis, Armani statt Yves Saint Laurent, Eros Ramazotti statt Georges Moustaki."

Weitere Artikel: Jordan Mejias berichtet, dass Sean Penn mit einem Brief an George W. Bush gegen die amerikanischen Kriegspläne protestierte. Richard Kämmerlings berichtet von der Feierstunde zum 25. Jubiläum der Frankfurter Anthologie. Heinrich Detering gratuliert dem Germanisten Peter Demetz zum Achtzigsten. "vw" hat einer Diskussion zwischen Wladimir Sorokin und Durs Grünbein in Hamburg zugehört. Paul Ingendaay würdigt den mexikanischen Fotografen Manuel Alvarez Bravo (Bilder), der im Alter von hundert Jahren gestorben ist.

Auf der letzten Seite erfahren wir von Stefanie Peter, dass das Dedecius-Archiv in Subice eröffnet worden ist. Und Lorenz Jäger schreibt eine kleine Hymne auf Joni Mitchell, die nicht nur ein neues Album ("Travelogue") herausgebracht hat, sondern in einem Interview mit dem Rolling Stone auch kräftig auf MTV schimpfte. Auf der Medienseite berichtet Heinrich Wefing, dass der Auslandssender German TV in den USA nicht ankommt. Frank Kaspar stellt den Prix Europa vor, mit dem die besten Radioprogramme ausgezeichnet wurden. Und Sandra Kegel begrüßt den neuen Intendanten des Hessischen Rundfunks, Helmut Reitze.

Besprochen werden eine Ausstellung Thomas Bayrles (Bild) im Frankfurter Städel, ein "Boris Godunow" an der Bastille-Oper, Goethes "Iphigenie" in Bonn und eine Ausstellung über ägyptische Backkultur im Museum der Brotkultur in Ulm.

Hinweisen wollen wir noch auf eine geharnischte Kritik an der Friedensbewegung durch den britischen Linken Christopher Hitchens in der FAZ am Sonntag. Hitchens betrachtet einen Krieg gegen Saddam Hussein als das "kleinere Übel" und schreibt: "Ich habe in diesem Jahr keine einzige Antikriegsveranstaltung erlebt, auf der man auch nur hätte erahnen können, dass es eine irakische oder kurdische Opposition gegen Saddam gibt... Die 'Friedensbewegung' ignoriert nicht nur die zivile Opposition gegen Saddam, sondern schickt Abordnungen nach Bagdad, die den Baathisten in ihrer Isolation Trost spenden und spricht von dem Schlächter der Kurden, der den Iran angegriffen und Kuwait besetzt hat, als wäre er das Opfer und George Bush der Aggressor."

NZZ, 21.10.2002

Peter Schäfer, ein Islamwissenschaftler, der als Journalist in Ramallah lebt, schickt einen längeren Bericht über die Lage der Universitäten in den Palästinensergebieten. Durch die israelischen Ausgangssperren ist der Lehrbetrieb für die 75.000 Studenten seit Monaten empfindlich gestört. Man behilft sich, etwa an der Elite-Uni Bir Zeit, mit externen und Heimkursen. "Natürlich leiden die akademischen Standards darunter. Kontakte zwischen Student und Dozent sind seltener. Der Zugang zur Bibliothek, den Labors und anderen Hilfsmitteln fehlt." Allein im Gaza-Streifen läuft der Betrieb einigermaßen kontinuierlich - hier ist allerdings der Anteil islamistischer Studenten besonders hoch.

Weitere Artikel: Andreas Kilcher würdigt das hundertjährige Bestehen des Jüdischen Verlags. "her." schreibt zum Tod von Manuel Alvarez Bravo. Hans Bernhard Schmid resümiert einen Kongress über Karl Jaspers in Basel. Roman Hollenstein stellt das von Richard Meier entworfene Burda-Kunstmuseum in Baden-Baden vor.

Besprochen werden eine Ausstellung zum 200. Geburtstag von Adolf von Stürler im Kunstmuseum Bern, Martin Crimps Stück "Der Handel mit Clair" am Theater Basel, Neil LaButes Stück "Das Maß der Dinge" auf der Kornhausbühne in Bern, eine Richard-Phillips-Ausstellung im Hamburger Kunstverein und "Les Contes d'Hoffmann" in St. Gallen.

TAZ, 21.10.2002

In einem Interview mit Christina Nord weist der israelische Filmemacher Eyal Sivan darauf hin, dass der Flüchtling in einer urbanen Gesellschaft die heroische Figur schlechthin ist, dass es aber einen entscheidenden Unterschied zwischen Flüchtlingen und Migranten gebe: "Flüchtlinge gibt es, weil es politische Verbrechen und Verfolgung gibt. Es handelt sich um einen unfreiwilligen Akt. Bei Migration mögen wir zwar den Eindruck haben, dass sie mit Verlust und Selbstverleugnung verbunden ist. Doch Migration ist etwas ausgesprochen Heroisches: Man nimmt sein Schicksal in die eigenen Hand." Daher sträube sich der Migrant gegen mitleidige Wohltätigkeit: "Den Migranten auf Entwurzelung, auf Exil zu reduzieren, trifft sich mit einem Bedürfnis, das auch in säkularen Gesellschaften noch existiert: Man will wohltätig sein. Das führt unweigerlich zu der Frage, welche Funktion es erfüllt, wenn der Migrant als Opfer dargestellt wird."

Heide Platen erklärt, warum der neue ZDF-Intendant Helmut Reitze es schwer haben wird.

Besprochen werden Terry Eageltons "Sweet Violence", in der kürzlich erschienen englischsprachigen Ausgabe, und das Prince-Konzert in Berliner ICC.

Und schließlich TOM.
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Stichwörter: Migration, Heide Platen, Prince

FR, 21.10.2002

Dass die belgischen Flamen in hohem Maße ihre Tradition pflegen, meint Klaus Bachmann, könnte den falschen Eindruck erwecken, dass es sich um eine unterdrückte Minderheit handelt. Falsch deshalb, weil Flandern seinen belgischen Nachbarteilstaat Wallonien "auf fast allen wichtigen Entwicklungsfeldern weit hinter sich gelassen" habe. Nur seien die Erwartungen der Bevölkerung so groß, dass ihr die Entwicklungen schleichend erscheine und sie für populistische Diskurse empfänglich werde: "Die Frustration, die sich aus diesem Gegensatz von hohen Erwartungen auf der einen Seite und der geringen Wahrscheinlichkeit, dass sie erfüllt werden, auf der anderen Seite ergibt, erweist sich als ein idealer Nährboden für populistische Parteien wie den Vlaams Blok (hier die Homepage - auch auf deutsch!). Mit Hilfe einer geschickten Mischung aus Demagogie und Volksnähe ist es ihm gelungen, die durch die Auflösung traditioneller sozialer Bindungen und Werte hervorgerufene Verunsicherung durch die Illusion einer 'flämischen Nationalgemeinschaft' zu kompensieren."

Weitere Artikel: Christian Schlüter war dabei, als die wandernde Internationale Mobile Akademie in der Berliner Volksbühne (mehr hier) einkehrte, um über "den Flüchtling" zu diskutieren. In Times mager sucht - und findet - Adam Olschewski Verbindungen zwischen Nordkorea und Madonna.

Auf der Medienseite: Carina Frey und Felix Lee haben Aktham Suliman, den Al-Dschasira-Korrespondenten in Berlin, besucht und von ihm erfahren, warum Berlin für den arabischen Sender wichtiger ist als Paris.

Besprochen werden zwei arabische Dichterabende (mehr hier) im Rahmen der Berliner Festwochen, eine Prevert-Lesung von Michel Boy im Internationalen Theater in Frankfurt, die Ausstellung "Picasso und die Frauen" in Chemnitz, Cesare Lievis "Zauberflöte" am Staatstheater Wiesbaden, Phil Youngs Inszenierung von Frank McGuinness' "Someone Who'll Watch Over Me" am English Theatre in Frankfurt, Wanda Golonkas "Hamletspecial Ophelia" im Foyer des Frankfurter Schauspiels, Anna Schildts Inszenierung von Dea Lohers "Blaubart" in der Kommunikationsfabrik, das Frankfurter Konzert von Schmuse-Sänger Chris de Burgh und Bücher - Stanislav Zamecniks "Das war Dachau", ein Sachbuch über afrodeutsche Besatzungskinder und zwei politische Bücher über Europa (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 21.10.2002

Für den lediglich "stillen Protest", der sich in den USA gegen die Kriegspläne der Regierung wendet, macht Wolf Lepenies zwei Gründe verantwortlich: erstens die "Unausweichlichkeit des Imperiums", das moralisch verpflichtet ist, "in der Welt" Verantwortung zu übernehmen, und zweitens "die Unvermeidbarkeit des Patriotismus. Seit dem 11. September 2001 darf das patriotische Minimum in keiner politischen Äußerung fehlen - auch und gerade dann, wenn sie sich gegen die Regierung richtet. Diesem Dilemma kann sich keine Opposition entziehen, es hat, wie es scheint, der politischen Linken ein für alle mal den Boden entzogen." Und doch sei es unbedingt notwendig, "dass eine 'anständige Linke' wieder ihre Stimme erhebt".

Gustav Seibt macht sich Gedanken über Stimmungspolitik und Wahrheit. Niemand könne sich ernsthaft darüber beschweren, angelogen worden zu sein. Im Umgang mit der Wahrheit allerdings scheiden sich in der deutschen Politik die Geister: einerseits die machiavellistischen "Patriarchen", wie Konrad Adenauer und Helmut Kohl, und andererseits die prinzipienlosen "Stimmungspolitiker", wie Kaiser Wilhelm II. und Gerhard Schröder. Während die ersteren "aussitzen", schummeln die letzteren herum, aber warum? "Vermutlich ist das demokratische Publikum in viel höherem Maße bereit, auch unangenehme Wahrheiten zur Kenntnis zu nehmen, als ängstliche Politiker das für möglich halten. Doch ein bisschen groß und feierlich müssen solche Wahrheiten dann schon daherkommen."

Weitere Artikel: In der Serie Deutschland Extrem wagt sich Günter Ohnemus nach Schwabing, der deutschen Stadt mit der größten Dichte an Singles und Therapeuten.
Der Wissenschaftshistoriker Gerd Graßhoff (mehr hier) versucht, die sensationelle "Himmelsscheibe von Nebra" (mehr hier) zu deuten. In einem Gespräch mit Jörg Heiser gesteht Yoko Ono (mehr hier), dass sie immer noch mit alten Legenden zu kämpfen hat. Volker Breidecker berichtet von den Göttinger Feierlichkeiten zu Günter Grass' 75. Geburtstag. Für Rupert Graf Strachwitz, den Direktor des Berliner Maecenata Instituts, steht das Spendenwesen nach der Streichung des Spendenabzugs durch die Regierungskoalition auf wackeligen Beinen. Stefan Koldehoff freut sich mit der Stadt Bremen über die Rückkehr der Beutekunst in die Kunsthalle. In der Kolumne schreibt "Zri" über Normierungsbestrebungen im ex-sowjetischen Internet.

Auf der Medienseite berichtet Kai-Hinrich Renner, dass der WDR den "Swinging Sixties" eine Show widmet.

Besprochen werden eine Versace-Schau im Londoner Victoria & Albert Museum, eine gefeierte Messiaen-Oper in San Francisco, die Kinderfilmkomödie "Snow dogs", das Theaterprojekt "Gladius Dei" im Bayerischen Staatsschauspiel, Karin Beiers Inszenierung von Neil LaButes "Maß der Dinge" am Schauspielhaus Bochum, Romane - Susanne Röckels "Aus dem Spiel" und Eugene McEldowneys "Ballade vom Faloorie Man" - und Sachbücher - Luigi Zojas "Verschwinden der Väter", Mieke Bals "Kulturanalyse" und Andy Babiuks Beatles-Buch.