Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.09.2002. In der FAZ spenden Hans-Magnus Enzensberger und Hans D. Barbier den krisengeschüttleten Medien Trost: Es wird auch wieder bergauf gehen. Nicht allerdings mit den Internetfirmen von Bertelsmann, die abgeschafft werden, wie die SZ meldet. Die NZZ meditiert über den Hörbuch-Boom, die FR über den Osteuropa-Boom in der Weltmusik. Die taz porträtiert den legendären Radiomann Studs Terkel.

SZ, 04.09.2002

Morgen kommt Sam Mendes' Film "Road to Perdition" in die Kinos. Anke Sterneborg ist begeistert: "Mendes bleibt auch in seinen Kinoarbeiten der Bühnenmensch, in seinen kühl kalkulierten und perfekt stilisierten Bildern - die geschlossene künstliche Welt, die er komponiert, ist immer zugleich atemberaubend schön und beklemmend, und es ist, als hätte er den film noir von allen Genre-Schnörkeln befreit, aufs Wesentliche reduziert." Außerdem spricht sie mit Tom Hanks, der endlich einmal einen Bösewicht spielt, über seinen "verdammt tollen Job", loszuziehen und so zu tun, als sei er jemand anderes.

Der Gigant Bertelsmann gibt sich geschlagen und seinen Internet-Buchhandel auf, meldet Ulrich Kühne: Gestern erklärten die Gütersloher, dass sie sich von ihrem Dienst BOL trennen werden, der zuletzt 30 Millionen Euro im Jahr Verlust gemacht hat. Aber laut Kühne stehen auch Barnes and Noble und Napster vor dem Ende. Kühne will es schon immer gewusst haben: "Die Idee, Geld mit dem Internet machen zu können, überholte allen inneren Widersprüchen zum Trotz den Kommunismus auf der Skala der großen Menschheitsmythen." (Ebay, Google, Amazon und all die Adressen, die den Zeitungen den Kleinanzeigenmarkt abnehmen, mögen das etwas anders sehen, siehe den "Virtualienmarkt" im Perlentaucher.)

Weitere Artikel: Die Zukunft der Altengesellschaft beginnt im Osten, prophezeit Jens Bisky, denn schon heute seien die neuen Länder demografisch und mental ein ganzes Stück weiter als die alten: "Die Altengesellschaft spricht Mecklenburger Platt oder Sächsisch. Ihr Design wird brandenburgisch sein." Holger Liebs lässt sich von dem Fotografen Andreas Gursky (mehr hier) erklären, warum er sein Bild "Rhein II" für den rot-grünen Wahlkampf zur Verfügung stellt. Rainer Gansera schreibt aus Venedig über Antonioni, Risi und Doris Dörrie. Reinhard Schulz huldigt dem Anarcho-Komponisten Harry Partch (mehr hier): "Eine Tonleiter, die außer der Oktave keine reinen Klänge zulässt, erschien ihm als widersinnig. Und mit ihr der ganze Popanz, der darauf errichtet wurde: das sterile Konzertleben, der virtuose Glamour, die Idee der absoluten, sich selbst und ihrer Struktur genügenden Musik.

Es drohen schlechte Zeiten für schlechte Sitten: Siggi Weidemann berichtet aus den Niederlanden, dass die Liste Pim Fortuyn den Verfall der Werte mit der richtigen Werbung aufhalten will Wirtschaftsminister Herman Heinsbroek kündigte ein Marketing-Paket von professionellen Kreativen, "um das Volk wieder zu Verstand zu bringen, was man tun darf und was verboten ist." Und Alexander Kissler weiß, dass auch der "Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer" (AEU) nach marktwirtschaftlichen Strategien sucht, die Frohe Botschaft weiterzutragen.

Auf der Medien-Seite empfiehlt Christiane Kögel Jules und Gedeon Naudets Dokumentation "9/11", die die letzten Bilder aus dem World Trade Center zeigt.

Besprochen werden Klassik-CDs: Heiner Goebbels CD "Eislermaterial" mit dem Ensemble Modern und Josef Bierbichler, das Spätwerk Vincent d'Indys, gespielt vom Quatuor Joachim, CDs mit dem Bariton Christian Gerharer und Brittens Oper "The Turn of the Srew" von Daniel Harding. Sowie weiter Paulus Mankers Theaterspektakel "Alma - A Show Biz ans Ende" in Venedig, das neue Album der Girlieband Sugababes "Angels with dirty faces" und Bücher, darunter Alexander Ignors Studie "Geschichte des Strafprozesses in Deutschland 1532 - 1846", Bernhard Schlinks Aufsätze "Vergangenheitsschuld und gegenwärtiges Recht", Norbert Borrmanns Kompendium "Das große Lexikon des Verbrechens" sowie Dagoberto Gilbs Erzählband "Holzschnitte von Frauen" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 04.09.2002

Harald Fricke widmet dem legendären Radiojournalisten Studs Terkel ein Porträt, dem Mann, der Amerika interviewte und der zu einer Lesereise nach Deutschland kommt: "Gegenüber dem sozialistischen Bekenntnisrealismus der Siebzigerjahre aus beiden deutschen Staaten sind Terkels Erkundungen made in und out of USA sehr viel unterhaltsamer. Es mag daran liegen, dass in Amerika eine gute Performance für den Stellenwert in der Gesellschaft unabdingbar ist. Irgendwie kann hier jeder über sein Leben rappen, als würde am Ende des Gesprächs noch ein Plattenvertrag winken."

Über die Entlassung Christoph Marthalers schreibt Tobi Müller: "Die Farce braucht ihre Spieler, ihre Helden und ihre Bösewichte. Sie sind bekannt. Aber leider kaum relevant. Die Farce kommt ohne feinsinnig psychologisches Spiel aus, sie ist aus Holz geschnitzt. Aber sie offenbart strukturelle Probleme, die weit über Zürich hinausweisen. Die städtische Kulturpolitik implementiert allerorts Modelle, die sie glaubt von der Wirtschaft übernommen zu haben. Kultur ist ein Standortfaktor, ein Standort reklamiert nicht nur eine Art kollateralen Return on Investment (sprich: Aufwertung des Quartiers, der Stadt, des Images), ein Standort muss sich in dieser Logik auch selbst rentieren."

Weitere Artikel: Christinane Terwinkel wundert sich, dass sich das Feuilleton am Duft von Aknepuder berausche, seit der Roman "Dich schlafen sehen" der 18-jährigen Anne-Sophie Brasme über eine mörderische Teenagerfreundschaft in Frankreich erschien. Andreas Busche findet, dass Sam Mendes Killer-Film "Road to Perdition" die raue Patina von Sergio Leones Gangster-Impressionen trage. In Venedig hat Cristina Nord ostasiatisches Kino und Filme Daisuke Tengan, Shinya Tsuikamoto und Fruit Chan genossen.

Und schließlich Tom.

FR, 04.09.2002

Adam Olschewski sieht mit Verwunderung, wie die Plattenfirmen den nahen polnischen Osten und die exotische Komponente der Slawen entdecken: "Die Weltmusik, gut gemanagt, ist eine hermetische Angelegenheit. Ein Goran Bregovic aus Sarajevo war schon da, als der Filmemacher Emir Kusturica Erfolge feierte, doch seinen Ruhm mehrten erst seine Besuche in Polen, wo er Konzerte vor Tausenden von Menschen abhielt. 1999 nahm er dann mit der Sängerin Kayah die in Polen wohl erfolgreichste Popplatte aller Zeiten auf. Und ebenjene Kayah hat jetzt ein Album draußen, das sie an das Publikum hier heranführen soll, wohingegen Bregovic, bald auf Deutschland-Tournee, sich kürzlich einen Haudegen des polnischen Schlagers, Krzysztof Krawczyk, zum Partner auserkor. Die global operierenden Marktstrategen tauften ihn Kris - eine Kurzform, die es im Polnischen nicht gibt; man nimmt halt das Leichtverdauliche mit, alles andere, das Knochige und damit Sperrige, gehört mit einem Mausklick entsorgt."

Weitere Artikel: Christian Thomas wünscht sich noch mehr Gerhard Schröder, von dem es medientheoretisch viel zu lernen gab. Roland Burgand berichtet von der historische heiklen Restaurierung eines Gasthofs in Bozen. Und Eckart Henscheid wärmt noch einmal die Flugaffäre auf.

Besprochen werden: eine Ausstellung des Porträtfotografen Kyungwoo Chun in Delmenhorst, Fassbinders Stück "Kaffeehaus" am Berliner Ensemble, und Rüdiger Suchsland senkt in Venedig über Doris Dörrie neuen Film den Daumen: "Mit 'Nackt' unterschreitet Dörrie bis zur Schädigung des eigenen Rufs das Niveau ihrer früheren Filme. Papierne Dialoge, ausgedachte Charaktere, das alles ohne einen Funken Charme, an der Schmerzgrenze."
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NZZ, 04.09.2002

Hannelore Schlaffer macht sich Gedanken über den ungeheuren Hörbuch-Boom auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Ihre Deutung des Phänomens: "Das Medium Hörbuch selbst erlaubt eine lustvolle Einstellung dem Ernst der Literatur gegenüber. Wie man sich zu Beginn der massenhaften Romanproduktion endlich beim Lesen auf dem Sofa ausstrecken konnte, so lockert sich nun auch durch das Hörbuch die Lesehaltung: Das Sich-Fallen-Lassen in den Text befördert es noch mehr als das Buch."

Weitere Artikel: Claudia Schwartz schickt eine Reportage aus der Plattensiedlung Berlin-Hellersdorf, wo ein Wohnprojekt junger Künstler einen Anschein von Leben und Buntheit schaffen soll. Marli Fedvoss zieht eine Zwischenbilanz beim Wettbewerb in Venedig. Besprochen werden eine Ausstellung des Beuys-Schülers Imi Koebel im Kunstverein Hannover, eine Neu-Edition von Einspielungen des Pianisten Wener Haas und einige Bücher, darunter nachgelassene Gedichte von Karl Krolow (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr) und Corynne McSherrys bisher nur auf englisch erschienenes Werk "Who Owns Academic Work?" (mehr hier).

FAZ, 04.09.2002

Den Medien geht's schlecht. Die Einstellung der Berliner Seiten der FAZ war der tragische Höhepunkt einer Weltkrise der geistigen Produktion. Nun sind der Dichter Hans-Magnus Enzensberger und der ehemalige FAZ-Redakteur und heutige Privatier Hans D. Barbier angetreten, um, moderiert von Frank Schirrmacher selbst, Trost darzubieten. Picken wir einige schöne Stellen des Gesprächs heraus. Enzensberger: "Es ist ja interessant, dass die Zeitungen zugleich schmaler und teurer werden. Das hängt mit der Ökonomie der Aufmerksamkeit zusammen." Barbier: "Wir durchschreiten wirtschaftlich ein Tal. Wann es zu Ende ist, weiß niemand, aber es wird wieder bergauf gehen." Enzensberger: "Die Frage ist auch: Woran kann oder soll man sparen?" Barbier: "In der Tat. Wir als Leser, Herr Enzensberger, könnten da mit Ratschlägen im Sinne der Niveauverteidigung behilflich sein." Enzensberger: "Die Lyrik zum Beispiel, die mir persönlich sehr am Herzen liegt, wäre nach allen ökonomischen Gesichtspunkten schon immer zum Aussterben verurteilt gewesen, und trotzdem hält sie sich nach wie vor, notfalls eben in der Form der Samisdat." Barbier: "Das stimmt."

Weitere Artikel: Ein kleines Dossier widmet sich dem Gipfel von Johannesburg. Joachim Müller-Jung benennt den Widerspruch zwischen einem immer größeren Hofstaat von Wissenschaftlern, den sich die Politiker leisten, und einer "Vagheit der über allem schwebenden Terminologie", mit der die Erkenntnisse dieser Wissenschaftler zugekleistert werden. Und Jörg Albrecht berichtet aus Johannesburg, dass es angesichts von fast 60.000 Kongressteilnehmern ohnehin kaum denkbar ist "einen echten Dialog" zu führen. Andreas Kilb feiert Sam Mendes' Film "Road to Perdition", der gerade in Venedig lief und nun in die Kinos kommt, als eine "Gangsterstück von Meisterhand". In einer Meldung wird mitgeteilt, dass sich in Zürich nach der Entlassung Christoph Marthalers nun eine Bürgerinitiative unter dem Motto "Zürich schreit - Marthaler bleibt!" gebildet hat. Claudius Seidl schreibt zum Tod des Filmregisseurs John Lee Thompson. Eva Menasse freut sich, dass die Schauspielerin Andrea Jonasson nach Wien zurückgekehrt ist, wo sie Racines "Phädra" gibt. Dirk Schümer schreibt in seiner Venedig-Kolumne über Doris Dörries Film "Nackt", den er als soziologisch getönte Marivaudage recht freundlich aufnimmt (siehe auch die Perlentaucher-Kolumne aus Venedig, wo Robert Mattheis bereits über Sergej Bodrows "Bear's Kiss" berichtet). Gerhard Rohde bilanziert, ebenfalls recht freundlich, die ersten Salzburger Festspiele unter Peter Ruzicka. Und Henning Ritter schreibt zum Tod von Clemens Heller, ehemals Leiter der "Maison des sciences de l'homme".

Auf der letzten Seite stellt Kirk Varnedoe, ehemals Chefkurator am Museum of Modern Art und heute Kunsthistoriker an der Princeton University, Cy Twomblys Lepanto-Zyklus (Bilder) vor, der von der Sammlung Brandhorst erworben wurde und ab heute in der Alten Pinakothek zu sehen ist. Jürg Altwegg schreibt ein kleines Profil über Gro Harlem Brundtland von der Weltgesundheitsorganisation. Und Andreas Rosenfelder liefert Impressionen über ein Kölner Konzert zum zehnten Jahrestag der Antirassismus-Initiative "Arsch huh". Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld über den neuesten Schachzug des Springer-Verlags in seinem Kampf gegen den WAZ-Konzern, der die Kirch-Anteile an Springer kaufen will - eine einstweilige Verfügung gegen Kirch. Nun wird der Schweizer Ringier-Verlag als möglicher Käufer genannt. Und Roger de Weck schreibt ein Porträt über Michel Friedman ("Wo ist hinter Friedmans Fassade der Hinterhof?"), mit dem er noch mal über den Möllemann-Streit spricht.

Besprochen wird ferner Heinz Spoerlis Zürcher Choreografie zu Schuberts Streichquintett.