Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2002. Die NZZ fasst Jan Philipp Reemtsma an die jüdische Nase. Die FR sieht in der Walser-Debatte Ödipus am Werk. In der FAZ beklagt ein Lehrer die schlechten Schulen in Bayern. In der SZ warnt der Historiker Volker Berghahn vor einer Rebellion der Amerikaner.

NZZ, 03.07.2002

Joachim Güntner nimmt sich noch einmal die Argumente der Walser-Kritiker vor, die dem Autor in der "zweiten, an das reguläre Erscheinen von 'Tod eines Kritikers' geknüpfte Etappe" Antisemitismus vorwarfen, und stellt fest, dass es nicht die Journalisten, sondern "in der Mehrzahl Wissenschafter" wie - Literaturprofessoren wie Jochen Hörisch und Klaus Briegleb und der Psychoanalytiker Kurt Grünberg - sind, die diesen Vorwurf erheben. Und natürlich Jan Philipp Reemtsma in der FAZ. Dessen Argumente findet Güntner am wenigsten überzeugend. "In seinem Bemühen, Walsers Buch das Spiel mit antisemitischen Klischees nachzuweisen, gibt er jeder heiklen Stelle die übelste aller möglichen Auslegungen. Zum Desaster gerät seine Behauptung, Walser mache aus der Physiognomie Ehrl-Königs alias Reich-Ranicki eine 'antisemitische Karikatur', wobei ihm die Beschreibung der Nase besonders verdächtig ist. Doch die 'so kräftige wie feine Nase', an deren Zeichnung Reemtsma unbedingt das antisemitisch Karikierende entdecken möchte, gehört gar nicht Andre Ehrl-König, sondern Hans Lach. Das hat der Hamburger Professor für Literaturwissenschaft ganz einfach übersehen." (Wir haben nachgeguckt, Güntner hat recht! Die zitierte Passage von Reemtsma können Sie hier nachlesen, Reemtsmas komplette Kritik in der FAZ hier.)

Weitere Artikel: Aldo Keel berichtet von Protesten gegen die Hamlet-Proben Stefan Bachmanns in Kopenhagen. Bachmann hat die Rolle der Ophelia mit einer mongloiden Frau besetzt. Besprochen werden die Aufführungen von "Iphigenie en Aulide" und "Euryanthe" in Glyndebourne, ein Konzert von Elisabeth Leonskaja und dem Borodin-Quartett in der Tonhalle Zürich und Bücher, darunter ein Sammelband über Adorno, Rudolf Lorenzens Roman "Alles andere als ein Held" und eine Biografie Bertha Pappenheims, Freuds "Anna O." (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 03.07.2002

Volker Berghahn, Professor für Europäische Geschichte an der Columbia University in New York, stellt fest: Die USA sind zu arm für Bushs Politik. Die Rezession, die großzügige Steuerpolitik der Regierung und die horrenden Ausgaben für den Krieg gegen den Terror daheim und auswärts haben ein riesiges Loch in den US-Haushalt gerissen. An einen Krieg gegen Saddam ist kaum noch zu denken, aber bestätigt sich damit auch Paul Kennedys These vom "imperial overstretch", dem unweigerlich der Niedergang der Weltmacht folgt? Indem Bushs Steuerpolitik und die wachsenden Haushaltsdefizite zusammenwirken, meint Berghahn, könnte dieser Effekt rasch eintreten: "einfach weil die weniger wohlhabenden Amerikaner an der Wahlurne rebellieren werden. Eine Konsequenz daraus könnte ein neuer Isolationismus sein, der Rückzug in eine 'Fortress America'."

Die Berliner Soul-Sängerin Joy Denalane (Debütalbum "Mamani") erzählt im Interview von einer Begegnung der ganz unheimlichen Art: "Neulich war ich beim Empfang einer großen Plattenfirma, da standen diese zwei ekligen Typen ?rum und haben ihren Manager zu mir geschickt. Mitten in die Unterhaltung platzt der rein: Ob ich Lust hätte, was mit ihnen zu machen. Da habe ich nur gesagt: Neee! Das konnte er nicht verstehen, dass mich Dieter Bohlen und Ralph Siegel nicht interessieren."

Stefan Koldehoff berichtet Neues vom Raubkunstfall Jen Lissitzky gegen Ernst Beyeler. Thomas Thiemeyer war auf einer Feier des Deutsch-Französischen Jugendwerks auf der Loreley. Rainer Gansera findet das junge deutsche Kino beim Münchner Filmfest ganz schön exzentrisch. Dorothee Müller gratuliert zum 80. Geburtstag des COBRA-Malers Corneille. Tim B. Müller besuchte eine Tagung auf Schloss Elmau, wo Daniel Levy, Natan Sznaider u.a. diskutierten, ob der Holocaust ein Genozid ist. Andreas Wilink sendet einen wohlwollenden Abschlussbericht vom Festival "Theater der Welt".

Und der syrisch-libanesische Dichter Adonis schickt uns ein Gedicht: "Ändert diese Erde, die die Menschen barg / Wischt die Zeit aus, die ihre Geschichte erzählte / Wischt den Himmel aus, der sich über sie beugte / Ähre für Ähre / Damit die Erde wieder wird, wie sie war / Ähre für Ähre."

Besprochen werden der neue Disney-Animationsfilm "Lilo und Stitch", Fotoarbeiten des Schweizers Ugo Rondinone in der Wiener Kunsthalle, Vincenzo Bellinis "Norma" in Stuttgart, eine Ausgabe der Zeitschrift Tumult, die den Rechtshistoriker und Religionswissenschaftler Pierre Legendre vorstellt, eine (beim Verlag Internationale Beziehungen in Moskau erschienene) Studie über den sowjetischen Antisemitismus sowie ein Buch über die Helden der Medizingeschichte (siehe auch unsre Bücherschau um 14 Uhr).

TAZ, 03.07.2002

Da morgen in Berlin über den Wiederaufbau der wohl meistumkämpften Schlossfassade aller Zeiten entschieden wird, lässt Uwe Rada in zwei Tagesthemen-Artikeln (1, 2) die barocke Schloss-Debatte noch einmal Revue passieren und in die vorläufige Endphase treten. Wenn - etwas enttäuschend - am Donnerstag weder die Abgeordneten durch ein Spalier von Demonstranten werden laufen müssen noch am Schlossplatz eine Kundgebung gegen eine nostalgische Geschichtspolitik der schwarz-rot-grünen Schlossbefürworter stattfinden wird, so hat das für Rada zum einen mit dem "immer undurchsichtiger werdenden Dschungel von Akteuren und Zuständigkeiten", zum andern aber damit zu tun, dass es schlicht um keinen symbolischen Ort in der Mitte Berlins oder gar der gesamten Bundesrepublik mehr geht, sondern "nur noch um die architektonische Zukunft eines regionalen Ortes, irgendwo zwischen Alexanderplatz und ehemaligen Außenministerium der DDR." Mensch, zwölf Jahre! Det kann doch janich bloß symbolisch sein!

Außerdem berichtet Heide Platen von der Computerspiele-Schau "game_over - Spiele, Tod und Jenseits" im Kasseler Museum für Sepulkralkultur. Christiane Rösinger war beim Berlin-Konzert von Willie Nelson (hier seine homepage). Jenni Zylka und Andreas Becker hat's beim Roskilde-Festival ins Zelt geregnet (sonst war's aber prima, Roskilde finden Sie hier). Yves Rosset muss bei der Besichtigung von Thomas Hirschhorns "Bataille-Monument" auf der documenta an dessen Prinzip der "maßlosen Verausgabung" denken, und Cristina Nord hat in Bolivien den Spannungen zwischen den unterschiedlichen Ethnien des Landes nachgespürt und im Goethe-Institut von La Paz (mehr hier) einen echten Vermittler entdeckt.

Schließlich TOM.
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FR, 03.07.2002

Was wir schon lange geahnt haben... Martin Altmeyer entdeckt uns den Narzissmus im Subtext der neuesten Literaturdebatte. Über John Updikes Kritikertötungsphantasie "Bech in Bedrängnis" kommt er zu Walser-MRR und erklärt: "Es ist die über die Zeit durchgehaltene Haltung des enttäuschten Vaters, die den längst erwachsenen Zögling mal in die bittere Resignation, mal zur wütenden Raserei und schließlich zum symbolischen Mordversuch treibt: Der attackierte Literaturbetrieb gleicht einer ödipalen Familienszene, die phantasierte Ermordung des Szenepaten ist ein versuchter Vatermord. Der Versuch entspringt freilich der Hassliebe eines in seinem Inneren tief verwundeten Autors, der immer noch darauf wartet erhört zu werden." Und am Ende? Sind alle verletzt und keiner ist gestorben. "Im unbewussten Zusammenspiel von Ego und Alter Ego ist der gemeinsame Ruhm gemehrt und wieder ein Stück Unsterblichkeit erworben worden. Videor ergo sum - die narzisstische Kollusion hat funktioniert."

Krystian Woznicki untersucht die Rolle des Soldaten als Friedensstifter, Umweltschützer, Entwicklungshelfer und Schauspieler und erklärt ihn zum Protagonisten der Globalisierung, der dafür zu sorgen hat, "dass sich die US-amerikanische Standarddemokratie weltweit durchsetzt ... Der Soldat repräsentiert die Globalisierung, er ist ihr Held und Aushängeschild. Sein Aktionsradius wird demnach weniger durch einen akuten Notstand festgelegt, als durch Mechanismen der Repräsentationspolitik."

Ulrich Speck war auf einem Elmauer Kolloquium zum Thema Holocaust und Globalisierung. Christian Schlüter vergleicht die Güte der Fruchtsäfte u.a. auf Berliner Tagungen. Aus Chile berichtet Karin Ceballos Betancur, dass die Verfahren gegen den Ex-Diktator Pinochet eingestellt werden. Auf der documenta hat sich Peter Iden Thomas Hirschhorns Bataille-Monument aus der Nähe angesehn, und vor Möllemanns Düsseldorfer Firma erfährt Stefan Keim den Schlingensief-Effekt: "Schlingensief gräbt obsessiv immer wieder das Dumpfe im Deutschen heraus, und das wahre Grauen seiner Aktionen ist die Tatsache, wie kurz unter der Oberfläche er fündig wird."

Besprechungen widmen sich Barbet Schroeders Film "Mord nach Plan" und der großen Retrospektive des Werkes von Eva Hesse im Kunstmuseum Wiesbaden.

FAZ, 03.07.2002

Nun dachten wir gerade, wenigstens an bayerischen Schulen wäre alles gut, da erklärt Stefan Greifenstein, geboren 1961, Lehrer für Englisch und Latein am Aventinus-Gymnasium in Burghausen, warum er unzufrieden ist mit sich, "dem bayerischen Gymnasium und allen seinen Reformen": "Die Bemühung um kontinuierlichen Erfolg im Unterricht ist oft Show-Elementen gewichen. Der mit der Stofffülle kämpfende Kernfachlehrer sieht sich mit Stundenausfall konfrontiert, wenn Schüler auf Exkursion, Austausch, Workshop, Besinnungstag weilen - alles selbstverständlich spannender als Lateinvokabeln. Es wird besonders für Schüler zunehmend schwieriger, zu erkennen, was das Kerngeschäft ist. Da darf es dann nicht verwundern, wenn Hausaufgaben nicht erledigt werden, weil 'wir zum Shopping nach München fahren mussten' oder 'weil ich gestern Geburtstag hatte'." Soll man das um des lieben Friedens willen akzeptieren? Greifenstein vermisst hier klare Regeln im Umgang mit den Schülern.

Nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz werden zunehmend Antisemitismusvorwürfe erhoben. Jürg Altwegg beschreibt in diesem Zusammenhang auf der letzten Seite das schwierige Verhältnis zwischen 1. der Schweiz und den Schweizer Juden, 2. allen Schweizern und den Israelis sowie 3. den Schweizer Juden und den Israelis.
Dazu passt eine kurze Meldung von Joseph Hanimann, der von einem Aufruf der Vereinigung "Reporter ohne Grenzen" in Frankreich berichtet, nicht jede Kritik an der israelischen Politik als antisemitisch zu bezeichnen. Anlass ist eine Klage gegen den Journalisten Daniel Mermet, der in einer Reportagesendung aus Jerusalem und Gaza auch Zuhörer hat zu Wort kommen lassen, deren Äußerungen als Antisemitismus ausgelegt werden können. Unterschrieben haben den Aufruf unter anderen Edgar Morin, Jorge Semprun, Pierre Vidal-Naquet, das Ehepaar Aubrac, aber auch israelische Intellektuelle wie der Historiker Amnon Raz-Krakotzkin.

Dieter Bartetzko plädiert dafür, das Berliner Stadtschloss wieder aufzubauen und zwar als Rekonstruktion, aber mit "Hilfe der Moderne". Für diese Kombination gebe es in Deutschland hervorragende Beispiele: Frankfurter Paulskirche, Dresdner Frauenkirche, Berliner Gedächtniskirche und Berliner Dom. Ilona Ehrhardt berichtet über die Renovierung der Staatsbibliothek unter den Linden: 42 Millionen Euro hat sie gekostet, und dann ließ sich beim "bescheidenen Festakt" kein einziger Kulturpolitiker sehen. Monika Osberghaus kommt unzufrieden von einer Tagung in Tutzing zurück, auf der über die Fantasy-Welle im Kinderbuch diskutiert wurde.

Auf der Stilseite beschreibt Andreas Platthaus die modische Karriere nationaler Symbole im Zuge der WM, und Susanne Klingenstein bespricht die Ausstellung "Chic Clicks: Modefotografie zwischen Kunst und Auftrag" im Fotomuseum Winterthur.

Besprochen werden Aufführungen aus Toronto und Schiras beim Festival Theater der Welt, Matthew Barneys Cremaster-Welt im Kölner Museum Ludwig, eine Ausstellung der Sammlung des Kunstmuseums Bern, das "kleine, aber feine" Kammermusik-Festival in Heimbach, Richard Linklaters Film "Waking Life" und eine Aufführung von Lope de Vegas "Kluge Närrin" in Salamanca.