Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.07.2002. Die FAZ bat Schröder und Stoiber um einen Kommentar zur WM. Die NZZ berichtet, dass der Marquis Astolphe de Custine nach 150 Jahren die Russen immer noch ärgert. Die FR berichtet von einer Reise ins tschechische Lezaky, das nach dem Attentat auf Heydrich zerstört worden war. Die taz ist fasziniert von der Sprachvermischung beim Theater der Welt. Die SZ erklärt, warum Dänemark kein Ausländerproblem hat.

FAZ, 02.07.2002

Was für eine hübsche Idee! Die FAZ hat Kanzler Gerhard Schröder und Edmund Stoiber gebeten, das Finale der WM zu kommentieren. Es lohnt sich durchaus, beide Texte (Schröder hier, Stoiber hier) aufmerksam zu lesen. Beide Autoren würdigen ausdrücklich die Tatsache, dass sich die deutsche Nationalelf von einem der letzten Plätze so weit nach vorn gearbeitet hat. Geschuldet ist dieses "großartige" Ergebnis nach Meinung beider dem herausragenden Teamgeist der Elf. Doch wie ist dieser Geist entstanden? Für Schröder lag es daran, dass der einzelne Spieler nicht mehr fragte "Wo tut es dir weh?", sondern "Was können wir für den gemeinsamen Erfolg tun?" Stoiber hebt dagegen die Leistung Rudi Völlers hervor: "Die Kompetenz des Teamchefs und seine Leidenschaft haben am Ende den Erfolg gebracht." Beide gratulieren auch dem neuen Weltmeister Brasilien. Schröder im ersten Satz, Stoiber im letzten Absatz.

Michael Gassmann sucht auf der Schweizer Expo die Schweiz und findet sie in der Landschaft der vier Ausstellungsorte: "Die Wirkung der vier Orte ist magisch; Worte werden nicht gebraucht, so wie eben auch die gelungeneren Pavillons aufs Argumentieren verzichten. Die Schweiz wird erfühlt, nicht erörtert."

Weitere Artikel: Dietmar Polaczek erklärt, wie die Italiener von ihren täglichen Umweltsünden abgehalten werden sollen. Jörg Magenau resümiert ein Berliner Symposion zur "Grenzliteratur" Osteuropas. Dieter Bartetzko beschreibt die Rekonstruktion des letzten von acht Kuppelmosaiken im Berliner Dom. Monika Osberghaus gratuliert dem Kinderbuchautor Josef Guggenmoos zum Achtzigsten (hier ein Gedicht). Mark Siemons gratuliert dem Schriftsteller Gert Neumann zum Sechzigsten. Auf der letzten Seite hat Ernst Horst die Gedanken notiert, die ihm während einer Pressekonferenz mit Leni Riefenstahl (hier ihre homepage) durch den Kopf gegangen sind. Anlass der Konferenz war ein Film mit Reinhold Messner, der zum hundertsten Geburtstag der Riefenstahl am 22. August gedreht wurde. Und auf der Medienseite berichtet Joseph Hanimann vom Rücktritt des Vivendi-Chefs Jean-Marie Messier.

Besprochen werden die "Walküre" nach dem Konzept von Herbert Wernicke in München, eine Ausstellung über mittelalterliche Buchkunst in der Universitätsbibliothek Freiburg, der japanische Film "Sehnsucht" von Tamasaburo Bando, Franz Xaver Kroetz' Inszenierung von Raimunds "Bauer als Millionär" in München und Bücher, darunter die Hefte "Arche" des Psychoanalytikers Georg Groddeck und politische Bücher (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 02.07.2002

Vor rund 150 Jahren beschrieb der französischen Marquis Astolphe de Custine in seinem fast 1000-seitigen Reisebericht "La Russie en 1839" "das Imperium des Zaren Nikolai I. als ein düsteres, wiewohl von glanzvollen Festen und Gottesdiensten überstrahltes Reich des Bösen", hinter dessen "europäischen Fassaden die millionenfache Fratze des Tataren lauere". Das ärgert den "namhaften Schriftsteller und Publizisten Wjatscheslaw Pjezuch" heute noch, weshalb er in der Moskauer Zeitschrift Bote Europas (Westnik Jewropy, H. 3) eine Replik vorgelegt hat. Kurios, könnte man meinen, doch für Felix Philipp Ingold ist es ein Anlass zur Sorge. Pjezuchs Einstellung erscheint ihm "rechtspatriotisch, antiliberal, demokratiefeindlich, verantwortungsscheu, obrigkeitsgläubig". Was, fragt sich Ingold, der ausgiebig aus dem Text zitiert, hat diese reaktionäre Wortmeldung ausgerechnet und auch noch unkommentiert in der "als liberal und weltoffen geltenden Zeitschrift" Bote Europas zu suchen? (Wir können hier zwar kein Wort Russisch, glauben aber, Pjezuchs Text im Netz gefunden zu haben. Ist es dieser?)

Weitere Artikel: Joachim Güntner fasst die überschwänglichen Reaktionen der deutschen Presse auf die Expo 02 zusammen (nur die taz blieb reserviert und beschwerte sich über den "'noch immer ziemlich teuren Schweizerfranken'. Ohne Geld, das ist leider wahr, macht die Expo keinen Spaß.") Sieglinde Geisel berichtet über die Tagung "Toleranz und Vielfalt" in Berlin. Christine Wolter stellt die Spielpläne Luca Ronconis vor. Abgedruckt ist ein Auszug aus Margriet de Moors neuem Roman "Kreutzersonate", der im August erscheinen wird.

Besprochen werden Wagners "Walküre" nach dem Konzept des verstorbenen Herbert Wernicke bei den Münchner Opernfestspielen, ein Konzert des Orchesters der Oper Zürich mit Franz Welser-Möst, eine kleine Ausstellung des Cuypers-Nachlasses im NAI Rotterdam, die schon mal eine Vorgeschmack gibt auf eine umfassende Retrospektive des Architekten (mehr zu Cuypers finden Sie hier), und Bücher, darunter John Edgar Widemans Roman "Schwarzes Blut" und Michael Lentz' Prosaband "muttersterben" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 02.07.2002

K. Erik Franzen berichtet von einer Reise ins tschechische Lezaky im letzten Sommer. Es war auch eine Reise in die Vergangenheit: "27. Mai 1942, 10 Uhr 30. Die Waffe von Josef Gabcik blockiert. Kein Schuss löst sich aus dem Schnellfeuergewehr. Ausgerechnet jetzt, wo er den Organisator des Holocaust und stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren im Visier hat. Reinhard Heydrich, ein erfolgreicher Fechter, reagiert sofort. Er ruft seinem Fahrer zu: Anhalten! Doch bevor er den Attentäter stellen kann, wirft Gabciks Kamerad Jan Kubis, der sich bis dahin versteckt gehalten hatte, eine Bombe auf das grüne Daimler-Cabrio." Heydrich stirbt wenige Tage später, Lezaky wird niedergebrannt, Lidice vernichtet. Die Gegenwart: "Ein zugeparkter Ort. Ein wiederentdeckter Ort. 23. Juni 2002, 7 Uhr 50. Es riecht nach Grillkohle, die ersten Fässer Bier sind bereits angestochen in Lezaky. Der 60. Jahrestag der Vernichtung des Ortes beginnt mit einem Gottesdienst. Habe das verwunschen wirkende böhmische Erinnerungsdorf, in dem seit 1942 niemand mehr lebt, sofort wiedererkannt."

Rolf C. Hemke hat beim Festival Theater der Welt interessante Aufführungen gesehen, bemängelt aber massive organisatorische Probleme: "Das Festival machte sich durch ein schlechtes Zeitmanagement die größte Konkurrenz: Auch mit Auto und Ortskenntnis war es unmöglich, mehrere Aufführungen an einem Abend zu sehen." Und das brasilianische Teatro da Vertigem musste am Sonntag um 13 Uhr antreten! Teil von Theater der Welt war auch Diedrich Diederichsens in Köln und Berlin zeitversetzt stattfindende Tagung zum Thema "Kraft der Negation". Ralf Grötker zieht (aus der Berliner Veranstaltung) das Resümee: "Die Kraft und die Reize der Negation, dies wurde eindrücklich demonstriert, erschließen sich nur, wenn man sie aus der Spannung zwischen Kunst und Politik heraus begreift. Aber auf die Grenze kommt es an."

Times mager erinnert sich an einen zweiten Band (und nur diesen) von Martin Walsers Roman "Halbzeit". Christian Thomas war auf der Ausstellung "Worldairports" im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt/Main, und Peter Iden hat sich in Bratislava das Theaterfestival "Eurothalia" angesehen. Und zu Franz Xaver Kroetz' Münchner Inszenierung von Ferdinand Raimunds "Der Bauer als Millionär" hat Marietta Piepenbrock dies zu sagen: "Man hätte den Abend gern mögen können wollen. Man konnte nicht können." Zu guter Letzt: Carmen Renate Köper las in Frankfurt Texte von Gertrud Kolmar.
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TAZ, 02.07.2002

Morten Kansteiner war auf dem Festival Theater der Welt unterwegs und zeigt sich vom Phänomen der allgemeinen europäischen Sprachvermischung fasziniert: "In Percevals 'L. King of Pain', einer 'King Lear'-Adaption, mischen sich die Sprachen sogar an der Oberfläche der Dialoge. Meist kommunizieren die Figuren mit Hilfe einer Kreuzung aus Deutsch, Flämisch, Niederländisch, dazu kommen französische Passagen und italienische Einwürfe. Das ist praktisch. Denn die Produktion vereint Schauspieler und Geld aus Antwerpen, Zürich, Hannover; sie wandert in verschiedene Ecken Europas." Etwas anders funktioniert die Sprachendifferenz bei Josse de Pauws "üBUNG": "De Pauw hat mit Schauspielern einen schlichten Film gedreht, über eine Party bei einem wohlhabenden Ehepaar. Dann hat er Jugendliche engagiert, um diesen Film live zu synchronisieren. Sie sprechen die Dialoge vorn auf der Bühne, während hinten auf einer großen Leinwand die Erwachsenen stumm ihr Fest feiern. (...) Zum Vorschein kommt dabei die Mechanik sozialer Interaktion."

Kolja Mensing denkt beim 125. Geburtstag Hermann Hesses vor allem an Warhol: "Auf Warhols Bild wird das traditionelle Zeichenvokabular jugendlicher Aufmüpfigkeit ironisch gebrochen. Dem Zeitgeist der Achtzigerjahre kam das sehr entgegen. Die Sehnsucht nach der Revolte begann sich längst in den feinen Unterschieden der Postmoderne aufzulösen."

Weitere Artikel: Julia Grosse hat eine Ausstellung besucht, deren zentrales Thema der Ku-Klux-Klan ist: William Christenberrys Polaroids in der Photografischen Sammlung Köln. Helmut Höge kommentiert, mit amüsanten Umwegen über Gott und die Welt, das Scheidungsrecht und seine Folgen.

Und Tom ist zwar im Urlaub, die taz lässt seine Fans aber nicht allein.

SZ, 02.07.2002

Eigentlich, meint Christoph Bartmann, hat Dänemark weiß Gott kein Ausländerproblem: "Viele Immigranten haben ihre Lektion gelernt und sind bereitwillig Kulturdänen geworden. Ghettobildungen wie in deutschen Großstädten hat es kaum gegeben, Kriminalität und Arbeitslosigkeit hielten sich in Grenzen." Die Dansk Folkeparti (offizielle Website auch mit deutschen Texten hier), Teil der Regierungskoalition, sieht das freilich ganz anders, und inzwischen reden sogar die Sozialdemokraten davon, straffällig gewordene Asylbewerber auf einer Insel wegzusperren. Bartmann hält das jedoch für eine Phantomdebatte: "Man könnte dies Stammtischparolen nennen, wenn es in Dänemark Stammtische gäbe, an denen das gemeine Volk solche Reden führt. Eher scheint es aber, als sei die Demagogie in Ausländerfragen eine Erfindung der Politiker selbst. Erst haben sie das Thema groß geredet, nun müssen sie entsprechende Taten folgen lassen. Der Wähler hat danach vielleicht gar nicht verlangt."

Herta Däubler-Gmelin zeigt in einem Artikel keinerlei Verständnis für den Widerstand der USA gegen den gestern offiziell eingesetzten Internationalen Strafgerichtshof (IStGH; mehr Informationen hier und hier) in Den Haag: "Der Internationale Strafgerichtshof ist ein 'Meilenstein' auf dem Weg zur globalen Durchsetzung des Rechts. Der Konflikt mit den USA muss schnell beendet werden. Gerade die Freunde der USA sollten dabei mithelfen und die USA dazu auffordern, mit dem Internationalen Strafgerichtshof zusammen zu arbeiten." (Am Ende des Artikels gibt es eine Reihe weiterer Links zum Thema in der SZ)

Burkhard Müller macht sich unbedingt lesenswerte Gedanken zu einem "eher unrunden Jubiläum", nämlich Hermann Hesses 125. Geburtstag. Entsetzlich gelangweilt hat ihn die Relektüre des "Glasperlenspiels": "Kein seltenes Phänomen ist es ja, dass Künstler gerade mit ihrem Opus maximum etwas haarsträubend Verkehrtes wollen, etwas, das ihren Neigungen und Fähigkeiten stracks zuwiderläuft, dem sie aber trotzdem unter Vergewaltigung aller ihrer Instinkte auf der Spur bleiben, weil sie die qualvolle Mühe, die ihnen das Projekt bereitet, für den Ausweis seiner Größe halten." Es wird dann aber freundlicher. Ein wenig. (Eine ausgezeichnete Website zu Hermann Hesse bietet die University of California.)

Weitere Artikel: In Köln hatte Diedrich Diederichsen unter anderem Christoph Schlingensief, Adorno und Hermann Melvilles Bartleby geladen zum Nachdenken über die Kraft der Negation. Rainer Stephan hält den Jubel der deutschen Nation über eine Endspielniederlage für camouflierte Frustration. Glossiert wird, auch nicht sehr erfreut, die Markteinführung eines fettarmen französischen Käses: eine echte Geschmacklosigkeit. Einen Nachruf gibt es auf den Psychoanalytiker Alfred Lorenzer.

Besprechungen: "Herrliche lyrische Ekstasen" erlebte Joachim Kaiser bei der nach Vorgaben des verstorbenen Herbert Wernicke von Hans-Peter Lehmann inszenierten, von Zubin Mehta dirigierten "Walküre" in München. Jürgen Berger hat sich weitere Veranstaltungen des Theater-der-Welt-Festivals angesehen. Padmini Chettur und Sarah Chase tanzen beim Theater der Welt, Arnd Wesemann vernahm "höllenleise Stille". Thomas Thiemeyer berichtet vom Festival des deutsch-französischen Jugendwerks. Besprochen werden eine Ausstellung mexikanischer Kunst im New Yorker P.S.1, die bald nach Berlin kommt, und eine andere in Frankfurt, zum Thema Flughafenarchitektur (mehr hier).

Beim Münchner Filmfest (hier die Website) gibt es Dokumentarfilme zu sehen, Doris Kuhn bietet die täglichen Tipps, außerdem wird die Schauspielerin Christina Ricci porträtiert, ein bisschen aber auch Anna Paquin.