Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.02.2002. Gemischte Gefühle in den Feuilletons: Alexander Fest schließt seinen eigenen Verlag und tritt statt dessen die Leitung des Rowohlt-Verlags an. In der NZZ erfährt man unterdessen, wie viel die britischen Verlage den Buchhändlern bezahlen, damit diese ihre Bücher präsentieren. Die taz widmet sich außerdem der lateinamerikanischen Musik und die SZ interviewt Dominik Graf.

NZZ, 01.02.2002

Sehr lesenswert und amüsant, aber nicht leicht zu resümieren der Artikel des urkrainischen Schriftstellers Andrej Kurkow über die Denkmalskultur in der Ukraine, wo man nach der Wende die Lenin-Statuen schnell mal durch übergroße "Mutter-Heimat"-Figuren ersetzte. Kurkows Resümee: "In Ermangelung anderer Gründe ist die Ukraine vorläufig einmal stolz darauf, dass sich das geographische Zentrum Europas auf ihrem Territorium befindet. Dieser Stolz ist völlig berechtigt und erleichtert es den Ukrainern, sich als Europäer zu fühlen. Bleibt nur noch, dem geographischen Europabewusstsein ein wenig europäische Denkweise und eine zivilisierte Einstellung zum eigenen städtischen Lebensraum hinzuzufügen."

Georges Waser schildert Verwerfungen auf dem britiscchen Buchmarkt, die gewiss auch Alexander Fest mit Interesse beobachten wird. Seit der Abschaffung des Buchpreisbindung wird der Handel immer wichtiger und die Buchbranche verkomme zu einem "Top Ten Business", so Waser. "Wer zu Ketten wie W. H. Smith, Waterstone's oder Borders gehörende Läden kennt, hat es zweifellos erlebt: wie sich einem in solchen Läden unmittelbar Tische und Gestelle entgegendrängen, auf denen das Angebot mit Etiketten wie 'Recommended!' oder 'Book of the Week!' versehen ist.... Was der Besucher jedoch nicht weiß, deckte vor kurzem das Magazin The Spectator auf: die Summen, welche die Verleger den Ladenketten für solche den Büchern umgehängte Etiketten bezahlen müssen." Gemäß dem anonymen Autor des Artikels "kostet bei W. H. Smith die Empfehlung 'Lektüre der Woche' für ein Buch den Verleger 10 000 Pfund - während ein Verlag, dessen Titel von Amazon im Internet als 'Book of the Month' angeboten wird, dafür 6000 Pfund hinlegt." Fragt sich, ob solche Tendenzen nicht auch mit Buchpreisbindung kommen werden.

Weiteres: Hubertus Adam stellt neue japanische Bauten von Shigeru Ban vor. Michael Marek und Matthias Schmitz haben den Leiter der Buchenwald-Gedenkstätte Volkhard Knigge getroffen, der eine "Hollywoodisierung" des Gedenkens fürchtet. Tobias Hoffmann bespricht ein Projekt der Theaterprojekt des Ensemble-Theaters der Region Solothurn-Biel über Robert Walser. Und "gew" meldet, dass ein Teil der Bilderbuchsammlung der Zürcher Buchhändlerin Elisabeth Waldmann - nämlich 800 "Rotkäppchen"-Bücher im Bilderbuchmuseum Burg Wissem eine neue Haimat gefunden hat.

SZ, 01.02.2002

Roger Willemsen packt die Gelegenheit, nämlich die Hamburger Ausstellung "Nackt!", beim Schopfe, und doziert feuilletonistisch über dies sein Lieblingsthema. Illusionslos stellt er fest: "Der heutige Mensch ist mit dem Nackten eher auf der verzweifelten Suche nach der eigenen Erregbarkeit. Sein Dilemma ist das des Aufklärers, der dieses Nackte seit Jahrhunderten einsetzt, um die Grenzen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten zu verschieben, und am Ende doch nur in einer großen allgemeinen Impotenz angekommen ist." Es stellen sich Fragen wie: "Wie will man die neuplatonische Deutung antiker Nacktheit aus dem Gips befreien?" und Roger Willemsen kommt zur nun auch nicht ganz neuen Erkenntnis: "Nackt aber, so lehrt das Leben durch Enttäuschung, ist nicht dasselbe wie erotisch, und Aktmalerei nicht Geschlechtsaktmalerei."

Viel interessanter das Interview mit dem Regisseur Dominik Graf, dessen neuer Film "Der Felsen" (mehr hier und hier - komisch: ein deutscher Film, über den man Informationen nur auf Englisch findet) auf der Berlinale zu sehen sein wird. Über die anhaltende deutsche Filmmisere meint er: "Andererseits heißt es dann auch: wir wollen jetzt ganz billig und klein sein, und sehr authentisch, und viel mehr von der deutschen Realität abbilden als bisher. Dabei entstehen dann Filme, die eher zeigen, dass wir die Kriterien für den wirklichen großen, sozusagen transzendierten Realismus oft noch gar nicht beherrschen. Unsere Schauspieler sind dafür häufig zu eitel und sprachlich zu schwach, unser Regie-Horizont ist viel zu sehr vollgestellt mit Klischees über die nette Wirklichkeit des kleinen Mannes, und unsere Erzählkultur verfügt deutlich über zu wenig Lebenserfahrung und erscheint derzeit einfach zu banal für wirklich tiefen Realismus."

Ijoma Mangold sieht mit einem lachenden und einem weinenden Auge Alexander Fest und seinen Verlag im Rowohlt-Verlag aufgehen. Das ist gut für den Rowohlt Verlag, dem mit Fest endlich wieder ein "ausgesprochener Autorenverleger" vorsteht, meint Mangold. "Schade ist es, weil damit ein Verlags-Label verschwindet, das so überzeugend für die Berliner Republik steht, wie einst Rowohlt für ein links-liberales Milieu stand: Nicht jene Neue Mitte, die Schröder 1998 die Wahl gewinnen ließ, war hier versammelt, aber doch das, was sich nach dem Ende des Kalten Kriegs und den ideologischen Lagerkämpfen irgendwo zwischendrin, aber auf jeden Fall in der neuen Hauptstadt zusammen fand.

Weitere Artikel: Franziska Augstein sieht den nun auch auf das Nato-Treffen in München ausgeweiteten Protest der Globalisierungsgegner durchaus kritisch, findet aber, dass sie dem Krieg in Afghanistan wirtschaftliche Interessen nicht zu unrecht unterstellen. Gottfried Knapp war eines ungewöhnlichen Verwaltungsbaus der Hamburger Architekten Bothe Richter Teherani wegen in Unterföhring. Edeltraud Rattenhuber macht auf Jean-Charles Brisards Dossier zum wirtschaftlichen Umfeld bin Ladens aufmerksam. Jens Malte Fischer gratuliert der Sopranistin Renata Tebaldi zum Achtzigsten und Willi Winkler gedenkt der Fotografin Inge Morath.

Besprechungen widmen sich dem Wettstreit der Künste im Münchner Haus der Kunst und Bücher, darunter Alexej Slapovskys grotesker Roman "Das Formular".

FR, 01.02.2002

In seinem Kommentar zur Stammzellen-Entscheidung des Bundestags macht Christian Schlüter die Theoretiker-Runde von Niklas Luhmann bis John Rawls und kommt ein wenig achselzuckend zur Erkenntnis, dass der Ausgang schon in Ordnung ist: "Legitimation durch Verfahren: Das kann als Verlust oder Verrat beklagt werden, im konkreten Fall als 'Dammbruch beim Schutz menschlichen Lebens' oder als 'tiefe Enttäuschung' angesichts der jetzt profitabel gewordenen 'Tötung von Menschen am Beginn ihrer Existenz', wie einige Kirchenvertreter im Anschluss an die Bundestagsentscheidung äußerten. Dabei hat die Politik nur das Ihrige getan. Sie hat um ihrer selbst willen, zum Schutze ihrer eigenen Handlungs-, Anschluss- und Verfahrensmöglichkeiten Grenzen gezogen - sich selbst Grenzen gezogen, und zwar in Bezug auf die Frage, wie weit parlamentarische Entscheidungen, wie weit also politische Zuständigkeiten reichen sollten."

Psychoanalytisch nähert sich Frank Keil der heiklen Frage nach dem Einsatz von Brechmitteln, der in Hamburg zum Tod eines afrikanischen Dealers geführt hat. Eine seiner Thesen: "Mag einerseits der Grusel der Scharia mit seinen archaischen wie alltagssimplen Aufrechnungen (fehlen einem die Hände, kann man nicht mehr stehlen) ein kulturelles Überlegenheitsgefühl aktivieren, so befriedigt der sich erbrechende Schwarzafrikaner das hiesige Bedürfnis nach Klarheit und Sichtbarem."

Außerdem: Daniel Kothenschulte schreibt den Nachruf auf die Fotografin Inge Morath (mehr hier). Besprochen werden Jean-Jacques Beineix' neuer Film "Mortal Transfer", drei Bücher aus und über die Mongolei, die neue CD der Sofa Surfers, eine CD mit Afrobeat aus dem Funky Lagos der 70er Jahre und die "Aida" in der Inszenierung von Robert Wilson und Antonio Pappano in Brüssel.
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TAZ, 01.02.2002

Die taz bietet einen Schwerpunkt zum Thema lateinamerikanische Musik. Daniel Bax porträtiert die kolumbianische Rocklady Shakira (mehr hier), von deren "unschuldiger Sinnlichkeit" (mehr dazu hier) sogar Gabriel Garcia Marquez schwärmt. Der deutsche Rolling Stone empfiehlt, sich Shakira nur im Video ohne Ton anzusehen, aber die haben mal wieder nichts begriffen, findet Bax: "Natürlich: Die Musik ist nahe am US-Rock gebaut - konventionell, aber mit ein paar exotischen Einsprengseln. Der Witz ist, dass nichts spezifisch Kolumbianisches darunter ist, die kleinen Folklorezitate kommen von anderswo. So eröffnet das Album mit Tangoklängen, bevor es losrockt, und 'Wherever, Whenever' ist mit Panflötenornamenten verziert. Auf 'Eyes Like Yours', einer arabischen Popfantasie, klingt eine orientalische Oud-Laute an - den Bezug zu dieser Region verdankt Shakira ihrem libanesischen Vater, was auch die angedeuteten Bauchtanzbewegungen in ihrem Musikvideo erklärt."

Dazu gibt es ein großes Interview mit dem amerikanisch-puertoricanischen Popstar und einstigen Salsasänger Marc Anthony (mehr hier), der in den USA gerne als Vorzeige-Latino präsentiert wird.

Und noch ein großes Porträt: Fahimeh Farsaie stellt die iranische Regisseurin Tahmineh Milani (mehr hier) vor, die es geschafft hat, mit ihren kritischen Filmen nicht nur die Konservativen, sondern auch die Linke des Landes zu verärgern.

Schließlich Tom.

FAZ, 01.02.2002

Peter Wilfert verlässt die Leitung des Rowohlt-Verlags. Alexander Fest übernimmt das Haus im Auftrag der Gebrüder Holtzbrinck und schließt seinen eigenen Verlag. "Unterschiedlicher können zwei nicht sein", schreibt Eberhard Rathgeb, "Wilpert - ein zäher alter Fuchs auf dem Bestsellermarkt, der sich im Zahlenverhau heimisch fühlt. Fest - ein junger schlanker Ritter vom kultivierten Geist. Beide arbeiten im Stuttgarter Holtzbrinck-Konzern. Fest wird bei Rowohlt vor allem das machen, was er mit seinem Verlag angefangen hat: ein Programm, das sich auch intellektuell sehen lassen kann. Von dieser Zukunft mit Autoren kann Peter Wilfert nur noch träumen. Er geht aus freien Stücken. Es ist in seinen Worten ein Abschied von den Technokraten."

Felicitas von Lovenberg informiert uns, dass der Vorschlag, den Alexander-Fest-Verlag zu schließen, von ihm selbst stammt: "Es sei illusorisch, zwei Verlage mit fast identischen Programmschwerpunkten parallel führen zu wollen. Ähnlich wie bei Rowohlt liegen auch beim Fest Verlag die Schwerpunkte in der Literatur bei deutschen und amerikanischen Romanen, im Sachbuch auf Politik und Zeitgeschichte. Außerdem sei sein Haus ein sehr persönlich geführter Verlag gewesen, dessen Leitung ein anderer nicht ohne weiteres übernehmen könne. Und wenn es bei Rowohlt schiefgeht? Das Risiko müsse man eben eingehen."

Weitere Artikel: Der CDU-Abgeordnete Norbert Lammert (mehr hier) beschwört die Bewohner des Ruhrgebiets: Entweder sie gründen eine Ruhrstadt, oder das Ruhrgebiet "hat seine Zukunft hinter sich". Patrick Bahners erkennt in der jüngsten Entscheidung des Bundestags zur Stammzelldebatte eine Fortsetzung des Kulturkampfs, "den Bismarck und die Liberalen gegen die Katholische Kirche führten". Christian Schwägerl beklagt in einem Artikel zum gleichen Thema den mangelnden Respekt der Biologen vor der Zelle. Lorenz Jäger bereitet uns innerlich auf das Erscheinen einer neuen Novelle von Günter Grass vor, die den Untergang der mit deutschen Flüchtlingen fahrenden und von den Sowjets versenkten "Wilhelm Gustloff" zum Gegenstand hat. In der Geheimdienskolumne von Carl Zuckmayer geht's heute um Hans Fallada. Jürgen Kesting gratuliert der Callas-Kontrahentin Renata Tebaldi zum Achtzigsten. Dieter Bartetzko würdigt den Umbau der Neubrandenburger Marienkirche zum Konzertsaal durch den finnischen Architekten Pekka Salminen. Freddy Langer schreibt zum Tod der Fotoreporterin Inge Morath (die gerade noch ein Buch zum 11. September vorbereitete).

Auf der Medienseite schildert der CNN-Reporter Nic Robertson seine Rückkehr von Afghanistan nach New York. Von Jürg Altwegg erfahren wir, dass das Schweizer Fernsehen seinen Chefredakteur entlässt. Und Matthias Rüb bespricht eine Dokumentation über den Jugoslawienkrieg, die heute in der ARD läuft. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite werden die neue CD von Prince, eine CD mit Ralph Vaughan Williams' Oper "Sir John in Love" und eine CDs mit Kompositionen von Helmut Lachenmann besprochen.

Auf der letzten Seite profiliert Matthias Ehlert die Schauspielerin Esther Schweins. Alexander Bartl erinnert an den Reporter Ernie Pyle, der in seinen Seinen Reportagen aus dem Zweiten Weltkreig den Mythos des Zippo-Feuerzeugs begründete. Und Peter Körte erzählt, wie man in der Verfilmung von Tom Clancys Roman "The Sum of All our Fears" die islamischen Terroristen durch Nazis ersetzte.

Besprochen werden eine "Aida"-Inszenierung von Robert Wilson in Brüssel, die Ausstellung "Das Doppelgesicht der Großstadt" in Bonn, Gregor Schnitzlers Filmkomödie "Was tun, wenn's brennt", eine Dan Graham-Retrospektive in Otterlo und Kleists Prinz von Homburg" in Stratford-Upon-Avon.