Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.12.2001.

NZZ, 31.12.2001

Martin Alioth erzählt anlässlich er Euro-Einführung eine kleine, etymologisch vrsierte Kulturhistorie der europäischen Währungen. Ein Auszug: "Münzbilder prägten gelegentlich Namen. L'agneau und the Noble sind verschwunden, der Sovereign geistert noch durch alte Geschichten, aber der fränkische Ritter, le Franc a cheval, der ab 1360 auf einer französischen Goldmünze erschien, erwies sich bislang als unsterblich." Bislang!

Weiteres: Andreas Essl begibt sich auf eine Reise zum Popocatepetl und sucht nach Spuren Hernando Cortes, Malcolm Lowry und Sor Juana Ines. Lind Schädler meldet die Erweiterung der ständigen Sammlung in der Fondation Beyeler um drei Rothko-Rooms. Und Jürgen Tietz feiert die Wiederauferstehung der Neubrandenburger Marienkirche als Konzerthalle. Besprochen werden Wagners "Parsifal" mit Simon Rattle in der Königlichen Oper London. Annonciert wird ferner, dass der nächste Architektur-Weltkongress im Juli 2002 erstmals in Berlin stattfinden wird. Nicht nur Architekten, sondern auch Gäste wie Arundhati Roy und Peter Sloterdijk werden erwartet.

SZ, 31.12.2001

Der argentinische Schriftsteller Mempo Giardelli gibt der argentinischen Elite, den "wahren Barbaren" die Schuld am Niedergang des Landes, weil sie sich nur damit beschäftigt habe, ihre Privilegien zu bewahren. "Vielleicht schaut die Welt heute auf uns, weil wir, unerwarteterweise, das Land sind, wo alle sozialen Klassen sich erheben, um das ultraliberale Modell zu verstoßen. Vielleicht zeigt deshalb das Fernsehen unsere Bilder, auf dass sich die Welt für einen Moment in einem unerwarteten Spiegel erblickt. Und damit die Urheber und die Nutznießer des Modells entdecken, dass man in Argentinien den üblen Effekt der Globalisierung erkennt. Dass die Leute nicht nur die Ungerechtigkeit satt haben, sondern dass es noch etwas Schlimmeres gibt: einen wirtschaftlichen Zusammenbruch und in der Folge davon keinen Konsum. Es ist bekannt, dass die Arbeitslosen keine Konsumenten sind ­ per definitionem."

Naomi Klein
("No Logo") hat sich dagegen noch einmal genauer das berüchtigte Video von Osama bin Laden angesehen. "Bei all der Aufregung um bin Laden hat man seinem Co-Star in dem Video, dem 'Scheich', wie das offizielle Transkript ihn nannte, nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das ist schade, denn er hat uns einen seltenen Einblick in die Psychologie von Männern geboten, die Massenmord als erhebendes Spiel betrachten. Mehrere Male sprach bin Ladens Gast davon, dass wir in einer Zeit leben, die ähnlich hoheitsvoll sei wie jene, von der der Koran handelt. Dieser Krieg, merkt er an, sei wie 'in den Tagen des Propheten Mohammed. Genauso wie das, was jetzt gerade passiert.'"

Weitere Artikel
: Natürlich gibt es einen Jahres-Rückblick in der Sylvester-Ausgabe - einen Katalog von abgelaufenenen Gütern und verschwundenen Phänomenen. Auf der Suche nach dem Mittelpunkt Europas war Willy Winkler in Braunau am grünen Inn. C. Bernd Sucher erinnert an den verstorbenen Shakespeare-Forscher Jan Kott. Theodor Ickler fragt, wie gut die deutsche Sprache sei und wie sie sich verbessern lasse. Wolfgang Jeanstock beklagt, dass Europas Kulturhauptstadt Porto seinen Besuchern vor allem Baustellen präsentierte.
Besprochen werden eine Ausstellung von Katharina Sieverding in Rom sowie eine Schau zu Kandinsky und Schönberg in Moskau, Hardy Martins Neuverfilmung von "Soweit die Füße tragen", John Dahls neuer Film "Spritztour" und eine Aufführung von Gounods "Romeo und Julia" in Wien.

FR, 31.12.2001

Marcia Pally schreibt einen nachweihnachtlichen Flatiron Letter aus New York über die Kunst des Einkaufens: "Früher beklagten sich die Intellektuellen, dass der Kapitalismus Kunst in Kommerz verwandeln würde. Jetzt beklagt man sich in New York darüber, dass der Markt Kommerz in Kunst verwandeln würde. Kurz vor Weihnachten nämlich wurde in Soho eine neue Prada-Boutique 'eröffnet' - fast schon wie bei einer Vernissage oder Premiere. Geladen war nur die Presse. Die PR-Frau bei Prada erklärte am Telefon, es sei ihr nicht 'erlaubt', mir irgendetwas darüber zu sagen. Top secret!"

Eva Schweitzer weiß, dass Sylvester am New Yorker Times Square in diesem Jahr eine sehr patriotische Angelegenheit wird. Peter Iden berichtet von Harald Schmidts Rückkehr ans Theater (als Becketts Lucky). Kerstin Grether blickt auf das Pop-Jahr 2001 zurück. Eckhard Henscheid beendet mit Hildebrandt, Atta und Becker seine Serie Gewäsch des Monats.

Besprochen
werden gleich zwei Ausstellungen von Olaf Nicolai in Leipzig (mehr hier und hier).
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TAZ, 31.12.2001

Es ist der letzte Montag im Monat - also gibt es 864 Zeilen Gabriele Goettle über den Flötenbau und seinen Meister Werner Tomasi zu lesen. Kleine Kostprobe: "Flöten zählen zu den ältesten Musikinstrumenten und sind weltweit verbreitet. Im Prinzip lässt sich jedes geschnittene Rohr als Blasinstrument verwenden, wobei ein Strom verdichteter Luft das tonerregende und eine im Rohr schwingende Luftsäule das tönende Element bilden. Der älteste Flötenfund stammt aus der Zeit des Neandertalers und besteht aus einem mit Löchern versehenen Oberschenkelknochen eines jungen Bären. In der abendländischen Mythologie gilt der griechische Naturgott Pan, Beschützer der Hirten und Ziegenherden in seinem Reich Arkadien, als Erfinder der Flöte. Als er liebestoll der Nymphe Syrinx nachstellte, wurde diese, um ihm zu entkommen, von ihren Schwestern in ein Büschel Schilf verwandelt."

Und Tom.

FAZ, 31.12.2001

Nun strengen die Moscheen von Paris und Lyon doch noch eine Klage gegen Michel Houellebecq an, der in seinem letzten Roman "Plateforme" angeblichen "antiislamischen Rassismus" verbreitet hat, berichtet Jürg Altwegg. Aber er ist skeptisch, ob diese Klage Erfolg haben kann: "Houellebecq hat stets zwischen dem Islam und den Arabern unterschieden. Ob man sich gegenüber einer Religion antirassistisch äußern kann, wird das Gericht entscheiden. Und dabei bedenken müssen, dass es in Frankreich eine lange Tradition der allerheftigsten antiklerikalen Polemik gibt." Und nicht alle ehrwürdigen Traditionen sind religiös!

Ärger bekommt Lawrence H. Summers, der Harvard-Präsident nach einem Bericht von Jordan Mejias. Er hat den schwarzen Professor Cornel West kritisiert. Nun drohen die gesamten Black Studies der Universität unter dem renommierten Professor Henry Gates jr. nach Princeton abzuwandern. Mejias erinnert "die Affäre an jene feindlichen Übernahmen, die unter Wirtschaftskapitänen einst gang und gäbe waren und nun womöglich von den Geistesarbeitern auf dem immer härter umkämpften Campus nachgeholt werden."

Aufmacher des Feuilletons sind kleine Resümees der Fachredakteure über ihr Geistesgebiet unter dem Titel: "Was Künste und Wissenschaften in den Zeiten der Währungsreform in Umlauf bringen" (dabei handelt es sich doch um eine Währungsumstellung, wie Präsident Johannes Rau gestern richtigstellte!). Aus dem Theaterresümee von Gerhard Stadelmaier: "Frankfurt die Schweeger-Lira: im Wert unheimlich rasch ins Bodenlose gesunken. In Berlin der Wilms-Groschen: fällt überraschend füllig in den Kasten des Deutschen Theaters. Und der Hesse-Pfennig: klirrt etwas mager in der Sparbüchse des Gorki-Theaters."

Weiteres: Wolfgang Hilbig denkt im "Deutschen Wörterbuch" über das Wort "Ende, das" nach. Wolfgang Schuller, Alt- und DDR-Historiker, mag sich mit der rot-roten Koalition in Berlin nicht abfinden ("Jetzt wird die PDS mit ihrer gefestigten SED-Mitgliedschaft über das Schulwesen, über die Universitäten, über die Kultur, über die politische Bildung mitbestimmen.") Dietmar Polaczek schickt einen Bericht aus Siena, wo bei Renovierungsarbeit am Dom 180 Quadratmeter Fresken aus dem 13. Jahrhhundert entdeckt wurden - eine Sensation. Auf der Medienseite hält Michael Hanfeld Rückblick auf die Fernsehspiele des Jahres 2001. Und derselbe fleißige Michael Hanfeld porträtiert den ARD-Reporter Hans-Josef Dreckmann, der sich mit seinen Berichten aus Afrika hohes Renommee erwarb. Wiebke Hüster liefert einen Zustandsbericht über die Luxus-Industrie nach dem 11. September - so schlimm scheint es sie gar nicht getroffen zu haben. Und Wolfgang Sandner stellt uns Ignati Solschenizyn vor, den jüngsten Sohn des Schriftstellers, der am berühmten Curtis Institute of Music in Philadelphia studierte und nun eine viel versprechende Karriere als Dirigent beginnt.

Besprochen werden die Produktion "Giselle & Co." beim Introdans in Arnheim, eine Ausstellung über Tomi Ungerer und New York in Straßburg, der Film "Zoolander" und eine Ausstellung über das Petersburger Schloss Pawlowsk im Münchner Haus der Kunst.