Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.11.2001. In der SZ zeigt sich Reinhard Rürup zufrieden mit der neuen Wehrmachtsausstellung. In der FR macht sich Slavoj Zizek reichlich rauchige Gedanken. Die NZZ hat die Ursache für die Attentate gefunden und die FAZ weiß, ab wann ein Mensch ein Mensch ist.

NZZ, 28.11.2001

Sieglinde Geisel macht noch einmal die Globalisierung für die Attentate verantwortlich und ortet weitere Opfer: "Die Globalisierung produziert globale nobodies, die nicht nur arm, sondern für die moderne Welt bedeutungslos sind. Welche Folgen diese Marginalisierung für das Lebensgefühl und die Mentalität der betreffenden Völker hat, lässt sich am Beispiel Ostdeutschlands ablesen, wenn auch in unendlich abgeschwächter Form. Es geht den Ostdeutschen heute materiell besser als je zuvor. Dies jedoch nimmt dem Gefühl, dass es im vereinigten Deutschland auf sie nicht ankomme, nichts von seiner demütigenden Wirkung."

Weiteres: Marc Zietzmann stellt zwei "ambitiöse Musees d'art et d'industrie" in Saint-Etienne und Roubaix vor. Robert Richter stellt Mohsen Machmalbafs (mehr hier) Film "Kandahar" vor, der in der Schweiz anläuft (wir verweisen noch mal auf Machmalbafs Text über die Lage der Frauen in Afghanistan und hoffen, dass sein Film demnächst auch nach Deutschland kommt). Besprochen werden einige Bücher, darunter eine "Geschichte der Räuber und Gauner" von Uwe Danker (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 28.11.2001

In der SZ verweisen die Friedensaktivistin Sayed Aqa und die Publizistin Deonna Kelli Sayed auf den Widersinn im Engagement der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan und warnen vor einem neuen "Bin-Ladenismus". Der hemmungslose Ehrgeiz von Warlords, ausgestattet mit neuen Waffen und frischem Geld, könne neuerlich bürgerkriegsähnliche Unruhen oder bewaffnete Konflikte auslösen, schreiben sie. Die politischen Diskussionen unter der Schirmherrschaft der UN finden sie "gefährlich exklusiv". Was es ihrer Meinung nach wirklich braucht, ist eine "starke multinationale Friedenstruppe, primär aus islamischen Ländern und mit klaren Ziel- und Zeitvorgaben" sowie "öffentliches Vertrauens durch Sicherung der Menschenrechte, humanitäre Nothilfe und einen langfristigen Entwicklungsplan."

Franziska Augstein und Reinhard Rürup waren in der wiedereröffneten Wehrmachtsaustellung in den Berliner Kunst-Werken. Rürup gehört zu den Historikern, die auf Reemtsmas Bitte hin ein kritisches Gutachten über die alte Ausstellung verfassten, und zeigt sich zufrieden. Die neue Schau erscheint ihm übersichtlicher, systematischer und damit sowohl didaktischer als auch allgemein besucherfreundlicher. Korrigiert worden ist nicht nur die falsche Beschriftung von Fotos, sondern auch die seinerzeit bemängelte Pauschalität der Aussage. Mit der hinzugefügten Darlegung des 1939 geltenden Kriegs- und Völkerrechts etwa, so erklärt Augstein, sei es nun nicht mehr möglich, die Verbrechen der Wehrmacht mit dem Verweis auf die damalige Rechtslage zu entschuldigen.

Ferner zu lesen: Arno Orzessek hat auf der ersten deutschen Bürgerkonferenz zur Gen-Diagnostik in Dresden die Ohren gespitzt, Lothar Müller lobt die "Porsche"-Schenkung einer Doublette der Bibliothek Kafkas an die Stadt Prag, Sonja Zekri fürchtet, München könnte die Osteuropa-Forschung widerstandslos aufgeben, Andreas Wilink hat sich auf einer Tagung in Düsseldorf über die künftige Bedeutung der Kultur informiert. Und Roswitha Budeus-Budde gratuliert Tomi Ungerer zum 70.

Besprochen werden: Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" an der Berliner Volksbühne, Rene Polleschs neue Highspeed-Soap "smarthouse 1 + 2" in Stuttgart, Philippe Arlauds Version des "Lohengrin" in Bonn, der Gefängnisfilm "Die letzte Festung" von Rod Lurie, eine Ausstellung über den "ewigen Juden" im Pariser "Musee d'art et d'histoire du Judaisme", eine andere Ausstellung über Paul Celan im Jüdischen Museum Wien, Neues zur menschlichen Gestalt in der Kunst in einer Schau der Grazer Landesgalerie Johanneum. Außerdem Reden und Gespräche von und mit Max Horkheimer auf CD sowie Frank Witzels Roman "Bluemoon Baby" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 28.11.2001

Weil die Amis die Glimmstengel jetzt sogar von den Briefmarken wegretuschieren, macht sich der Kulturwissenschaftler Slavoj Zizek daran, eine kleine Theorie der Belästigung zu entwerfen, indem er die politische Bedeutung des Rauchens mit der Etymologie des Wortes "Altona" kreuzt, um uns schließlich zu fragen: "Ist es eine narzisstische Subjektivität, die alles, was die anderen tun (Ansprechen, ja, bereits Anschauen) als Bedrohung wahrnehmen muss, weil sie darin allein eine fundamentale Infragestellung ihrer selbst sehen kann? Ist die Konjunktur des Themas Belästigung (durch was auch immer), der Anti-(was auch immer)-Kampagnen nicht auch Symptom für unsere zunehmende Unfähigkeit, mit dem Begehren des Anderen umzugehen, uns auf das Risiko, das im Genießen des Anderen liegt, einzulassen?" Mal drüber nachdenken. Am besten bei einer Zigarette.

Außerdem in der FR: Ulrich Speck zeigt sich überzeugt von der neukonzipierten Wehrmachtsausstellung (derzeit zu sehen in den Berliner Kunst-Werken), die zwar weiterhin den Tatbestand der Verbrechen der Wehrmacht bekräftigt, nicht aber die Kollektivschuld ihrer Angehörigen. Helmut Höge unternimmt eine finstere Spurensuche zur Rolle des SS-Sonderkommandos Dirlewanger, das von den Nazis zur Partisanenbekämpfung eingesetzt wurde. Mithu Sanyal berichtet vom Indienfestival 2001 in Duisburg und Berlin, von der 15. Woche des Hörspiels (mehr hier) in Berlin meldet sich Dirk Fuhrig, Christian Broecking weiß, wie es ist, wenn Herbie Hancock tourt, und Hans Wolfgang Hoffmann besucht Berlins neuen Eventtempel: das Neue Tempodrom.

Besprochen werden "Romeo und Julia - eine Version" von Harry Kupfer in der Komischen Oper Berlin, Werner Düggelins Inszenierung von August Strindbergs "Unwetter" am Zürcher Schauspielhaus und Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" an der Berliner Volksbühne.
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TAZ, 28.11.2001

Zu lesen ist ein Gespräch mit dem spanischen Soziologen Manuel Castells von der Universität in Berkeley über den Terrorismus, die Logik der Ausschließung und den "unabdingbaren" Technologietransfer in die Entwicklungsländer. Zwar könne man das Internet nicht essen, so Castell, "aber genug essen ohne das Internet auch nicht. Es ist kein Spielzeug, sondern vergleichbar mit dem, was Elektrizität während der Industrialisierung darstellte." Und haltbar ist es auch: "Wenn man ein Loch in ein Netz schlägt, führt das ganz einfach dazu, dass sich das Netz rekonfiguriert." Ein Umstand, den die Anti-Terror-Allianz allerdings erst noch begreifen muss: "Eine erfolgversprechende Strategie müsste eher den Quellcode des Programms adressieren, welches das Netzwerk arbeiten lässt, bzw. diejenigen Bestandteile ausfindig machen, welche die Entstehung des Netzes erst ermöglicht haben."

Weiteres: Morten Kansteiner über die zehnte Ausgabe des Off-Theater-Festivals "Impulse" in Köln, Düsseldorf, Mülheim und Bochum, Björn Döring war bei zwei Maghreb-Pop-Konzerten von Houssaine Kili und Hamid Baroudi in Berlin. Und Christian Broecking stellt das 3-CD-Set der "Complete In a Silent Way Sessions" von Miles Davis vor, das er nicht zuletzt wegen des CD-Books schätzt ("das beste, das in diesem Jahr über Jazz erschienen ist"). Hier "Mademoiselle Mabry" zum Hören (real player).

Auf der Tagesthemenseite empfehlen wir zur Lektüre das Interview mit der Macherin der Wehrmachtsausstellung, Ulrike Jureit, über das neue Konzept, den kritischen Rückblick auf die erste Ausstellung und den Streit darum. Sowie den angeschlossenen Bericht zum gleichen Thema von Christian Semler.

Zuletzt noch Tom.

FAZ, 28.11.2001

Die FAZ setzt die Reihe der Erwägungen zur Frage, ab wann ein Mensch ein Mensch sei, mit einem ganzseitigen Artikel des Freiburger Philosophen Gerold Prauss fort. Ein Auszug: "Wie soll eigentlich ein Staat als Rechtsstaat noch bestehen, wenn er das grundlegende aller Rechte, das auf Leben, nicht mehr schützt?... Wo er ursprünglich doch gerade darin gegenüber dem Naturzustand die einzige Rechtfertigung für sich besitzt. Denn diesem Zustand wird man bisher nicht gerecht, weil man zu sagen pflegt, in ihm sei 'Homo homini lupus' (ein Mensch dem anderen ein Wolf), was nur eine Verunglimpfung des unschuldigen Wolfes ist zum Zweck einer Verharmlosung des Menschen. Ist in diesem Zustand eines 'Bellum omnium contra omnes' (eines Krieges aller gegen alle) doch gerade Homo homini homo: Einem andern Menschen nämlich tritt ein Mensch in diesem Zustand keineswegs nur wie ein bloßes Tier entgegen, bloß als Wolf. Vielmehr verhält er sich ihm gegenüber wie ein Tier als Mensch, das heißt als Tier, bei dem auch das, was menschlich an ihm ist, Vernunft, noch zusätzlicherweise tierisch an ihm ist, wenn er sie in den Dienst des Tieres stellt, das er in sich hat." Eine fällige Klärung, wie wir finden.

Gerührt hat uns auch die Unterschrift der Illustration zum Text, die eine junge Mutter mit Kind zeigt: "Eine Mutter trägt manchmal schwer an ihrem Kind. Aber wie sollte sie nicht von Anfang an wissen, auch wenn sie noch nichts spürt, dass sich mit und dank ihr etwas entwickelt, das kein Etwas ist, sondern ein Jemand, den nicht sie zum Menschen gemacht hat." Und dass sie's weiß, bevor sie's spürt!

Weitere Texte: Julia Spinola schildert die Berliner Querelen um den Dirigenten Kent Nagano, der mit Abgang droht, falls in der "Rundfunkorchester- und Chöre Gmbh", zu der auch sein Deutsches Symphonieorchester gehört, nicht Zustände herrschen, mit denen er leben kann ? es wäre ein grässlicher Verlust für die Stadt. Ulrich K. Preuß, Professor an der FU Berlin, wendet sich gegen die Zusammenlegung der Ressorts Wissenschaft und Wirtschaft im neuen Berliner Senat. Christian Welzbacher zeichnet den Streit um die Kunst am Bau der Schweizer Botschaft in Berlin nach. Eleonore Büning resümiert ein Basler Symposion über "Musik-Theater heute". Jörg Magenau meldet, dass der Prager Kafka-Gesellschaft mit Hilfe der Porsche-Stiftung eine Handbibliothek überreicht wurde.

Auf der Medienseite berichtet Souad Mekhennet über die Fernseh-Satire "Die Verbrecher" von Abu Dhabi TV, die große Quoten erzielt: Die Verbrecher sind darin selbstverständlich die Israelis (hier ein Szenenbild): "Ein Darsteller des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon greift zur Flasche, nimmt einen großen Schluck, leckt sich die Finger, grinst und sagt mit leuchtenden Augen, wie gerne er das Gesöff zu sich nehme ? es handelt sich um das Blut palästinensischer Kinder." Noch mutiger wäre natürlich, wenn bei Abu Dhabi TV auch mal die einheimischen Prinzen aufs Korn genommen würden. Ferner erfahren wir hier, dass der Presserat die Pressefreiheit gefährdet und dass der russische "Big Brother"-Sender geschlossen wird.

Auf der letzten Seite erzählt Dieter Bartetzko, dass Schinkels Elisabethkirche in Berlin zumindest notdürftig wieder in Stand gesetzt wird. Stefanie stellt die neue deutschsprachige russische Zeiotschrift Ost-West-Akzente vor. Und Gina Thomas porträtiert Neil Macgregor, den künftigen Chef des British Museum.

Besprochen werden eine Ausstellung des amerikanischen Realisten Thomas Eakins in Philadelphia, ein "Lohengrin" in Bonn, eine Ausstellung über den Alltag der Volksschullehrer im 19. Jahrhundert in Lohr am Main, ein Konzert von John Cale, eine Ausstellung über die oberitalienischen Theater im Theatermuseum Wien, der Literarische Herbst in Leipzig und die Ausstellung "Radical Fashion" in London.