Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.10.2001. Jürgen Habermas hat bekanntlich den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen. Die Feuilletons liefern dazu Kommentare, Berichte und dokumentieren zum Teil die Dankesrede des Gewürdigten - und die Laudatio von Jan Philipp Reemtsma.

NZZ, 15.10.2001

Jürgen Habermas' Rede hat Joachim Güntner zuächst enttäuscht, dann aber verblüfft, während "der mit Spannung erwartete Jan Philipp Reemtsma .. eine so fein verästelte akademische Laudatio darbot, dass sich zwar der Preisträger über die 'schöne und differenzierte' Würdigung freute, zahlreiche Gäste aber nur mühsam ein Stöhnen unterdrückten." De gustibus non est disputandum.

Weitere Artikel: Angelika Overath fragt, "wie das Geschick zu deuten ist, dass ausgerechnet Griechenland nach dem mediengerechten Massenmord nun zwischen den Frankfurter Türmen sich als Gastland der Buchmesse präsentierte", kommt aber zu keiner abschließenden Antwort. Helmut Ploebst schreibt zur Eröffnung des Tanzquartiers in Wien. Und Angelika Overath (noch einmal) porträtiert den Antiquar Heribert Tenschert, der am Bodensee lebt, eine ganze alte Mühle voller kostbarer Bücher hat und dermaleinst Martin Walsers Nachlass übernehmen wird.

Besprochen werden Helmut Lachenmanns Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" in Stuttgart, Purcells "Dido and Aeneas" in Genf und Astor Piazzollas Tango-Operita "Maria de Buenos Aires" in Bern.

SZ, 15.10.2001

Thomas Steinfeld liest die internationale Presse, zum Beispiel Situation Stockholm, die lokale Obdachlosenzeitung. Dort hat Horace Engdahl, ständiger Sekretät der Schwedischen Akademie, und damit für den Literaturnobelpreis zuständig, erklärt: "Ich bringe es nicht fertig, behutsam mit einem empfindlichen Ich umzugehen. Ich kümmere mich nicht darum, ich finde es albern, einfach beschissen (...) sollen diese Menschen doch unglücklich sein, irgendwo anders, aber nicht hier." Und Steinfeld kommentiert: "Auf einmal schrumpft die Literaturgeschichte, kennt weder Friedrich Hölderlin noch Franz Kafka, hat Italo Svevo ausgestoßen und Marcel Proust, hat Oblomow und die Helden Samuel Becketts vergessen und hat überhaupt nicht gemerkt, dass der passive Held eine der großen Errungenschaften der modernen Dichtung ist." Und der passive Held war in diesem Fall ja wohl der Interviewer von Situation Stockholm!

Jürgen Habermas hat bekanntlich den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen. Franziska Augstein war dabei und schreibt:" Wer Habermas ehrt, wird ihm nicht verdenken, dass er sich über den Krieg nicht äußern wollte."

Zu den Attentaten nimmt Habermas in der hier dokumentierten Rede aber durchaus Stellung: "Trotz seiner religiösen Sprache ist der Fundamentalismus, wie wir wissen, ein ausschließlich modernes Phänomen. An den islamischen Tätern fiel sofort die Ungleichzeitigkeit der Motive und der Mittel auf. Darin spiegelt sich eine Ungleichzeitigkeit von Kultur und Gesellschaft, die sich in den Heimatländern der Täter erst infolge einer beschleunigten und radikal entwurzelnden Modernisierung herausgebildet hat."

Dokumentiert wird auch die Laudatio durch Jan Philipp Reemtsma, der als Sohn aus gutem Hause offensichtlich ein humanistisches Gymnasium besuchte und Dinge sagte wie: "Contra deum nisi deus ipse" und "Videant philosophi ne quid res publica detrimenti capiat".

Weitere Artikel: Fritz Göttler schreibt zum Tod von Irene von Meyendorff, dem Star des Veit-Harlan-Films "Opfergang". Alexander Kissler resümiert eine Tagung über über die Politikstile des Kaiserreichs in Frankfurt. "uwm" berichtet über den Rücktritt Boris Groys' von seinem Posten als Rektor der Wiener Akademie der Bildenden Künste. Besprochen werden eine Inszenierung von Peter Handkes "Spiel vom Fragen" am Münchner Residenztheater, Albert Ostermaiers Sprech-Partitur "Es ist Zeit. Abriss" am Schauspielhaus Bochum, eine Inszenierung von Verdis Oper "Attila" durch Jeanne Moreau (ehrlich!) in Paris, die Ausstellung "Control Space" im ZKM Karsruhe, eine Ausstellung über Peter Cook und die Architektengruppe Archigramm im Frankfurter Portikus und einige Bücher, darunter Manfred Fuhrmanns "Latein und Europa".

FR, 15.10.2001

Harald Maass berichtet über eine chinesisch-westliche Tagung über "Weltethik" in Peking, an der auch Hans Küng teilnahm: "Der Schweizer Hans Küng, der 1990 die 'Stiftung Weltethos' ins Leben gerufen hatte, ist nach Jürgen Habermas ein weiterer bedeutender Theoretiker, der in China über ein heikles Thema sprechen konnte. Auch Küng wurde von Pekings Regierung hochrangig empfangen, auch er wird in den nächsten Tagen an den großen Universitäten Vorträge halten."

Weiteres: Christian Schlüter resümiert die Rede Habermas' und die Laudatio Jan Philipp Reemtsmas zur Friedenspreisverleihung. Besprochen wird Albert Ostermaiers Stück "Es ist Zeit. Abriss" in Bochum.
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TAZ, 15.10.2001

Dirk Knipphals lässt die Buchmesse Revue passieren, liest noch mal die (alles in allem je etwas substanzielleren) Literaturbeilagen der Konkurrenz und stößt im Editorial der SZ-Literatubeilage auf einen "alten Intellektuellentrick", der darin besteht, "das große Ganze nach dem Maßstäben der eigenen Biografie auszubuchstabieren. Kaum also haben Thomas Steinfeld und Ulrich Raulff von der FAZ zur SZ gewechselt, da ist - als sei es bestellt - in der Realität schon etwas geschehen, was ihrem Wirken in München Würde und Rechtfertigung bringt: eine Kehre zur Ernsthaftigkeit nämlich. Glückliche Fügung, kann man da nur sagen." Verstehen wir nicht. Ist die FAZ denn nicht ernsthaft?

Weiteres: Morten Kansteiner bespricht Albert Ostermaiers Stück "Es ist Zeit. Abriss", das am Bochumer Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Und Gerrit Bartels macht auf die "Risiken der medikamentösen Nikotinentwöhnung" aufmerksam.
Schließlich Tom.

FAZ, 15.10.2001

Ach! Eleonore Büning durfte die Wiener Philharmoniker unter Simon Rattle mit Beethovens Achter (und den anderen acht) hören: "In trunkener Wonne feierte man die Wiener Gäste nach einer zackig zur Groteske verzeichneten, in der Dynamik pointiert überzogenen und in der Klangformung gerade bei den Streichern ganz und gar unwienerisch rauh und böse aufgespielten Achten. Die absichtsvoll falsch einsetzenden Holzbläser gegen Ende des Menuetts beleidigen das Ohr, die fortissimo herausgespuckten Vierundsechzehntel-Ketten im Allegretto knattern wie MG-Salven, und auch alle anderen auskomponierten Irritationen, mit denen Beethoven die Hörerwartung seiner Zeitgenossen täuschte, sind wieder wörtlich genommen."

Felicitas von Lovenberg schildert ihre Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse: "Die Messe litt unter einem Widerspruch: Einerseits hatten viele von dem Thema Krieg und Terror genug, andererseits wollte sich niemand vorwerfen lassen, er betreibe business as usual. Eine Rückkehr zur Normalität kann nur in Zeitlupe stattfinden, solange in jeder Ansprache, jeder Begrüßung und jeder Diskussion immer wieder die veränderte Weltordnung thematisiert wird. Dieser Zwiespalt führte dazu, dass Empfänge zwar stattfanden wie gewohnt, doch keiner ließ es an einer Solidaritätserklärung mit den Vereinigten Staaten fehlen. Neu war daran vor allem das ganz uneuropäische Pathos, das in den Reden mitschwang. 'I am a New Yorker' verkündete auch die amerikanische Flagge auf Krawatten, an vielen Revers oder von Ständen wehend."

Weitere Artikel: Verena Lueken hat einer vom New Yorker veranstalteten Lesung für die Anschlagsopfer zugehört und schildert die Stimmung in New York einen Monat nach dem Anschlag ("Die Zettel mit Fotos und Beschreibungen von Vermissten, die am Anfang Suchanzeigen waren, sind Gedenkblätter geworden. Sie hängen unverändert an Zäunen und Bretterwänden.") Dokumentiert wird Jan Philipp Reemtsmas Laudatio auf Habermas. Markus Reiter proträtiert die Stadt Lemberg, beziehungsweise Lviv oder Lwow ("Die frischgetünchten Fassaden im Zentrum entlang dem Freiheitsprospekt, der zuvor Leninprospekt und davor auch einmal Hitlerprospekt hieß, wirken fast heiter und lassen vergessen, daß zwei, drei Straßen weiter der Verfall tiefe Wunden geschlagen hat.) Christan Geyer sieht Habermas' Rede zur Friedenspreisverleihung als "eindrucksvolle Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Folgen der westlichen Säkularisierung". Der unvergleichliche Gerhard Stadelmaier hat Fragen zu Handkes "Spiel vom Fragen" im Münchner Residenztheater ("Wie spielt man eine ungefähr fünf Stunden lange weilende Luftpapierspiegelung? Eine Fata Morgana zwischen Poesiealbum und Sinn-Gewölk? Dichtungsbluff in Form einer Prozessionsliturgie?)

Ferner schreibt Patrick Bahners über die fortschreitende Taubheit des rechtspopulistischen amerikanischen Radiomoderators Rush Limbaugh. "her" interviewt Muhammad Dschasim vom arabischen Fernsehsender Al Dschazira, der als einziger aus Afghanistan berichten darf. Albrecht Dümling schreibt zum Tod von von Witold Szalonek. Heinrich Wefing beschreibt das nunmehr fertiggestellte Paul-Löbe-Haus des Münchner Architekten Stephan Braunfels im Spreebogen (gegenüber vom Kanzleramt).


Besprochen werden eine Ausstellung über die "Rhetorik der Überwachung von Bentham bis Big Brother" im Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe, ein Konzert von Laurie Anderson in Stuttgart, eine Ausstellung über Rembrandts Frauen in London, ein Konzert von Eros Ramazotti in Berlin und die Uraufführung von Albert Ostermaiers "Es ist Zeit. Abriß" in Bochum.