Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.07.2001.

NZZ, 28.07.2001

Dubravka Ugre?i, kroatische Schriftststellerin, fragt nach der Alchemie von Bestsellern und vermutet einen Zusammenhang mit dem Nudismus. Auf die Idee kam sie, als sie vor einigen Jahren auf einer Nudisteninsel sämtliche Nudisten Umberto Eco lesen sah: "Die indifferenten, über das arkadische Adria-Inselchen verstreuten Nackten lasen ein Buch! Sie hätten kopulieren können, gähnen, in der Nase bohren, sich am Hinterteil kratzen, Sandwiches mit Salami kauen, schnarchen, umhergucken, alles mögliche. Aber nein - sie lasen ein Buch!"

Julius Effenberger porträtiert den senegalesischen VerlegerAboubakar Diop, der sich in der alten Metropole Saint-Louis mit seinem Verlag Xamal um die afrikanische Literatur verdient macht: "Nach dem Wunsch von Louis Camara sollte und könnte die alte Stadt Saint-Louis, nachdem Dakar ihr seit 1960 als offizielle Hauptstadt den Rang als Metropole abgelaufen hat, der wichtigste Ort Senegals in Bezug auf Künste und Literatur werden. In der Geschichte war die im 15. Jahrhundert begründete Stadt stets ein Schmelztiegel europäischer und afrikanischer Einflüsse, die hier nach wie vor wirken."

Weitere Artikel: Jochen Hörisch hat das Schloss Wiepersdorf in der Mark Brandenburg besucht, das als Künstlerhaus auf sich aufmerksam macht. Besprochen werden eine Murillo-Ausstellung in der Alten Pinakothek und einige Bücher, darunter Jan-Christoph Hauschilds Heiner-Müller-Biographie. (Siehe unsere Bücherschau, Sonntag ab elf Uhr.)

"Dichtung zwischen Rausch und Cafard" ? schon der Titel ist doch sehr schweizerisch, und Peter von Matts Artikel in der Beilage Literatur und Kunst befasst sich dann auch, ein paar Tage vor dem Nationalfeiertag, mit der "literarischen Schweiz und ihr Verhältnis zur Geschichte". "Wer von der Literatur der Schweiz spricht, muss früher oder später von ihrem Verhältnis zur Geschichte sprechen, auch zum Rauschcharakter der Geschichte, auch zur Kultur des Cafards, zur Kultur der historischen Ernüchterung. Patriotismus als strenge Patriotismuskritik, das Paradox eines 'kritischen Patriotismus' also, bestimmt entscheidend das künstlerisch verbindliche Schreiben in der Schweiz seit der Mitte des 20. Jahrhunderts."

Rolf Vollmann schildert in diesem Zusammenhang auch das Verhältnis Christoph Martin Wielands zu den "schönen Zürcherinnen": "Nach neun Jahren Schweizer Enthaltsamkeit, die ihn noch nach Bern, nicht aber ans Ziel führt, kehrt der Dichter in seine deutsche Heimat zurück. Enttäuscht von 'frömmelnder Sprödigkeit' und der 'affektierten Züchtigkeit der Schweizerinnen' und neuerlich befeuert vom sublimierenden Pathos seiner Dichtkunst." Wozu die Schweiz alles gut ist!

Weitere Artikel: Sabine Richebächer porträtiert die russisch-jüdische Psychoanalytikerin Sabina Spielrein. Kurt Steinmann schreibt über die Schrift "Querela Pacis" von Erasmus von Rotterdam. Beat R. Jenny setzt sich anhand neuer Ausgaben mit dem Briefwechsel Melanchthons auseinander.

SZ, 28.07.2001

Wolfgang Schieder berichtet von den neuen Eiertänzen der Purpurträger in Rom angesichts der Recherchen zur Rolle Pius XII. im Faschismus. Was zunächst wie eine Wende im Verhalten des Vatikans gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit aussah ? der Einsatz einer paritätischen katholisch-jüdischen Historikerkommission durch Cardinal Edward Cassidy -, erwies sich inzwischen als Rohrkrepierer. Dem von der Kommission geforderten Zugang zu sämtlichen Akten in den Vatikanischen Archiven wurde nicht entsprochen. Pötzlich ist die Rede von Regeln, die besagen, dass die Archive erst nach siebzig Jahren geöffnet werden können. Komisch nur, dass eine solche Regel bisher nie veröffentlicht wurde: "Cassidy würde sie, falls er dort jemand (jetzt, nicht in siebzig Jahren) suchen ließe, auch in den Vatikanischen Archiven nicht finden. Es gibt sie nicht. Der Vatikan entscheidet nicht nach einem festen Reglement, sondern nach reinen Opportunitätskriterien über den Aktenzugang in seinen Archiven." Dass es Hunderte von Jahren gedauert hat, ehe endlich die Inquisitionsakten eingesehen werden konnten, stimmt da nicht eben optimistisch.

Außerdem: Petra Steinberger zeigt, wie Israel anlässlich des Falls Carmi Gillon die Legitimität illegaler Geheimdienstmethoden diskutiert. Julia Encke hingegen staunt über die neue Offenheit der Geheimdienste. Johannes Willms sucht die völkischen Wurzeln des abgeschafften Rabattgesetzes. Ein verspäteter Geburtstagsgruß schließlich geht an den Filmemacher Chris Marker.

Besprochen werden: Paddy Breathnachs Film "Über kurz oder lang", ein fis-moll-Lohengrin in Bayreuth, eine dem Klassizismus-Erfinder Anton Raphael Mengs gewidmete Ausstellung im Dresdner Schloss sowie ein Buch: "Parasiten" von Ulrich Enzensberger.

In der SZ am Wochenende gibt Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, Auskunft darüber, was ein Mensch wann lernen kann. Einige wichtige kognitive Leistungen wie den Spracherwerb jedenfalls sehr früh; für motorische Fertigkeiten (Radfahren, Klavierspielen) gibt es sensible, gleichfalls relativ frühe Entwicklungsphasen. Schließlich gibt es sogar Hinweise darauf, dass geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und gewisse soziale Kompetenzen früh eingeprägt werden und dann nur noch schwer modifizierbar sind. Komplexere kognitive Leistungen hingegen, wie die Fähigkeiten, die eigene Existenz in der Zeit zu begreifen, Handlungen aufzuschieben und von vorausgehenden Überlegungen abhängig zu machen, ein Konzept vom eigenen Ich zu entwickeln und sich in soziale Wertgefüge einzuordnen sind direkt mit der Ausreifung des Stirnhirns verbunden. Die aber lässt sich (und uns) Zeit.

Zum Wochenende ferner zu lesen: warum Antwerpen als Modestadt so hip ist. Warum Franz Grillparzer in Wien überhaupt nicht angesagt ist. Sigrun Matthiesen erzählt uns die Erfolgsgeschichte der Eisdiele "de Bernardo" in Gera. Und Albert von Schirnding ist zurück aus Tölz, wo dereinst die Familie Mann zur Sommerfrische weilte und der Zauberer "Herr und Hund" spielte. Auf den Literaturseiten werden u.a. Philosophiebücher für Anfänger besprochen und ein "furioses" Krimidebüt von Juli Zeh (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

FR, 28.07.2001

James Knowlson, seines Zeichens Beckett-Biograf, doziert über die Einflüsse von Gemälden, die der junge Samuel Beckett bei seinen Aufenthalten in Deutschland 1936-1937 gesehen hat, auf die Bildvorstellungen des späteren Dramatikers: "So geht etwa Warten auf Godot, nach Aussagen des Autors, auf den von ihm in Dresden gesehenen Caspar David Friedrich, 'Zwei Männer betrachten den Mond', zurück. Doch ist dies nur die Spitze des Eisbergs ... Denn, wenn es uns möglich wäre, Röntgenaufnahmen von Becketts eigenen, verstörend modernen Bildern zu machen, würden wir die geisterhaften Spuren der Alten Meister entdecken, die unter der Oberfläche verborgen liegen ... In der Haltung der May aus Tritte etwa, klingt Antonello di Messinas Verkündigung nach ? 'Kopf und Schultern, herrlich. Mit dem entgeisterten Blick, verärgerte Putze' ... Ohio Impromptu schließlich weist eine visuelle Ähnlichkeit zu einigen Bildern Rembrandts oder Franz Hals' auf, die er aus den deutschen Sammlungen kannte."

Weitere Artikel: Klaus Bachmann denkt nach über Jedwabne und die Zerstörung von Polens Opfermythos, Horst Meier hat ein paar Fragen an und um das Plebiszit, und Peter Michalzig verabschiedet den Vater als Rollenfigur: Im Duden finden sich "Samenspender", "Befruchter" und "Inseminator". "Wechselnde männliche Bezugspersonen sind an die Stelle des Vaters getreten. Die Hausgemeinschaft transformiert sich von der Trias Mutter-Vater-Kind zur Dyade Mutter-Kind, die sich gegenüber den Zeitläuften stabil erweist. Der Vater steht verloren am Rand und weiß nichts Rechtes mit sich anzufangen." Oje.

Kritisch beäugt werden Frank Gehrys Büroturm in Hannovers Rotlichtviertel, eine Ausstellung über japanische Comics im Berliner Museum für Ostasiatische Kunst, eine Schau des Turiner Künstlers Marco Gastini im Lenbachhaus in München sowie die jüngsten Nummern von "Literaturen" und "Akzente".

Und bei den Büchern: Ein Band mit Zoo-Fotografien von Dominic Davies, dynamische Gedichte von Norbert Hummelt ("zeichen im schnee") und ein Buch über Männerbünde im 20. Jahrhundert - "Ich möchte einer werden so wie die ..." von Jürgen Reulecke (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).
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TAZ, 28.07.2001

Rainer Moritz von Hoffmann und Campe ist sauer auf Kirch, weil der den öffentlich-rechtlichen erst nach 20.15 Uhr erlauben will, Fussball zu zeigen: "Vater und Mutter gemeinsam vor dem 'Musikantenstadl' - dieses Bild gehört der Vergangenheit an. Frauen werden entnervt ins Tischtuch beißen; die Beischlafgepflogenheiten von Ehepaaren werden völlig durcheinander geraten; Jugendliche werden erst nach 'ran' aus dem Haus gehen und folglich den Gefährdungen der Nacht stärker ausgeliefert sein, und wir alle müssen tapfer der Versuchung widerstehen, Premiere World zu abonnieren."

Markus Schroer, Autor der gerade erschienenen Studie "Das Individuum der Gesellschaft", beginnt eine Serie über die Individualisierung und ihre Folgen damit, dass er über das Dilemma des postmodernen Individuums nachdenkt, dem die Lust an vielen Möglichkeiten durch die Last der Entscheidung vergällt wird. Schroer macht "drei Individualitätstypen (idealtypisch)" aus: nämlich das lethargische Selbst, das gehetzte Selbst und das verunsicherte Selbst - jeder mit eigener Strategie. Doch leider: "Entscheidend ist, dass man mit keiner der erwähnten Strategien den Zumutungen der Individualisierung entgeht." Mit anderen Worten: zu welchem Individualitätstyp Sie zählen ist schnurz.

Besprochen wird A. F. Th. van der Heijdens Roman "Die Schlacht um die Blaubrücke" (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).


Im tazmag erklärt Sebastian Turner von der Werbeagentur Scholz und Friends im Interview auf die Frage nach dem "Markenterror": "Wenn der Erwerb einer dusseligen Gucci-Jacke für jemanden ein bestimmtes Problem löst, das sonst vielleicht mit Drogenexperimenten angegangen würde, dann ist es zumindest das kleinere Übel." Vielleicht kein kluger, aber ein findiger Kopf. Außerdem ein Artikel über das akute Problem: "Wenn Männer grillen", und Martin Kaluza stellt die These auf: Schalke gibt es nicht mehr.

Schließlich Tom.
Stichwörter: Rainer Moritz, Mutter

FAZ, 28.07.2001

"Ein Interview und einen Fototermin mit Keith Jarrett zu bekommen, ist ungefähr so schwierig wie die Aufzucht von Panda-Bären", heißt es im Vorspann des heutigen FAZ-Aufmachers. Aber Wolfgang Sandner hat das Interview bekommen. Wir erfahren, dass Jarrett jahrelang am "Chronischen Erschöpfungssyndrom" litt. Aber die Karnkheit hatte auch ihr Gutes, meint Jarrett. "Meine Finger mussten sich auch wieder ein neues Gedächtnis zulegen. Wenn ich alte Aufnahmen von mir anhöre, denke ich oft, das gefällt mir nicht, was ich da spiele, etwa mit der linken Hand. Jetzt muss ich zu meiner linken Hand nicht mehr sagen: Tu das nicht, ich mag das nicht. Jetzt spielt sie, was ich will. Drei Jahre lang habe ich überhaupt nicht gespielt. Es war wie eine Neuentdeckung, und vielleicht spiele ich deshalb jetzt freier, weil die alten Spielmuster verschwunden sind."

Eva Menasse setzt sich noch einmal sehr polemisch mit der Plakataktion für das Holocaust-Mahnmal auseinander: "Das ist das wirklich Ärgerliche und Bodenlose an dieser Plakataktion: nicht allein ihre logische Unschärfe und die Maßlosigkeit ihrer Mittel, sondern die moralische Selbstgewissheit ihrer Initiatoren und Fürsprecher. Sie zweifeln keine Sekunde an ihrem Recht, jedes Mittel einzusetzen; selbstkritische Skepsis und Demut vor ihrem bedrückenden Thema haben sie längst verlernt."

Weitere Artikel: Christian Geyer teilt mit, dass die Industrie dem Kanzler in der Embryonenfrage widerspricht. Michael Siebler macht auf einen sensationellen archäologischen Fund in Sibirien aufmerksam ? das Grab eines Paars von Skythenfürsten mit einem Zentner (ehrlich!) Goldbeigaben. Michael Hanfeld erzählt, wie es einem rumänischen Straßenjungen ergangen ist ? ein Bild von ihm, das ihn vor einem Jahr nackt und bettelnd zeigte hat die FAZ-Leser zu Spenden veranlasst. Verena Lueken erzählt, wie Präsident Bush indianische Code-Funker aus dem Zweiten Weltkrieg ehrte ? sie hatten aus ihrer Sprache einen Geheimcode entwickelt und wurden nach dem Krieg vergessen. Johan Schloemann setzt sich mit den "Bummelstudenten" auseinander, die von den Universitäten immer mehr belangt werden. Ingeborg Harms tut einen Blick in deutsche Zeitschriften. Und Gerhard R. Koch gratuliert Riccardo Muti zum Sechzigsten.

Besprochen werden der "Lohengrin" in Bayreuth, eine große Retrospektive mit den Zeichnungen Pieter Bruegels im Museum Bojmans Van Beuningen in Rotterdam, ein Konzert Willy deVilles, der Film "Just Visiting" und eine Retrospektive Gao Xingjians als Malers im Papstpalast von Avignon.

In Bilder und Zeiten stellt Wladimir Sorokin eine Rebürokratisierung des russischen Fernsehens fest: "Abends schalte ich den Fernseher ein. Es läuft eine Nachrichtensendung. Öde Reportagen in munter-optimistischem Ton, banale Themen, die grauen Gesichter der Kreml-Bürokraten. Einer von ihnen öffnet den Mund: 'Es ist an der Zeit, sich an die Errungenschaften des Sozialismus zu erinnern.' Es ist hohe Zeit, Genossen. Das Land rollt zurück in den Breschnew-Feudalismus."

Außerdem schreiben Jochen Hieber über "Bruderliebe, Bruderzwist und Brudermord", Jürgen Kaube über Crickett, Frank Ebbinghaus über den Historiker Günter Mühlpfordt und Falk Jaeger über die architektonisch und inhaltlich neu zu definierenden Industriedenkmale der Berliner Bewag. Und in der Frankfurter Anthologie stellt Wolfgang Werth ein Gedicht von Brecht vor: "Freunde, ich wünschte, ihr wüßtet die Wahrheit und sagtet sie!"