Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.07.2001.

NZZ, 30.07.2001

Uwe Stolzmann hat in Slowenien nach Spuren der Tito-Verehrung gesucht, hat jüngere und ältere Leute interviewt und resümiert: "Das also ist der Marschall in den Augen vieler Slowenen von heute: der letzte Habsburger, ein aufgeklärter Monarch, Lebemann mit Wiener Schliff. Ein frühes Mitglied der Fun-Gesellschaft. Ein charismatischer Spieler, der die Gefühle der kleinen Leute nach Belieben zu manipulieren verstand, aber klug genug war, allen, die gehen oder wiederkommen wollten, die Tür aufzuhalten. Garant für Ruhe und Einheit im Vielvölkerstaat. Der Held, der gegen Stalin rebellierte. Ein Hochseilartist, der geschickt über den Abgrund zwischen den Machtblöcken balancierte. Der Guru des Dritten Weges. Eine schöne und schmerzliche Erinnerung."

Weitere Artikel: Maja Turowskaja stellt zwei experimentelle Opernbühnen in Moskau vor. Besprochen werden Calixto Bieitos "Macbeth"-Inszenierung in Salzburg, der Film "Le Roi danse" von Gerard Corbiau, die Ausstellung "Paradiese der Moderne" im Bauhaus Dessau und eine Ausstellung über den Karikaturisten James Gillray in der Tate Britain.

SZ, 30.07.2001

Christine Dössel beschreibt in ihrer Kritik des "Macbeth" in Salzburg die Zuschauerreaktionen auf den von Calixto Bieito recht realistisch inszenierten Mord an Lady MacDuff und ihren Kindern. "Der Mörder ist noch nicht am Ende. Erst erschlägt er das vierte Kind, dann betrachtet er lange die Leiche von Lady Macduff. Ein Knistern liegt in der Luft. Der Mörder öffnet den Bademantel der toten Frau, prüft ihre Körperwärme, küsst ihr Gesicht. Kaum macht er sich daran, ihr den Schlüpfer auszuziehen, gellt ein empörter Schrei durch den Raum: 'Nein, das geht zu weit!' Hinterher erzählt man sich, dass es Christiane Hörbiger gewesen sein soll, die das gerufen hat. Der Aufschrei ist wie ein Dammbruch. Im Zuschauerraum macht sich jetzt der gestaute Ärger Luft. 'Das ist doch empörend!', zischt ein Mann, bevor er demonstrativ das Theater verlässt. 'Regula, komm!' ruft ein anderer mehrfach seine Frau, die offenbar noch bleiben will."

Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf verteidigt den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft Hubert Markl und den Genetiker Ernst-Ludwig Winnacker gegen die Vorwürfe des Münchner Germanisten und Präsidenten der Alexander von Humboldt-Stiftung Wolfgang Frühwald, der, so Graf, "eine komplexe Diskussionslage polemisch auf einen 'Kulturkampf' zwischen humanitätsfrommen Christen hier und wissenschaftsfanatischen Ingenieuren eines neuen, optimierten Menschen dort" reduziert habe. "Ist auch moralische Arroganz nur ein Ausdruck menschlicher Selbstüberschätzung? Naturwissenschaftler reagieren auf den Legitimationsdruck, unter dem sie in demokratischen Gesellschaften stehen, häufig mit unseriösen Heilversprechen. Aber viele Geisteswissenschaftler teilen in ihrem alten Überlegenheitsgestus nur die Allmachtsphantasien, die sie Naturwissenschaftlern gern unterstellen."

Weitere Artikel: Ulrich Baer erzählt die Geschichte des renommierten amerikanischen Historikers Joseph Ellis, der sich vor seinen Studenten zum Vietnamkriegsveteranen stilisierte, obwohl er während des Krieges warm und sicher in West Point Vorlesungen gehalten hatte.

Besprochen werden ein Auftritt Bob Dylans vor dem rauchenden Ätna in Taormina. "Rheingold" und "Walküre" in Bayreuth, "Falstaff" in Salzburg, die Ausstellung "Mythos Großstadt" Wiener Kunstforum der Bank Austria, die Schwarz-Weiß-Filmkomödie "Einmal Himmel und zurück" (ein Remake von "Heaven can wait"), politische Bücher und Michel Onfrays Plädoyer "Für eine solare Erotik" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 30.07.2001

Christian Broecking hat dem "Jazz-Ereignis des Jahres" beigewohnt, dem Keith-Jarrett-Konzert in München, aber überwältigt hat es ihn nicht: "Auch wenn die nicht enden wollenden Standing Ovations nicht nur dem Münchner Konzert sondern Jarretts Präsenz als solcher gegolten haben mögen, die Grenzen seiner Trio-Arbeit sind spürbar, die Zukunft liegt jenseits."

Besprochen werden die Wiederaufnahme von Declan Donnellans "Falstaff"-Inszenierung in Salzburg und Calixto Bieitos "Macbeth"-Inszenierung ebendort.
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TAZ, 30.07.2001

Nur ein Artikel im heutigen Feuilleton der taz, denn der letzte Montag ist Gabriele-Goettle-Tag. In ihrer Reihe über große alte Professoren porträtiert sie heute den ehemaligen Armenpriester und Soziologen Ivan Illich: "Ivan Illich ist ein sehr guter Spürhund, der, wenn er mal die Spur aufgenommen hat, sie aufmerksam bis zu ihrem Ausgangspunkt zurückverfolgt. Diese ganz spezielle Art des aufspürenden Blickes, verbunden mit lebhafter Vorstellungskraft, ist ganz typisch für Ivan Illich. Er tritt zurück, um aus dem scheinbaren Abseits die Proportionen der Details aus einer anderen Perspektive betrachten zu können, um das Wesen und die vermeintliche Unabdingbarkeit von Gewissheiten in Frage zu stellen, Täuschungen bloßzulegen, die Probleme und ihre Ursachen zusammenzutreiben."

Schließlich Tom.
Stichwörter: Gabriele Goettle

FAZ, 30.07.2001

Heinrich Wefing hat mal nachgerechnet: Mit dem deutschen Stiftungsboom ist es nicht so weit her, wie die Politiker gern behaupten, denn sie haben bei der steigenden Zahl der Stiftungen vergessen zu berücksichtigen, dass die Bevölkerung durch die Vereinigung immerhin um einiges gewachsen ist. Auch sonst lässt sich nicht sehr viel sagen: "Was all diese Institute so treiben, über welche Mittel sie verfügen, wie erfolgreich sie agieren, ist .. ungewiss. Denn annähernd neunzig Prozent aller Stiftungen, so lässt sich einigermaßen sicher hochrechnen, legen der Öffentlichkeit keine Jahresberichte vor. Selbst auf Umfragen oder wissenschaftliche Recherchen reagieren nur die wenigsten. Diese vornehme Verschwiegenheit, verbunden mit einem unübersichtlichen staatlichen Aufsichtswesen, macht fast jede Aussage über Stiftungen zur Spekulation."

Nach Gerhard Stadelmaier hat Calixto Bieito in seiner Salzburger "Macbeth"-Inszenierung "eine Idee, die das wenige, das ihm durch den Kopf gegangen sein mag, sozusagen von diesem Kopf auf den Unterleib stellt und verkündet: Alles sexuell bedingt. Mord wird hier zum Hobby einer schalen Lust, deren andere Facetten das Saufen, das Schlagersingen ('Una bella giornata') und das Schlüpferfummeln ist. Bieito findet sozusagen unter allen kritischen Zugängen zu diesem Stück den glattesten: der Regisseur als Spießer, der eilfertig über Spießer aufklärt, traurige, dumme, verklemmte Typen."

Ben Goertzel (selbst Computerexperte) porträtiert in der Reihe "System Builders" Hugo de Garis, der einen Computer zur Simulierung Künstlicher Intelligenz entworfen, offensichtlich ein Mann voller Widersprüche: "De Garis .. beschäftigt sich damit, Gehirne zu bauen, und erklärt uns dann, daß dies möglicherweise die Welt zerstören wird. Er prophezeit uns am Ende des 21. Jahrhunderts einen Weltkrieg zwischen den 'Kosmisten' und den 'Terranern': Die Kosmisten werden sich dafür einsetzen, 'Artilekte', übermenschliche, künstliche Gehirne zu schaffen und auf diese Weise eine neue Phase in der Evolution der Intelligenz einzuleiten. Die Terraner werden sich dieser technologischen Entwicklung radikal widersetzen." Was nicht in Goertzels Artikel steht: Hugo de Garis sucht einen Job. Das Starlab-Projekt in Belgien, wo er zuletzt arbeitete, ist im Juni pleite gegangen! So steht's jedenfallös auf De Garis Internetadresse. Wir widmen der Angelegenheit einen kleinen Link des Tages.

Paul Ingendaay hat Porto besucht, eine der Kulturhauptstädte des Jahres. Die meisten Baustellen sind immer noch nicht fertig, die Pressearbeit ist eine Katastrophe, aber einiges hat er doch auch mitgenommen, zum Beispiel die vom Museu Serralves organisierte Ausstellung "Squatters".

Weitere Artikel: Gabriele Stötzer hat die Burg Hoheneck in Stolberg besucht, zu DDR-Zeiten ein Frauengefängnis, in dem sie ein Jahr als politische Gefangene verbrachte ? jetzt will das Land Sachsen die Burg verkaufen. Zhou Derong schildert taiwanesische Verwerfungen zwischen Separatisten und Anhängern eines Chinas in zwei Staaten. Andreas Platthaus schreibt zum Tod von Peter von Zahn. Eva Menasse schildert den Streit im Wiener Museumsquartier um "Public Netbase", ein im Quartier beheimatetes Internetkunstprojekt, das sich politisch missliebig gemacht hat.

Besprochen werden "Rheingold" und "Walküre" in Bayreuth, "Der unendliche Gesang des Orpheus" bei den Rheinsberger Festspielen, die Ausstellung der Sammlung Marzona in der Kunsthalle Bielefeld, das Fotoprojekt "Vor Ort Ost" im Bauhaus Dessau, die Ausstellung "Von Augustus bis Attila" im Kurpfälzischen Museum Heidelberg, die Eröffnung der "Europäischen Akademie für Musik und Darstellende Kunst" in Montepulciano und ein Ausstellung zur zeitgenössischen Architekturfotografie im Deutschen Architektur Museum Frankfurt.