Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.07.2001.

NZZ, 26.07.2001

Oh je, auch der erste Satz von Barbara Villiger Heiligs Kritik der "Unsichtbaren" lässt einen nichts Gutes ahnen: "Tatsächlich. Im Theater, dieser 'einzigen Vergessensgrube', diesem 'mit Plüsch und falschem Samt ausgeschlagenen Schlaf- und Schnarchtempel für traumlose Dämmerzustände', kann sich, wer nicht selig schlummert, ausgiebig langweilen."

Thomas Burkhalter schildert die Lage der Popmusik in Algerien: "Zehn Jahre Rap in Algerien - und keiner will es merken. Rap gilt als Ausdruck zunehmender Amerikanisierung und ist daher keiner Unterstützung wert. Rap ist MTV-Kultur, ist McWorld, ist Sinnbild einer verlorenen Jugend, die ihre lokale Identität und ihre Wurzeln leugnet. Diese Sichtweise ist zweifelhaft: Rap in Algerien hat heute weit mehr zu sagen als der gut vermarktbare Global-Raï der Superstars Khaled und Cheb Mami."

Weitere Artikel: Eric Facon setzt sich mit neuer Schweizer Rockmusik auseinander ("Ach, wie einfach schien die Welt im letzten Jahrhundert! Da gab es noch Fixsterne am Firmament des Berner Rocks.") Besprochen werden ein Symposium über jüdischen Kosmopolitismus in Elmau, eine Ausstellung der Sammlung Rau in der Kölner Josef-Haubrich-Kunsthalle und einige Bücher, darunter Thomas Hürlimanns (skandalumwitterte) Novelle "Fräulein Stark" und Nicolaas Matsiers "Selbstporträt mit Eltern" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 26.07.2001

Jeffrey Gedmin, Politologe am American Enterprise Institute vertritt zwar eine kritische Position gegenüber Bushs Verhalten in den Klimaverhandlungen, aber er möchte den Europäern doch auch mal den Kopf waschen: "Sieht man einmal von Kyoto ab, sind die amerikanischen Standards in vielen ökologischen Bereichen so schlecht nicht. Die Wasserqualität, vor allem die der Flüsse, ist hier oft besser als in Europa; die Verringerung des sauren Regens kam schneller voran. EU-Länder wie Griechenland, Italien und Portugal werfen riesige Mengen an Müll einfach ins Meer, eine Praxis, die in den USA fast überall verboten ist... Und wo wir schon dabei sind ? sollten die Amerikaner den Europäern nicht einmal eine Lektion erteilen über die Vorzüge der Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn?" Oh nein, tu's nicht!

Sollen die genetischen Unterschiede der verschiedenen Ethnien untersucht werden?, fragt Andrian Kreye, und berichtet: "Erst vor einigen Tagen kam man anlässlich einer Konferenz des 'National Human Genome Research Institute' in Washington zu dem Ergebnis, dass die Genforschung um ... diese Art Bio-Ethnie-Debatte nicht herumkommen wird." Wonach genau geforscht werden soll ? abgesehen von seltenen Erbkrankheiten und Dispositionen für bestimmte Krebsarten ? geht aus dem Artikel aber nicht hervor.

Recht angetan äußert sich C. Bernd Sucher über Claus Peymanns Uraufführung von Christoph Ransmayers erstem Theaterstück "Die Unsichtbare" in Salzburg. Es scheint sich um Theater über Theater zu handeln: "Szenen, die das Theater feiern, das Leben und ? vor allem ? das Erzählen, das Erinnern durch Sprache." Also alles in allem eine ganze Latte.

Weitere Artikel: Slavenka Drakulic erzählt, dass die Kroaten von den beiden Generalen der kroatischen Armee, die in Den Haag vor Gericht sollen, nur einen beschützen wollen ? er ist ethnischer Kroate. Der andere ist ethnischer Albaner, und da ist es ihnen egal. Alex Rühle schreibt in der Rubrik "Heimatkunde" (was haben's die deutschen Feuilletons mit Heimat!) über "Die Raststätte". Albert Ostermaier denkt in der Rubrik "Das war die BRD" über die "Musik-Cassette" nach. Und Ulrich Raulff gratuliert Ernst-Ludwig Winnacker, dem Chef der Deutschen Forschungsgemeinschaft, zum Sechzigsten.

Auf der Filmseite geht's um das Fantasyfilmfestival (das in verschiedenen Städten Station macht) und um den Film "Blow", in dem bekanntlich Franka Potente an der Seite von Johnny Depp spielt. Potente wird dazu auch interviewt.

FR, 26.07.2001

Marcia Pally, amerikanische Journalistin, hat eine neue Kolumne in der FR. "Es begann damit, ein Flugticket zu kaufen, und zwar per Internet", beginnt sie, und es endet bei 92 Grad in der Wüste ? mehr hier.

Christian Schlüter erklärt anhand der Ergebnisse des Bonner Klimagipfels das Wesen der Politik: "In Bonn gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wird das Kyoto-Protokoll scheitern, weil sich die Politiker nicht einigen können, oder es wird, damit sich die Politiker einigen können, so geändert, dass von ihm nicht sehr viel mehr übrig bleibt, als das Versprechen, auch weiterhin miteinander zu reden."

Weitere Artikel: Roman Luckscheiter berichtet über den Beginn der Urlaubssaison in Paris und zwei neue französischen Sommerkomödien. Dorothea Marcus resümiert das Theaterfestival von Avignon, das recht mau gewesen zu sein scheint, wo aber der in Deutschland verkannte Thomas Ostermeier große Erfolge feierte. Besprochen werden Ransmayrs "Unsichtbare" in Salzburg, der Film "Blow", eine Ausstellung über Eckhard Henscheid in Kaiserslautern, und die "Projects" von Arata Isozaki im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt.
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TAZ, 26.07.2001

In Taiwan gibt es einen großen Streit über die Übertragung des Chinesischen in lateinische Schriftzeichen, berichtet Christian Bahlmann. Glaubt man seinen Erzählungen, so wäre eine eindeutige Regel hier durchaus von Vorteil: "Ausländer, kommst du nach Taiwan, dann mach dich auf einiges gefasst! Das Büro des Kunden, den er aufsuchen will, befindet sich in der Gudingstraße, steht auf der Einladung. Der Ausländer kauft sich einen Stadtplan und sucht vergebens - weit und breit keine Gudingstraße. Was er nicht wissen kann: Er hätte unter K nachschauen sollen, dort gibt es sie, die Kutingstraße. Ähnliches könnte ihm passieren, wenn er nach Hsimen-Ding will, aber plötzlich in Shimen-Ting ankommt. Ist er noch auf dem richtigen Weg, wenn das Straßenschild statt Herping-Avenue unvermittelt Hopin-Ave anzeigt? Man stelle sich das einmal in Deutschland vor: Nönchen statt München."

Auch in der taz gibt's eine neue New York-Kolumne. Thomas Girst besucht einen deutschen Lehrer, der eine Klasse mit lauter Problemkindern unterrichtet und es als Training betrachtet: "Eins weiß ich sicher: Wenn ich jemals wieder in Köln unterrichte, werde ich mit der Disziplin bestimmt keine Probleme mehr haben."

Weitere Artikel: Birgit Glombitza porträtiert den australischen Schauspieler Sam Neill (der zur Zeit in "The Dish" zu sehen ist): Besprochen werden die erste filmtheoretische Würdigung des Kinotrailers und Jim Jarmuschs Film über Neil Young.

Auf der Internetseite erfährt man Neuestes über die Musiktauschbörse Napster, die vergessen zu sein scheint, seit Bertelsmann sie betreibt: "Pech für Bertelsmann: Seine kostenpflichtige Version der Musiktauschbörse läuft noch immer nicht, stattdessen werden die alternativen Systeme immer beliebter, die kaum zu kontrollieren sind", schreibt Erik Möller. Der Tipp für das kostenlose Herunterladen ist jetzt offensichtlich KaZaA: "KaZaA hat einige interessante Funktionen, die Napster nicht enthielt. Wie bei fast allen Napster-Nachfolgern können beliebige Dateien getauscht werden, auch Filme und Software. Darüber hinaus kann das Programm Dateien von mehreren Nutzern gleichzeitig beziehen. Dadurch werden Verlässlichkeit und Geschwindigkeit der Downloads drastisch gesteigert. Ausführliche Metainformationen über alle Suchergebnisse machen es möglich, Dateien zu bewerten."

Und schließlich Tom

FAZ, 26.07.2001

"Die schönsten Theaterstücke sind diejenigen, die nie geschrieben... werden", so lautet der unheilschwangere erste Satz in Gerhard Stadelmaiers Kritik der "Unsichtbaren" von Christoph Ransmayr in der Salzburger Inszenierung von Claus Peymann. Lebhaft schildert er dann die tolle Theateridee einer übers Theater schimpfenden Souffleuse. Aber ach, das wirkliche Stück ist "verschmockt, gesucht", und auch Kirsten Dene kann es nicht retten: "Die große Dene, die sonst Shakespeares oder Goldonis oder Kleists oder auch nur Turrinis Verse und Sätze zünden lässt, dass sie wie Raketen ihren Kopf erleuchten, bleibt hier zwei Stunden lang von lauter nassen, absolut unentzündbaren Zündschnüren belästigt: in Form von Ransmayrs Sätzen."

Ebehard Rathgeb porträtiert den Hamburger Ex-Richter und Populisten Ronald Barnabas Schill, der mit seiner "Rechtsstaatlichen Offensive" in die Hamburger Bürgerschaft einziehen will. Seine Chancen stehen sehr gut: "Sollte aber die Partei des Ronald Barnabas Schill jene zehn Prozent erreichen, die ihr in Prognosen heute zugesprochen werden, und sollte Schill mit der CDU und der FDP zu einem bürgerlichen Block zusammenfinden und Innensenator werden, wie er sich das kühn erhofft und die CDU ihm in diesen Tagen versprochen hat, dann gute Nacht ungeliebter Untergrund, der seinen Geschäften auch bei hellichtem Tage nachgeht."

Weitere Artikel: Der Berliner Politologe Herfried Münkler denkt auf einer Seite über Politik als Medienspektakel nach und lässt seinen Text in einer traditionell deutschen Professorenthese münden: "Unterhaltung zumindest ist das Gegenteil dessen, was mit Erziehung gemeint ist." Michael Siebler schildert eine Kampagne gegen den Troia-Ausgräber Manfred Korfmann, dem von einem anderen Professor mangelnde Wissenschaftlichkeit vorgeworfen wird. Christian Schwägerl gratuliert Ernst-Ludwig Winnacker, dem Präsidenten der Deutschen-Forschungsgemeinschaft zum Sechzigsten. Dirk Schümer porträtiert in seiner Kolumne "Leben in Venedig" den Oberrabiner von Venedig, Roberto della Rocca, der jetzt als Funktionär der jüdischen Gemeinde nach Rom geht. Martin Lhotzky empfiehlt Führungen des Kunsthistorischen Museums in Wien, die hinter die Kulissen des Ausstellungsapparats führen. Andreas Rosenfelder schildert den Streit um ein Mahnmal in Stolberg bei Aachen, das der Opfer des Nationalsozialismus in Form eines Hakenkreuzes aus Stacheldraht gedenken will. Und Georg Imdahl stellt das Projekt "Zeitgenössische Kunst und Kritik" in der Kokerei Zollverein, Essen, vor.

Auf der Bücher-und-Themen-Seite klärt uns der Soziologe Nico Stehr über die Irrtümer der Klimadeterministen auf.

Besprochen werden Jim Jarmuschs Film "The Year of the Horse" über Neil Young, der Film "Blow", die Ausstellung der Franckeschen Stiftungen in Halle über Pietismus und Preußentum, ein Musical über den Wienerwald-König Friedrich Jahn in Stuttgart und eine "atemberaubende" Inszenierung des "Woyzeck" durch Giorgio Barberio Corsetti in Venedig.

Zeit, 26.07.2001

Der intellektuelle Chouchou der Globalisierungsgegner, schreibt Jörg Lau, ist der ehemalige Linguist und heutige Verschwörungstheoretiker Noam Chomsky. "Das Internet ist die technische Voraussetzung für Chomsky Altersruhm. Dort haben seine Anhänger die größten Teile seines politischen Werks zugänglich gemacht. Das führende elektronische Theorieorgan der radikalen Linken in den USA, Z Magazine, pflegt ein Noam Chomsky Archive mit Hunderten von Essays, Interviews, Buchexzerpten und Debattenbeiträgen. Zum Verdruss seiner vielen Gegner, die ihn als die größte Nervensäge der Pax Americana betrachten, ist es unabweisbar, dass Noam Chomsky von seinen zahlreichen Lesern wahrhaft und aufrichtig geliebt wird." Aber dass Lau die Globalisierungsgegner auch noch als Antiintellektuelle bezeichnet! Es gibt doch auch Bourdieu, Le Monde diplomatique (und in Deutschland natürlich Claus Koch).

Jutta Scherer schickt eine beängstigende Reportage aus Moskau. Dort gibt es einen neuen Personenkult: den Putinismus. Und außerdem ein regierungsamtliches Dekret für die "patriotische Erziehung der Bürger", das unter anderem "staatlichen Einfluss auf die Propagierung des Patriotismus in den Massenmedien" durchsetzen will.

Jens Jessen stellt sich ein wiederaufgebautes Berliner Stadtschloss als eine recht unglückliche Angelegenheit vor: "Ein solches Gebäude würde zwar zu uns sprechen, aber was würde es sagen? Es wäre besser, würde es sagen, wenn ich das Schloss wäre, aber ich bin es leider nicht." So ein trauriges Schloss wollen wir nicht!

Weitere Artikel: Claus Spahn stellt in der Leitglosse fest, dass "Festivals boomen, das Abonnementkonzert aber kümmert". Hanno Rauterberg hat den "Riesenriegel" des Gebäudes für die Bundestagsabgeordneten, gegenüber vom Kanzleramt, besucht und äußert sich einigermaßen erleichtert, dass aus dem ursprünglich geplanten "Band des Bundes" nur ein "Bändchen" wurde. Jacqueline Henard versucht den unendlichen Streit um das Erbe des Bildhauers Hans Arp zu entwirren. Daniel Kothenschulte informiert uns, dass "der Videoclip gerade zum Zeitpunkt seiner Anerkennung durch den Kulturbetrieb in einer unübersehbaren Krise steckt". Besprochen werden Monteverdis "Ulisse" in München, eine neue Platte von Joe Strummer (Ex-Clash), ein Konzert von und Jim Jarmuschs Film über Neil Young und eine Jeff-Koons-Ausstellung im Kunsthaus Bregenz.

Aufmacher des Literaturteils ist Hans-Ulrich Wehlers Besprechung des "Kompendium Kulturgeschichte" von Ute Daniel. (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)
Hinzuweisen ist auch auf einen Artikel im Wirtschaftsteil über den Streit zwischen der Europäischen Kommission und den deutschen Buchverlagen.