Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.07.2001.

NZZ, 19.07.2001

Paul Jandl stellt die Literaturbörse, ein Projekt des Steirischen Herbstes vor. Literarische Texte werden hier wie Aktien bewertet: "Seit Juni schießen die börsennotierten Texte in den Himmel der Charts, neben dem Literaturaktienindex Laix sind Nasdaq, Nemax und DAX Orte tiefgründender Verzweiflung. Jetzt hat der Laix die magische Marke von achtzig Punkten überklettert. Vor allem die Prosa prosperiert. Jenny Erpenbecks 'Sibirien', schon im Bachmann-Wettbewerb bewährt, hält bei 137,93 Euro, und Wolfgang Hermanns Lehrstück geriatrischer Redseligkeit mit dem Titel 'Sex' hat seinen Ausgabewert verdoppelt." Das nennen wir eine Performance.

Bei Stephan Hentz erfahren wir, dass die Osloer Jazzszene "schon seit Jahrzehnten einen eigenen Sound entwickelt. Heute arbeiten jüngere Osloer Musiker wie Nils Petter Molvær und Bugge Wesseltoft mit elektronischen Hilfsmitteln und schlagen eine Brücke zur Dancefloor-Szene." Hören kann man das auf CDs des Labels Jazzland. Vorgestellt wird außerdem das Label Rune Grammofon.

Besprochen werden der "Ritorno d'Ulisse" in München und einige Bücher, darunter Manil Suris Roman "Vishnus Tod", Furio Monicellis Roman "Der vollkommene Jesuit" und Ricarda Bethkes Roman "Die anders rote Fahne" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr)

SZ, 19.07.2001

Affären in Frankreich: "In Paris reichen Hände und Füße schon lang nicht mehr aus, um die Justizverfahren wegen Bestechung, Geldwäsche und Veruntreuung noch zählen zu können", schreibt Clemens Pornschlegel. Er gibt allerdings zu, dass diese Lage auch durch einen kleinen Unterschied zu Deutschland zu erklären ist: In Frankreich nehmen Staatsanwälte und Untersuchungsrichter ihre Aufgabe seit einiger Zeit ernst. Den Grund für die Korruption sieht Pornschlegel in der Privatisierungswelle: "Die Unterscheidung zwischen 'öffentlich' und 'privat' löst sich auf. Und in genau dieser Auflösungszone spielen sich die heutigen Skandale und Affären ab."

Holger Liebs interviewt den "wichtigsten Architekturkurator der Gegenwart", nämlich Terence Riley vom Museum of Modern Art in New York. Er hat die New Yorker Mies van der Rohe-Ausstellungen organisiert. Drei Gründe nennt Riley für das neue Ansehen der klassischen Moderne: "Das eine ist ein Retro-Ding, denke ich. Banal. Zweitens: der Kollaps der Postmoderne. Irgendwann wurde allen klar, dass die vorindustrielle Stadt, dieser Prince-of-Wales-Zauber nicht mehr zu haben ist... Drittens: Aussöhnung. Wie wenn Enkel ihre Großeltern wiederentdecken: Hey unsere Eltern sind uncool, aber Oma und Opa sind klasse!"

Auf der Filmseite beschreibt Fritz Göttler eine enscheidende Veränderung im chinesisch-amerikanischen Verhältnis: "Der chinesische Filmmarkt scheint sich langsam den amerikanischen Anbietern stärker zu öffnen. Und die Geduld der großen amerikanischen Verleiher - sie lauern seit Jahren - könnte sich sehr bald auszahlen." Besprochen werden hier die Filme "Evolution" von Ivan Reitman, "Der Schuh des Manitou" von Michael Herbig und Rudolf Thomes "Paradiso".

Weitere Artikel: Harald Staun gibt Linktipps zum Genua-Gipfel und zu Globaliserungsgegnern (vergisst dabei aber die wichtige französische Adresse attac.org). Gerhard Matzig erinnert sich in der Reihe "Das war die BRD" an die Carrera-Bahn, Und Alexander Kissler resümiert eine Tagung in Köln über die Rhetorik der Utopie. Ferner bespricht Reinhard J. Brembeck David Aldens Inszenierung von Monteverdis "Ritorno d'ulisse in patria".

FR, 19.07.2001

Ursula März wendet sich gegen das "Volvoprinzip", das darin besteht, die wenigen Kinder, die die Deutschen noch haben, ängstlich vor aller Realität zu beschützen. Andererseits gibt sie zu, dass der Schutz auch nicht gewährt ist "wenn man die Nachkommenschaft bei voller Fahrt im offenen Cabrio ohne Gurt und Kindersitz auf der Rückbank herumhüpfen lässt."

Weitere Artikel: Martin Altmeyer beklagt die "institutionelle Spaltung der deutschen Psychoanalyse". Marietta Piepenbrock liefert einen Bericht zu den Proben Christoph Marthalers für seine "Figaro"-Inszenierung in Salzburg. Besprochen werden eine Ausstellung über Hugo Häring in der Berliner Akademie der Künste, der Film "The Dish", eine Lucinda-Devlin-Ausstellung in der Bochumer "Galerie m fotografie", und das Tanzfestival "Prix Dom Perignon" in Hamburg, bei dem sich junge Choreografen vorstellten.
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TAZ, 19.07.2001

Der israelische Journalist Tsafir Cohen kommentiert die Plakatkampagne des Förderkreises für ein Denkmal für die ermordeten Juden, das mit dem Bild einer idyllischen Alpenlandschaft und dem Spruch "den holocaust hat es nie gegeben" (mal wieder so eine typische Werbeagenturskühnheit!) Spendengelder bei den Deutschen einwirbt. Cohen schreibt dazu: "In Zeiten schwindender Solidarität und wachsender Reize aus der Werbebranche muss auch der Holocaust mit den Mitteln der PR-Agenturen arbeiten, Teil des globalen Kommerzialisierungsprozesses werden - scheinen die Initiatoren zu glauben. Der Holocaust ist langweilig. Wie in der Werbung, so wird nicht mehr für eine Sache direkt geworben, sondern mittels einer künstlich hergestellten Verbindung, eines attraktiven Bilds, das dem Auge des Betrachters schmeichelt."
Amin Farzenefar hat einem Kolloquium über Ägypten im Film gelauscht und zieht daraus die Lehre: "Immer wieder spiegelt 'das Ägyptische' im Kino die Paranoia gegenüber fremdkulturellen Leistungen, immer wieder zieht man die Legitimation des eigenen kulturellen Hegemoniedenkens über solche Gründungsmythen der Vergangenheit."

Besprochen werden Hans-Ulrich Gumbrechts Buch über das Jahr 1926, Rudolf Thomes Film "Paradiso", zwei Filme über das orthodoxe Milieu in Israel, die jetzt ins Kino kommen und eine Ausstellung des Berliner Künstlerinnenprojekts "Goldrausch".

Auf der Internetseite stellt Niklaus Hablützel das Projekt "Perseus" vor: "Perseus ist - zweifellos aus Gründen der Überschaubarkeit - an der Abteilung für 'Classics' der Tufts University in Boston angesiedelt - worunter in diesem Fall sowohl die europäische Antike wie auch das elisabethanische England zu verstehen sind. Wer sich auf diesen Wissensgebieten informieren möchte, ob nun als Laie oder Wissenschaftler, hat mit Perseus das vermutlich perfekteste und modernste Forschungsinstrument zur Verfügung, das es zur Zeit gibt. Es ist Bibliothek und Museum zugleich, erschließt nicht nur Quellen jeder Art, Texte, Kunstwerke und Forschungsliteratur, es ist zugleich ein philologisches Werkzeug, das all diese Bestände lesbar und interpretierbar macht."

Schließlich Tom.

FAZ, 19.07.2001

"Die Symbole der Vergangenheit lasten schwer auf der Stadt, wo die Arbeitslosigkeit der pakistanischen Bevölkerung bei fast zwanzig Prozent liegt, verglichen mit 6,9 Prozent bei den Weißen." Nein, Gina Thomas schreibt nicht über Berlin, sondern über Bradford in Nordengland, wo gerade die schwersten "Rassenunruhen" seit Jahren stattfanden. In Berlin ist es ja auch schlimmer: 30 Prozent Arbeitslosigkeit in Kreuzberg.

Joachim Müller-Jung und Christian Schwägerl porträtieren den deutsch-amerikanischen Genforscher Rudolf Jaenisch vom MIT, der gegen das Klonen von Menschen eintritt - allerdings nicht gegen das therapeutische Klonen: "Beim therapeutischen Klonieren wird kein neues Leben geschaffen, sondern es wird nur das Leben des Patienten auf eine andere Art vermehrt. Man kann es auch als eine andere Art von Organtransplantation auffassen." In einem weiteren Artikel zum Thema erzählt Horst Rademacher, dass der Stammzellfoscher Roger Pedersen aus San Francisco nach Cambridge, Großbritannien gehen will, weil er in den USA Angst hat vor einer zu restrikitven Gesetzgebung.

Werner Schmalenbach, Experte für afrikanische Kunst, wendet sich gegen die Mode, die Meisterwerke dieser Kunst künstlerischen Individuen zuschreiben zu wollen: "In diesen Gemeinschaften hatte der einzelne, und also auch der einzelne Künstler, eine völlig andere Stellung und damit einen völlig anderen Stellenwert als in unserer Welt. Selbstverständlich gab es stärkere und schwächere Schnitzer, auch im Bewusstsein der Stammesangehörigen, und manche von ihnen genossen hohes Ansehen, gelegentlich sogar über die Stammesgrenzen hinaus. Überall aber behielt das Kollektiv die Suprematie, gleich ob es sich um künstlerische Aufgaben religiöser, repräsentativer oder alltäglicher Art handelte. Ein Schnitzer hatte die Freiheit, einen Figuren- oder Maskentyp abzuwandeln, aber einen Typus durchbrechen konnte er nicht."

Weitere Artikel: Dirk Schümer schreibt in seiner Venedig-Kolumne über die Baufälligkeit der Redentore-Brücke. Phil Plait, Kulturkorrespondent der FAZ im All, beseitigt Missverständnisse über den Polarstern: Er ist nicht der hellste - und außerdem bewegt er sich doch (nur über dem Nordpol sieht es so aus, als stehe er still). Paul Ingendaay berichtet von einer Nachbildung der Höhle von Altamira und ihrer steinzeitlichen Zeichnungen, die in Anwesenheit des spanischen Königspaars an der kantabrischen Küste eröffnet wurde. Gaby Hartel stellt eine Londoner Künstlergruppe namens "Club" vor, die in abgelegenen Stadtteilen mit ihren Aktionen brilliert.

Besprechungen gelten dem Abschluss des Münchner Monteverdi-Zyklus mit dem "Ritorno d'Ulisse in Patria", dem Film "Honolulu", Ivan Reitmans "albernen Film" "Evolution", dem Musikfestival von Colmar und der Ausstellung "Neue Welt" im Frankfurter Kunstverein.

Auf der Bücher-und-Themen-Seite schreibt Tobias Döring über die Legionen von Neuübersetzern und Aktualisierern, die sich an Shakespeare Erbe mästen.

In zwei interessanten Meldungen erfährt man überdies, dass sich einige Länder offensichtlich aus der Finanzierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurückziehen wollen und dass Nike Wagner zusammen mit dem Stuttgarter Intendanten Klaus Zehelein ab 2006 wieder für Bayreuth kandidieren will.

Zeit, 19.07.2001

Thomas E. Schmidt weist im Aufmacher des Zeit-Feuilletons auf einen Webfehler der NGOs hin: "Wen repräsentieren sie? Es sind Eliten, die sich ihrerseits als Repräsentanten von schutzlosen Betroffenen fühlen. Jedenfalls sind sie nicht Vertreter eines Volkes. NGOs können ihre Ziele nicht als Ausdruck eines Volkswillens ausgeben, sie verfügen über keinen demokratischen Auftrag. Sie sind nicht gewählt und hinsichtlich ihrer Entscheidungsstrukturen und ihres Finanzgebarens viel weniger transparent als Weltbank oder WTO."

Klaus Hartung blickt noch einmal zurück auf die Debatte über das Berliner Stadtschloss und meint, dass sich jetzt eine Zäsur anbahnt: "Allmählich gewinnt der Gedanke Raum, dass Denkmalschutz auch mit der 'Kultivierung' (György Konrad) und Verschönerung des Gemeinwesens zu tun haben muss. In Berlin hieße das Heilung des fragmentierten Stadtbildes." Von den verschiedenen Entwürfen zum Schlossareal habe "keiner überzeugt. Ein stärkeres Argument für die Rekonstruktion als diese Ausstellung ist kaum denkbar."

Claus Spahn porträtiert zwei "Antipoden" der Klavierszene: den Romantiker Jewgenij Kissin ? "Nach jeder mit malmenden Kieferknochen heruntergerauschten Zugabe dreht er sich mit dem letzten Ton ruckartig vom Flügel weg, steht auf und blickt traurig ins Parkett, als habe er gerade der Kunst eine letzte Schaufel Sand ins offene Grab nachgeworfen" ? und Pierre Laurent Aimard, einen "Musiker, dessen Interpretationen sich aus den Erfahrungen der Moderne speisen."

Weitere Artikel: Claudia Herstatt berichtet, wie der Handel mit NS-Raubkunst erschwert wird und verweist dabei auf drei öffentlich zugängliche Datenbanken, die enorm nützlich seien bei der Auffindung gestohlener Kunst: das Art Loss Register, das Getty Research Institute und die deutsche Koordinationsstelle für die Rückführung von Kulturgut. Konrad Heidkamp porträtiert den norwegischen Jazz-Trompeter Nils Petter Molvær, Michael Naumann erklärt, welches die wirklich wichtigen Meldungen vom G8-Gipfel sind ("Wer von den Herren hat den besseren Schneider? Immer die Italiener! Was gab es zu essen? Wachtel im Sarkophag?"), und Jens Jessen blickt "elegisch" auf die Zeit zurück, "in der man zu sagen wusste, was eine Demonstration sei."

Besprochen werden eine Ausstellung über die Wandalen im schwedischen Museum Vandalorum, die Ausstellung "Blobmeister ? digital real" im Frankfurter Architektur-Museum, die Filme "Kadosh" von Amos Gitai und Laurent Cantets "Ressources Humaines" und eine Retrospektive über den Architekten Hugo Häring in der Berliner Akademie der Künste.

Im Aufmacher des Literaturteils bespricht Ulrich Greiner den neuen Roman von Martin Walser: "Der Lebenslauf der Liebe" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).