Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.07.2001.

NZZ, 06.07.2001

Ulrike Heider stellt die amerikanische Bürger-Initiative "Acorn" (Association of Community Organization for Reform) vor, die sich gegen die unter anderem von Präsident Bush geplante Privatisierung von Schulen wendet. Die konkrete Arbeit der Organisation schildert sie so: "Ich bin zu Gast in einer Klasse, wo Mariana Davenport, Mitglied der Acorn-Belegschaft, erzählt, wie sich Schüler eine Bushaltestelle neben der Schule erkämpften. Sie trafen sich, analysierten das Problem, bestimmten das Ziel ihrer Kampagne, benannten die Verantwortlichen und begannen zu organisieren. Ein halbes Jahr später hielt der Bus da, wo sie es sich gewünscht hatten."

Weitere Artikel: Jürgen Tietz feiert fünfzig Jahre Landesdenkmalpflege in Deutschland. Besprochen wird ein Festival der Garsington Opera bei Oxford.
Stichwörter: Jürgen Tietz

SZ, 06.07.2001

Johannes Willms ärgert sich über das Aufwärmen oller Kamellen im Berliner Wahlkampf: Beschwörung der Weimarer Republik (wegen der Störung der Wahlveranstaltung der CDU), Mauerbauer-PDS etc.. "Statt in einen edlen Wettstreit um konkurrierende Zukunftsentwürfe einzutreten, die Berlin bitter nötig hätte, werden im Sandkasten alte Schlachten, die längst entschieden sind, neu geschlagen. Derlei mag als 'innovative Politik' verstehen, wer will. Tatsächlich handelt es sich dabei um das genaue Gegenteil, um Unpolitik, wenn nicht gar um die bewusste Verweigerung von Politik, möglicherweise aus stiller Einsicht in die eigene Unfähigkeit."

Im Interview mit Heribert Prantl plädiert der Datenschützer und Vorsitzender des Ethikrats Spiros Simitis dafür, der Verfügbarkeit und Kommerzialisierung von genetischen Informationen verbindliche Grenzen zu setzen. Aufgabe des Ethikrats sei es daher auch, "nach den sozialen Folgen einer solchen Kommerzialisierung zu fragen. Es gilt mit anderen Worten, sich jetzt schon in aller Deutlichkeit damit auseinander zu setzen, welche Konsequenzen ein so formulierter und realisierter 'Kinderwunsch' für die Entwicklung unserer Gesellschaft und erst recht für die Eltern und für das so 'konzipierte' Kind hat."

Weitere Artikel: In der Reihe "Das war die BRD" schreibt Christopher Keil über den Puma-Schuh, Jürgen Berger berichtet über Sparpläne am Schauspiel Hannover, Andrian Kreye hat in New York Steven Spielbergs Science-Fiction-Film "A.I." gesehen ("In diesem aufwändig produzierten Sommerfilm nun kollabieren die Weltbilder in einem wirren Konvolut aus Science-Fiction-Sentimentalitäten, psychopathetischen Untertönen und tief schürfender Populärphilosophie."), Thomas Steinfeld (ehemals Literaturchef der FAZ) gibt seinen Einstand bei der SZ mit einem kleinen Artikel über die enthusiastische Feier von Wolfgang Koeppens Roman "Treibhaus" in der New York Times, und Claus Koch kritisiert in seinen Noten und Notizen über "Frauen, die die Welt retten, und Frauen, die sie nicht retten" die Körper der Französinnen, die er nicht mehr dünn genug findet, um elegant zu sein: "Durchgesetzt hat sich auch in Frankreich ein weiblicher Frontalkörper, wie ihn zum Beispiel Claudia Schiffer ausfüllt." Hoffentlich sind bei Koch nicht nur die Formulierungen so steif!
Besprochen werden der Erzählband "Cubanisimo!", amerikanische Independent-Filme auf dem Münchner Filmfest, Alfonso Araus Neuverfilmung der "Magnificent Ambersons" und eine Ausstellung des rumänischen Malers und Bildhauers Hans Mattis-Teutsch und sein Verhältnis zum "Blauen Reiter" im Münchner Haus der Kunst.

FR, 06.07.2001

"Helmut Kohl hat seiner Frau mehr zu verdanken als die offizielle Geschichtsschreibung bis heute zuzugeben bereit ist. Die Frage, die zu beantworten sein wird: Stand sie im Inneren des 'Systems' oder war sie dessen Kehrseite?", schreiben "alz" und "schl" zum Tod von Hannelore Kohl.

Nicht ganz so positiv wie Heinrich Wefing in der FAZ sieht der Zeithistoriker Konrad H. Jarausch das Urteil zu Helmut Kohls Stasi-Akten: "Die Problematik des Kohl-Urteils liegt daher weniger in der direkten Frage der Verhinderung möglicher Enthüllungen über korrupte Entscheidungen seiner Regierung ... Sondern es geht um die potentiellen Auswirkungen weiterer juristischer Einsprüche von Personen der Zeitgeschichte, wie die von Katharina Witt, die zu einer weiteren Verengung des Zugangs und schließlich zu einer Schließung der Stasi-Akten führen könnten."

Das angebliche "Unwissen" des serbischen Präsidenten Vojislav Kostunica über die Auslieferung Slobodan Milosevic' beunruhigt den serbischen Schriftsteller Dragan Velikic. Er sieht es als "eine geschickte Art, Zoran Djindjic für längere Zeit eine heiße Kartoffel in Händen halten zu lassen. Und nun stehen wir, wenn Jugoslawien keine extrem großzügige wirtschaftliche Hilfe bekommt und das Volk nicht schnell davon überzeugt werden kann, dass es bald besser wird, vor einer Destabilisierung."

Weitere Artikel: Thomas Macho denkt über die moderne Vorstellung von Behinderungen nach. Petra Kohse stellt ein Hamlet-Projekt vor, das der Volksbühnen-Schauspieler und Künstler Herbert Fritsch im Internet gebastelt hat. Adam Olschewski schreibt zum 30. Todestag von Louis Armstrong. Besprochen wird eine Ausstellung des Bildhauers Julio Gonzalez in Recklinghausen.
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TAZ, 06.07.2001

Georg Seeslen denkt anlässlich der Wiederaufführung der Filme von Stan Laurel und Oliver Hardy über Zweiheit nach: "Eines ist immer zugleich zu viel und zu wenig. Es ist da und weiß alles oder nichts. Das eine ist immer das Ganze und kann daher fast alles tun und nichts begreifen. Zwei hingegen ist nicht nur eines und noch eines. Zwei ist auch das gespaltene eine. Und noch mehr: das eine, dem ein anderes entwachsen ist, als Spiegel und Maske. Noch viel mehr: das eine, das mit sich selbst im andern zu sprechen beginnt: Stan Laurel & Oliver Hardy."

Caroline Fetscher berichtet über das Warten auf Milosevics Ankunft im Gefängnis von Scheveningen und über sein erstes Erscheinen vor dem Internationalen Gerichtshof: "Das Schauspiel dieses Angeklagten löste sogar bei dem erfahrenen britischen Richter Richard May Irritation aus. Nachdrücklich wies er den Angeklagten darauf hin, dass er sich jetzt unter der Rechtsprechung dieses Gerichtes befinde. Staatsmännisch zurückgelehnt hörte sich der Schauspieler Milosevic an, was da geredet wurde ... 'Mr. Milo- sevic, wollen Sie die Klageschrift vorgelesen bekommen oder nicht?', fragte der Richter. 'Thats your problem', war die sarkastische Antwort. Das ist Ihr Problem, schien er zu sagen. Sie sind das Gesetz. Ich stehe daneben."

Weitere Artikel: Gerrit Bartels beschreibt anlässlich der Wiederaufführung des Beatles-Films "A Hard Days Night" die Unschuld der Popkultur in ihren Anfängen. Besprochen werden zwei Ausstellungen von Oswald und Ingrid Wiener in Neapel und zwei CDs von Universal Gonzales und Zimtfisch.

Schließlich Tom.

FAZ, 06.07.2001

Die FAZ hatte heute morgen technische Schwierigkeiten, darum können wir nicht alle Links setzen.
Mit der Falun Gong-Sekte dürften die chinesischen Kommunisten kaum fertig werden, meint Zhou Derong: "Die Anhänger der Falun Gong leben größtenteils in ärmlichen Verhältnissen, aber sie sind zäh. Für die Partei sind sie heute wohl gefährlicher als die intellektuellen Dissidenten. Letztere spielen in China keine nennenswerte Rolle mehr, seit die Kommunisten von der DDR-Staatssicherheit die Methode der Ausweisung übernommen haben. Viele der einstigen Dissidenten leben heute fern der Heimat. Anders die Anhänger der Falun Gong. Sie leben in China und wollen von China aus ins Paradies."

Hinrich Wefing begrüßt das Urteil gegen die Gauck-Behörde in Sachen Stasi-Akten von Helmut Kohl als "Schritt in die rechtsstaatliche Normalität", der endlich mit der "geradezu schwärmerischen Transparenz-Vorstellung" des Stasi-Unterlagengesetzes Schluss macht. "Alle sollten alles erfahren, so die radikale Hoffnung, nichts sollte im Nebel bleiben". Und gerade über die Politiker der Kohl-Zeit will man ja offensichtlich nicht alles erfahren, wie auch das Verhalten Staatsanwaltschaften in der Leuna-Affäre zeigt (siehe das Dossier in der Zeit).

Der Europarat hat rassistische und antisemitische Vorfälle in Deutschland kritisiert. Otto Schily hat vergrätzt reagiert und den Kommissionsmitgliedern geraten, sie sollten sich lieber mit den Verhältnissen in den eigenen Ländern befassen. Er verhält sich "wie vor drei Jahren Berti Vogts, der dem Fußball-Weltverband die Schuld gab für die Niederlage gegen Kroatien", kommentiert Edo Reents.

Weitere Artikel: Jürgen Kaube war dabei, als in Berlin die DFG tagte und kritisiert auch noch mal das "geschmacklose Wort des Max-Planck-Präsidenten Hubert Markl vom 'gleichgeschalteten Gesamtethikrat' deutscher Feuilletons". Joseph Hanimann lieferte einen Ausblick auf das Theaterfestival von Avignon und seufzt: "Einen so müden Eindruck haben die Programme im Vor- wie Rückblick lange nicht mehr gemacht." Eduard Beaucamp beschreibt das vom Kunsthändler Siegried Rosengart betriebene Projekt eines Stiftungsmuseums in Luzern. Siegreif Stadler beschreibt das Projekt eines "Audiovisuellen Labors" in der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Florian Rötzer beklagt die Tyrannie der E-mails, die der moderne Angestellte selbst im Urlaub abfragt (wir finden Mobiltelefone schlimmer!). Barbara Basting gratuliert James Coleman zum Sechzigsten.

Besprochen werden "Leonce und Lena" in Köln, ein Konzert mit den Jazzsängerinen Jocely B. Smith, Holly Cole und Dianne Reeves, die Reprise des Beatles-Films "A Hard Day's Night", eine Berliner Ausstellung mit Arthus Schnitzlers Tagebüchern und fünf neue Kurzopern junger Komponisten in Fankfurt.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht es um Karl Amadeus Hartmann, um CDs der Gruppen Travis und Josh Joshlin Group und um BAP.