Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.06.2001.

NZZ, 29.06.2001

Paul Jandl schildert noch mal die unendlichen Debatten um das gerade eröffnete Wiener Museumsquartier und betrachtet ihr Ergebnis: "Versackt im Humus einer öffentlichen Meinung aus Monopol-Boulevard und willfähriger Stadtpolitik stehen die beiden wichtigsten Gebäude, das Haus der Sammlung Leopold und das Museum moderner Kunst, jetzt da. So als wären sie Architektur gewordener Ausdruck einer Gemütslage. Gedrückt und trotzig zugleich, stecken die beiden Bauten tief in der Erde. Unterirdisch müssen sie sich jenen Raum holen, der zuvor über die historische Bausubstanz triumphiert hätte."

"1131-mal Pivot" hat das französische Fernsehen gesendet ? so zählt es Jürgen Ritte nach (das ist übrigens der Unterschied zwischen Pivot und Reich-Ranicki: Pivot kam wöchentlich), und dann der verzweifelte Ausruf: "Aber ach, es wird kein 1132. Mal geben. Zum letzten Mal wird er heute Abend zu vorgerückter Stunde zwar, aber nichtsdestoweniger in stets jungenhafter Frische 'bonsoir a tous' wünschen, seine Zettel zücken und sogleich zur Sache, das heißt zu seinen Gästen und ihren Büchern, kommen. Zum letzten Mal wird die wunderbar entspannende Erkennungsmelodie erklingen (ein Saxophon-Klassiker von Sunny Rollins), zum letzten Mal darf man sich auf 120 garantiert reklamefreie Minuten freuen, was heute auch bei einem Staatssender wie Antenne 2 und selbst zu solch später Sendezeit wie eine nostalgische Extravaganz wirkt."

Weitere Artikel: Marianne Zelger-Vogt hat ein Gespräch mit Gerhard Brunner über seine Zeit als Grazer Intendant geführt, die nun zu Ende geht. Und Christine Wolter schreibt zum Tod der Schriftstellerin Lalla Romano.
Stichwörter: Monopole, Jürgen Ritte

SZ, 29.06.2001

Michael Althen schreibt den Nachruf auf Jack Lemmon, der gestern mit 76 Jahren starb: "Lemmons Vater war ? das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen ? Vizepräsident der Doughnut Corporation of America, also verantwortlich für jene Gebäckkringel mit dem Loch in der Mitte ? einer jener idiotischen Berufe, aus denen die Komödien seines Sohnes später gern ihren Witz bezogen. Man sieht ihn direkt vor sich, wie er jeden Morgen ins Auto steigt, um in seine Fabrik zu fahren, die etwas herstellt, was hauptsächlich aus einem Loch besteht ? und wie er eines Tages aufwacht und merkt, dass es vor allem sein eigenes Leben ist, das ein Loch in der Mitte hat. Natürlich gibt es diesen Film nicht, aber das ist ungefähr das Muster, nach dem viele von Lemmons Rollen aufgebaut sind."

Steffen Kopetzky, der auch mal beim Bachmann-Wettbewerb gelesen hat, warnt die diesjährigen Autoren vor Begegnungen mit bärtigen Männern auf der Toilette: "Als ich die Toilette nach 20 Minuten verließ, hatte ich mich auf eine sehr komplizierte Kombiwette mit Frauenquote und Dialektzusatzspiel eingelassen, die mich gut ein Drittel des Honorars für die Fernsehübertragung meiner Lesung kostete. Bis zum Ende der Woche ging ich, mit zunehmender Verzweiflung verschiedene andere, noch kompliziertere Kontrakte ein, bei denen ich kassieren würde, wenn etwa der Sieger unter dreißig und übergewichtig wäre, der zweite Platz an eine nicht-bundesdeutsche kurzsichtige Frau gehen und das Stipendium ausnahmsweise nicht vergeben würde ? und was es an komplexen, in sich sogar widersprüchlichen Kombinationen noch so alles gab."

Volker Lehmann berichtet vom Kongress der amerikanischen Biotechnologie-Industrie in San Diego, auf dem die Unternehmen versuchten, sich aus einer Zwickmühle zu winden: Einerseits will man "den Glauben bewahren" (so das Motto des Kongresses), andererseits würde man aber auch gern mit Embryonen forschen. BIO-Präsident Carl Feldbaum erklärte in seiner Eröffnungsrede, "es sei wichtig, religiöse Werte und Normen anzuerkennen, aber auch, die Forschung voran zu treiben. 'Wissenschaft ist eine Methode, kein Glauben. Beides schließt sich jedoch nicht aus.'" Wie praktisch.

Weitere Artikel: Heribert Prantl kommentiert den Sieg der Deutschen über die USA vor dem Internationalen Gerichtshof von Denhaag im Fall LaGrand: "Der Internationale Gerichtshof hat die Amerikaner soeben gelehrt und der Welt soeben gezeigt, dass das Völkerrecht auch einer Weltmacht etwas zu sagen hat. Mit seinem Urteil im Fall LaGrand hat der Internationale Gerichtshof klar gemacht, dass auch der mächtigste Souverän der Welt, die USA, einer übergeordneten Macht unterworfen ist ? dem Recht." Leider erklärt Prantl in seinem Kommentar nicht, worum es im Fall LaGrand ging. Renate Klett berichtet über Entdeckungen beim Theaterfestival in Montreal, und "makö" meint, dass vermutlich Paul Müller, der Manager des NDR-Sinfonieorchesters, neuer Intendant der Bamberger Symphoniker wird.

Besprochen werden eine Ausstellung über den expressionistischen Dichter Jakob van Hoddis in der Stiftung "neue Synagoge Berlin ? Centrum Judaicum", ein Buch über die Geschichte des Gewürzhandels und Kinderbücher (siehe unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 29.06.2001

Michael Braun stellt eine Literaturbörse im Internet vor: "Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die Schriftsteller in private Aktiengesellschaften verwandeln würden und das literarische Leben sich den Börsengesetzen assimiliert. Ein Projekt des 'steirischen herbstes' in Graz beschert nun dem Literaturbetrieb die längst überfälligen Turbulenzen von Nasdaq, Dax und Nemax." Am höchsten gehandelt wird zur Zeit eine Erzählung mit dem Titel Sex, die bei näherem Hinsehen allerdings alle Pornographie-Erwartungen enttäuscht, schreibt Braun. Was zeigt, dass auch die Literaturanleger den Börsen-Hypes aufsitzen.

Jürgen Ritte stellt ein "Dictionnaire des politiques culturelles en France depuis 1959" vor und versichert, es sei nicht in grauer Verwaltungsprosa geschreiben: "Der von Präsident Georges Pompidou verfügte Abriss der Pariser Markthallen etwa findet Erwähnung unter dem Eintrag 'Staatlicher Vandalismus'. Diesem zur Seite steht dann ein Artikel über den jedem Benutzer französischer Landstraßen vertrauten 'art giratoire'. Gemeint sind damit die zweifelhaften Gebilde, die das Innere jener nicht weniger zweifelhaften Kreisverkehrsanlagen zieren, die mitten auf dem Feld den Fahrtfluss unterbrechen und möglicherweise keinen anderen Daseinsgrund haben als den, so vermutet der Verfasser dieses Eintrags, das darbende Baugewerbe zu beschäftigen und gleichzeitig zu dankbaren Einzahlungen in die jeweiligen Parteikassen zu bewegen."

Weitere Artikel: Petra Kohse denkt über den Berliner Wahlkampf, Gott und die Welt nach. Diana Näcke schreibt über die Gründe, die die European Pride Organisers Association bewogen haben, "in diesem Jahr Wien zur Kulturhauptstadt der Lesben, Schwulen und TransgenderPeople zu ernennen" (nämlich die Fortexistenz eines Diskriminierungsparagraphen). Gerhard Midding konstatiert in seinem Nachruf auf Jack Lemmon, dass seine Kleinbürgerfiguren gar nicht so harmlos waren ("Zwar erspielte er den düpierten Charakteren emsig die Würde und das Pathos eines Anständigen in einer unpersönlichen Welt. Aber seine Underdogs waren nicht ungebrochen liebenswürdig, sondern auch korrumpierbar.") Viola Shafik berichtet über einen Fernsehworkshop der die "Ethik im Dialog der Kulturen" im Sinn hatte und sich unter anderem mit dem ägyptischen Film befasste.

Besprochen werden Peter Howitts Film "Startup", die Tournee der Turin Brakes, und eine Werkschau von Thomas Schütte in der Münchner Sammlung Goetz.
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TAZ, 29.06.2001

Die deutsche Popveteranin Inga Humpe, die mit ihrer Band 2raumwohnung wieder an alte Erfolge anschließt, unterhält sich mit Thomas Winkler über die Zeit der Neuen deutschen Welle und Deutsch als Sprache des Pop: "Die ganze NdW hat insgesamt ja nur zwei Jahre gedauert. Bei deutschem HipHop dauerte es zehn Jahre, bis er erfolgreich wurde. Deswegen wird das auch nicht so schnell wieder verschwinden. Außerdem sind die Musiker heutzutage besser informiert und abgesichert über Verträge, als wir es damals waren."

Jürgen Kahl fand Jürgen Habermas' Rede über die Notwendigkeit einer europäischen Verfassung enttäuschend: Er bemängelt vor allem Habermas' substantivischen Stil (endlich mal einer!) und schildert die Abstimmung der Klappstühle bei der Hamburg Lecture: Habermas hat gelangweilt. "Langsam wird es unruhig im Saal, Habermas doziert über Modernisierungsgewinner und Modernisierungsverlierer, hundertmal gehörte Sätze leitartiklerischer Weltrezensionen, die ersten gehen, klapp, klapp, der Uni-Sound von Hörsaaltischen und -sitzen."

Besprochen werden ein Konzert von Neil Young in Berlin ("Neil Young fasst seine Gitarre an, seine Finger streifen über die Saiten: Whiarraouuugh!", schreibt Wiglaf Droste), HipHop-CDs von D12 und M.O.R. und der Film "Startup".

Schließlich Tom.

FAZ, 29.06.2001

Jordan Mejias schildert Reaktionen amerikanischer Wissenschaftler und des Technovisionärs Ray Kurzweil auf Steven Spielbergs Film "A.I." nach einem Projekt von Stanley Kubrick: "Immerhin kann die Geschichte von dem Jungen, der sich als Android nach nichts mehr sehnt als nach mütterlicher Liebe, doch als Bebilderung von Kurzweils Zukunftsthesen verstanden werden. All die Fragen, die er in seinem Buch über die 'Spiritual Machines' berührt hat, all die Spekulationen über die Verschmelzung von Mensch und Maschine, den Transfer die Bewusstseins und der Redefinition unseres Menschseins hat Spielberg aufgegriffen und künstlerisch zugespitzt." Auch einen Auszug des Textes, den Kurzweil auf einer seiner Internetadressen publizierte, kann man in der FAZ lesen. "Ich weise in meinen Vorlesungen immer wieder darauf hin, dass wir uns zu wenig darum sorgen, ob wir unseren Computerprogrammen Schmerzen und Leid zufügen." Und wer fragt nach dem Leid, das Computerprogramme mir zufügen?

Als Glückspilz und Pechvogel zugleich sieht Andreas Kilb Jack Lemmon: "Lemmons Gesicht vor der Kamera war, um ein ganz fernliegendes Bonmot der deutschen Literatur zu zitieren, die Zweideutigkeit als System: gütig und hinterlistig, weich und hartnäckig, wehleidig und unerschütterlich gutgelaunt in einem, spiegelte es die in sich ruhende Beharrlichkeit eines Träumers, der sich in seinem Tagtraum von nichts und niemandem irremachen lässt."

Joseph Hanimann porträtiert Bernhard Pivot, den französischen Reich-Ranicki, der heute der allerletzen seiner populären allwöchentlichen Fernsehsendungen über Bücher und Literatur vorsteht: "Was in Deutschland der Literaturpapst ist, ist in Frankreich der 'Roi Lire' in der Tradition des behenden Salongeplauders. So waren die häufigsten Studiogäste Konversationsvirtuosen wie Jean d'Ormesson, Philippe Sollers, Jacques Attali, Bernard-Henri Levy, Michel Tournier. Daß der joviale Pivot, seines Zeichens auch Hobbyweinbauer und Fußballfan, das Parlieren von allen Salonzöpfen befreite und Literatur aus der Perspektive des Durchschnittsfranzosen anging, gehört zu den Geheimnissen seines Erfolgs." Aber hat er seine Nachfolge geregelt?

Auch die Gen-Debatte geht weiter. Für einen liberalen Umgang mit der Stammzellforschung plädiert der Heidelberger Biomedizier Claus R. Bartram: "Als Arzt, der Embryonen und Feten aller Entwicklungsphasen aus eigener Anschauung kennt, kann ich gut nachvollziehen, einem Kind im Mutterleib eine höhere Schutzwürdigkeit zuzuerkennen als einer Morula vor der Einnistung. Die Festlegung auf den Zeitpunkt der Kernverschmelzung ist durchaus nicht zwingend, misst man dem hierbei neu entstehenden Genom doch eine alles entscheidende Bedeutung zu."

Weitere Artikel: Joseph Croitoru berichtet, dass Israel die Klagemauer bis zu den Fundamenten freilegen will, um Platz zu schaffen und historische Ansprüche auf den Tempelberg zu untermauern. Martin Halter erzählt, wie ein paar Sponsoren versuchen, durch ein Preisgeld einen Basel-Roman ins Leben zu rufen. Michael Siebler stellt ein internationales Projekt von Museen mit bedeutenden Keilschriftsammlungen vor, die ihre Sammlungen nach und nach im Internet zugänglich machen wollen. Dazu gehört die Adresse des Vorderasiatischen Museums in Berlin. Monika Osberghaus schreibt zum Tod der Kinderbuchautorin Tove Jansson. Eberhard Rathgeb hat einem Hamburger Gespräch zwischen Hermes Phettberg und Roger Willemsen zugehört. Und Andreas Barz fürchtet, dass das Kraftwerk von Vockerode bom Abriss bedroht ist.

Besprochen werden die Rückkehr Keith Jarretts auf die Jazz-Bühne der Carnegie Hall, eine Ausstellung des Henry-Moore-Instituts in Leeds mit deutschen Skulpturen aus der Zeit des Nationalsozialismus, ein Konzert von Roxy Music und eine Ausstellung mit Papier-Arbeiten von Javier Pagolas in Barcelona.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite würdigt Ellen Kohlhaas die 20-jährige Existenz des Auryn Quartetts, und Ulrich Olshausen bespricht neue Platten mit Zigeunerjazz.